Oratorium Lesezeit: ~ 3 min

Droht nur!

Bleibt von Weihnachten nicht viel mehr als ein harmloses Fest ohne Auswirkungen? Weit gefehlt, wie schon Johann Sebastian Bach wusste.

Was haben wir von Weihnachten, diesem scheinbar harmlosen Fest der Harmonie mit Krippe und Jesuskind? Johann Sebastian Bach war sich sicher: Eine ganze Menge! Anders lässt sich nur teilweise erklären, warum er im Advent 1734 ein monumentales, sechsteiliges Werk komponierte, das bei kompletter Aufführung 2,5 Stunden dauert und sich zu einem seiner populärsten Werke entwickelt hat: das Weihnachtsoratorium.

Noch mehr Betonung auf Weihnachten?
Als Thomaskantor in Leipzig hatte er für die angemessene musikalische Gestaltung der Gottesdienste an den Leipziger Hauptkirchen zu sorgen. Zwischen dem zweiten und vierten Adventsonntag 1734 musste er jedoch keine neue Kantate schreiben und einstudieren. Zeit genug, um sich einer neuen Herausforderung zu stellen: die Gestaltung einer Reihe zusammenhängender Kantaten, die die sechs Feiertage vom 1. Weihnachtsfeiertag bis Epiphanias (6.1.) 1734/35 das erste Mal ausschmücken sollten. Wie kann ein Kantor der Geburt Jesu noch mehr Gewicht geben?

Der Text des Weihnachtsoratoriums besteht aus Passagen der Bibel, bekannten Kirchenchorälen und freien geistlichen Dichtungen. Er stammt recht wahrscheinlich aus der Feder von Christian Friedrich Henrici, eher bekannt unter seinem Pseudonym Picander. Bach arbeitete über zwanzig Jahre lang mit dem überaus versierten Dichter zusammen und griff auch in seiner Leipziger Zeit gerne auf dessen Textvorlagen zurück.

Lasset das Zagen!
Diese Kombination von Text und Musik transportiert auf einzigartige Weise die besondere Bedeutung von Weihnachten. Die Stoßrichtung des Oratoriums ist festlich, hoffnungsvoll und zutiefst tröstlich. Schon der Eröffnungschor ruft dazu auf, alles Zagen und alle Klage zu verbannen und fröhlich zu sein.

Der tröstliche und alles andere als harmlose Charakter der Weihnachtsbotschaft tritt aber besonders in der sechsten und letzten Kantate „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ zu Tage. Die Rahmenhandlung behandelt an dieser Stelle des Oratoriums, wie König Herodes nach dem Leben des soeben geborenen Jesus trachtet (vgl. Matthäus 2, 1-12). Diese äußere, sehr ernste Bedrohung des kleinen, wehrlosen Kindes Jesus bekommt gerade durch die letzten Sätze der Kantate ein bemerkenswertes Gegengewicht. Wie in einem zeitlichen Vorgriff kommt die alles übersteigende Macht des wiederauferstandenen Jesus ins Spiel (vgl. Matthäus 28, 18).

Das haben wir von Weihnachten!
Es sind vor allem die Arien des Weihnachtsoratoriums, die die Tragweite von Weihnachten unterstreichen. Sie bilden mit ihrem kontemplativen, einhaltenden Charakter musikalisch und theologisch die Herzstücke des Oratoriums. So auch die Sopran- und Tenor-Arien der sechsten und letzten Kantate. Sie verdeutlichen, wie alles Drohen der Feinde, um wen oder was es sich auch immer handelt, mit nur einem Wink des Auferstandenen seine Kraft verliert. Wer Jesus an seiner Seite hat, steht auf der Seite des Siegers, die Macht Gottes ist größer als die der Welt. Oder wie der Tenor in der letzten Arie des Oratoriums vorträgt:

Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken;
Was könnt ihr mir für Furcht erwecken?
Mein Schatz, mein Hort ist hier bei mir.
Ihr mögt euch noch so grimmig stellen,
Droht nur, mich ganz und gar zu fällen,
Doch seht! mein Heiland wohnet hier.

Das haben wir von Weihnachten! Das Kommen Jesu ist die Grundlage dafür, ein überaus zuversichtliches Leben zu führen. Denn letztlich haben alle Lebensumstände, jegliche Macht dieser Welt der Gegenwart des „Heilands“ nichts entgegenzusetzen. Das gilt auch für den, der ganz und gar „gefällt“ wird, wenn also Krankheit oder selbst der Tod ins Spiel kommen. Denn das Leben in der Gegenwart des Heilands hört nicht mit diesem Leben auf, es reicht weit über den Tod hinaus. Weil das Kind zum Auferstandenen geworden ist. Wer sich an das Kind in der Krippe hängt, hat allen Grund zur Hoffnung.

In der Bedeutungslosigkeit versunken
Es ist nicht überliefert, ob das Weihnachtsoratorium zu Lebzeiten Bachs ein weiteres Mal in voller Länge aufgeführt wurde. Sicher ist bloß, dass das Oratorium, zusammen mit den anderen Werken Bachs, für einige Jahre in der Bedeutungslosigkeit versank. Die allgemeine Beliebtheit und Verbreitung seiner Musik setzte erst wieder ein, als Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 die Matthäuspassion von Bach in Berlin erneut aufführte.

1857 erklang das Weihnachtsoratorium unter der Leitung von Eduard Grell in gekürzter Form wieder, ebenfalls in Berlin. Die Begeisterung für das Werk nahm hier seinen Anfang und ist bis heute ungebrochen. Das Weihnachtsoratorium ist Jahr für Jahr ein zentraler Bestandteil adventlicher Spielpläne und Veranstaltungsreihen von Konzerthäusern, Kirchen und Philharmonien in der ganzen Welt. Und mit ihm ein Gefühl dafür, welche Bedeutung der Geburt Jesu innewohnt.


Die Tenorarie auf youtube anhören

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Kommentare

Von Beate Schanz am .

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind, auf die Erde nieder...
Sicher kennt jeder dieses Weihnachtslied. Doch wenn Jesus Christus nicht zu Dir und mir kommt: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer... Sacharja 9,9, dann hat Weihnachten keinen Sinn für uns. Jesus will "in uns" geboren werden. Ich wünsche uns allen: Mache dich auf und werde licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir, denn siehe Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel mehr

Von Jürgen Dold am .

Vielen Dank für das Einstellen dieses qualitativ hochwertigen Artikels und der Links.


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