Selma Lagerlöf: Das Mädchen vom Moorhof Lesezeit: ~ 5 min

Frei bleiben vom Bösen

Ist der Ehrliche immer der Dumme? Die Autorin S. Lagerlöf beantwortet diese Frage in einer Erzählung überraschenderweise mit einer Geschichte aus dem Leben Jesu

Gut oder schlecht, richtig oder falsch? Wenn man sich in einer brenzligen Situation entscheiden muss, sind die Gedanken und Gefühle oft ein einziges Chaos. Selbst wenn man ahnt, wie die richtige Entscheidung aussehen müsste, fällt sie nicht immer leicht. Das gilt vor allem dann, wenn man dadurch für sich selbst Nachteile befürchtet.

Selma Lagerlöf katapultiert in ihrer Erzählung „Das Mädchen vom Moorhof“ zwei junge Erwachsene unabhängig voneinander in eine solche Situation. Das ist zum einen Helga, ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen. Sie weiß intuitiv, was richtig und gut ist und handelt danach. Selbstlos hilft sie anderen Menschen, sogar wenn diese sie schlecht behandeln oder ihre eigenen Träume dadurch zerstört werden. Der andere ist Gudmund, ein attraktiver junger Mann, der das Herz am rechten Fleck hat, es aber auch zu Ansehen und Reichtum bringen will.

Ehrlichkeit im Tausch für Armut und Gefängnis

Gudmund lernt im Gegensatz zu Helga erst auf die harte Tour, dass der schwerere Weg manchmal der richtige ist. Bei seinem Junggesellenabschied besäuft er sich dermaßen, dass er sich am nächsten Tag an nichts mehr erinnern kann. Seine zerrissenen Kleider und die abgebrochene Klinge seines Messers lassen in ihm aber die böse Ahnung aufkommen, dass er im Rausch unabsichtlich einen Menschen erstochen hat. Anfänglich tut er so, als ob alles in Ordnung wäre, am Tag seiner Hochzeit bricht er jedoch zusammen und spricht mit seinen Eltern und seiner Zukünftigen über seinen Verdacht. Die Hochzeit wird abgesagt, die wohlsituierte Braut lässt ihn kalt abblitzen. Als Gudmund ihr Haus verlässt, wird ihm bewusst, dass der eine einzigartige Chance auf Ruhm, Macht und Ehre verspielt hat. Er bereut seine Ehrlichkeit: „Wie töricht von ihm zu bekennen. Was nützte sein Geständnis? Dadurch wurde die Sache für niemanden besser. Der Tote blieb ja tot. Nichts anderes bewirkte sein Geständnis, als dass es ihn ins Verderben stürzte.“ In seinem Frust zieht der junge Schwede sich in die gebirgige Moorlandschaft der Umgebung zurück, um in Ruhe über alles nachzudenken.

Die Beschreibung von Gudmunds Gemütslage ist so intensiv geschildert, dass der Leser sich gut in ihn hineinversetzen kann. Ihn treiben die gleichen Fragen um, die sich die meisten Menschen stellen, wenn sie vor einer schwierigen ethischen Entscheidung stehen: Lohnt es sich, unabhängig von den Konsequenzen das Gute zu tun - einfach weil man weiß, dass es richtig ist? Nützt das überhaupt jemandem? Und was, wenn es überhaupt niemand merkt, wenn man sich gegen den richtigen Weg entscheidet?

Selma Lagerlöf bietet Gudmund und dem Leser eine Antwort, indem sie an diesem Punkt eine Geschichte aus der Bibel in die Erzählung einfließen lässt. Die hügelige Umgebung seines Zufluchtsortes erinnert Gudmund an die Versuchung Christi (Lukas 4,1-13). Als Kind hatte er die Gegend immer mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht. In ihr wird geschildert, wie Jesus 40 Tage lang in der Wüste gefastet hatte, um sich auf sein öffentliches Wirken vorzubereiten. Am Ende dieser Zeit will der Teufel Jesus dazu bringen, seinen Willen und seine Wünsche über die Pläne zu stellen, die Gott für ihn hat. Perfide verspricht der Versucher, Jesus die absolute Macht über die gesamte Welt zu geben, wenn er ihn dafür nur ein einziges Mal anbetet. Menschlich gesehen sieht der Deal nicht schlecht aus: Was macht es schon, seine Prinzipien oder seinen Glauben einmal kurz zu verleugnen, wenn man damit im Endeffekt viel Gutes erreichen kann. Zumal es scheinbar niemand mitbekommt. Jesus sieht jedoch das Teuflische an dem Plan, deswegen lässt er sich nicht darauf ein. Sicher, er könnte als Weltherrscher in einem ganz anderen Umfang Menschen helfen und sie zum Glauben an Gott führen, als er es in der kleinen Provinz Judäa könnte. Ganz abgesehen davon, dass er gleich noch alle Bösewichte zur Strecke bringen und alle Kriege beenden könnte. Aber er hätte sich korrumpieren lassen und seine Beziehung zu Gott wäre zerstört gewesen. Das Böse hätte nach seinem Leben gegriffen und seine zerstörerischen Spuren hinterlassen. Letztlich hätte er so auch den Menschen nicht mehr helfen, sie nicht mehr vom Bösen befreien können.

Ein Leben lang versklavt

Während Gudmund über diese Geschichte nachdenkt, begreift er, dass er sich in einer ganz ähnlichen Situation befindet: „Plötzlich kam es ihm vor, als habe ihn selbst in den letzten Tagen eine solche Versuchung heimgesucht. Hatte ihn nicht der Versucher auf einen hohen Berg geführt und ihm alle Herrlichkeit des Reichtums und der Macht gezeigt? ‚Wenn du das Böse verschweigst, das du getan hast‘, sagte er, ‚will ich dir dies alles geben.‘ Ich habe der Versuchung widerstanden, dachte Gudmund und ein klein wenig Befriedigung überkam ihn. Plötzlich war es ihm klar: Hätte er geschwiegen, wäre er ein ganzes Leben lang verurteilt gewesen, den Versucher anzubeten. Er wäre ein scheuer, mutloser Mann geworden, ein Sklave von Hab und Gut. Furcht vor Entdeckung hätte auf ihm gelastet. Nie mehr hätte er sich als freier Mann fühlen können.“

Diese Erkenntnis bringt Gudmund seinen Seelenfrieden zurück. Er weiß, dass sein Geständnis richtig war, auch wenn es ihn zumindest vorerst seine Zukunft gekostet hat. Auch der Leser spürt in diesem Moment deutlich, dass das Gute manchmal zwar einen hohen Preis fordert, dafür aber aus einem Netz von eigener Schuld, Machtgier oder Angst befreit. Es gelingt Lagerlöf mit dem Vergleich zwischen der Versuchung Jesu und Gudmunds Situation auf eindrückliche Weise, diese tiefe Wahrheit in die Lebenswelt des Lesers zu transportieren, ohne zu moralisieren.

Gudmund bleibt durch seine Entscheidung innerlich ein freier Mann. Er kann sich selbst ins Gesicht schauen, ohne ständig sein schlechtes Gewissen betäuben zu müssen. Aber auch die äußeren Umstände wenden sich: Als Helga von dem Verdacht erfährt, kann sie Gudmunds Unschuld beweisen. Damit ist der junge Mann nicht nur vom Vorwurf des Mordes befreit. Jetzt, wo Reichtum und Anerkennung ihre tyrannische Anziehung auf ihn verloren haben, merkt er, was ihm das schlichte aber aufrechte Mädchen vom Moorhof bedeutet. So bewahrt ihn seine Ehrlichkeit nicht nur von einem angsterfüllten, unaufrichtigen Leben, sondern führt ihn am Ende auch mit der Frau zusammen, die ihm von Anfang an viel bedeutet hat.

Die Zitate aus "Das Mädchen vom Moorhof" sind entnommen aus: Selma Lagerlöf, Fünf große Erzählungen, dtv Junior, 1984.


Selma Ottilie Lovisa Lägerlöf (*20.11.1858, +16.03.1940) dürfte den meisten Lesern durch die von ihr geschaffene Figur des Nils Holgersson bekannt sein. Weitere erfolgreiche Werke sind „Gösta Berling“, „Die Wunder des Antichristen“ und die „Christus-Legenden“. Die Spannung zwischen Gut und Böse und die Bewährung des einzelnen Menschen in diesem Spannungsfeld spielen in den Arbeiten der schwedischen Volksdichterin immer wieder eine zentrale Rolle. 1909 erhielt Lagerlöf als erste Frau den Nobelpreis für Literatur. Ihre Erzählung „Das Mädchen vom Moorhof“ wurde 1935 von Detlef Sierck und 1958 unter der Regie von Gustav Ucicky auf Deutsch verfilmt. Die Schlussszene aus der Schwarzweißverfilmung von Regiesseur Sierck können Sie in folgendem Youtube-Video sehen: Das Mädchen vom Moorhof.


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Kommentare

Von JoachimKnoll am .

Hab ich ja schon irgendwie gewusst, dass Frau Lagerlöf Themen aus der Bibel aufgenommen hat. Aber dieser Artikel war doch noch einmal ein neuer Blick auf die Autorin und die Frage nach der Verantwortung für meine Taten.
Dankeschön Frau Willhelm.

Von Katrin am .

Schöne Geschichte !
Ich finde aber trotzdem, daß es hier sehr leicht ist, die richtige Richtung zu erkennen.
Leider ist es in meinem Leben nicht so einfach, was jetzt dran ist.


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