Andacht

Lernen von den "Forschern in Windeln"

Sokrates hält sie für Tyrannen, Jesus fordert uns auf, zu werden wie sie: Kinder. Was will Jesus uns damit sagen? Gedanken zu Markus 10,13-16.

„Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.“, stellte schon Sokrates fest. Klingt irgendwie modern. Kinder waren und sind eben nicht immer brav. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Jünger in Markus 10,13-16 versuchen, die Kinder von Jesus fernzuhalten. Sie meinen es vermutlich nur gut - ihr Lehrer braucht schließlich auch mal etwas Ruhe. Doch Jesus sieht das anders und erteilt seinen Jüngern einen Rüffel: „Lasst die Kinder zu mir kommen“, fordert er sie auf, „wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,14-16)

Jesus nimmt kein Blatt vor den Mund, das sind die Jünger gewohnt. Doch diese Zurechtweisung ist knallhart: Wenn ich das Reich Gottes nicht annehme wie ein Kind, komme ich nicht hinein? Das ist schon ein starkes Stück. Zeit sich zu fragen: Was kann ich vom Glauben der Kinder lernen? In Predigten und Andachten ist mir meistens die folgende Auslegung begegnet:

Was hat ein Kind, was ich nicht habe?

Kinder reflektieren ihr Handeln nicht, sie grübeln nicht über die Vergangenheit und machen sich keine Sorgen. Sie kommen voll Vertrauen zu ihren Eltern, wenn sie etwas brauchen oder nicht verstehen. Übertragen auf uns, bedeutet das: Wir dürfen und sollen uns vertrauensvoll an unseren Vater im Himmel wenden. Das Bild, das dann oft in Predigten gezeichnet wird, zeigt Jesus, wie er von Kindern umgeben ist, die ihm hingebungsvoll lauschen.

Wenn ich den Bibelabschnitt lese, wird mir bewusst, dass ich an meiner inneren Einstellung arbeiten und das Vertrauen zu meinem Vater immer wieder üben muss. Diese Auslegung ist wichtig und hat ihre Berechtigung. Doch irgendwie ist sie mir nicht genug. Das Bild hat etwas Passives hat. Ich frage mich: Will Jesus uns mit diesem Bild nicht noch mehr zeigen? Gibt es noch andere Eigenschaften, die wir von den Kindern lernen können?

Kinder - „Forscher in Windeln“

Keine Predigt, keine Auslegung, sondern ein Artikel bei ZEIT Online, der sinnigerweise den Titel „Werdet wie die Kinder“ trägt, brachte mich auf einen neuen Gedanken. Der Artikel greift die neusten  Erkenntnisse der Säuglingsforschung auf und macht klar: Kinder sind direkt nach der Geburt auf den Dialog mit ihrer Umwelt eingestellt und sie können eines sofort: lernen. Der Autor Reinhard Kahl schreibt in dem Artikel vom 6.04.2007: „Noch vor einer Generation wären Wissenschaftler ausgelacht worden, wenn sie Babys als kleine Wissenschaftler, als ‚Forscher in Windeln‘ oder als ‚kompetente Säuglinge‘ beschrieben hätten, die durch Ausprobieren, Verwerfen und Imitieren ihre ganz eigenen Forschungsprogramme durchführen.“

Kinder erforschen ihre Umwelt, lernen durch Ausprobieren, behalten das Gute und verwerfen das, was nicht funktioniert. Sie sind neugierig und suchen den Dialog? Wenn ich diese Eigenschaften auf den Bibeltext beziehe, wandelt sich das Bild doch gehörig: Es wird aktiv. Es wird lebendig. Übertragen auf meine Beziehung zu Gott, frage ich mich: Bin ich ein Forscher in meinem Glaubensleben oder hat der Alltagstrott meine Beziehung zu Gott im Griff?

Geistliche Säuglinge in alten Körpern

Als frisch geschlüpfter Christ ist man noch ein Säugling im Glauben und benötigt leicht verdauliche geistliche Nahrung (Hebräer 5,12-14). Doch nach und nach wächst der Glaube, man lernt Gott und die Bibel besser kennen, wird weise und reif – im Idealfall. Doch viel zu oft stagniert das Wachstum schon nach kurzer Zeit. Der Drang danach, Gott besser kennen zu lernen, flacht ab. Die Gemeinden sind voll von geistlichen Säuglingen in alten Körpern.

Das könnte anders sein, wenn wir mehr wären wie die Kinder: aufmerksam, suchend, erforschend – eben aktiv. Es gibt so viele Facetten in Gottes Wesen, die ich noch nie erforscht habe, so viele Bibelstellen, die ich nicht kenne, oder die ich vielleicht nur meine, verstanden zu haben. Das Leben mit Jesus kann täglich zum Erlebnis werden, wenn ich mich mehr darauf einlasse. Ich sollte es machen wie die Kinder: voll Vertrauen zu Gott kommen, Fragen stellen, neugierig sein und mich wieder ganz neu auf die Abenteuerreise mit Gott begeben.


Kommentare

Von Renate am .

Wir können viel von Kindern lernen. Diese Erfahrung habe ich als Mutter von inzwischen 5 erwachsenen Kindern immer wieder gemacht. Man muss sich nur intensiv mit Kindern beschäftigen und sie beobachten beim Spiel. Wenn wir uns dann mitreißen lassen und uns diese kindliche Neugier bewahren, wird auch unser Leben zu einer Abenteuerreise. Danke für die gute Auslegung!


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.