Andacht

Ich liebe Dich, aber...

Bedingungslose, romantische Liebe bis zum Tod - ein Wunschtraum? Nicht, wenn man bei sich selbst anfängt.

Listen. Ich steh auf Listen. In meinem Smartphone habe ich mittlerweile mehrere, umfangreiche Listen notiert. Es gibt etwa die Zehn-Punkte-Liste mit dem Titel: „Was tun, wenn deine Beziehung scheitert?“. Weitere Listen behandeln Horrorszenarien und Angstkomplexe. Letztlich laufen sie alle auf eine entscheidende Frage hinaus: Wie kann ich meine Freundin bedingungslos lieben - und warum schaffe ich das so selten?

Die Folgen des Fluchs

Schon mein ganzes Leben verfolgt mich ein Fluch – der Fluch der Relativierung. Wenn ich ein Hochgefühl erlebe, muss ich es sofort klein reden: „Lobe den Tag nicht vor dem Abend“, „Hebe nicht ab.“ Und wenn ich ganz unten bin, sage ich mir immer wieder „Es gibt Menschen, denen es dreckiger geht.“ „Es wird wieder besser.“

Das ist ein Problem, weil es mein ganzes Handeln und Denken bestimmt. Ich wollte mich von meinen Relativierungen sehr gerne in einer symbolischen Aktion befreien – etwa wie ein Freund von mir, der in einem Verschrottungsfanal seine CD-Sammlung mit Raubkopien entsorgt hat. Doch Veränderung funktioniert nicht immer mit der Brechstange.

Frauen sind kein Problem

Mein Problem waren dabei nie die Frauen. Es ging um mich und meine mangelnde Selbstannahme. Nur habe ich lange nicht den Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen gesehen. Stattdessen habe ich um Veränderung und Heilung gebetet und mich frustriert gefragt, wann sie endlich einsetzt. Doch unbemerkt von mir selbst hatte Gott längst damit angefangen, mich zu verändern. In der Literatur gibt es den Begriff der Katharsis, ein Stilmittel der griechischen Tragödie. Dabei erlebt der Held Schock oder Leid und wird dadurch geläutert. Am Ende ist er wieder eins mit sich selbst.

Mein Ort der Läuterung war ein Kellerraum: Vier Wände, ein Computer, viele Bücher – kaum Menschen. Und das Ende der Katharsis war die Entscheidung, aus dem Kellerloch ins Licht zurückzukehren - ins Licht der Sonne, der Menschen und des Lebens. Konkret sichtbar wurde das durch meine Bereitschaft, neue Projekte zu starten: Radtouren, verrückte Spieleabende mit unbekannten Menschen, Mitfahrgelegenheiten durch die Bundesrepublik.

Burg, Bier, Bannbruch

Eine der Radausflüge führte mich zu einer alten Burg, hoch erhoben über der Stadt. An einem schönen Julitag saß ich dabei in deren Biergarten, trank ein kühles Helles und der Kellner machte ein Foto. Beim Betrachten des Schnappschusses stachen mir zwei Dinge besonders ins Auge: mein glückliches Lachen und die weite Landschaft im Hintergrund.

So, wie diese sich öffnete, so öffnete sich an jenem Tag auch meine Seele. Frei von den Sorgen und in einem Moment der Ruhe wurde mein Blick klar für die Lösung:

Wenn ich mich selbst so liebe, wie ich bin – ohne Bedingungen, ohne Einschränkungen, ohne Ängste, dann werde ich frei, den Nächsten ebenfalls bedingungslos zu lieben.

Auch Jesus lehrte uns das schon mit seinem Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37-40). Er sagt uns, dass wir den Nächsten lieben sollen, wie uns selbst. Wichtiger noch ist aber das Gebot, Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Gedanken zu lieben. Denn erst aus der gesunden Gottesbeziehung heraus gewinne ich die Kraft, auch mich und den Nächsten anzunehmen.

Listen, meine Andenken

Ich schaffe es also nicht allein. Aber ich habe Gott und seinen Geist. Er will mich jeden Tag neu beschenken, lieben und stärken. Wenn ich mich dafür entscheide, dieses einzigartige Geschenk anzunehmen, dann habe ich ihn: den inneren Frieden.

Listen schreibe ich nun schon länger nicht mehr. Nicht, weil mir keine neuen Ideen dafür einfallen, sondern, weil ich sie mittlerweile als Andenken an eine Zeit der Zwänge und Angst betrachte. Ich will sie trotzdem bewahren, weil sie mich daran erinnern, dass es jeden Tag aufs Neue gilt, an der Selbstannahme in der Beziehung zu Gott zu arbeiten - als Mahnung und als Mahnmal für Gottes große Gnade.


Kommentare

Von Lienhard S. am .

Dieses Thema über die bedingungslose romantische Liebe ist immer aktuell und das ist auch gut so !
Bei Monika Martin heißt es in einem Lied :"Ich aber liebe Dich über alles auf der Welt..."
Sie meinte damit aber nicht einen
geliebten Partner, sondern ihre Mutter - in einer Fernsehsendung hatte sie sich dazu geäußert.
Romantische Liebe erinnert mich auch an den Valentinstag und, ... obwohl ich nun schon 45 Jahre glücklich verheiratet bin, lasse ich mir an diesem Tag immer etwas besonderes mehr

Von Dodo am .

Eine tolle Andacht! Mir ging`s ähnlich: Vor Wochen klebte ich viele Bibelworte an die Wände und vorgestern ersetzte ich alle durch die eine Liedzeile "Fürchte dich nicht; denn du bist mein, ich habe dich erlöst." Ich mag mich jetzt, wenn ich in den Spiegel schaue, weil ich angefangen habe, mich nicht mehr selbst zu belügen. Auf meinem Weg durch den Park sah ich die Menschen an, ohne sie zu beurteilen und viele guckten sehr freundlich. Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg und habe mehr Frieden gefunden!

Von Jutta am .

Ich denke, es ist wichtig, dass wir in Zeiten der Neuorientierung und schweren Lebensphasen einen Menschen haben, der uns hilft, einen neuen Lebensabschnitt einzuleiten. Allein ist man verloren. Gerade heute merke ich, dass das soziale Netz immer brüchiger wird. Diesen Gedanken wollte ich hier anfügen.

Von Katharina S. am .

Danke Markus Dörr!
Richtig gute Gedanken, die einem (einer Frau) sogar auch in den "Wechseljahren" aus der Seele sprechen.
Also weiter Radeln...! :-)

Von Doro am .

Die Erkenntnis mit der Selbstannahme und die entsprechende Erfahrung ist mir auch erst kürzlich zuteil geworden. Das Leben ist viel schöner! Vor allem sich selbst vergeben ist auch eine Kunst! Danke für den Beitrag. Wir sind nicht alleine!

Von Ludwig R. am .

Ja, das ist gut!
Ich arbeite auch gerade daran. Meine Beziehung zu Gott zu verbessern. Ich bete, daß er meinen Glauben und mein Vertrauen zu ihm stärkt. Damit ich das alles bekommen kann, was er mir versprochen hat.

Von Klaus am .

An vielen Stellen habe ich mich selbst wiedererkannt. Der Kellerraum, ein Computer, viele Bücher – kaum Menschen. Auch ich habe manchmal das Gefühl, dass ich zu wenig rauskomme aus meinem Keller, und dann beginne ich unzufrieden zu werden, habe das Gefühl, dass ich das Leben verpasse. Um inneren Frieden zu haben, muss ich mich annehmen wie ich bin. Da sind viele äußere Zwänge von denen ich mich befreien muss. Der Weg dahin führt nur über Gott. Wenn ich weiß, dass Gott mich bedingungslos liebt mehr


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