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Wenn Missionare schmieren müssen

Korruption in Einsatzländern beeinflusst die Arbeit von Missionaren enorm. Eine neue Studie macht die Problematik deutlich.

„Der normale Missionar in einem klassischen Dritte-Welt-Staat wird ohne Korruption seine Arbeit eigentlich gar nicht machen können.“ Diese Feststellung machte Dr. Stephan Holthaus in einem Interview gegenüber ERF Medien am 7. Januar 2011. Unter seiner Leitung führte das „Institut für Ethik und Werte“ im Juni 2010 eine Studie zum Thema Mission und Korruption durch, mit dem Ziel herauszufinden, wie Missionswerke die Korruption in ihren Einsatzländern einschätzen und welche Richtlinien es diesbezüglich gibt. Zu diesem Zweck befragte das Institut 33 evangelikale und charismatische Missionswerke. Die  Studie ergab, dass Missionare in 87 Prozent aller Einsatzländer mit Korruption zu tun haben.

Wie die Studie offenbart, ist Korruption vor allem in afrikanischen und asiatischen Ländern verbreitet. Sie findet vorrangig in den öffentlichen Bereich statt wie Zoll, Justiz, Polizei und Verwaltung. Innerhalb der Kontinente herrschen jedoch beträchtliche Unterschiede zwischen den jeweiligen Ländern. Es wäre demnach irreführend, allgemein zwischen korrupten und nicht korrupten Kontinenten zu unterscheiden. Dennoch ist bei den betroffenen Ländern ein gewisses Schema zu erkennen. So zeigt die Studie laut Holthaus, „dass Länder mit stark christlich-humanitären Prägungen weniger anfällig sind für Korruption als Länder mit anderen religiösen Prägungen oder sogar heidnisch animistischen Prägungen.“ Religion und Korruption stehen somit in einem gewissen Zusammenhang.

Missionare unter Spannung: Wo fängt Korruption an?

Des Weiteren macht die Studie deutlich, dass es nur in wenigen Missionswerken klare Richtlinien gibt, wie die Missionare z.B. mit Schmiergeldforderungen umgehen sollten. Nur in zwei der 33 Werke liegen diese Richtlinien schriftlich vor. Die Werke empfehlen den Missionaren, nicht auf Korruptionszahlungen einzugehen. „Sie wollen ehrlich sein, transparent und authentisch ihre Arbeit tun.“, betont Holthaus. Doch die Realität beweist, dass die Umsetzung nicht immer einfach ist und auch klare Richtlinien das Problem nicht lösen. „Was mache ich, wenn ich eine Hilfslieferung aus Deutschland bekomme, sie im Hafen festsitzt, ich aber unbedingt an die Dinge ran muss, vielleicht auch, um anderes Leben zu retten?“, verdeutlicht Holthaus den Konflikt. „Da sind die Missionare natürlich in einer unglaublichen Spannung, auch die Entwicklungshelfer: Wo fängt Korruption an, wie weit kann ich gehen?“ In einer solchen Spannung befinden sich laut Holthaus viele Missionare fast täglich.

Korruption macht nicht vor Kirchentüren Halt

Das erschreckenden: 77 Prozent der Befragten gaben an, Korruption sei auch in den einheimischen Kirchen präsent. Holthaus vermutet: „Das hängt meines Erachtens nach mit der kulturellen Prägung zusammen. Wenn man aus einem Land kommt, wo Korruption an der Tagesordnung ist, wo es strukturelle Korruption überall gibt, ist es natürlich sehr schwierig, auch als Christ aus diesem System herauszukommen. Das ist wie eingebrannt in die Köpfe der Leute.“

Dennoch können sich Christen gerade in dieser Frage von anderen abheben und aufzeigen: Wir sind anders! „Die Missionare haben meines Erachtens auch eine große Verantwortung, in ihren einheimischen Kirchen mit aller Vorsicht über die Dinge zu sprechen, damit dort Veränderung geschieht.“, betont Holthaus. Eine einfache schwarz-weiße Lösung für diesen ethischen Konflikt gibt es leider nicht.


Ausschnitte des Interviews sehen Sie bei ERF aktuell. Einen Radiobeitrag finden Sie bei ERF Radio.