Eine Reportage Lesezeit: ~ 8 min

Die Jugend von heute - ein hoffnungsloser Fall?

Viel Show und wenig Inhalt, das will die Jugend von heute! Wirklich? Der Jugendgottesdienst SAT beweist das Gegenteil. Eine Reportage.

Was zieht die Jugend von heute in einen Gottesdienst? Ist doch klar: viel Unterhaltung und bitte keine lange Predigt! Ist das wirklich so? Das frage ich mich, während ich mein Auto auf dem verlassenen Lidl-Parkplatz in Dillenburg parke. Der befindet sich direkt neben einem großen grauen Gebäude: den Gewerblichen Schulen. Die sind neuerdings auch sonntags geöffnet. Hier findet nämlich von Oktober bis März der wöchentliche „Sonntagabendtreff“ statt. Der unter dem Kürzel SAT bekannte Jugendgottesdienst boomt. Noch vor drei Jahren begann er mit circa 50 Jugendlichen in einem kleinen, mittlerweile viel zu kleinen Gemeinderaum. Die Räumlichkeit musste schon zwei Mal gewechselt werden, wegen Überfüllung. Ein Traum für jeden Pfarrer.

Andrang in der Schulaula

Irgendwas muss also dran sein an diesem Gottesdienst - nur was? Das herauszufinden ist meine Mission für heute Abend. Es ist 18:45 Uhr, als ich durch die gläserne Eingangstür gehe. Mit einem freundlichen Lächeln begrüßt mich ein junger Mann und drückt mir einen Flyer in die Hand. Drei Schritte weiter befinde ich mich schon mitten im Geschehen. Die Aula ist wirklich keine Schönheit: graublauer Fußboden und karge Wände, eine typische Schulaula eben. Der rote Vorhang neben der Bühne verleiht dem Ganzen ein wenig Farbe.

Auf circa 120 Quadratmetern werden noch die letzten Stühle gerückt und auf der Bühne spielt die fünfköpfige Band ein Lied an. Überall stehen Grüppchen von jungen Menschen. Wer Mitarbeiter und wer Besucher ist, ist nur bei genauerem Hinsehen erkennbar, denn vom Alter unterscheiden sich die meisten kaum. Überall hört man Geschnatter und Lachen, Freunde begrüßen sich quer durch den Raum. Gleich geht’s los.

Ein Gottesdienst ohne großen Schnickschnack

Ich suche mir einen Platz in den hinteren Reihen, um das Geschehen gut überblicken zu können. Die Stimmung ist heiter und der Lärmpegel senkt sich erst, als der Moderator im lässigen Outfit die ebenfalls karge Bühne betritt. Deko? Weit gefehlt! „Es gibt hier keinen großen Schnickschnack. Der Blick wird auf das Wesentliche gelenkt“, erklärt mir Florian. Der 21-Jährige spielt Gitarre in einer der drei Bands. Immerhin gibt es zwei Leinwände, auf denen momentan das orangefarbene Logo mit dem Motto der Veranstaltung erstrahlt: „SAT- Voll auf Empfang“.

Vom Teilnehmer zum Mitarbeiter

Bild: Stephan Kloft

Ein lautes „Herzlich willkommen!“ reißt mich aus meinen Gedanken. Basti, der junge Moderator, begrüßt den vollen Saal elanvoll. Er selbst war vor Kurzem noch Besucher und ist nun begeistert im Moderatorenteam dabei. Dieser Werdegang ist gar nicht so außergewöhnlich. Das Mitarbeiter-Team besteht mittlerweile aus 50 jungen und junggebliebenen Leuten, von denen viele vor einigen Monaten noch Besucher waren. Jeder, der mitarbeiten möchte, ist gefragt. So ist mit der Zeit ein bunt gemischtes Team mit Mitarbeitern aus den unterschiedlichsten Gemeinden entstanden. Und viele Freundschaften. Man sieht sich schließlich jede Woche.

Intensives Bibelstudium von Woche zu Woche

Nach zwei Liedern und der Vorstellung eines Missionsprojektes geht’s direkt los mit der Predigt. Die steht hier im Mittelpunkt, das merkt der Besucher schnell. „40-45 Minuten ist unsere Richtzeit. Es ist uns wichtig, dass wir uns Zeit nehmen, intensiv ins Thema einzusteigen“, erklärt Markus Wäsch. Der Jugendreferent der Christlichen Jugendpflege in Dillenburg war es, der die Idee zu diesem gemeindeübergreifenden Gottesdienst hatte und ihn ins Leben rief. „Ich glaube, dass viele Leute, die den SAT zum ersten Mal miterleben, zunächst einmal enttäuscht sind, weil es so schlicht ist. Wir machen kein großes Theater. Ziel ist es, junge Leute, die sich zu Jesus bekennen, zu sammeln und ihnen Mut zu machen. Und zum anderen wollen wir systematisch und lebensnah das Wort Gottes predigen.“ Wir – das ist das vierköpfige Predigerteam.

Die Themen für die Predigten sind also nicht willkürlich. Nach und nach wird durch verschiedene Bücher der Bibel gepredigt. „Das ist eine Stärke des SAT“, erklärt Markus weiter. „Man kann sich auf das beziehen, was letzte Woche war und verliert nicht den roten Faden. Wenn jeweils vier Wochen dazwischen lägen, hätte auch ich das meiste vergessen.“

Bild: Stephan Kloft

Außen hui und innen pfui

Die Predigt ist intensiv und lang - aber lebensnah. Es geht um Lukas 11, Jesu Gespräch mit den Pharisäern. In anderen Worten: Außen hui, innen pfui. „Die Pharisäer hatten mehr Rotstifte, als ein einzelner Mensch tragen kann“, veranschaulicht Markus die Situation mit diesen strengen Theologen. Er geht vor allem auf das Händewaschen vor dem Essen ein. Dieses Ritual führten die Pharisäer als religiöse Regel ein und klagten Jesus an, als er dies nicht tat. Die Pharisäer hingegen wuschen sich die Hände „bis sie schrumpelig wurden“, so Markus.

Ob das bei uns heute anders ist, fragt Markus: „Wie viele Minuten hast du heute im Bad verbracht?“ Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter, da bin ich nämlich ziemlich flott. „Und wie lange hast du heute im Gebet verbracht?“ Nicht nur ich werde etwas kleiner auf meinem Stuhl. Zur Veranschaulichung hat Markus einen Becher mitgebracht, der mit braunem Pulver gefüllt ist, von außen perfekt glänzt und den er eben mal schnell vor seinen Füßen leert. „Was ist eigentlich attraktiv?“, will er weiter wissen. „Ich war früher nicht der Attraktivste in der Klasse“, erzählt Markus, „meine Mutter musste mir ein Kotelett um den Hals hängen, damit wenigstens der Hund mit mir spielt.“ Das war sicherlich übertrieben, doch Markus hat nicht nur die Lacher, sondern auch die Aufmerksamkeit der Besucher auf seiner Seite.

Klare Worte, aber: kreativ, witzig und lebensnah

Obwohl die Predigt lang ist, vergeht die Zeit wie im Flug. Das findet auch Waldemar, der links neben mir sitzt. Der 26-Jährige ist seit dem letzten Jahr als freier Mitarbeiter dabei: „Mir gefällt, dass die Botschaften lebensnah sind und gut präsentiert werden. Ab und zu mit Präsentation, manchmal einfach nur so bildlich erklärt. Und ziemlich bibelnah.“

Der Prediger schafft es nicht nur, den Zuhörer das Geschehen bildlich vor Augen zu führen, sondern auch den Bezug zum eigenen Leben. Auch, wenn das mal wehtut. „Man braucht junge Leute nicht mit Samthandschuhen anzufassen, weil man denkt, dass man sie verschreckt. Im Gegenteil: Junge Leute erwarten klare Aussagen. Daran kann man sich viel besser orientieren, als wenn man ihnen versucht, so wischiwaschi entgegenzukommen.“, findet Markus. Klar und deutlich sind seine Worte auch in der heutigen Predigt, aber liebevoll, amüsant und kreativ.

Gut Ding braucht Weile

Doch eine lebendige und lebensnahe Predigt kommt auch nicht von ungefähr. 20 Stunden plus benötigt Markus zur Vorbereitung einer einzigen Predigt. „Es ist mir wichtig, dass man sich nicht nur überlegt, was man sagt, sondern auch wie. So, dass die Leute gerne kommen, gerne zuhören und wirklich von einer Predigt profitieren.“ Dass ihm und den anderen Predigern das gelingt, zeigt die stetig wachsende Besucherzahl.

Nicht nur konsumieren, sondern selbst zu Wort kommen

Bild: Stephan Kloft

Nach der Predigt folgt ein Liedblock. Zwischen den Liedern haben die Jugendlichen die Möglichkeit, etwas zu sagen: ein Gebetsanliegen oder etwas, das sie mit Jesus erlebt haben, ein Zeugnis, wie es so schön heißt. Keine zwei Lieder später nimmt eine junge Frau das Mikro in die Hand. „Ich will euch erzählen, was mir letztens passiert ist.“ Verena versucht herauszufinden, ob sie ein Auslandsjahr machen soll oder nicht. Zweifel plagen sie und dennoch ist sie sich sicher, dass Gott ihr den richtigen Weg zeigen wird. Deshalb will sie anderen Besuchern Mut machen.

Nach ihr folgen noch zwei Beiträge. Keiner ist perfekt formuliert, aber natürlich und von Herzen. Gerade das schätzen auch die Teilnehmer. „Ich finde es total schön, dass andere nach vorne kommen, ein Zeugnis geben und erzählen, was sie mit Gott erlebt haben“, berichtet Jana-Sophie, die seit einigen Monaten regelmäßig kommt.

Nicht perfekt, na und?

Der Gottesdienst ist nicht vollkommen ausgefeilt. Auch heute geht es zeitweise drunter und drüber, z.B. mit der Technik. Das Mikro funktioniert nicht, da muss schnell improvisiert werden. Doch vielleicht sind es genau diese kleinen Pannen, die den Gottesdienst für die Jugendlichen so natürlich machen. Das vermutet auch Evy. Die aufgeweckte Mitarbeiterin baut Sonntag für Sonntag den Büchertisch auf und schmiert Brötchen für die Mitarbeiter. „Ich glaube, dass es den Jugendlichen gefällt, dass nicht alles geordnet ablaufen muss. Es wird auch kein Zwang auf sie gelegt, nach dem Motto: Ihr müsst so oder so sein. Sie wissen, sie dürfen kommen, wie sie sind.“ Ob mit zerrissener Hose oder im pikfeinen Anzug, ganz egal.

Jugendliche suchen Ansprechpartner

Nach der Predigt gehen einige Jugendliche auf Markus zu. Das ist kein Einzelfall: „Das Tolle ist, dass jede Woche Jugendliche auf einen zukommen und noch Fragen haben. Es ist ihnen wichtig, bei all dem Mainstream treu zu bleiben. Und ich freue mich besonders darüber, dass ein häufiges Thema ist, dass sie sich zu Jesus bekennen wollen. Viele haben den aufrichtigen Wunsch, ein Licht für Jesus zu sein, für ihn aufzufallen und auf ihn hinzuweisen.“ So kommt es nach der Veranstaltung oft noch zu guten Gesprächen.

Der Abend neigt sich dem Ende zu. Der Moderator weist noch mal darauf hin, dass nächste Woche Turnschuhe mitgebracht werden sollen „auch wenn sie stinken“. Die Idee, Turnschuhe für Kinder im Kongo zu sammeln, kam von einem Besucher und wurde prompt umgesetzt. Wer Ideen hat, kann sie im SAT vorstellen. Nach der Verabschiedung leert sich der Raum recht schnell. Eine kleine Gruppe sitzt noch vor der Bühne und tauscht sich aus, andere räumen auf, stellen die 300 Stühle wieder zusammen. Ein großer Teil ist wenig später bei McDonalds wiederzufinden. Das hat schon Tradition, wie ich erfahre.

Ich hingegen laufe über die dunkle Straße zurück zum Auto und lasse den Abend Revue passieren. Wie muss also ein Gottesdienst für die Jugend von heute sein? Anscheinend nicht perfekt durchgeplant und mit viel Drumherum. Sondern authentisch, persönlich und lebensnah.
 


Kommentare

Von Doris K. am .

Diesen Artikel habe ich gelesen und ich finde ihn einfach nur gut,gerne würde ich bei so einem Gottesdienst mal dabei sein,aber ich wohne zu weit weg. ich kann nur sagen,macht weiter so. Unser Vater im Himmel wird es belohnen,und er freut sich. Absulut. Klasse.....

Von Netti K. am .

Der Artikel ist wirklich toll. Obwohl ich in der Nähe wohne (Haiger-Allendorf) habe ich trotzdem keine Zeit dahin zu fahren. Schade eigentlich..

Von Annika H. am .

der Artikel ist echt toll...
Ich würde gerne mal dahin gehen, wenn ich in der Nähe von Dillenburg wohnen würde

Von fritz reiff am .

Was ich eben bei Ihnen gelesen habe, spricht mich im Innersten an.

Von Rita J. Sührig am .

Klasse Reportage!
Danke!
Die werde ich im nächsten Relgionsunterricht in Klasse 10 lesen lassen und freue mich schon jetzt auf die lebhafte Diskussion.
Rita J. S.

Von Stephan am .

Übrigens kann man sich den SAT noch bis Ende März 2011 live anschauen! Sonntags Abends 19 Uhr in den Gewerblichen Schulen in Dillenburg. Und nicht nur Jugendliche sind willkommen, wenn Du angesprochen bist, ist für Dich ein Platz frei. Wir sehen echt Besucher aus allen Altersgruppen. Schau mal rein!
Alle Infos: www.sonntagabendtreff.de

Von Steve am .

Ein klasse Artikel! Super!

Von Roesger am .

Dieser Bericht ist ein Beweis dafür dass sich die Zeiten kaum geändert haben. Jugendliche werden schnell abqualifiziert - so wie ich auch vor 35 Jahren behandelt wurde.
Geben wir uns einen Ruck - gehen wir auf die jungen Menschen zu. Lernen wir von ihnen - geben wir unser Wissen und die Erfahrung an sie weiter.
Sie brauchen unsere Hilfe, die Zeiten sind rauher geworden und sie sind mehr Einflüssen ausgesetzt als sie verarbeiten können. Gespräche oder Schweigen sind Balsam für die Seele. Lassen mehr

Von MiBa am .

Es ist schön zu lesen, dass es noch solche Initiativen gibt. Man denkt immer, die Jugend will von Kirche und Glauben nichts hören. Wer so interessant berichten kann, findet auch Gehör. Es sollte mehr solche Aktivitäten in Deutschland geben, damit Deutschland wieder erwacht!

Von Renate am .

"Authentisch, persönlich und lebensnah" zu sein sollte immer das Motto sein - auch in unseren alltäglichen Begegnungen, denn das ist immer anziehend.


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