Themenwoche Vater und Sohn Lesezeit: ~ 5 min

Mein Vater und ich: zwischen Krieg und Frieden

Wenn ein angespanntes Vater-Sohn-Verhältnis explodiert, geht nicht nur Geschirr zu Bruch. Vom langen Weg zur Vergebung.

„Klirr!“ Es war ein unvergessliches Geräusch – schräg, schrill und schmerzhaft. Der Teller, der eben noch zum Essen benutzt worden war, lag nun in Tausend Scherben zerbrochen auf den Fliesen des Esszimmers. Ein leidenschaftliches Bild der Zerstörung.

Doch noch viel zerstörerischer war der Gesichtsausdruck meines Vaters, der mich mit wutverzerrter Fratze anschrie. Er sagte irgendetwas von Pflichten und Verantwortung. Er belehrte mich über Dinge, die ihm wichtig waren und die ich falsch gemacht hätte. Das meistbenutzte Wort seiner Rede: „Ich.“

Ich selbst, der Sohn, erinnere mich nicht mehr an viele Dinge dieses Abends. Nur das Klirren des Tellers hat sich tief in meine Seele eingebrannt. Denn in jenem Moment ist auch in mir etwas zerbrochen.

Kleiner Schnitt, große Wirkung

Nach seinem cholerischen Ausbruch floh mein Vater ins innere Exil vor den Fernseher. Es blieb an mir hängen, die Trümmer des Tellers aufzufegen. Ich tat es mit zwanghafter Akribie. Sie wanderten alle in die große Mülltonne. Doch beim Kehren war ich noch stark emotionsgeladen. Deshalb schnitt ich mir an einer scharfen Kante in den Finger: nicht tief, aber blutig.

Die von meinem Blut geweihte Scherbe des zerbrochenen Tellers sollte mein Andenken, mein Symbol, mein Heiligtum werden. Ich nahm sie mit in mein Zimmer und klebte sie an meine Pinnwand – genau vor meine Augen. Ich wollte sie immer vor mir haben, wollte nie vergessen, was passiert ist.

Niemals so werden, wie er

Vielleicht war das der Tag, an dem ich beschloss, nie so zu werden, wie mein Vater. Es gab für mich nur eine Lösung: Rebellion.

Was mein Vater auch machte, was ihm auch immer wichtig war, ich lehnte es ab. Aus voller Überzeugung, von ganzem Herzen und aus Trotz. Ich bin nicht zur Bundeswehr gegangen, weil er es gerne so gehabt hätte. Ich habe kein naturwissenschaftliches Fach studiert, weil ihm das gefallen hätte. Ich habe mir zunächst keine Frau fürs Leben gesucht, weil er das von mir erwartet hätte.

Mein Vater hatte für mich versagt. Absolut. Er war seiner liebenden Vaterrolle nicht gerecht geworden, er hatte seine eigene Inkompetenz offenbart. Aber ich hasste ihn deswegen nicht. Mir tat er leid. Ich tat mir leid.

Choleriker und Workaholic

Aber ich konnte nicht vergeben. Ich konnte nur beschließen, es selbst besser zu machen. Also habe ich es versucht und versucht und wieder versucht. Doch nach einigen Jahren des Selbstbetrugs musste ich mir selbst eingestehen, dass ich kein moralisch besserer Mensch bin als mein Vater.

Meine Abgründe sind nur nicht ganz dieselben. Ich bin kein Choleriker. Ich bin auch kein Workaholic. Aber ich kämpfe zuweilen ebenfalls mit mangelnder Empathie und unzureichender Selbstannahme – genauso wie mein Vater.

Erkenntnisse nach dem Auszug

Mein Plan mit der Scherbe ging nicht auf, denn ich zog aus. Die Scherbe hing immer noch an der Pinnwand, sie war aber aus meinem Sinn, weil ich sie nicht mehr sehen konnte. Ich lernte viele andere junge Männer kennen, die Probleme mit ihren Vätern hatten. Die Geschichten waren unterschiedlich, die Moral ähnlich: Entweder war der Vater nicht da oder sie wurden von ihren Vätern zutiefst enttäuscht. Der eigene Vater als Vorbild? Das hat mir niemand erzählt.

Trotzdem habe ich erkannt, dass ich nicht alleine bin und dass meine Geschichte nicht einmal besonders dramatisch ist. Solche Dinge passieren in diesem Land tagtäglich. Wieso strengt es mich dann bis heute an, über meine Beziehung zu meinem Vater nachzudenken?

Ich schreibe weiter

Weil es meine Geschichte ist. Und deshalb kann ich sie auch weiterschreiben. Ich muss nicht an der Scherbenerinnerung hängen, kleben und deswegen blockiert bleiben.

Das habe ich vor Jahren in einem besonders guten Gespräch mit meinem Bruder erkannt. Und das lag nicht am Alkohol, den wir dabei getrunken hatten. Es lag an der Erkenntnis der Gemeinsamkeit. Zwei Leidensgenossen, die dasselbe Ruder auf der Galeere bedienen, wissen irgendwann, dass sie sich helfen können.

Der Weg der Vergebung

Als ersten Schritt habe ich die Scherbe weggeworfen. Das war mein Symbol der Vergebung. Ich habe nichts vergessen, aber ich habe angefangen, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen.

Es ist nicht so gewesen, dass mein Vater seine Beziehung zu mir am Abend des jüngsten Geschirrs ein für alle Mal zerstören wollte. Es war nicht einmal so, dass er einen besonderen Hass auf mich gehabt wäre. Vielmehr war er gestresst, frustriert und wütend. Und er hat sein Ventil aufgemacht, den Druck abgelassen. Sein Opfer: Ich.

Ich will sein Verhalten nicht entschuldigen, ich will es auch nicht unbedingt relativieren, aber ich will versuchen, die Dinge objektiver zu beurteilen. Denn damit fängt die Vergebung an – mit dem Blick von sich weg.

Bruder, Freunde, Christen

Ergänzend zu meinen eigenen Gedanken über die gestörte Vaterbeziehung habe ich auch den Rat anderer eingeholt. Ich habe meine Geschichte erzählt. Nicht nur meinem Bruder, auch Freunden oder anderen Christen.

Alle waren immer sehr nett. Alle haben mir Mut gemacht, weiter zu gehen. Alle haben mir empfohlen, die Sache an Jesus abzugeben. Seitdem rede ich mit Gott darüber. Ich muss gestehen, ich könnte es wohl öfter machen. Aber ich bleibe dran.

Langsam veränderte sich meine Grundhaltung. Wenn ich mit meinem Vater gesprochen habe, fiel die frühere Verkrampfung immer öfter von mir ab. Ich entspannte mich. Teilweise lachten wir sogar zusammen.

Wie der Vater, so der Sohn

Außerdem merkte ich, wie sehr ich meinem Vater ähnele. Ich mag die gleiche Musik, mich faszinieren dieselben Hobbys und ich teile seine Lebenseinstellungen. Wenn ich ein Video drehe, erinnere ich mich selbst dabei immer an meinen Vater, der von seinem Urlaub auf Teneriffa berichtet.

Eigenartigerweise kann ich meinen Vater in vielen Situationen gut verstehen, denn er ist kein guter Schauspieler. Vielleicht bin ich ihm dabei etwas voraus.

Meine Analysen und Vergleiche haben mich anfangs verärgert, dann verwundert, schließlich erstaunt. Und eines wurde mir dabei immer klarer: Ich liebe meinen Vater.

Plumpe Fluchtversuche

Alle meine Versuche, zu rebellieren, waren letztlich nur plumpe Fluchtversuche. Ich wollte meinen eigenen Gefühlen entfliehen, damit sie nicht wieder verletzt werden. Doch auf lange Sicht hat das keinen Erfolg.

Ich liebe also meinen Vater. Deswegen zeige ich es ihm jetzt auch wieder. Ich überlege, was ihn freuen könnte. Setze mich ein dafür, dass es ihm gut geht. Ich rufe ihn an und schreibe ihm Postkarten. Und ich höre die Musik, die wir beide so gerne mögen.

Das sind wichtige Entscheidungen, wichtige Schritte und meiner Meinung nach der richtige Weg.

Happy End?

Doch ist der Weg damit zu Ende und hat die Geschichte ein Happy End? Die Scherbe ist schließlich entsorgt, die Vergebung nahe, die Liebe erkannt.

Nein, es geht weiter, denn all das habe ich meinem Vater noch nie gesagt. Ich habe es vor. Irgendwann, irgendwo, irgendwie. Und ich bete, dass er vorher nicht stirbt.


Kommentare

Von Klaus am .

Dem Vater vergeben mag ein Aspekt sein. Was mir wichtiger war: Die Verletzungen anschauen, die man abbekommen hat, sich der vielen Demütigungen gerade aus der Kindheit erinnern, den Schmerz darüber erinnern und aushalten, trauern. Das Buch, das mir die Augen über mich und meinen Vater geöffnet hat ist von Arno Gruen, "der Fremde in uns".

Von klaus am .

Der Autor schreibt: "viel zerstörerischer war der Gesichtsausdruck meines Vaters, der mich mit wutverzerrter Fratze anschrie." Es gibt auch den umkehrten Fall, dass der Sohn dem Vater seinen vollen Hass in dieser Art entgegen schleudert, ihn sogar schlägt. Wie soll man als Vater damit umgehen, wie vergeben?

Von wiled am .

Hat Gott uns heranwachsende Väter doch einen ungeheur wichtigen Auftrag gegeben: Unseren Kindern das Bild des himmlischen Vaters zu vermitteln.
Doch wie soll das funktionieren, wenn wir selbst mit uns und unserem Gottesbild uneins sind?
Wie soll ein Kind lernen, dass Liebe und Gerechtigkeit unzertrennliche Zwillinge sind? Wie kann ein Vater sein Kind lieben, wenn er sich der übermenschlichen Liebe seines himmlischen Vaters nicht tief im Herzen bewusst ist - ja, dass es seine Realtität ist?
Wie mehr

Von Alfred F. am .

Zum schuldig werden gehören immer zwei. Vater und Sohn haben sich wie zwei sture Esel benommen. Jeder hat auf sein "Recht" bestanden. Der Grund und die Motivation des Einzelnen ist unterschiedlich. Vielleicht hättest Du sagen sollen "Vater entschuldige meine Sturheit". Vielleicht hätt4 der Vater sich für seinen Zorn entschuildigt.- Ich weiß jungen Menschen fällt es schwer gegenüber den Eltern tolerant zu sein.

Von Judith L. am .

Mit eigenen Versen wünsche ich dem Schreiber an JESU Hand den Weg der Versöhnung weiterzugehen:
HEILUNGSSCHRITTE
1. HERR, rede jetzt, ich höre zu, was DU mir sagen willst.
Ich schweig und wart in aller Ruh, wie DU mein Sehnen stillst.
2. Vernommen habe ich den Ruf:
"O, folge du mir nach!"
Ich bitte Dich um neuen Mut
und Kraft zu dieser Tat.
3. Ich glaube fest, dass DU mich führst,
mir Deine Vollmacht schenkst;
mein Herze hast DU angerührt,
auf Deinen Weg gelenkt.
4. Ich danke mehr

Von s.k. am .

Gut geschildert, aber kann sein, der Vater versteht immer noch nicht- oder sagt, er habe es nur gut gemeint. Es gibt böse Väter und auch böse Mütter. Eine Parallele wäre die Mutter-Tochter-Bezeihung und zwar aus Sicht der Tochter. Ja, verachte Deine alte Mutter nicht, aber als sie jung war, war sie verletzender, das kann ich wohl nie vergessen. Das kann ich nie mehr zu ihr sagen, aber sie hätte mich, ob alt, ob jung sowieso nur ausgelacht.Es ist ein Problem der Achtung voreinander. Wer nie jmd. mehr

Von Judith L. am .

"Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur;
das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!"
2. Korinther 5, 17 - 21
Jesus, der Sohn Gottes, sagt von sich:
"Der Geist des Herrn ist bei mir, darum weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen, und den Blinden, daß sie sehend werden, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen,
zu verkündigen das Gnadenjahr mehr

Von andreasm am .

Eine ehrliche Schilderung seiner Situation, übrigens auch gut geschrieben...
Mein Tipp wäre: irgendwann, irgendwo, irgendwie - das ist keine Lösung. Wer weiss, wie lange Lebenszeit der vater noch hat. Oder er als Sohn? Aber er könnte diesen Artikel als Brief an den Vater schicken. der hätte die nötige Zeit, darüber nachzudenken, auch zu reagieren. In Gesprächen ist das oft nicht so günstig...
Ich wünsche dem Autor die Kraft, einen Schritt weiter zu gehen.

Von R.L. am .

Hallo,
der Artikel trifft es wirklich auf den Punkt.
Er spricht allerdings nur von sogenannten normalen Vätern, die auf Grund einer Streßsituation austicken. Was ist denn eigentlich mit den Vätern die auf Grund von Depressionen austicken und gar nicht realisieren was sie denn in diesem Moment tun? Ich habe meinem Vater alles gesagt was ich ihm jemals sagen wollte, nur es hat leider nichts genützt. Er kann es geistig nicht umsetzen oder realisieren, weil er es in seinem Umfeld und in seiner mehr

Von Kalle W. am .

Hallo,
wir leben in einer Generation der verletzten Söhne, die dann später Väter werden, und durch ihre Verletzungen ihren Kindern keine guten Väter sein können. Keine Ahnung, ob das früher besser war. Eigentlich bezweifle ich es. (Früher war eben nicht alles besser.)
Wie auch immer, um ein guter Vater sein zu können, müssen wir vergeben, ansonsten wird unsere Beziehung zu unseren eigenen Kindern dadurch immer belastet sein.
Und noch etwas: Wir müssen nicht nur vergeben, sondern auch selber mehr

Von Roesger am .

Gut ausgedrückt! Ich denke viele Menschen haben diese Erfahrung gemacht.
Und wenn ich einen Tip geben darf: sprechen Sie mit Ihrem Vater, zögern Sie es nicht hinaus! Vielleicht bekommen Sie Antworten weil er genauso denkt - wie Sie, sein Sohn!
Alles Gute
UR

Von ERF - Fan am .

Danke für den Beitrag. "Du sollst Vater und Mutter ehren" - das ist das erste Gebot, das eine Verheißung (aber keine Bedingung) hat. Übrigens steht auch in den Sprüchen, dass man seine alte Mutter nicht verachten soll.
Alles andere (dass man seinen Eltern ähnlich wird) ist nüchterne Genetik.


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