Internetmission

Mission 2.0 - Das Evangelium im World Wide Web

Das Internet zwingt uns zum Umdenken. Warum neue Medien neue Methoden in der Mission erfordert.

Dieser Artikel ist kein Plagiat. Seit dem Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg vom Amt des Verteidigungsministers am 1. März muss man so etwas ja schon besonders erwähnen. Die „Plagiats-Affäre“ hat für politische Aufregung gesorgt und gezeigt dass das „neue Medium“ Internet längst nicht mehr neu ist, sondern längst Einfluss auf ganz reale gesellschaftliche Veränderungen ausüben kann. Wofür früher Experten mehrere Monate lang nach nicht dunklen Quellen einer Doktorarbeit hätten recherchieren müssen, das ist heute über das Internet von halbwegs gebildeten Nutzern innerhalb weniger Tage leistbar. Und das liegt nicht nur an technischen Möglichkeiten (in diesem Fall der Digitalisierung), sondern es gibt eine tiefere Ursache: Mit dem Internet beginnen wir, grundlegend anders miteinander zu kommunizieren.

Medienrevolution

Am 15. Mai ist der weltweite Tag der Internetmission. In den folgenden Tagen wollen wir verschiedene Aspekte des Themas "Internetmission" beleuchten und zeigen, wie Christen und Gemeinden die digtalen Medien nutzen können, um die beste Botschaft der Welt weiterzutragen.

Denn neue Medien verändern immer auch unsere Gewohnheiten, wie wir Informationen aufnehmen, verarbeiten und weitergeben. Das war beim Buch vor vielen Jahrhunderten nicht anders als später bei Zeitung, Radio oder Fernsehen. Wir sind nur so sehr zu Hause in „unserer“ Kommunikationskultur, dass wir für alternativlos halten, was wir kennen.

Getrieben von einer technischer Entwicklung einerseits und der Globalisierung andererseits, beeinflusst das Internet heute massiv weite Bereiche unserer Gesellschaft. Und das nicht nur in wohlhabenden Ländern: Wer hätte noch vor einem Jahr für möglich gehalten, dass Facebook, Twitter und Youtube unzufriedene junge Menschen in Tunesien, Ägypten und Libyen innerhalb weniger Wochen zum Einfluss einer Volksbewegung verhelfen, die scheinbar unerschütterliche Regime binnen Wochen hinwegfegt? Dass eine Online-Plattform wie Wikileaks die US-Außenpolitik der letzten Jahre schonungslos offenlegt und die Art und Weise beeinflusst, wie Diplomaten in Zukunft miteinander umgehen werden? Dass ein deutscher Verteidigungsminister Zug um Zug von einer lose zusammengewürfelten Schar gleichgesinnter Internetnutzer demontiert wird? Die Dynamik der virtuellen Kommunikation ist ganz offensichtlich dazu in der Lage, ganz reale Veränderungen zu bewirken.

Und die Dynamik im Internet ist enorm schnelllebig: Vor sieben Jahren gab es Facebook noch gar nicht – heute hat das populärste aller sozialen Netzwerke weltweit über 500 Millionen Nutzer. Gemessen an der Zahl seiner „Einwohner“ wäre Facebook das drittgrößte Land der Erde. Entstanden in nur sieben Jahren. Wo das Radio noch 38 Jahre gebraucht hat, um die ersten 50 Millionen Mediennutzer zu gewinnen, das Fernsehen noch zwölf Jahre, brauchte das Internet nur vier. Wer heute in die Schule geht, kennt Telefonzellen und Schallplatten nur aus den Erzählungen der Eltern oder Großeltern.

Das Wort „Medienrevolution“ ist also durchaus angebracht. Und wie bei jeder Revolution ist es äußert schwierig, die Zukunft zu prognostizieren. Niemand vermag heute zu sagen, wie die Rolle des Internets in der Gesellschaft des Jahres 2015 genau aussehen wird.

Missionskonstante und Epochenwandel

Bei aller Veränderungsdynamik der Mediengesellschaft bleibt doch der einzelne Mensch in seinem Kern der gleiche. Auch 500 Millionen Facebook-Nutzer im Jahr 2011 sind da nicht anders als 12 Jünger vor 2000 Jahren – oder irgendjemand sonst in der Zeit dazwischen. Das Koordinatensystem des biblischen Menschenbildes gilt nach wie vor: In der Vertikalen ist der Mensch erlösungsbedürftig, in der Horizontalen ist der ergänzungsbedürftig. Wir nutzen Facebook, Twitter und Youtube – aber wir brauchen Christus und wir brauchen die Gemeinschaft von Christen. Das bleibt die Missionskonstante, auch bis zum Jahr 2015 und darüber hinaus.

Diese Konstante trifft auf einen Epochenübergang in unserer Gesellschaft. Das Leben unserer Kinder wird grundlegend anders sein als das Leben unserer Eltern. Nicht nur in materieller, kultureller oder technischer Hinsicht. Sondern auch in der Art und Weise, wie sie christlichen Glauben kennenlernen, erfahren und darin wachsen werden. Büchertisch, Zeltmission, Satellitenevangelisation – für den Großteil der nächsten Generation wird kaum noch eine Rolle spielen, was für die vorige Generation in Deutschland noch „State of the art“ der Mission war. Viele Formen scheinen dem letzten Jahrhundert entsprungen zu sein. Und sie sind es auch. Das bedeutet nicht, dass Gott nicht durch sie Menschen zum Glauben gerufen hat (oder es immer noch tut). Aber sie funktionieren immer schlechter. Der Grund dafür liegt im derzeit stattfindenden grundlegenden gesellschaftlichen Wandel von einer Epoche zur anderen.

Spulen wir die Zeit zurück, nur 150 Jahre bis ins ausgehende 19. Jahrhundert, in die Zeit der Vormoderne. Zu jener Zeit waren gesellschaftliche Autoritäten im Wesentlichen unhinterfragt; Eltern, Lehrer und Pastoren galten kaum weniger als Respektspersonen wie der „Kaiser in Berlin“. Das Leitmedium der Vormoderne war das Buch, und es prägte die Art und Weise, wie Menschen Glauben kennen lernten und ihm aufwuchsen: Bibelstunde, Lehre, Information, Wahrheit – die Grundfrage des suchenden Menschen lautete: „Ist es wahr?“. Christen beantworteten die Frage nach der Wahrheit mit Information. Traktate, Schriftenmission, Lehrvorträge. Für jeden Zeitgenossen war klar: Es gibt eine absolute Wahrheit, man kann sie „schwarz auf weiß“ in einem Buch aufschreiben, man kann sie wissen.

Parallel zur Ausbreitung der Massenmedien Zeitung, Radio und Fernsehen als neue Leitmedien erfolgte der Epochenwechsel zur Moderne. Effektivität, Effizienz, Professionalität, Marketing, Image und Emotion traten an die Stelle der traditionellen Buchwahrheit. Die neue Grundfrage des suchenden Menschen lautete: „Was habe ich davon?“. Und die Gemeinde Jesu fand neue Formen der Mission, um an diese Frage anzudocken: bedürfnisorientierte Verkündigung, programmorientierte Großveranstaltungen, Radiomission, Fernsehevangelisation. Formen, die nicht mehr nur Wahrheit präsentierten, sondern vor allem erklärten, wie aufgrund des Glaubens „Leben gelingt“. An die Stelle autoritativer Belehrungen treten Diskussionen; der bisher absolut gültige Wahrheitsbegriff beginnt sich aufzulösen: Was für die einen schwarz war, konnte für andere durchaus weiß sein.

Inzwischen sind wir in Westeuropa in der Postmoderne angekommen. Der übergreifende Wahrheitsbegriff ist dabei, sich völlig aufzulösen. Lebensentwürfe, Antworten auf die Sinnfrage und Glaubensüberzeugungen werden zunehmend atomisiert. Wir beginnen, effektiven Präsentationen der Moderne genauso zu misstrauen wie früher den unhinterfragten Autoritäten der Vormoderne. Suchende Menschen fragen immer weniger „Ist es wahr?“ oder „Was habe ich davon?“, sondern „Ist es echt?“. Authentizität ist Trumpf. Gleichzeitig entsteht ein neues Bedürfnis nach Gemeinschaft. Nicht mehr das überkommene, von der Familie oder dem Dorf verordnete Zusammensein, sondern eine selbstbestimmte und selbstgestylte Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einem Anliegen, einem „Stamm“. Sinnbild für solche Gemeinschaften auf Zeit sind die Facebook-Fanpages, bei der man je nach Uhrzeit und Tagesform ein- oder wieder aussteigen kann. Noch ringen christliche Gemeinden um passende Formen und Methoden der Mission in der Postmoderne. Ein Trend scheint in Richtung gemeinsamer geistlicher Reise zu zeigen, verkörpert in der wachsenden Anzahl verschiedener Glaubenskurse.

Noch sind wir nicht als ganze Gesellschaft in der Postmoderne angekommen. Die Grenze zwischen Moderne und Postmoderne schiebt sich mitten durch unsere Gesellschaft, abhängig von Alter, sozialer Herkunft und Lebensumfeld. Je jünger, wohlhabender und urbaner jemand lebt, desto eher sieht er unsere Welt durch eine postmoderne Brille.

Jesus-Experiment

Es scheint offensichtlich, dass ein neues Leitmedium wie das Internet das Missionsfeld Deutschland grundlegend verändert. Und grundlegend neue Methoden erforderlich macht. Wir dürfen uns nicht wundern, dass es nicht funktionert, ein evangelistisches Buch aus dem „Mindset“ der Vormoderne digital im Internet zu veröffentlichen. Mag die Form der medialen Präsentation noch so zeitgemäß scheinen – die Menschen der Postmoderne dekodieren diese Informationen grundlegend anders als in früheren Epochen.

Jährlich wollen 10.000 Suchende her- ausfinden, was dran ist: Das Jesus-Experiment
Bild: Screenshot jesus-experiment.de

Wer in einer postmodernen Gesellschaft im Internet missionarisch erfolgreich sein will, der muss Methoden einsetzen, die auf die Besonderheiten der Postmoderne zugeschnitten sind. Dabei bringt uns der hilfesuchende Blick nach Amerika übrigens kaum weiter, denn in den USA ist der Epochenwandel noch nicht so weit fortgeschritten wie im alten Europa mit seiner starken Tradition der Aufklärung. Wir werden wohl oder übel selbst verschiedene Ansätze erfinden und ausprobieren müssen, um effektive missionarische Methoden für die Postmoderne zu finden.

Seit 1996 arbeiten wir bei ERF Online im Themenfeld „Internetmission“, wir haben eine Reihe klassischer missionarischer Methoden im Internet ausprobiert – aber keine von denen, die aus dem Mindset der Moderne stammen, hat wirklich gut funktioniert. Die besten Erfahrungen machen wir zur Zeit mit dem „Jesus-Experiment“ (www.jesus-experiment.de). Die Art der missionarischen Ansprache haben wir ganz bewusst auf die drei postmodernen Leitbegriffe „prozessorientiert“, „authentisch“ und „Gemeinschaft“ ausgerichtet. Das „Jesus-Experiment“ verlangt von suchenden Menschen keinerlei Vorkenntnisse und setzt keinen Konsens über einen absoluten Wahrheitsbegriff voraus, sondern fordert sie zu einer Selbsterfahrung heraus: Was wäre, wenn es Gott wirklich gäbe? Was wäre, wenn er dir etwas zu sagen hätte? Was wäre, wenn du das – internetgestützt – mit in deinem eigenen Alltag erfahren könntest?

Jedes Jahr nehmen rund 10.000 Menschen an diesem Online-Experiment teil und versuchen herauszufinden, ob wirklich etwas dran ist. Wir stellen fest: Gerade junge Leute und Menschen mit esoterisch-spirituellem Hintergrund docken besonders schnell an beim „Jesus-Experiment“. Mit einem großen Spektrum an „missionarischen Resultaten“ von ersten positiven Gebetserfahrungen bis hin zur klassischen Bekehrung mit Taufe. Dabei versuchen wir, Menschen in eine reale Gemeinschaft mit Christen vor Ort hinein zu helfen. Wenn die „Missionskonstante“ immer noch gilt, dann brauchen Menschen auch dann eine anfassbare christliche Gemeinschaft, wenn sie im Internet die ersten Schritte ihres neuen Lebens gegangen sind.

 

Ausblick

Ein neues Medium erfordert neue Methoden in der Mission. Niemand weiß heute, wie das Internet im Jahr 2015 sein wird. Welche neue technischen Möglichkeiten wir erfunden haben werden. Aber drei Dinge stehen heute schon fest:

1. Das Internet wird noch mehr als heute fester Lebensbestandteil für 50 Millionen Menschen in Deutschland sein.
2. Ein immer größerer Teil davon wird mit Kopf, Herz und Lebensstil in der Postmoderne zu Hause sein.
3. Die Missionskonstante wird weiterhin gültig sein: Menschen brauchen Christus und Menschen brauchen die Gemeinschaft von Christen

Noch immer sind nicht alle Ideen gedacht, alle möglichen Ansätze ausprobiert, alle möglichen Methoden erfunden, wie Mission im Kontext von Internet und Postmoderne erfolgreich sein kann. Grund genug, das Jahrhunderte alte Gebetsanliegen von Jesus aus Lukas 10,2 neu aufzugreifen: Das Internet ist groß, aber es gibt wenige, die sich dort gezielt für Mission engagieren. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte – neue Ideen, neue Ansätze, neue Methoden… damit auch die Menschen der Postmoderne bei Gott ein Zuhause finden.


Mehr über die Arbeit von ERF Online: www.erf.de/online

Ressourcen für Skeptiker, Suchende und Überzeugte: mehrglauben.de

Rausfinden, was dran ist: www.jesus-experiment.de

Blog von Jörg Dechert: www.pixelpastor.com


Kommentare

Von Social Web Pastor am .

Vielen Dank für den inspirierenden Artikel. Es ist wahr, die Menschen brauchen Jesus Christus und die Gemeinschaft der 'zusammengerufenen' Ekklesia.
Ich stimme zu: Unsere Gottesrede sollte sich dem postmodernen Paradima emphatisch zuwenden. Zum Glück gibt es aber auch Unkenrufe, die Postmoderne sei im Niedergang: Menschen fragen wieder nach Fixpunkten absoluterer Wahrheit. Das ist eine Aufwärtsvolatilität der gesellschaftlichen Kurve, die unsere aufopfernde Investition in Missio Christi mehr

Von vivitml am .

Ja, die Fakten verstehe ich. Aber wie soll das konkret im Godi, in der Gemeinde aussehen: nicht nur den Verstand ansprechen, sondern "Glaube erfahren"?

Von bema am .

Hallo
"Mission 2.0 das Internet zwingt uns zum Umdenken" das hat mir so gut getan, dass ich nicht alleine der Ansicht bin, dass die ganzen klassischen missionarischen Aktivitäten meist gar nicht so ankommen, bzw. verstanden werden, wie ein Einsatz im Internet sei es im Gespräch im Projekt, im Experiment, in Facebook, Studivz oder was auch immer. Hier trifft man Menschen, spricht ihre Sprache, lernt sie verstehen und auf sie einzugehen. Hätten wir das Geld, das wir millionenweise in Sprach- und mehr

Von Charly am .

Danke Jörg dechert


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.