Der Lebendige Adventskalender Lesezeit: ~ 5 min

Wie ein Dorf zum Adventskalender wird

Viele christliche Aktionen für die Adventszeit sind aufwendig und laut. Eine besinnliche und einfache Alternative bietet der „Lebendige Adventskalender“.

Einfach nicht an die Kälte denken!, rede ich mir ziemlich erfolglos ein, als ich bei -10°C durch den Schnee stampfe und endlich die Kirche erreiche. Der Wind lässt die Kälte bis auf die Knochen durchdringen. Bibbernd und mit Schal, Mütze und Handschuhen ausgerüstet stehen 30 Erwachsene und mindestens 50 Kinder auf dem kleinen Platz vor der Evangelischen Kirche in dem beschaulichen hessischen Dorf Manderbach. Die Kinder sind in Schneeanzüge gepackt und selbst bei dem einen oder anderen Erwachsenen ist der Schal bis über die Nasenspitze hochgezogen.

Der weiße Schnee scheint fast zu leuchten im Kontrast zu dem rabenschwarzen Himmel. Eine zirka ein Meter hohe elektrische Kerze beleuchtet die steinerne Wand der Kirche und gibt durch ihr dämmriges Licht wenigstens den Anschein von Wärme. Die übergroße Kerze ist das Zeichen für die Aktion, die in wenigen Minuten beginnt: der „Lebendige Adventskalender“.

Ein Adventskalender der etwas anderen Art

‚Lebendig‘ heißt der Kalender, weil die Teilnehmer jeden Tag zu einem anderen Adventsfenster wandern. Quer durch das Dorf haben Bewohner eines ihrer Fenster zur Verfügung gestellt und mit der jeweiligen Zahl nummeriert. Diese sollte von der Straße aus gut lesbar sein. Meist wird das Fenster dann noch liebevoll dekoriert. Wer aufmerksam durch die Straßen geht oder fährt, weiß dann manchmal schon zuvor, zu welchem Haus es am nächsten Tag oder in der nächsten Woche geht. Das können Privatpersonen, aber ebenso Einrichtungen sein, wie z.B. der Kindergarten, die Lebenshilfe, die Feuerwehr oder andere christliche Gemeinden. Den Startpunkt bildet jeweils die Kirche, von der aus die Teilnehmer zu dem jeweiligen Fenster wandern.

Heute geht es zum Kindergarten, wie Pfarrer Rabe soeben verkündet. „Schön, dass ihr da seid. Und dass wir uns gemeinsam mit unserem Licht auf den Weg machen können“. Nach einer kurzen Willkommensrede greift der Pfarrer zu seiner Laterne und geht der Menschenmenge voran. Ziel ist nicht erst der Kindergarten, sondern bereits der Weg dorthin. Mit dem Lebendigen Adventskalender möchte die Kirche nicht nur einen Anstoß zum Nachdenken geben, sondern bewusst das Gespräch zwischen den Menschen fördern. Auf dem Weg zum Adventsfenster kommt man leicht mit Menschen ins Gespräch.

Besinnung und Ruhe in der Gemeinschaft finden

Ein weiteres Ziel des Lebendigen Adventskalenders ist es, zur Ruhe zu kommen und die Adventszeit bewusst zu erleben. Dazu dienen ein kleiner Impuls und alte wie neue Weihnachtslieder. Die Evangelische Kirche in Manderbach bietet ein Programm an, dass nicht nur für Erwachsene geeignet: „Nach den ersten Erfahrungen 2004 war schnell klar: Das Programm soll für Kinder zugeschnitten sein. Meist haben Erwachsene aber genauso etwas davon“, erklärt Pfarrer Rabe. Zudem ist der Lebendige Adventskalender eine gute Möglichkeit, andere Bewohner ganz ungezwungen mitzunehmen. „Wir erreichen prozentual relativ viele Nicht-Gottesdienstbesucher. Oft werden zu dem eigenen Fenster auch Nachbarn eingeladen.“ Heute sind besonders viele Kinder dabei. Es geht ja schließlich zum Kindergarten.

„Bald ist Weihnachten, ich freu‘ mich wie verrückt!“

Am ersten Adventsfenster im Kindergarten angekommen, begrüßen uns begeisterte Kindergartenkinder. Ein großes Fenster im Eingangsbereich ist in rot-gold geschmückt und mit einer großen Eins versehen. Die Kinder haben für ihre Gäste heute zwei Dinge vorbereitet: Lustige aber auch besinnliche Weihnachtslieder und eine Weihnachtsgeschichte, die sie von ihrer Erzieherin vorlesen lassen. Eine kleine Lautsprecheranlage ist aufgebaut, damit auch jeder etwas versteht. „Bald ist Weihnachten, ich freu mich wie verrückt“, stimmen die Kinder aus voller Brust an, begleitet von ihrer Erzieherin, die Gitarre spielt.

Der Lebendige Adventskalender hat sich bewährt

Obwohl die Aktion so einfach ist, findet sie sehr viel Zulauf. „Es ist erstaunlich, wie viele Menschen Abend für Abend miteinander losgehen und dabei ins Gespräch kommen“, berichtet Pfarrer Rabe. Viele Eltern kommen gerne mit ihren Kindern, aber auch Tanten, Nachbarn oder Omas und Opas. Es ist eine Aktion, die für jedes Alter geeignet ist, nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt und mit wenig organisatorischem Aufwand verbunden ist.

So müssen die Menschen, die ein Fenster gestalten, auch nicht zwingend das Programm gestalten. „Die Schule, der Kindergarten und die Lebenshilfe machen immer das Programm selber. Besonders eindrücklich finde ich es persönlich immer, wenn in der Lebenshilfe behinderte Menschen etwas lesen, singen oder beten. Auch ansonsten gibt es etliche, die das Programm selbst machen.“, erzählt der Pfarrer. Wer nur ein Fenster gestalten will, kann dies genauso tun. Die Programmgestaltung wird dann von einem Team der Kirche übernommen. Die Evangelische Kirche in Manderbach organisiert den Lebendigen Adventskalender nun zum siebten Mal. Pfarrer Rabe war derjenige, der die Aktion mit nach Manderbach brachte.

Tipps zum Durchführen

Der Lebendige Adventskalender ist in vielen Orten bekannt und wird überall etwas anders durchgeführt. Für Kirchen oder Gemeinden, die diese Aktion auch einmal in ihrem Ort veranstalten möchten, sind nur wenige Dinge zu beachten. Pfarrer Rabe rät, sich erst einmal zu überlegen, welche Ziele man mit der Aktion verfolgt und wie sie ablaufen soll: „In anderen Orten hat dies ein Stück mehr Weihnachtsmarkcharakter. Das wollten wir bewusst nicht. Auch wollen wir die Latte nicht zu hoch legen. Es soll danach nur Tee und Gebäck angeboten werden, keinen üppigen Imbiss.“ Das kann jedoch jeder Organisator für sich entscheiden. Je nach Lust und Laune, Zeit und Kapazität an Mitarbeitern.

In Manderbach geht die Organisation von Pfarrer Rabe und einem Team von drei Frauen aus. Wer die Aktion etwas aufwendiger gestalten möchte, sollte mehr Mitarbeiter einplanen. Der Lebendige Adventskalender muss zudem publik gemacht werden. Die Evangelische Kirche in Manderbach macht dies über Ankündigungen im Gemeindebrief und Anzeigen in der Zeitung. Je öfter die Aktion durchgeführt wurde, desto weniger Werbung wurde nötig.

Mittlerweile melden sich die meisten Menschen schon von alleine, die ein Adventsfenster gestalten möchten: „Es ist schon eine gute Tradition geworden“, so Pfarrer Rabe. Mit einer Einschränkung lässt sich der Lebendige Adventskalender eigentlich überall durchführen: Die Orte dürfen nicht zu groß sein. Je größer sie sind, desto weiter müssen die Menschen laufen, sodass der Lebendige Adventskalender für Großstädte eher ungeeignet ist. In Stadtteilen oder Dörfern lässt er sich jedoch problemlos durchführen.

Ein ruhiger Tagesausklang

Zum Ende des heutigen Tages singen alle Teilnehmer gemeinsam noch ein besinnliches „Leise rieselt der Schnee“. Pfarrer Rabe gibt noch einige organisatorische Informationen weiter und spricht einen Segen. Nach dem 15-minütigen Programm holen mehrere Helfer Tee und Kekse nach draußen. Zur Freude aller Anwesenden, denn der Tee wärmt nicht nur von innen, sondern auch die tiefgefrorenen Hände. Bei diesem kleinen Snack und ruhiger Atmosphäre klingt der Abend ruhig aus. Langsam machen sich Eltern und Kinder auf den Weg nach Hause.
 


Kommentare

Von Norbert Hanschke am .

In Hoyerswerda gibt es auch einen lebendigen Adventskalender. Es ist jeden Abend um 18 Uhr (außer So.) treff an der Johanniskirche. Dann geht es zur einer Fleischerei wo jeden Abend eine Krippenfigur ins Schaufenster gestellt wird. Diese Krippenfigur bekommt am Abend vorher ein Kind mit Nachhause. Anschließend geht es zu einen Geschäft oder Institution. Bevor die Tür öffnet wird gesungen. Mach hoch die Tür...! In der Tageszeitung wird auch davon berichtet. So kann man auch Missionieren.

Von Ursula am .

Vielen Dank für die Beschreibung einer tollen Idee!
Der erlebbare Adventskalender ist auch in unserer Stadt eine schöne Bereicherung der Adventszeit. Allerdings stossen wir mit ca. 24.000 Einwohnern (wenig Hochhäuser, daher ziemlich ausgebreitet) schon an die Grenzen. Mein Mann und ich wohnen recht zentral, der weiteste Weg ist für uns mit 25 Minuten noch gut zu bewältigen, aber für ältere Mitmenschen wird es dann schon schwierig. Wir kommen auch nicht erst an einer der Kirchen zusammen und mehr


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