Interview mit dem Orientdienst

Zwischen Weihnachtsmarkt und Moschee

Weihnachtsmärkte und Lichterketten läuten nicht nur für Christen das Weihnachstfest ein. Doch wie verbringen die muslimischen Mitbürger die Feiertage?

Weihnachten hat in Deutschland immer noch einen sehr hohen Stellenwert. Doch welche Bedeutung hat das im Kern christliche Fest für die rund 3 Mio. Muslime in Deutschland? Mutlu Kaynak vom Orientdienst bemüht sich die deutschen Muslime mit dem Evangelium bekannt zu machen. Im Gespräch mit ERF Online erzählt er welche Verbindung zwischen Jesu Geburt und dem Koran besteht und was Weihnachten für muslimische Familien bedeuten könnte.


ERF Online: Herr Kaynak, Weihnachten ist ursprünglich ein christliches Fest, auch wenn es heutzutage stark säkularisiert ist. Wie nehmen unsere muslimischen Mitbürger dieses Fest wahr?

Mutlu Kaynak:
Ganz unterschiedlich. Das Weihnachtsfest selber ist eigentlich kein Problem, auch das Osterfest nicht. Sie nehmen es als großes Fest mit viel Beleuchtung und schöner Atmosphäre wahr. Sie denken an Weihnachtsbäume und Geschenke. Ihnen ist aber meist klar, dass es eigentlich nicht ihr Fest ist. Genauso wie wir in der Türkei keine christlichen Feste finden, suchen Türken in Deutschland vergeblich nach muslimischen Feiern. Das empfinden sie als eine gewisse Leere. Wenn wir unsere Feste feiern, ist das bei manchen Muslimen eine emotionale Herausforderung.


ERF Online: Gibt es in Deutschland muslimische Familien, die Weihnachten möglicherweise sogar mitfeiern?

Mutlu Kaynak:
Viele der muslimischen Familien in Deutschland sind sehr liberal und westlich eingestellt. Daher stellen wir fest, dass sie Weihnachten zum Teil tatsächlich mitfeiern, dabei aber nicht groß nach dem Inhalt fragen. Das kann man verstärkt in Dörfern beobachten, wo Muslime eine geringe Minderheit sind. In den Großstädten, wo mehrere in einem Gebiet leben, ist der Zusammenhalt stärker und es kommt eher zur Abgrenzung von der westlichen Kultur. Da ist der Drang, sich anzupassen, nicht so stark vertreten.


ERF Online: Sehen diese Familien Weihnachten eher als ein "Fest der Liebe" und der Geschenke oder wird dem Fest auch eine religiöse Bedeutung zugesprochen?

Mutlu Kaynak:
Es ist ihnen weniger bewusst, dass Weihnachten der Geburtstag von Jesus Christus ist, vielmehr eine „Party“. Geschenke geben ist natürlich ein schöner Brauch, der auch in muslimischen Festen verankert ist. Hier bekommen Kinder genauso Süßigkeiten oder Kleider. Das gehört für Kinder einfach dazu. Als wir vor zehn Jahren hier in Deutschland mit unserer Arbeit begonnen haben, dachten die Muslime oftmals, dass Weihnachten und das Neujahrsfest das Gleiche ist und lehnten es als „heidnisch“ ab. Dann merkten sie, dass es sich um ein christliches Fest handelt. Sie erkannten, dass die Geburt Jesu gefeiert wird. Das macht das Fest für sie interessanter, weil Jesus für die Muslime ein sehr wichtiger Prophet ist. Er gehört zum muslimischen Glauben dazu.


ERF Online: Der Koran berichtet auch von der Geburt Jesu. Wo bestehen die Unterschiede zum Bericht in der Bibel?

Mutlu Kaynak:
Im Koran steht, dass Jesus unter einer Palme von einer Jungfrau Maria geboren wurde. Die Bewohner der Gegend warfen ihr deshalb vor, sie hätte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht. Von Josef ist nie die Rede. Das Jesuskind, das gerade geboren wurde, erhob seine Stimme und verteidigte Maria, dass sie eine saubere, reine und gottesfürchtige Frau sei. Ein Muslim fragt sich natürlich: Warum gerade eine Jungfrau? Jesus ist der einzige Prophet im Islam, der von einer Jungfrau geboren wurde.


ERF Online: Wenn Jesus im Koran als wichtiger Prophet gesehen wird, legitimiert das für einen Muslim Weihnachten zu feiern?

Mutlu Kaynak:
Eigentlich wäre es ja genauso ihr Fest. Nur feiern die orthodoxen Muslime solche Geburtstage nicht, auch wenn es um Mohammed geht. Aber durch die Konfrontation mit Christen, Weihnachten und anderen Bräuchen, wurden auch eigene Geburtstagsfeiern eingeführt wie das sogenannte „Mevlid“, die Geburt von Mohammed. Dieses Fest ist allerdings kein allgemein anerkanntes Fest. Die strengen Muslime lehnen es massiv als heidnisch ab.


ERF Online: Ist es für streng muslimische Familien ein Problem, Weihnachten nicht mitzufeiern, insbesondere wegen der Kinder und Jugendlichen?

Mutlu Kaynak:
Natürlich gibt es enorme Spannungen in diesen Familien. Neben all den positiven Worten im Koran über Christen und Juden, gibt es auch viele Aufrufe zur Distanzierung von ihnen. Man soll nicht aus dem gleichen Teller essen oder das gleiche Besteck benutzen. Das gilt auch für die Feste. Aber wegen der Kinder lässt man sich manchmal doch überreden. Wenn sie es sehr wünschen und vielleicht sogar eingeladen werden. Manche Hartgesottenen lassen sich von der Herzlichkeit einer Einladung auch umstimmen, wenn die Eltern sicher sein können, dass ihr Kind nicht gleich missioniert wird. Ich ermutige auch die Pädagogen in Kindergärten und Schulen, ganz bewusst die geschichtlichen und religiösen Inhalte von solchen Festen zu erklären.


ERF Online: Nun bleibt ein Feiertag auch ein freier Tag. Gibt es für Muslime, die Weihnachten nicht feiern wollen, alternative Veranstaltungen?

Mutlu Kaynak:
Natürlich. Wo Ferien und Feiertage sind, werden in den Moscheen Seminare oder andere Veranstaltungen angeboten, hierbei steht der Islam im Vordergrund. Wobei man sehen muss, dass es nicht die Mehrheit der Muslime ist, die diese Angebote in der Moschee auch wahrnimmt. Nur ein gewisser Prozentsatz ist dazu bereit.


ERF Online: Kann ich als Christ einem Moslem „Frohe Weihnachten“ wünschen, oder trete ich ihm damit zu nahe?

Mutlu Kaynak: Da dürfen wir eigentlich ziemlich unverfroren sein. Ganz gleich, ob ich einen sehr engen oder lockeren Moslem vor mir habe, kann ich ihm trotzdem ein glückliches Fest oder alles Gute wünschen. „Möge dein Fest glücklich sein“, ist im Türkischen eine offizielle Redewendung. Andererseits kann man ihnen auch zu ihren Festen alles Gute wünschen. Sie freuen sich darüber, wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Ebenso wünscht der türkische Ministerpräsident den Christen ein frohes Weihnachtsfest.


ERF Online: Sie raten also lieber den Kontakt zu suchen, als auf Distanz zu gehen?

Mutlu Kaynak:
Wir haben ja nichts zu verlieren. Man könnte sogar als Gemeinde eine internationale Weihnachtsfeier organisieren und in der Nachbarschaft dazu einladen. Nicht nur Muslime, sondern allgemein. Das zeugt von Interesse und Gastfreundschaft. Dabei hat man auch die Möglichkeit, Kleinigkeiten weiterzugeben. Es gibt viele christliche Produkte, die sich zum Weitergeben anbieten. Auch der Orientdienst bietet geeignete Literatur an, zum Beispiel Traktate. Weihnachten ist eine ganz tolle Möglichkeit auf Muslime zuzugehen. Zum einen wegen des gemeinsamen Hintergrundes. Zum anderen ist Weihnachten ein Fest der Gemeinschaft und die ist im Orient ein hohes Gut. So hat man die Chance, auf Muslime zuzugehen auch wenn man nur eine Tüte Plätzchen weitergibt.


ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


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