Ein Plädoyer für die einfache Gemeinde

Simplify your church

Gemeindeleben ist ziemlich kompliziert geworden, findet Ingo Scharwächter. Der Pastor ist überzeugt: Es geht auch schlichter.

Vor einiger Zeit habe ich mir eine neue Digitalkamera zugelegt. Es wurde mit einem ca. 300 Seiten starken Handbuch ausgeliefert, in dem die verschiedenen Funktionen und Einstellmöglichkeiten erläutert werden. Faszinierend! Und zugleich: Beängstigend! Ich habe die Waffen gestreckt und fotografiere immer mit der gleichen, einfachen Einstellung. Ich hole sicher nicht alle Möglichkeiten aus dem Gerät heraus. Aber ich will meine Freizeit nicht mit der Vorbereitung aufs Fotografieren verbringen. Ich will fotografieren. Und die Bilder werden auch so ganz brauchbar.

In anderen Bereichen des Lebens ergeht es mir ähnlich: Ich mag‘s einfach. Ich nutze genau eines von ca. 30 verschiedenen Waschprogrammen unserer neuen Waschmaschine (40° Buntwäsche). Ich mag mein Leben nicht damit verbringen, Waschmaschinen -Bedienungsanleitungen zu lesen. Ich will waschen. Als Ehepaar haben wir einen festen Eheabend pro Woche eingerichtet. Am Sonntagabend liegen meine Frau und ich zusammen auf der Couch und gucken „Navy CIS“ und „The Mentalist“ zusammen. Wir mögen nicht jede Woche in Internet und Zeitungen gucken, was wir als Ehepaar denn wohl alles zusammen tun könnten und einen Kidssitter auftreiben. Wir wollen Zeit miteinander verbringen. Ich habe mir sogar 20 Paar gleiche graue Socken gekauft. Ich mag mein Leben nicht damit verbringen, Socken zu sortieren. Ich will einfach nur Socken anziehen, die die Füße warm halten. Fertig.

Das Leben ist kompliziert geworden

Es bietet unglaublich viele Möglichkeiten. Es ist viel Schlechtes dabei, aber auch viel Gutes. Doch auch all die guten Möglichkeiten werden leicht zu einem Ballast, den wir durchs Leben schleppen und der uns am eigentlichen Leben hindert. Dass nicht nur ich das so empfinde, zeigt der Erfolg von Büchern wie „Simplify your life“. Vielleicht brauchen wir mittlerweile auch Vereinfachung des Lebens in unseren Gemeinden, eine „Simplify your church“-Welle. Auch in unseren Gemeinden ist vieles aufwändig und kompliziert, wie mir scheint. Und manches davon ist zu einem Ballast geworden, der uns am eigentlichen Leben mit Gott hindert. Wie können wir hier umsteuern? Ein paar Gedanken und Erfahrungen dazu:

Einfach Gottesdienst feiern

Als Pastor bin ich manchmal auch in anderen Gemeinden zu Gast und predige dort. Dabei erlebe ich sehr Unterschiedliches. Bei manchen Gemeinden habe ich mich schon einen Tag vor dem Gottesdienst melden müssen zwecks Absprachen. Andere Gemeinden wollen schon zwei Monate im Voraus Predigttext und -thema erfahren, manche Gottesdienstleiter beginnen mindestens zwei Wochen vor dem Gottesdienst mit der Vorbereitung.

Da wird viel Liebe und Arbeit investiert, und wenn es gelingt, kommen dabei gut durchdachte und sorgfältig gestaltete Gottesdienst heraus. Manchmal kann solche Perfektion allerdings auch sehr angestrengt wirken und für alle Beteiligten sehr anstrengend sein.

In unserer Gemeinde gehen wir einen anderen Weg. Vor einigen Jahren haben wir als Gemeinde eine „Standardform“ des Gottesdienstes entwickelt, die die Elemente enthält, die uns wichtig sind. Unser Gottesdienst läuft im Prinzip immer gleich ab: Wir beginnen den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dann hören wir den Wochenspruch aus den Losungen und vielleicht einen kurzen Gedanken dazu. Nach dem Eingangslied werden die Kinder verabschiedet. Dann sprechen wir gemeinsam ein Sündenbekenntnis und hören den Zuspruch der Vergebung. Es folgen drei bis vier Lieder zum Lob Gottes, Predigt, Lied, Ansagen, Segen. Das ist eine sehr schlichte Liturgie, die nicht viel Vorbereitung braucht. Aber sie enthält alles, was wichtig ist: Wir richten uns auf Gottes Gegenwart aus, empfangen Vergebung, beten ihn an, hören auf sein Wort, stellen uns unter seinen Segen.

Nichts gegen Theaterszenen, Filmclips, Liedvorträge oder Interviews im Gottesdienst. All das kann den Gottesdienst wirklich bereichern und andere Kanäle für unsere Gottesbeziehung öffnen. Aber der Gottesdienst lebt nicht von kreativen Elementen allein. Gott ist da und wir sind da. Das reicht, um einfach Gottesdienst zu feiern.

Ingo Scharwächter ist Pastor der FeG Bingen und Gastdozent am Theologischen Seminar Ewersbach.

Sein Plädoyer für einfache Gemeinden haben wir mit freundlicher Genehmigung aus Christsein heute* 05/2011 entnommen.
* Zeitschrift des Bundes Freier Evangelischer Gemeinden.

Einfach beten

Gebetstreffen gehören gewöhnlich nicht zu den überfülltesten Veranstaltungen. Ob es sich nun um die Allianz-Gebetswoche, das Gebet vor dem Gottesdienst oder eine wöchentliche Gebetsstunde handelt – meist sind es nur wenige, die dabei sind. Wie kann man das ändern? Es gibt viele gute Ideen dazu, vom 24/7-Gebet über den Gebetsgarten bis hin zum Anbetungs-Event. Das alles hat seinen Wert. Aber all das braucht ungeheuer viel Planung und Vorbereitung. Und damit Zeit – Zeit, die uns zum Beispiel wiederum zum Beten fehlt.

In Bingen haben wir in Vorbereitung auf eine Reihe von evangelistischen Gottesdiensten etwas anderes ausprobiert: Gebets-Zweierschaften. Die Absprache war: Wir treffen uns ein Mal pro Woche zum Beten für wenigstens 15 Minuten. Und dann beten wir einfach nur. Keine Vorbereitung, keine Musik, kein geistlicher Impuls. Einfach nur beten. Manche ha-ben sich getroffen, andere haben sogar am Telefon gebetet. Und es war richtig, richtig gut; ein paar Gebetspartnerschaften haben noch lange über die Zeit der Evangelisation hinaus bestanden.

Nichts gegen gut vorbereitete, kreative Gebetstreffen oder gar Gebets-Events. Das können wirklich inspirierende Erfahrungen sein, die auch auf das „normale“ geistliche Leben ausstrahlen. Aber so etwas stellt keine Gemeinde jede Woche auf die Beine. Und statt nur auf das nächste Gebets-Event in drei Monaten zu warten, sollten wir einfach beten. Regelmäßig und gerne auch völlig unvorbereitet.

Einfach Bibel lesen

Eine letzte Erfahrung betrifft den Hauskreis. Der Hauskreis, den ich leite, wird von Menschen besucht, die viel zu tun haben. Arbeit, Kinder, Mitarbeit in verschiedenen Feldern der Gemeinde, zum Teil auch nicht ganz einfache Lebenssituationen. Viel Zeit zur Vorbereitung des Hauskreises bleibt da nicht, und es liegt auch nicht jedem, ein Thema dafür vorzubereiten. Was macht man damit?

Lange Zeit haben wir einfach gar nichts vorbereitet. Wir haben uns ausgetauscht, füreinander gebetet, miteinander gesungen. Und dann einfach Bibel gelesen. Völlig ohne Vorbereitung. Wir haben uns auf ein biblisches Buch geeinigt, und dieses Buch dann einfach fortlaufend gelesen. Wir haben die Fragen gestellt, die wir hatten, und über das gesprochen, was uns bewegt hat. Das hatte schon seinen eigenen Reiz. Vor allem haben wir keine Antworten auf Fragen gesucht, die niemanden wirklich beschäftigten. Und wenn einmal kein Gespräch in Gang kam, haben wir das Bibelgespräch nach zehn Minuten beendet.

Nichts gegen wirklich gut vorbereitete Hauskreisabende. Es ist bereichernd, wenn jemand Kommentare und Lexika wälzt, Auslegungen liest, sich gute Fragen ausdenkt. Aber wenn das gerade nicht geht, dann muss kein Hauskreis ausfallen. Es ist auch gut, einfach nur die Bibel zu lesen.

Tiefer fragen

Zwei Gedanken noch zum Schluss. Zum einen: Ich habe den „Simplify your church“-Gedanken u.a. damit begründet, dass perfekte und immer wieder neue Vorbereitung viel Zeit und Energie für das eigentliche Leben rauben. Das ist aber nur eine die Seite. Die andere Seite ist die: Wenn einfach Gottesdienst feiern, einfach beten, einfach Bibel lesen nicht mehr reicht, wenn das zu langweilig erscheint, dann stimmt auch etwas in unserer Gottesbeziehung nicht. Es geht im Gebet, im Gottesdienst, im Hauskreis doch um Gott, sein Reden, seine Gegenwart. Wenn wir erst professionelle Musik, perfekte Moderation und innovative Zugänge zu Gebet und Bibel brauchen, damit Gott für uns attraktiv wird, dann stimmt etwas nicht. Ist Gott etwa langweilig? Müssen wir ihn erst interessant und anziehend machen, weil er es in sich selbst nicht ist?

Wenn ich einen Menschen liebe, dann ist es gut, einfach nur mit ihm zusammen zu sein.Wenn ich jemanden nicht wirklich mag oder ihn langweilig finde, dann brauche ich schon ein wirklich gutes „Event“, das mir das Zusammensein mit ihm versüßt. Ist Gott genug für uns? Wenn ja, dann wird es reichen, einfach mit ihm zu leben.

Einfach mit Gott leben

Ist „Einfach Leben“ nun der Stein der Weisen, das zukunftsweisende neue Gemeindekonzept, das alles Bisherige in Frage stellt? Natürlich nicht. Wir brauchen immer wieder auch wirklich neue Highlights. So wie wir uns mehrere Wochen auf Weihnachten vorbereiten, so wie man mehrere Monate lang ein Hochzeitsfest plant, so wird es auch im Leben der Gemeinde immer wieder von langer Hand und mit viel Aufwand vorbereitete „Feste des Glaubens“ geben.

Das tut uns gut. Und das ist auch unserem Gott gemäß. Wenn wir nie wirklich viel für Gott investieren, wäre auch etwas faul. Nur eines sollte nicht geschehen: Dass wir über all der Vorbereitung für unsere Gemeindearbeit nicht mehr dazu kommen, einfach mit Gott zu leben.

Einen Kommentar zum Thema finden Sie unter Gemeinde leben


Kommentare

Von Lidia K. am .

Ich finde es so sehr notwendig zurück zu den Wurzeln der Uhrgemeinde kommen, einfach Gott anbeten und Ihm dienen, und Gott wird dazu tun.

Von Hannelore am .

Der Beitrag ist super... in unserer überperfekten Welt... "der einfache Weg" zu Gott tut gut, sie sprechen mir aus dem Herzen.
Hannelore

Von Tim W. am .

Lieber Ingo, ein Text, der mri aus de Seele spricht. "Wir leben die Gnade, aber wir leben täglich doch die Leistung" (ich weiß leider den Autor nicht) Diese Einstellung hat leider oft auch Auswirkungen nicht nur auf die Gottesdienste, sondern auch auf, zumindest meinen, eigenen Glauben. Vielen Dank für diese wichtigen Gedanken.

Von Margrith B. am .

Ja, das wünsch ich mir von ganzem Herzen: vom Inhalt viel, von der Verpackung wenig.

Von Peter am .

Wow! Das spricht mir aus der Seele. Diese ganzen "Erfolgsrezepte", wofür die christliche Szene oberanfällig zu sein scheint (z.B. der ganze Willow Creek Hype), auf ihren Platz verweisen (von verbannen hat keiner gesprochen), und sich zum Kern des Lebens aufmachen... Das wirklich Gute und wirklich Wichtige im Leben ist i.d.R. immer einfach!

Von Friedlinde B. am .

Vielen Dank. Diese Gedanken sind mir aus dem Herzen gesprochen und es sind ja nur Beispiele, wie man Einfachheit im Glauben leben kann. Trotzdem wird es immer verschiedene Gottesdienstformen geben. Aber in meiner innerlich und äußerlich reichen Gemeinde sehne ich mich oft nach dem alten evang. luth. Gottesdienst, der nach ner Stunde aus ist. Unser alter Pfarrer wirkt oft der Fülle entgegen, in dem er Raum lässt zur Stille für persönliches stilles Gebet. Andererseits werden durch neue Formen mehr

Von ConTrust am .

Weniger 'Holy-Tainment', mehr Christus. Guter Artikel! Amen dazu!

Von Klara H. am .

den Artikel finde ich so richtig gut.Es braucht ab und zu schon mal ein reflektieren, was wir auf den "Thron setzen"; ob es unsere Aktivitäten, Aktionen, Events, Spezialangebote und Programme (Leistungsgedanke!) sind, oder ob es Jesus ist.Aber Gott sei Dank ist ER barmherzig und zeigt uns dies.

Von Jovan Greifenstein am .

Lieber Ingo,
vielen Dank für deinen Artikel,mit den Überschrift "Simplify your church" auf ERF Homepage.

Von Chris am .

Ja, die Einfachheit mit Gott leben, das ist es.

Von Christoph am .

Sehr viel was unter "Anbetungs-Gottesdienst" laeuft ist eher "Christliche Unterehaltung." Ja, wir sollen das Gemeindeleben vereinfachern. Auch sollen wir uns fragen welche Rolle JESUS dabei spielt. Einer der BEDEUTSAMSTEN Gottesdienste erlebte ich in Istanbul, Turkei in einer english/turkischen Gemeinde. Die "Anbetungszeit" dauerte etwa 2 Stunden. Sehr wenig war geplant. Es wurde dem Heiligen Geist mehr Raum gegeben

Von Domels111 am .

Guten Abend, einige Gedanken kann ich nachverfolgen; aber das ganze ist mir zu einfach gestrickt.

Von maite am .

finde ich spannend!! vor allem auch, wenn ich lese, was andere gemeinden alles auf die beine stellen und wie sorgfältig sie alles vorbereiten. wir sind eine kleine internationale gemeinde, und wir leben von hoher spontaneität. klar sind die lieder vorbereitet, und klar weiß der prediger ein paar tage vorher, was er vorbereiten will, aber sonst gibt es einfach auch viel raum für Gottes wirken. und das ist es eigentlich, was mir so gefällt. psalmen, lieder, tänze, gebete und prophetische worte mehr

Von Chris am .

super Artikel, der sehr inspirierend ist; "gefällt mir"

Von Peter Vogel am .

Solche Gedanken sind gut zu lesen... sie dienen dem Gottesdienst zu dem wir berufen sind.
(Ach ja, das mit den Socken ist sehr gut)

Von Sonja am .

EINFACH LEBEN...mit GOTT! Amen!
Die Gedanken sind wunderbar in Worte gefasst. Und sagen alles aus. Die gebrachten Beispiele sind so klar und einfach klasse. Ich werde den Artikel als Ermutigung im Hauskreis weitergeben.

Von andreasm am .

richtig, richtig, richtig gut!!! ist mir aus der seele gesprochen / geschrieben! überzogene organisation, das suchen nach immer besseren ideen, der wettbewerb, wer am kreativsten neue elemente in den gottesdienst einbringt, kann echt vom wirklichen abhalten.
ich denke auch manchmal, dass wir beim zusammentragen von gebetsanliegen oft weitaus mehr zeit verbrauchen, als dann zum effektiven beten zur verfügung steht...
sagte ich schon, dass ich den artikel richtig gut finde??

Von Renate am .

Danke für diese guten Gedanken! Ja, das "Mit-Gott-Leben" ist entscheidend - und das braucht keine große Vorbereitung.


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