Christliche Ethik und Werte

Werte: Wegweiser des Lebens

Jeder hat Werte, jeder lebt Werte - nur welche? Christliche Werte helfen, auf Gottes Weg zu bleiben.

„Der Triple-Test war bedenklich ausgefallen. Der Frauenarzt riet zu einer Fruchtwasseruntersuchung: Sie müssen natürlich nicht - wenn Sie es darauf ankommen lassen wollen…“1 Es ging um die Möglichkeit, ein behindertes Kind gezeugt zu haben. Der Widerstand gegen die vorher aus moralischen Gründen abgelehnte Pränataldiagnostik war kurz. Doch die Frage blieb: „Habe ich als Vater nicht schon beim ersten schweren Test versagt?“

Dieses Beispiel aus dem Buch „Hauptsache gesund?“ von Hille Haker zeigt, dass uns knifflige, ethische Fragen ganz persönlich betreffen können. Abtreibung, Gentechnik oder Präimplatationsdiagnostik sind nicht etwa nur abstrakte Themen für Ethikkommissionen aus Politikern, Kirchenführern oder Wissenschaftlern. Sie können ganz plötzlich auch in unserem Leben aktuell werden. Wie agieren wir dann? Was für Maßstäbe legen wir an?

Es ist wichtig, sich über sein eigenes Wertesystem im Klaren zu sein. Welche Werte unsere Gedanken bestimmen, beeinflusst maßgeblich unsere Entscheidungen. Doch haben diese Werte wirklich Bestand und sind sie tragfähig? Oft genug sind wir doch überfordert, werden von Gefühlen beherrscht oder können nicht klar denken - beispielsweise bei einer ungeplanten und ungewollten Schwangerschaft. Deshalb lohnt es sich, über ethische Fragen nachzudenken, auch wenn sie momentan nicht relevant erscheinen.

Ethik – Was ist das?

Ethik fragt nach den moralischen, philosophischen oder theologischen Grundsätzen, die unser Leben bestimmen. Letztlich geht es darum, wie man in den Prüfungen und Herausforderungen des Lebens zu guten Entscheidungen kommt. Ethik will einerseits den Menschen in seiner jeweiligen Situation verstehen und ihm andererseits hilfreiche Handlungsanweisungen geben.

Grundlage ethischen Denkens und Handelns sind unsere Werte. Als Werte bezeichnen wir innere Maßstäbe und Überzeugungen, die uns eine Orientierung geben und das Ziel vorgeben. Werte sind wichtige Wegweiser. Wenn wir wissen, was uns etwas „wert“ ist, haben wir auch mehr Verständnis für andere und deren Einstellungen. Werte schenken uns notwendige Selbstsicherheit, Glaubwürdigkeit und Verantwortungsbewusstsein.

Jeder hat solche Werte. Häufig sind sie Produkt unserer Erziehung oder Herkunft. So übernehmen wir das Streben nach Anstand, Selbstständigkeit oder Gerechtigkeit oft von unseren Eltern. Auch Vorbilder haben Einfluss – zum Beispiel Franz Beckenbauer, Dieter Bohlen oder der Dalai Lama.

Was sind christliche Werte?

Für Christen ist Jesus das große Vorbild, er steht an erster Stelle. Also fragen sie auch, welche Werte Jesus gepredigt und vorgelebt hat, und bemühen sich, danach zu leben.

Die Fundgrube dieser christlichen Werte ist die Bibel. Darin entdecken wir Gottes Richtlinien für uns. Das sind keine abstrakten Gesetze, sondern echte Hilfen, die Leben ermöglichen. Denn Gott als unser Schöpfer und Erlöser weiß, was gut für uns ist.

Klar wird das etwa beim Lügen. Das hat bekanntlich schon sprichwörtlich kurze Beine. Über kurz oder lang kommt die Wahrheit meistens ans Licht, doch dann wurde oft Vertrauen verletzt, Beziehungen aufs Spiel gesetzt und sich in Widersprüche und Schuld verstrickt. Davor will Gott uns schützen und formuliert neben dem Gebot, nicht zu lügen (2. Mose 20,16), neun weitere gute Vorgaben: die zehn Gebote.

Sie begründen die bekanntesten christlichen Werte. Darin enthalten sind einerseits Regeln für die Beziehung zu Gott, etwa das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ (2. Mose 20,3) Andererseits zielen die Gebote auch auf zwischenmenschliche Beziehungen ab, wenn es beispielsweise heißt: „Du sollst nicht ehebrechen.“ (2. Mose 20,14)

Gott liebt uns. Deshalb will er, dass es uns gut geht und wir gerade auch in unseren Beziehungen glücklich werden. Er hat sich daher unter anderem die Ehe als wunderbaren Schutzraum für die Verbindung zwischen Mann und Frau ausgedacht. Darin können wir Gottes Geschenk der Sexualität ausleben.

Doch was passiert, wenn wir das nicht tun? Ein Grundpfeiler jeder Beziehung ist immer Vertrauen. Wenn dieses Vertrauen durch einen Ehebruch untergraben wird, dann steht auch die Beziehung auf wackligen Beinen. Das Resultat ist oft genug: Scheidung, Streit und ein großer Scherbenhaufen.

Gott weiß das und rät uns daher, nicht ehezubrechen. Denn es geht ihm eben nicht um Regeln für eine idealisierte Scheinwelt. Stattdessen handelt es sich um „Ausführungsbestimmungen der Liebe.“2 Die Gebote sind also keine Verbotsschilder, sondern Leitplanken für unser Leben. Wenn wir sie beachten, schützen wir wichtige Güter, wie die Ehe, das Leben anderer oder das Eigentum.

Doch nicht nur die zehn Gebote formulieren christliche Werte, sondern auch Jesus selbst. In der Bergpredigt (Matthäus 5 - 7) bestätigt er die grundlegende Gültigkeit der Gebote und erklärt: „Ich bin nicht gekommen [sie] aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ (Matthäus 5,17)

So fordert er uns auf, zum Salz der Erde und zum Licht der Welt zu werden (Matthäus 5,13-17). In der Welt sollen wir mittendrin sein, statt nur dabei. Dann wird an unserem Verhalten nach Gottes Geboten deutlich werden, dass wir Christen sind. Ein Beispiel dafür ist der besondere Blick für die Schwachen und Ausgebeuteten unserer Gesellschaft. Genau wie Jesus es getan hat, kümmern sich gerade Christen oft um Obdachlose, Prostituierte oder Kranke.

Jesus geht aber noch einen Schritt weiter. Er spitzt die christlichen Werte so zu, dass letztlich einzig die Liebe entscheidend ist. Denn sie ist es, die alle Gebote bündelt: „Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andere ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Markus 12,29-31)

In diesen Bibelversen formuliert Jesus das Doppelgebot der Liebe. Die Liebe zu Gott und den Menschen ist der Schlüssel zu den christlichen Werten. Sie erklärt das Ziel christlicher Ethik, dass alle Menschen in Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen leben. Wer das tut, der wird automatisch alle Gebote erfüllen.

Wie handle ich richtig?

So schön das alles klingt, so schwierig ist allerdings oft die Umsetzung im Alltag. Jeden Tag erleben wir Situationen, in denen wir Entscheidungen treffen müssen. Schon der tägliche Einkauf kann zu einer ethischen Herausforderung werden, etwa bei der Frage, welchen Kaffee ich kaufe - den günstigen aus dem Discounter oder doch den ein wenig teureren, fair gehandelten? Steht dazu etwas in der Bibel? Wie verhalte ich mich richtig? Drei entscheidende Tipps, es herauszufinden:

Werde Bibelentdecker

Die Bibel ist der beste Ratgeber in allen kleinen und großen Lebensfragen. Denn sie erzählt die Geschichte Gottes mit den Menschen und schildert dabei auch immer wieder konkret, wie Menschen miteinander umgehen. Gott gibt darin sehr oft Hinweise für richtiges Handeln - mal mahnend, mal werbend, mal durch Gleichnisse. So fordert der Prophet Amos etwa unter Strafandrohung im Namen Gottes die Israeliten dazu auf, die Armen nicht auszubeuten, sondern sie wert zu schätzen (Amos 5,11).

Die Bibel ist kein weltfremdes, altes Buch. Sie spricht ganz bewusst Konfliktsituationen an, in die wir gerade in ethischen Fragen kommen. So wird klar, dass Handeln nach Werten nicht einfach ist. Das zeigt besonders die Geschichte von Rahab. Sie spielt während der Zeit der Eroberung des Heiligen Landes durch die Israeliten.

Rahab lügt dem König von Jericho etwas vor. Sie erzählt ihm nämlich, dass Israels Kundschafter schon fort sind. Aber sie hat gelogen, um diese vor dem sicheren Tod zu beschützen (Josua 2,1-22). Im Neuen Testament wird Rahab für ihr Verhalten gelobt (Jakobus 2,25), dabei hat sie doch gegen Gottes Gebot verstoßen. Wie passt das nun zusammen?

Hätte Rahab nicht gelogen, wäre sie schuldig geworden am Tod der Kundschafter. Es ging also um eine Frage von Leben und Tod. Das Leben der Kundschafter war wichtiger als die Lüge an den König. Insofern hat Rahab sich richtig entschieden. Denn sie hat dem wichtigeren Gebot den Vorrang gegeben.

Daran wird deutlich, dass „keine Ethik ohne Güterabwägung“3 auskommt. Nicht jeder Wert hat den gleichen Rang. Unsere Aufgabe ist es, im Zweifelfall abzuwägen und den Wert mit dem höheren Rang vorzuziehen. Dann gibt es auch kein kleineres Übel, sondern immer eine ethisch richtige Entscheidung. So ist es im Vergleich zur medizinisch nicht notwendigen Abtreibung auch ethisch in Ordnung, abzutreiben, wenn etwa durch eine Eileiterschwangerschaft das Leben der Mutter in großer Gefahr ist.

Um zu erkennen, welcher Wert der Wichtigere ist, sind Offenheit, Neugier und Forscherdrang notwendig. Lutz E. von Padberg ermahnt uns zum „ernsten Forschen in der Heiligen Schrift“.4 Ein Bibelleseplan kann uns dabei genauso helfen wie das gemeinsame Bibellesen mit anderen Christen in Hauskreisen.

Außerdem ist es ebenfalls sehr wichtig, Gott einfach zu vertrauen - gerade bei Bibelworten und Geboten, die wir nicht verstehen oder deren Befolgung uns schwer fällt. Du sollst Vater und Mutter ehren, sagt uns Gott. (2. Mose 20,12) Aber was ist, wenn ich gerade in der Beziehung zu meinem Vater schwere Verletzungen erlebt habe? Wie kann ich dieses Gebot dann halten?

Das geht nur, wenn ich verstehe, dass es Gottes Wille ist und er als allmächtiger Gott die Dinge besser überschauen kann. Wenn ich gegen seine Gebote verstoße, trennt mich das von Gott. Ich sündige. Klar, muss ich auch an der Beziehung zu meinem leiblichen Vater arbeiten. Aber am allerwichtigsten ist die Beziehung zu meinem göttlichen Vater.

„Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten“, sagt Jesus (Johannes 14,15). Er will nicht, dass wir unter Verletzungen, Schuld und ungesunden Beziehungen leiden. Deswegen ermutigt er uns, seine Ratschläge zu beherzigen. So können wir frei werden von der Sünde und so ist auch der Weg zur Versöhnung mit dem leiblichen Vater möglich.

Nutze Vernunft und Gewissen

Neben der Bibel gibt es aber auch noch weitere Ratgeber, die uns helfen können. Es ist nicht so, dass allein die Bibel Antworten auf alle Fragen hat, die uns bewegen. Zum Beispiel steht in der Heiligen Schrift kein Wort über das Rauchen: Es wird nicht verboten, es wird nicht erlaubt, die Bibel erwähnt es mit keiner Silbe.

Klar: Rauchen schadet uns und unseren Mitmenschen. Weil ich nicht unsozial und ungesund leben will, lehne ich es logischerweise auch ab. Aber aus der Bibel allein, werden wir nicht schlauer bei der Frage, ob jemand persönlich das Rauchen aufgeben soll oder eben nicht. Dazu braucht es andere Hilfen, die Gott uns mitgegeben hat: Vernunft, Erfahrungswerte und Gewissen.

Die Bibel ist voll von Geschichten und Erzählungen, in denen Menschen ihren Verstand gebraucht haben - etwa, wenn Jesus davon erzählt, dass jeder sein Schaf auch am Sabbat aus der Grube ziehen würde und deshalb Menschen am Sabbat ebenfalls geholfen werden darf (Matthäus 12,11–12). Gott hat uns bewusst mit unserem Verstand erschaffen (Sprüche 20,27). Er will, dass wir ihn nutzen.

Genauso verhält es sich mit unserem Gewissen - dem Mitwisser unserer Gedanken. Abraham Lincoln umschrieb es in einer Rede einmal als „bessere Engel unserer Natur“. Auch das hat Gott den Menschen geschenkt - jedem Menschen, egal ob Christ oder Nichtchrist. Das beschreibt Paulus so: „[…] ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich.“ (Römer 2,15b)

Dieser Mitwisser kann eine wichtige Warnlampe für uns sein. Wir sollten ihn nicht ignorieren, sondern bewusst in unsere Entscheidungen einbinden. Trotzdem sind Verstand und Gewissen letztlich Teil unserer menschlichen Natur und damit unbeständig und mangelhaft. Sie werden durch unsere erlebte und begangene Schuld sowie Verletzungen beeinflusst. Deshalb sind sie immer persönlich geprägt. Also dürfen wir nicht vergessen, unser Handeln vor allem an Gottes Gesetz auszurichten, das unabhängig von unseren Erfahrungen ewigen Bestand hat.

Lass dich verändern

Der dritte wichtige Punkt, ethisch richtig zu handeln, ist die Veränderung durch den Heiligen Geist. Wir können erkennen, was richtig ist, und verstehen, was zu tun ist, doch die Umsetzung des Ganzen ist oft die schwierigste Hürde.

Beispiel Pornos: die Bibel verurteilt es eindeutig, eine Frau anzusehen, um sie zu begehren (Matthäus 5,28). Dass Pornographie moralisch verwerflich ist, wissen die meisten Menschen auch ohne Kenntnis dieser Bibelstelle. Trotzdem gaben auf einem christlichen Männertreffen in den USA 71 Prozent der Teilnehmer an, Probleme mit ihrer Sexualität zu haben, indem sie regelmäßig im Internet und im Fernsehen Sex konsumieren.5 Gibt es einen Ausweg aus dieser Zwickmühle - zu wissen, dass etwas schlecht ist, es aber trotzdem immer wieder zu tun?

Hierzu ist es wichtig, Paulus richtig zu verstehen. Er erklärt uns im Römerbrief, dass Gottes Gebote für sich allein nicht die Kraft haben, uns zu verändern. Wir brauchen die Hilfe des Heiligen Geists. Nur er hat die Macht, uns zu Menschen zu machen, die die Gebote halten können:
„So kann sich nun in unserem Leben die Gerechtigkeit verwirklichen, die das Gesetz fordert, und zwar dadurch, dass wir uns vom Geist Gottes bestimmen lassen und nicht mehr von unserer eigenen Natur.“ (Römer 8,4)

Wir dürfen um den Heiligen Geist bitten. Wenn wir das tun und offen für Veränderung sind, wird er in uns wirken. Durch ihn können wir es schaffen, die Werte, die wir als richtig erkannt haben, auch wirklich zu leben. Ein gutes Beispiel dafür ist Zachäus. Dieser korrupte und habgierige Zöllner wurde in seinem innersten Wesen verändert, bat um Vergebung und gab anschließend die Hälfte seines Besitzes den Armen (Lukas 19,1-10).

Fazit: Werte lohnen sich!

Dietrich Bonhoeffer hat in seiner „Ethik“ geschrieben: „In der ethischen Entscheidung werden wir in die tiefste Einsamkeit geführt.“ Daran wird deutlich, wie schwierig, problematisch und folgenreich bewusstes Eintreten für Werte oft ist.

Doch dürfen wir immer auf Gottes Hilfe vertrauen, seine Gebote in der Bibel nachlesen, den Rat der Vernunft beherzigen und uns vom Heiligen Geist verändern lassen. Und deshalb hat auch Roy Edward Disney Recht, der Neffe des berühmten Walt Disney. Er sagte: „Es ist nicht schwierig, Entscheidungen zu treffen, wenn man seine Werte kennt.“

 

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1 Vgl. Buchrezension Haker, Hille: Hauptsache gesund? in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.06.2011, Nr. 146, S. 30.

2 Schirrmacher, Thomas: Ethik. Band 2. Das Gesetz der Liebe. Der Bund zwischen Gott und Mensch, 3. Auflage, Hamburg / Nürnberg: Hänssler-Verlag 2002, S. 160.

3 Schirrmacher, Thomas: Ethik. Band 3. Das Gesetz der Freiheit. Die Differenzierung von Gottes Willen, 3. Auflage, Hamburg / Nürnberg: Hänssler-Verlag 2002, S. 70.

4 Von Padberg, Lutz E.: Ethik im Spannungsfeld von Selbstverwirklichung und Gottesorientierung, Bad Liebenzell: Verlag der Liebenzeller Mission 1989, S. 50.

5 Vgl. Umgang mit Pornographie – ein Tabu?

Webtipp: Institut für Ethik und Werte


Kommentare

Von Martina R. am .

Herzlichen Dank für die guten Gründe biblischer Werte. Eine ideale Ergänzung für unser Müttercaoching.

Von Thomas A. am .

Ein wirklich rundum gelungener Artikel. Weiter so. Gruss Thomas

Von Renate am .

Danke für diese guten Ausführungen!


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