Gottesbilder

Gott, mein Kumpel

Richtig: Christen dürfen Gott Papa nennen und ihm ganz nah sein. Diese Nähe kann aber zu normal werden – und ins Negative umschlagen.

„Gott ist ein Kumpel!“ titelte eine Tageszeitung am 14. Oktober 2010, als die 33 chilenischen Minenarbeiter aus ihrer verschütteten Kupfer- und Goldmine in der Atacama-Wüste befreit waren. In über 600 Metern Tiefe hatten sie 69 Tage in völliger Dunkelheit ausgeharrt, nachdem ein Schacht eingestürzt war. Die Rettungsarbeiten zogen sich über Wochen hin. Und die Welt fieberte mit.

Herrlich, die Überschrift beweist journalistische Klasse und drückt auf hervorragende Weise das Gefühl aus, das sich vielen bei der Rettung beteiligten Menschen aufdrängte: Gott hatte bei dieser Rettung seine Finger im Spiel. Er hat sich mit diesen Bergmännern, den Kumpeln, solidarisiert und für ihre Rettung gesorgt. Unmöglich war die Rettung zwar nicht. Trotzdem grenzt es an ein Wunder, dass alle Verschütteten aus der Unglücksmine gerettet werden konnten.

Christen sind Freunde Gottes
Gott als Kumpel? Ein schöner, in diesem Fall doppeldeutiger Gedanke, der tatsächlich zu einigen Aussagen der Bibel passt. Schließlich hat sich Gott in Jesus wirklich mit den Menschen solidarisiert, ist einer von ihnen geworden und hat den Weg zur Rettung der Menschheit ermöglicht. Fest steht: Würden alle Menschen in Bergwerken wohnen, Jesus wäre ein Kumpel gewesen.

Außerdem scheint eine vertraute Freundschaft zu Gott geradezu das zentrale Element des christlichen Glaubens zu sein. Christen laden zur Freundschaft oder Beziehung mit Gott ein und Jesus nennt seine Nachfolger Freunde (Joh 15, 15). Das hat übrigens schon im Alten Testament angefangen. Abraham wird als Freund Gottes bezeichnet (Jak 2, 23) und Mose unterhielt sich mit Gott von Angesicht zu Angesicht, wie man unter Freunden redet (2. Mose 33, 11). Was für eine wundervolle Vorstellung.

Freundschaft mit Schlagseite
Das hat der christliche Glaube zu bieten, das ist frohe Botschaft! Wir können mit unserem Schöpfer in Kontakt treten. Er ist kein unnahbarer Herrscher, der so heilig ist, dass allein schon der Gedanke Gotteslästerung ist, er wäre an seinen Geschöpfen persönlich interessiert. Christen dürfen ihn Papa nennen und sind demnach seine Söhne und Töchter (Gal 4, 6), gehören zu seiner Familie (Eph 2, 19), sind mit Gott versöhnt und haben direkten Zugang zu Gott (Eph 2, 18). Durch Jesus ist eine direkte, vertrauensvolle Freundschaft mit Gott möglich. Das ist eine hoffnungsvolle Perspektive. So lässt sich‘s wirklich leben. Gerade in den schweren Zeiten. Gott ist für uns, damit ist alles gut. Komme, was wolle.

Wirklich alles? Nicht unbedingt. Denn diese Nähe zu Gott kann Schlagseite bekommen. Wie so vieles, was einmal neu, prickelnd und atemberaubend war, kann auch die Freundschaft mit Gott über die Jahre selbstverständlich werden. Ich staune nicht mehr darüber, was da gerade passiert, wenn ich mein Gebet mit „Lieber Vater“ anfange. Ich bin nicht mehr davon ergriffen, wenn ich Vergebung von Schuld zugesprochen bekomme. Und ich staune nicht mehr über die Gewissheit, dass ich einst als Freund Gottes vor seinem Thron bestehen werde. Gott wird Alltagsgegenstand. Seine Vergebung gewöhnlich. Die Nähe zu ihm trivial. Er wird zum Kumpel, der immer für mich da ist, mir immer vergibt. Ihm kann ich alles sagen, er hört mir ja immer zu.

Richtig, aber einseitig
Das ist zwar alles richtig, aber auch einseitig. Schließlich ist Gott kein himmlischer aber weitgehend harmloser Wegbegleiter, der nur dafür sorgt, dass mein durchgestyltes Leben auch vollends gelingt und bloß nicht mit dem Tod aufhört. Er ist auch nicht wie ich. Da ist ein himmelweiter Unterschied zwischen meinen bruchstückhaften Versuchen, ein besseres Leben zu führen und seiner Heiligkeit. Zwischen meinen zu erwartenden 70 oder 80 Jahren und seiner Ewigkeit. Zwischen meinem Bemühen, meine Mitmenschen mit seinen Augen zu sehen und seiner Begeisterung für alle Menschen - und das nach all den Jahren.

Gott ist der allmächtige Schöpfer, der aus dem Nichts erschafft und dessen mächtige Stimme über den Wassern donnert (Ps 29, 3). Das verzehrende Feuer, vor dem keine Unreinheit bestehen kann. Der ewige Weltenherrscher, der Könige einsetzt und absetzt (Dan 2, 21) und vor dem selbst herrliche Engel ins Schwärmen kommen (Jes 6, 2-4). Wie kann ich ihn da wie einen Kumpel behandeln?

Probe aufs Exempel
Der Lackmustest dafür, ob Gott zu meinem Kumpel geworden ist, ist die Frage: Wie schwer fällt es mir, Gott meine Schuld zu bekennen? Bin ich mir dabei bewusst, mit wem ich es zu tun habe und was er für mich getan hat? Oder ist Gott mein Kumpel, der mir ohnehin wie gewohnt und leichtfertig vergibt – oder schon vergeben hat?

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Gemeinsames Leben“ in Bezug auf die Beichte sehr passende Worte zum Thema gewählt: „Woran liegt es, dass uns oft das Sündenbekenntnis vor Gott leichter wird als vor dem Bruder? Gott ist heilig und ohne Sünde, er ist ein gerechter Richter des Bösen und ein Feind allen Ungehorsams. […] Sollten wir nicht den Weg zum Bruder leichter finden als zum heiligen Gott? Steht es bei uns aber anders, so müssen wir uns fragen, ob wir uns mit unserm Sündenbekenntnis vor Gott nicht oftmals selbst getäuscht haben, ob wir nicht vielmehr uns selbst unsere Sünden bekannten und sie uns auch selbst vergaben?“1

Unbeeindruckt von Gottes Heiligkeit
Wem das Bekennen von Schuld vor Gott leichter fällt als vor Menschen, hat Gott sehr wahrscheinlich zum Kumpel gemacht, zum Papiertiger. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, bei Gott um Vergebung zu bitten. Wo sonst? Und natürlich können wir uns durch möglichst große Selbstzerknirschung keinen gnädigen Gott oder die Wiedergutmachung von Schuld verdienen. Es zeugt jedoch von einem fragwürdigen Gottesbild, wenn ich meine Freundschaft zu Gott allzu selbstverständlich nehme und mich seine Heiligkeit unbeeindruckt lässt.

Zugegeben, manchmal ist es schwer, die Spannung zu halten. Einerseits ist Gott in Jesus ein Freund und Bruder. Andererseits ist er derjenige, vor dem sich einmal alle Knie beugen werden und der die Welt richten wird. Wer das nicht auf Anhieb zusammen bekommt, ist sicher nicht der erste. Trotzdem sollten wir alles daran setzen, uns an keine dieser Überzeugungen zu gewöhnen. Wir brauchen immer wieder Momente, in denen wir darüber staunen, wie treu, heilig und liebevoll Gott ist. Momente, in denen wir mit offenem Mund vor der Tatsache stehen, dass sich der Herr des Universums uns zugewandt hat und uns Papa, Freund und Weggefährte geworden ist – aber kein harmloser Kumpel.


1 Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, BRUNNEN, 1977, S. 100.



Vom 17. - 21. 01. geht es auf www.erf.de eine Woche lang um Gottesbilder. Gerade um die, die uns belasten und mit denen wir uns selbst im Weg stehen. Die weiteren Beiträge:

Gott im Kopf

Gott, mein Geschäftspartner

Gott, die Spaßbremse

Gott, das Chamäleon


Kommentare

Von Bernd Schneider am .

Genau das, was Herr Bär ausführt, wird von Bach im Weihnachtsoratorium 1. Teil ausgesagt: Jesus, der Herr der Welt, wird Mensch und damit wird der Herr ("Kyrios") auch unser Freund und Bruder. Es scheint zur Zeit Bachs umgekehrt gewesen zu sein: der unnahbare Gott wird unser Vater. Ein unerhörtes Wunder!
Was unten Herr "Seismograph" schreibt ist - mit Verlaub gesagt - Ausdruck konfuser Angst.

Von Gerald zeilinger am .

Lieber Hr. Bär,
wenn das stimmt, was Sie hier über die Haltung die ich mitbringen muss um Gott um Vergebung bitten zu können, dann kann ich wohl vorerst einmal damit aufhören, meine Schuld vor Gott zu bringen und muss diese wohl bis auf weiteres mit mir herumschleppen, bis ich soweit bin Gott mit der richtigen Haltung zu begegnen. Ausserdem kann ich die noch ziehmlich wacklige Freiheit, die ich hier nach einem langen und mühevollen Weg endlich erreicht habe, wohl auch wieder abschreiben.
Gruß
G. Zeilinger

Von Angela am .

Die Beiträge hier finde ich sehr interessant und individuell. "Seismograph" greift sicherlich Probleme auf, denen wir als Christen immer wieder begegnen werden und es ist nicht leicht, dagegen zu steuern, ohne als konservativ und "out" zu gelten. Aber: um wessen Meinung geht uns letztendlich? Machen wir uns von der Meinung derer abhängig, die von Gott abhängig sind, ohne es zu wissen, oder von Ihm? Wir haben Milliarden von Menschen, die sich irren können, aber nur EINEN Gott, der sich nicht mehr

Von Sabine am .

Ich habe auch gerade das Buch "Die Hütte" gelesen, ebenso empfehlenswert wie"Nach dem Amen, bete weiter".
Es stimmt: das Leben mit Gott,Jesus und dem heiligen Geist in mir, ist sehr spannend und schön!

Von maite am .

ein toller beitrag! sehr nachdenkenswert. vielen dank dafür!!

Von Rolf-Dieter Mucke am .

Mein Bruder Joachim,
Nun ein paar wichtige Anmerkungen z.B. zu den Zeilen: "Christen dürfen Gott Papa nen- nen und ihm ganz nah sein !" Lies mal unter entspr.Gebet Gal.2,20.
Hier siehst Du, dass ER nicht nur nah ist, son- dern sogar in unsrem Herzen durch unser Vertrauen in CHRISTUS
wohnt. Näher geht nix.
Somit ist ER das LEBEN unsres Lebens. Wenn wir das verstanden haben, zählen keinerlei Pro- gramme mehr, sondern
nur noch SEINE Leitung von Innen her. Dann ist jeder Tag ein Abenteuer mehr

Von Angela am .

Hallo Joachim,
auch dieser Beitrag ist sehr gut und notwendig. Es stimmt schon, daß Gott "zur Gewohnheit" werden kann, aber ich hoffe doch, daß Er uns rechtzeitig wieder daran erinnert, WER Er ist!
Die schönste Stelle in Deinem Beitrag ist für mich die Zusage in Röm 14,11, daß ALLE sich beugen werden vor dem großen Gott. Das gilt auch für die, die wir heute (noch) nicht mit Seiner Botschaft erreichen, aber auch für die, die meinen, Ihn als Kumpel ansehen zu können. Vor einem "Kumpel" beugt sich keiner, vor dem heiligen Gott werden es aber alle tun. Das ist doch beruhigend zu wissen.

Von Seismograph am .

Zugegeben Herr Bär, hier haben Sie feinfühlig einen neuen Trend erkannt, allerdings die Ursachen ein wenig reduziert.
Wer sorgt den für die zunehmende Verweltlichung auch in den Gemeinden? Wenn heute Eltern für Ihren christlichen Glauben eintreten und ihre Kinder von bestimmten Veranstaltungen in Schulen (z.B. okkulte Workshops, oder 'mein Bauch gehört mir'-Theateraufführungen)
fernhalten wollen, werden sie u.U. in Beugehaft genommen. Leben wir noch in einem freien Land? In den Gemeinden sind mehr


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