Miniflitzer locken Besucher

24 Stunden rasen am Tempo-Limit

Miniaturflitzer sorgten im CVJM Wahlbach für viele Besucher. Einen ganzen Tag schossen sechs Carrera-Autos durch die Kurven. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Es ist kurz vor 18:00 Uhr. Die Maschinen sind schon warm gelaufen. Sechs Fahrer machen sich bereit und warten auf das bevorstehende Rennen. Die Qualifikation ist bereits abgeschlossen. Manche nehmen an ihrem Auto noch kleine Veränderungen vor. Gleich fällt das Startsignal zum ersten 24-Stunden-Marathon. Die anwesenden Zuschauer zählen gemeinsam runter:

„Zehn. Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier Drei. Zwei. Eins.“

Bei null schießen die Wagen los. Schnell erreichen sie ihr maximales Tempo und stürzen sich in die erste Rechtskurve. Die Fahrer kämpfen mit vollem Einsätz um den Sieg bis die Uhr wieder auf 18:00 Uhr steht.

Die Rede ist nicht vom berüchtigten 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Nein, dieser Wettkampf wird in Wahlbach ausgetragen, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Burbach im Siegerland. Veranstalter ist auch nicht der französische Automobil-Club ACO sondern der Jugendkreis „Kellertreff“ vom örtlichen CVJM Wahlbach. Der wortwörtlich größte Unterschied besteht jedoch bei den Rennwagen und der Strecke. Die Teilnehmer steuern keinen richtigen Sportwagen, sondern heizen mit einer Kopie ihrer leistungsstarken Motorsport-Vorbilder im Maßstab 1:32 über die Strecke.

1963 kam die Carrera-Bahn erstmals auf den Markt. Mitte der 80er ging die Firma Neuhierl insolvent. Seit 1999 gehört das Konzept zu "Stadlbauer" in Nürnberg und blüht wieder auf. Carrera wurde nie zum richtigen Kinderspiel- zeug. Die meisten Fans sind kindge-bliebene Erwachsene. Es werden auch richtige Meisterschaften abgehalten.

www.carrera-toys.com/de


Grabt die Carrera-Bahn aus!

Erinnern Sie sich noch an die „Slot Cars“ (übersetzt: Schlitzautos) von früher? Haben Sie in Ihrer Kindheit auch so eine „spurgebundenen Autorennbahn“ besessen? Vielleicht träumten Sie auch viele Male, wie Ayrton Senna oder Schumi über den Asphalt zu rasen. Mit den Carrera-Bahnen wurde dieser Traum Wirklichkeit. Doch irgendwann machten auch die kleinen Flitzer einen Boxenstopp im Keller und verstaubten.

Vielleicht haben sich die Mitglieder vom Kellertreff an ihre Kindheit erinnert. Es kann auch gut sein, dass jemand beim Frühjahrsputz zufällig über einen alten Karton stolperte. Wie dem auch sei, der CVJM schaffte sich eine acht Meter lange Rennbahn mit Slot Cars an. Die „Carrera Digital“ zog die Jugendlichen in ihren Bann. Bis heute können sie ihre Daumen nicht von der Fernbedienung lassen. Vor wenigen Monaten veranstalteten sie schon ihr erstes großes Rennen im CVJM: ein Acht-Stunden-Rennen. Irgendwann reichte ihnen auch das nicht mehr aus. Es musste noch länger, noch größer werden.

 

Ein Vereinshaus wird zur Rennstrecke
Nicht nur im Kellertreff verbreitete sich die Begeisterung wie ein Lauffeuer, sie steckte auch einige aus der Nachbarschaft an. Die Jugendlichen setzten sich ein neues Ziel: Am 11. Februar 2011 wollten sie ein großes Rennen über 24 Stunden austragen. Dafür baute der CVJM die Strecke noch weiter aus. Sie erweiterten ihren acht Meter langen Kurs um viele weitere Streckenelemente. Rund 40 Meter misst nun eine Runde. Dabei müssen die Miniatur-Autos über durch viele enge Kurven, über Brücken und unter ihnen hindurch. Sechs Rennställe mit je mindestens fünf Fahrern stellen sich der Herausforderung.

Da ich selbst eine Carrera begeistertes Kind war, lasse ich mir die Möglichkeit nicht entgehen und nehme den Weg nach Wahlbach auf mich, um die Veranstaltung mit eigenen Augen zu beobachten. Auf der Suche nach einem Parkplatz stelle ich fest, dass ich nicht als einziger auf die Aktion aufmerksam geworden bin. Schon vor dem CVJM-Haus kann ich durch eine große Fensterscheibe eine Menschenmenge sehen, die im Saal einen Kreis um etwas herum bildet. „Da haben ja wirklich einige den Weg gefunden.“, denke ich mir.

Viele neugierige Zuschauer lassen sich das Rennen nicht entgehen.
Bild: Privat

Ich bin noch rechtzeitig, um einen Stehplatz mit Blick auf die Rennstrecke zu ergattern und die Qualifikationsläufe zu verfolgen. An einer Leinwand hinter der Rennbahn informiert eine Tabelle über die aktuellen Bestzeiten. Dank der neuen Carrera-Bahn sind Informationen über die Rundenzeiten und -anzahl von der Strecke via Beamer für alle einsehbar. Seit mehreren Jahren funktioniert Carrera auf digitaler Basis.

 

Fairplay: Der Spaß steht im Vordergrund
Mitten im Getümmel wurde eine Bühne aus mehreren Elementen errichtet. Darauf schlängelt sich die Rennstrecke über eine Länge von 37,5 Metern. Die rauschenden Flitzer legen einen leichten Klangteppich unter das Getuschel der Anwesenden. Dann weichen die Geräusche einer gespannten Stille, bevor ein Mitarbeiter noch einen kurzen Gedanken zum Fairplay loswird. Nicht nur im Wettkampf sorgt Fairplay für mehr Spaß, auch in der Realität erhöht es die Lebensfreude. Den Gedanken zu Ende geführt, steigt nun die Anspannung der Rennfahrer. Dann endlich ist es soweit. Die Rennstrecke wird freigegeben und der Countdown wird runter gezählt.

Als ich in die Runde schaue, fallen mir die unterschiedlichen Altersklassen der Piloten auf. Hier scheinen zwar viele das Slot Car-Rennen zum ersten Mal zu entdecken, aber manch einer gräbt es wieder aus seiner Erinnerung aus. Die Rennfahrer sind zwischen 13 und 65 Jahren. Jeder von ihnen kommt gut vorwärts und absolviert eine Runde nach der anderen. Natürlich sind die Jugendlichen des CVJM in klarem Vorteil. Während ein junger Fahrer sein Fahrzeug nicht aus dem Auge verliert, verrät er mir: „Ich fahre schon seit ungefähr einem halben Jahr“. Ein älterer sagt lachend, dass er die Fernbedienung gerade zum ersten Mal in den Händen hält. Learning by Doing heißt hier die Devise. Und dennoch mindert diese Tatsache den Spaßfaktor nicht im Geringsten.

 

Viel zu tun: Wenn die Kurve zu eng wird
Ob junger Christ oder erwachsener Mitarbeiter, erfahrener Feuerwehrmann oder Mitglied im Pokerclub Wahlbach: Hier zählt nicht das Können sondern der reine Spaß. Auch wenn der Sieger bereits nach dem halben Rennen fest steht. Am Samstag gönnen sich die Fahrer des Kellertreffs eine Kaffeepause und lassen ihren Wagen für eine Weile in der Boxengasse ruhen. Zu diesem Zeitpunkt genießt ihr Team einen Vorsprung von über 200 Runden. Spätestens jetzt haben manche Fahrer ihre Hoffnung auf den Sieg aufgegeben.

Nichtsdestotrotz liefern sich alle Fahrer heiße Duelle, die nicht selten in Karambolagen enden – was bei sechs Autos und zwei Spuren auch kein Wunder ist. Dafür stellt jede Mannschaft einen Streckenposten zur Verfügung, der sich um die aus der Spur geratenen Wagen kümmert. Wieder eingesetzt, geht es in hohem Tempo weiter, bis der nächste Unfall folgt.

Schlüsselbänder statt Kränze
Ich habe die 24 Stunden nicht durchgehalten und bin schon am Freitagabend abgereist. Dennoch wollte ich es mir nicht entgehen lassen, kurz vor Schluss noch einmal vorbeizuschauen und ein paar Meinungen einzufangen. Ein Fahrer erzählt mir, dass er es früher als Rennfahrer am Nürburgring versucht hat. Er scheiterte an der Fitness. „Jetzt will ich wenigstens beweisen, dass mein Daumen fit ist.“, schmunzelt er. Mittlerweile haben die Teilnehmer zwischen 3500 und 4000 Runden hinter sich. Als endlich die Zielfahne wedelt, sind die Fahrer sichtlich erleichtert. Kein Wunder: Alle Autos zusammen legten in den letzten 24 Stunden eine Strecke von 152 Kilometer zurück. Zum Ende des Rennens ernten alle Fahrer großen Applaus für ihr Durchhaltevermögen.

Noch erwischt: Mit Höchstgeschwind-igkeit rasen die kleinen Flitzer über die Start-Ziel-Gerade.
Bild: Privat

Wem die kleinen Flitzer bislang zu schnell an der Linse vorbeirauschten, hat nun die Möglichkeit sie in Ruhe abzulichten. Vorerst geht die Veranstaltung aber zur Siegerehrung über. Die einzelnen Teams werden für ihre Rennleistung entsprechend gewürdigt. Die Rennpiloten erhalten Urkunden und die besten drei Mannschaften werden mit Pokalen belohnt. Unter Blitzlicht und Applaus nehmen die Preisträger ihre mit Stiften und Schlüsselbändern gefüllten Trophäen entgegen. Auch wenn nicht jede Leistung zum Sieg führte, war der Spaß an dieser Aktion doch durch die Bank spürbar und blieb den Fahrern wie den Zuschauern erhalten.

Aftershow-Party rundet ab
Das Programm fand mit der Ehrung allerdings noch kein Ende. Nach dem 24-Stunden-Rennen luden die Veranstalter zur „Lord’s Party“ ein: Ein kleine Aftershow-Party, in der Gott ins Zentrum rückt. Wer nach diesem Tag noch Lust, Zeit und Kraftreserven hatte, war herzlich eingeladen. Dafür wurde die Strecke zügig abgebaut, um den Saal für das Abschlussprogramm anzupassen. Mit der Party ließen die Veranstalter, Teilnehmer und Besucher den langen Tag gemütlich ausklingen.
 

Im Nachhinein wirft der Hauptverantwortliche Jan Reichenau einen Blick auf das Rennen. Für ihn war es eine durchweg gelungene Aktion. Bis auf wenige Ausnahmen herrschten „Fairplay“ und eine gute Atmosphäre. Natürlich kamen manche Fahrer auch aneinander, was man bei einer solchen Strapaze aber verschmerzen kann. Beeindruckt erzählt Reichenau: „Die kompletten 24 Stunden waren Zuschauer da“. Wenn es auch in den grauen Morgenstunden gediegener zuging, kam schon ab 7:00 Uhr am Samstagmorgen ein großer Schwung Besucher zur Tür herein.

 

Eine Überlegung wert
Die Aktion war für Jan Reichenau in vielerlei Hinsicht erfolgreich und er hofft schon jetzt auf eine baldige Wiederholung. Er empfiehlt sie auch gerne weiter. Für den CVJM boten sich viele Möglichkeiten, neue Leute zu begrüßen und ihnen von ihrer Arbeit zu erzählen. Das Tolle war, dass nicht nur Christen kamen sondern auch viele, die bislang nichts mit dem CVJM und dem Glauben zu tun hatten. Das 24-Stunden-Rennen ist ein schönes Beispiel dafür, wie Gemeinden auf eine neue Weise missionarisch aktiv werden und das Interesse in ihrem Umfeld wecken können.
 


 

Der Radiobeitrag zum 24-Stunden-Rennen auf CrossChannel.de

 

Weitere Eindrücke vom 24-Stunden-Rennen auf CVJM-Wahlbach.de


Kommentare

Von Tobias am .

Eine kleine Story zu dem Thema. Erst dachte ich mir: „Was soll denn das jetzt?“ Schnell fiel mir aber folgendes dazu ein:
Mein nachfolgender Bruder und ich wünschten uns so sehr eben so eine Carrera-Bahn in der Kindheit. Bekommen haben wir sie nicht, da wir schon zwei Modelleisenbahnen zu pflegen hatten. Vor drei Jahren an Weihnachten, ich war nach Insolvenz meiner Firma nicht fähig gewesen meinem Sohn etwas zu schenken. In meinem Elternhaus pflegten wir auch keine Geschenke zu machen, nur da mehr


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