Interview

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Ob Schnäppchenjäger oder Ebay-Junkie, Konsum bestimmt unser Leben. Und wenn wir darauf verzichten? Maren Bertram macht den Selbstversuch.

Die Hängematte mit Stahlgestell, die Coolbar für den Balkon oder das bunte Planschbecken mit 288 Liter Fassungsvermögen – die Artikel sind im Angebot, also kaufen wir sie. Konsum ist geil, sagt uns die Werbung. Wie tief ist diese Einstellung in uns verankert? Können wir sie verändern? Wenn ja, was sind die Folgen?

Maren Bertram will das mit einem einzigartigen Experiment herausfinden. Sie verzichtet 365 Tage auf das Einkaufen von persönlichen Dingen. Im Interview mit ERF Online erklärt sie, wie das funktioniert.

ERF Online: Frau Bertram, Sie verzichten ein Jahr lang auf den Kauf persönlicher Dinge. Welche Regeln haben Sie dafür? Dürfen Sie sich zum Beispiel eine neue Zahnbürste kaufen?

Maren Bertram: Ich kaufe mir ein ganzes Jahr lang nichts Persönliches – also keine Schuhe, Handtaschen und Haarspängchen, aber auch keine neue Dekoration fürs Haus. Konkret kaufe ich noch Lebensmittel, medizinisch-therapeutische Mittel und Körperhygiene-Produkte.

Allerdings muss ich manches im Rahmen des Projekts genauer definieren und entscheiden, wo ich meine Grenzen setze. Mir ist es dabei wichtig, realitätsnah zu bleiben. Ich will keine neue Religion des „Sich-nichts-kaufen-Dürfens“ begründen.

Eher will ich Dinge bewusst nicht kaufen, die man sich oft nur deshalb anschafft, um etwas Inneres zu überdecken. So erzählen mir viele Frauen, dass sie sich beispielsweise nach einem stressigen Arbeitstag den Kauf eines neuen Kleidungsstücks auf dem Heimweg gönnen. Das schmeichelt dann der Seele.

Wenn ich das „Haben müssen“ loslasse, treffe ich auf den Teil meines Seins, der nicht vom Konsum überdeckt ist. Dann stellt sich mir auch die Frage, wohin ich mit all den Spannungen gehen kann, denen ich durch meinen Verzicht begegne und womit ich meinen Selbstwert definiere. Eine neue Zahnbürste fordert mich an diesem Punkt nicht heraus, deshalb darf ich sie kaufen.

 

Maren Bertram plant die Veröffentlichung ihrer Projektaufzeichnungen - "365 Tage ohne" empfiehlt sie zur Nachahmung.
Bild: Chanika Remest

ERF Online: Sie haben gesagt, dass Sie sich keine neuen Bücher mehr anschaffen. Leihen Sie sich deshalb nun mehr Bücher aus?

Maren Bertram: Nein, ich zehre noch von meinem vorhandenen Büchervorrat. Grundsätzlich ist Ausleihen für mein Projekt aber in Ordnung. Ich finde es wichtig, wieder fragen zu lernen, ob man sich etwas leihen darf.

Bei manch ausgeliehenem Artikel stellt man vielleicht auch fest, dass das ehemals begehrte Objekt doch nicht so begehrenswert ist. Es entsteht auch eine neue Kreativität: Wie wäre es mal mit einer Freundin Dekoartikel oder Kleidung für einen gewissen Zeitraum zu tauschen?

ERF Online: Dürfen Sie sich denn etwas schenken lassen?

Maren Bertram: Ja, meine Geburtstagsliste ändert sich seit Monaten immer wieder. Vieles verschwindet nach einigen Wochen von der Liste, weil sich auf einmal Interessen verändert haben. Ich wünsche mir nun auch Kleinigkeiten, etwa einen Milchaufschäumer.Das Warten auf wünschenswerte Dinge finde ich ganz wichtig, das haben wir teilweise verlernt. Oft wollen wir doch gar nichts „Alltägliches“ geschenkt bekommen, das kaufen wir uns lieber selbst.

ERF Online: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen?

Maren Bertram: Weihnachten 2010 habe ich zusammen mit einer Freundin neue Deko für unseren Weihnachtsbaum eingekauft. An der Kasse sagte mir meine Freundin, dass sie immer ein schlechtes Gewissen hätte, wenn sie in diesem Laden einkaufen würde. Dieses Gefühl kenne ich auch von mir.

Zeitgleich beschäftigte mich die Frage, wie wir als Familie mit nur einem Gehalt auskommen. Mein Mann und ich hatten entschieden, dass ich nicht mehr Vollzeit arbeiten würde, sondern zuhause bei unserem Sohn bleibe. Außerdem hatten wir beschlossen, Pflegekinder aufzunehmen. Eine Entscheidung, die mich aufgrund meines gehobenen Lebensstandards verunsicherte. Ich dachte mir, wenn ich es ein Jahr schaffen würde, keine persönlichen Dinge zu kaufen, dann würde ich auch keine Angst mehr haben, mit weniger Geld auskommen zu müssen.

Wichtig ist aber, dass es sich bei mir nicht um die Angst vor einem existenziellen Mangel handelt, die Menschen in Afrika und auch teilweise hier in Deutschland erleben. Mir geht es um die Angst des inneren Mangels, des vielleicht Nicht-Mithalten-Könnens und um die Befürchtung, womöglich zu kurz zu kommen.

ERF Online: Was hat Ihr Experiment für Folgen, verändert es Sie?

Maren Bertram: Es fordert mich zum Zufriedensein heraus. Ich nehme wahr, was ist und nicht, was sein könnte.

Es macht mich kreativ, indem ich versuche, zum Beispiel Dekorationsideen mit altem Stoff aus dem Keller umzusetzen. Ich muss Alternativen für Dinge finden, die ich sonst gekauft hätte. Ich schätze Kleinigkeiten mehr und nehme die Veränderungen in der Natur bewusster wahr.

Zudem stelle ich fest, dass ich vieles, was mich auf den ersten Blick in der Werbung vielleicht begeisterte, doch nicht brauche. Ich muss nicht länger Schnäppchen hinterher jagen. Es gibt keine Frustkäufe mehr. Die Konsequenz ist weniger Stress. Es bleibt mehr Zeit für anderes, etwa für Spaziergänge alleine oder mit der Familie. In der Natur erfahre ich, wie sehr wir beschenkt sind, da muss ich mich nicht dauernd selbst beschenken.

Außerdem merke ich, dass ich mich trauen darf, für die Familie zuhause zu bleiben. Finanziell schaffen wir es dennoch. Ohne diese Angst und die Sorge, zu kurz zu kommen, bin ich entspannter und erlebe einfach eine große Freiheit.

ERF Online: Trotzdem ist Ihr Projekt sicher alles andere als einfach. Sind Sie auch schon an Ihre Grenzen gestoßen?

Maren Bertram: Einmal passierte mir ein kleiner Ausrutscher. Nach einem Saunabesuch ging ich mit meinem Mann Essen. Als ich bei der Bestellung zu dem Mann hinter dem Tresen sagte: „Und diese Zeitschrift hätte ich auch gerne“, das hat mich echt gefrustet. Danach konnte ich meine Aufzeichnungen über das Projekt erst einmal nicht weiterschreiben.

Das war aber auch ein wichtiges Erlebnis für mich. Ich konnte lernen, dass ich wegen dieses Ausrutschers nicht aufgeben muss. Als Mensch bin ich fehlbar und ich darf es mir zugestehen, nicht perfekt zu sein, und kann mich trotzdem wieder an das Ziel wagen.

ERF Online: Was für eine Rolle spielt Gott für Ihr Experiment? Ich könnte mir vorstellen, dass er das Experiment auch benutzt, um Sie zu verändern. Stimmt das?

Maren Bertram: Gott sagt: „Ich werde deinen Mangel ausfüllen.“ Insofern begleitet er das Ganze. Er hilft mir bei der Auseinandersetzung mit inneren Spannungen. So hat er bei mir den Satz „Gönn dir mal etwas“ in „Ich gönn mir was, und kauf mir nichts“ umgewandelt. Gott schenkt mir den Blick für Immaterielles, das die Sehnsucht nach Materiellem auszufüllen vermag.

Durch die Brille des Projekts erschließen sich mir auch viele Bibeltexte ganz neu. Und ich lasse in meinem Perfektionismus nach. Beispielsweise habe ich mir oft farblich passende Blumen zu meiner Deko im Haus ausgesucht. Jetzt mache ich da Abstriche.

ERF Online: „Haste was, dann biste was.“ Dieser Spruch ist für viele Menschen schon zur Lebenseinstellung geworden. Geht es Ihnen auch so?

Maren Bertram: Das Denken „Ich habe etwas, dann bin ich etwas“ ist in unserer Gesellschaft tief verankert und wird schnell zum Verhängnis. Das habe ich vor allem in meiner Arbeit als Sozialpädagogin erlebt. Wir definieren uns über das Haben, da wir uns nur zu schnell vergleichen.

Ich kenne zum Beispiel eine Familie, die mehrfach im Jahr in die Karibik fliegt, nur Markenkleidung trägt und in der das Kind jeden Tag eine andere kostenpflichtige Freizeitveranstaltung besucht. Da fühle ich mich der Mutter gegenüber auch oft „minderwertig“. Doch ich denke, das ist falsch. Ich bin nicht minderwertig, sondern „anderswertig“.

Wenn ich meiner Freundin beim Gespräch gegenüber sitze und dabei keine neuen Klamotten trage, denke ich teilweise darüber nach, was sie nun über mein Aussehen denken mag. Meine Freundin fühlt sich aber von meiner Herzlichkeit, unserem guten Gespräch und einem gemeinsamen Gebet berührt. Alles materielle Haben wird nebensächlich - es zählt das Sein.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


Ein weiteres Interview mit Maren Bertram zu ihrem Projekt "365 Tage ohne" sehen Sie in der Fernsehsendung Gott sei Dank auf ERF 1.


Kommentare

Von Thomas am .

Wenn man dann noch bedenkt unter welchen Bedingungen viele Produkte, die wir so konsumieren, hergestellt werden, wird dieses "Experiment" noch wertvoller. Verzicht auf Konsum kann tätige Liebe sein, wenn ich mit ausbeuterischen Methoden Produziertes einfach nicht kaufe.

Von Dorena am .

Hallo bei erf ! Dieses Interview hat mir richtig wohlgetan.Ich bin auch scnell dabei,mir was zu kaufen,wenn es mir nicht so richtig gut geht. Gerade bei Büchern schlage ich auch gern zu.Manchmal wird es dann am Monatsende etwas sehr knapp deswegen.Da war das Wort Gottes "ich fülle deinen mangel aus" genau richtig.Aber die Werbung ist manchmal sehr gross und es fällt schwer,sich dem zu entziehen....Gruss Dorena

Von Heike am .

Ich lebe seit knapp 30 Jahren so. Ich fühle mich nicht als Experiment. Ich bin Gott dankbar, daß er mir eine andere Perspektive auf das Leben geschenkt hat! Mt 6,20 Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, die unvergänglich sind und die kein Dieb mitnehmen kann.

Von Bernd Schneider am .

Ich wollte, es würde das Geben mehr betont als das Verzichten. John Wesely, der Begründer des Methodismus, sagte einmal: "Erwirb soviel du kannst, spare soviel du kannst und gib soviel du kannst."
Das ist der Weg zu einem glücklichen Leben!

Von Friedlinde B. am .

Darum sehen uns viele Menschen aus ärmeren Ländern für sehr reich an, weil wir viele Gegenstände besitzen. Wer nachdenkt, merkt schnell: Jeder erfüllte Wunsch gebiert einen neuen Wunsch.
Je mehr er hat, je mehr er will!
Beim Besuch von über 80 Jährigen, die aus einfachen Verhältnissen kommen, staunt man oft, wie wenig ihre Wohnung Schnickschnak hat. Einem altem Nachbarn, der in Sibieren in Kriegsgefangenschaft war und vom "Essen auf Rädern" zum Mittagessen eine Gebäckschachtel zum Geburtstag mehr


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