Adventsgeschichten Lesezeit: ~ 7 min

Von Engeln und Eseln: "Nikodemus - Teil 2"

In einem kleinen französischen Dorf sind während des Zweiten Weltkrieges ganz besondere Weihnachtsgeschichten enstanden. Eine Lesereise

An den vier Adventwochenenden veröffentlichen wir jeweils eine Geschichte aus dem Buch "Von Engeln und Eseln: Geschichten nicht nur für Weihnachten". Es sind Geschichten, die den Kindern des kleinen Dorfes Chambon-sur-Lignon erzählt wurden, während Europa unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten litt. Die etwa 9.000 Bewohner des Dorfes haben in dieser Zeit fast 5.000 Flüchtlingen geholfen, darunter 3.500 Juden. Die Geschichte des reformierten Pastors André Trocmé enthalten immer wieder Anspielungen und Hinweise auf den Mut, den es vor allem in Zeiten von Terror und Tyrannei braucht. Das Buch ist im Neufeld-Verlag (5. Auflage) erschienen und kostet 12,90€. Lesen Sie heute Teil 2 der Geschichte "Nikodemus"


Nikodemus - Teil 2 (Teil 1)

Gamaliel unterbrach ihn mit einer gewissen Ungeduld. »Sag mir doch, wie war der König, Nikodemus?«

»Höre, Rabbi Gamaliel, wenn ich den Stall betreten hätte mit meinem Schwert, bekleidet mit dem schönen weißen Mantel, den meine Frau gewoben hat, den Beutel gefüllt mit dreißig Silberstücken und auf meinem grauen Esel sitzend, hätte ich nicht glauben können, dass der Sohn des armen Mannes, den ich betrachtete, wirklich der Sohn Gottes sei. Aber weil die Hirten mich für einen der ihren genommen hatten, weil sie sich zusammengedrängt hatten, um mir Platz zu machen, weil Josef und Maria von Nazareth mich mit Güte empfangen haben, habe ich begriffen, dass Gott nicht die Gelehrten oder die Intelligenten, die Reichen oder die Mächtigen, sondern die Ungebildeten und die Demütigen und die Schwachen auserwählt hat, um sich seinem Volk Israel zu offen baren. Kannst du das verstehen, Rabbi Gamaliel? Ich fürchte, du kannst es nicht verstehen!«

»Ich werde morgen früh mit dir nach Bethlehem zurückkehren«, sagte Gamaliel. »Geh zur Ruhe, denn es ist spät.«

Früh am Morgen machten sich die beiden Männer auf den Weg. Sie wussten noch nichts von den drei erstaunlichen Begegnungen, die diese denkwürdige Reise kennzeichnen würden. Tatsächlich, sobald sie die Pforte, die man das Dungtor nennt, durchschritten hatten, lief ihnen ein Mann entgegen:

»Rabbi«, rief er aus, als er Nikodemus sah, »wie bin ich glücklich, dich wiederzufinden!«

»Aber was hast du mit dem schönen weißen Mantel gemacht, den ich dir geschenkt habe?«, fragte Nikodemus.

»Ich habe ihn dem Messias geschenkt, der in Bethlehem geboren ist«, rief der Mann aus.

»Was, du bist in Bethlehem gewesen?«, fragte Nikodemus.

»Ja, mein Herr, zuerst hatte ich daran gedacht, deinen Mantel wieder zu verkaufen, denn ich bin ein professioneller Bettler und handle mit Dingen, die man mir schenkt. Aber deine Güte hatte mich so sehr gerührt, dass ich gegangen bin, um dich zu suchen und dir dein Gut zurückzugeben. Nun aber, als ich in Bethlehem angekommen war, zeigte mir ein Hirte den Stall, wo du dich aufgehalten hattest, aber du warst schon wieder nach Jerusalem aufgebrochen. Und hier, in dem Stall, fand ich einen Mann, eine Frau und ein kleines Kind, viel ärmer als ich. Bevor ich darüber nachdenken konnte, was ich tat, hatte ich ihnen den Mantel geschenkt, den du mir geschenkt hattest. Nun geschah es, dass in dem Augenblick, als ich diese Geste machte, mir die Augen aufgingen und ich verstand, dass das Kind, auf dessen Füße ich deinen Mantel gelegt hatte, der Messias war, von dem du gesprochen hattest. Ich bin schnell zurückgekommen, um dir die gute Nachricht zu überbringen.«

»Wir kehren nach Bethlehem zurück, um uns in den Dienst des Messias zu stellen«, sagte Nikodemus.
»Komm also mit uns.« Und der Mann folgte ihnen. An der Stelle des Brunnens von En Roguel hatten die drei Reisenden ihre zweite Begegnung. Ein Mann warf sich Nikodemus zu Füßen:
»Mein Herr«, sagte er, »verzeiht mir.«
»Steh auf«, sagte Nikodemus gütig. »Ich verzeihe dir, da du bereust. Du willst mir also mein Geld zurückgeben?«
»Leider nein, mein Herr, ich kann es nicht zurückgeben. Ich habe es weggeschenkt. Führe mich vor den Richter, wenn du willst, höre aber vorher meine Geschichte an: Als ich gestern Morgen deine Börse öffnete, entdeckte ich, dass ich reich geworden war, und beschloss auf der Stelle, das Räuberleben aufzugeben und nach Ägypten zu fliehen. Ich ging also nach Bethlehem. Dort kaufte ich schöne Kleider und begab mich in ein Gasthaus, wo ich mit vielen Ehren aufgenommen wurde, weil ich Geld hatte. Ich saß zu Tisch mit drei Weisen aus dem Morgenland; die erzählten mir eine wunderbare Geschichte:

Sie hatten am Himmel einen Stern gesehen, der ihnen den Weg nach Bethlehem zeigte, und in der vergangenen Nacht hatten sie in einem Stall den König der Juden gefunden, der Israel befreien soll. Es war also wahr, sagte ich mir, was der Pharisäer mir am Weg erzählt hat. Ich hatte geglaubt, es sei ein Märchen. Sofort begab ich mich in den Stall, wo ich alles so fand, wie es die Weisen beschrieben hatten; aber die Geschenke, die diese braven Leute gebracht hatten, brachten mich zum Lachen: Weihrauch! Und Myrrhen! sagte ich mir, und in einem Kästchen aus Gold! Wenn die armen Galiläer diese Gegenstände verkaufen wollen, wird man ihnen vorwerfen, sie hätten sie gestohlen!

Und noch ehe ich mir’s recht überlegen konnte, hatte ich der Mutter des kleinen Kindes alles in den Schoß geworfen, was ich noch vom Inhalt der Börse besaß, die ich dir gestohlen hatte, ein wahres Vermögen! Doch in dem Augenblick, als ich das tat, wurden mir die Augen geöffnet, und ich verstand, dass das kleine Kind der Sohn Davids war, der König der Juden, den ich erwartete. Ich machte mich sofort auf den Weg, um dich zu suchen und dir die gute Nachricht zu bringen, und dich um Verzeihung zu bitten.«

»Alles ist dir verziehen«, erwiderte Nikodemus; »komm mit uns nach Bethlehem; wir wollen uns in den Dienst des neugeborenen Kindes stellen.« Und der Mann folgte ihnen.

Als die vier Männer ganz freudig Bethlehem vor sich liegen sahen, bot sich ihren Augen ein erschreckender Anblick: Beißender Rauch erhob sich über dem Marktflecken, und man hörte Weinen und Wehklagen, wie es die Frauen bei den Toten zu tun pflegen. Der Abend kam, und als sie die Stadt betraten, lief ihnen eine Frau fliehend über den Weg. Sie drückte ein kleines totes Kind an ihre Brust.

»Die Soldaten des Herodes haben meinen Sohn getötet«, sagte sie weinend.

Ein Hirte, dem sie auf dem Marktplatz begegneten, erzählte ihnen von der Katastrophe:

»Wir waren auf dem Feld, als wir plötzlich Schreie hörten. Aber wir kamen zu spät. Die Soldaten, die mit Gewalt in die Häuser eingedrungen waren, hatten schon alle Knaben unter zwei Jahren umgebracht, aus Angst, dass der König der Juden entweichen könnte, von dem die Weisen unvorsichtigerweise beim König Herodes, diesem alten, blutrünstigen Narren, gesprochen hatten, der ohne Mitleid alle umbringt, die nach dem Thron von Israel trachten. Kommt und seht, was von dem Stall noch übrig ist.«

An der Stelle, wo der Stall gewesen war, sah man nur noch rauchende Ruinen. In der Hoffnung, die Reste des kleinen Königs der Juden zu finden, um ihn mit Ehren zu bestatten, durchsuchten die weinenden Hirten die glühenden Steine mit bloßen Händen. Nikodemus und seine Freunde machten sich mit ihnen an die Arbeit, als sich Nikodemus im Dunkeln eine Hand auf die Schulter legte.
»Da bist du ja«, sagte eine fremdländische Stimme, die er sofort wieder erkannte, »du bist es, der mir vorgestern seinen Esel geliehen hat!«
»Ja«, antwortete Nikodemus.

»Suche nicht weiter unter den Toten den, der lebt«, erwiderte der Mann. »Gestern Abend, als ich eine Unterkunft suchte, wurde ich von Josef und Maria aufgenommen und habe die Nacht mit deinem kleinen grauen Esel im Stall verbracht. Indessen nahm Josef, der durch einen Traum von Gott gewarnt worden war, das kleine Kind und seine Mutter und brach auf nach Ägypten, bevor die Soldaten des Herodes kamen.«

»Was kannst du von dieser Flucht erwarten?«, unterbrach ihn Nikodemus. »Werden sie nicht in der Wüste umkommen, vor Kälte und Armut?«

»Sie werden nicht umkommen«, antwortete der Mann, »denn das Kind war in einen großen weißen, handgewebten Wollmantel gehüllt. Sein Vater trug an seinem Gürtel eine Börse, voll von Silber. Und seine Mutter saß auf deinem kleinen grauen Esel, den ich ihr gegeben hatte. So wird Maria ihre Füße nicht an den Steinen des Weges verletzen.«

»Ich habe geglaubt, der Retter der Juden interessiere die Fremden nicht«, sagte Nikodemus.

»So war es auch«, sagte der Fremde. »Aber in dem Augenblick, als ich deinen Esel weggeschenkt habe, öffneten sich meine Augen und ich begriff, dass das kleine Kind nicht nur der König der Juden ist, sondern auch der Retter aller Menschen.«

So sprach der Fremde in den rauchenden Ruinen von Bethlehem. Viele Jahre nach diesen Ereignissen ging ein berühmter Rabbiner, einer der angesehensten Schriftgelehrten von Jerusalem, durch die Nacht, um einen armen Zimmermann aus Nazareth zu konsultieren, der auf der Durchreise in der Stadt war. Der große Gelehrte bemühte sich, den Messias wiederzufinden, dessen Spur er vor dreißig Jahren verloren hatte. Seine Kollegen machten sich über ihn lustig, weil er ihn hartnäckig unter den Armen und Unwissenden suchte.

»Rabbi«, fragte demütig der große Gelehrte den kleinen Zimmermann, »ich weiß, dass du ein Gelehrter bist, der von Gott gekommen ist. Was muss man tun, um das Reich Gottes zu sehen?« Und als Jesus ihm geantwortet hatte: »Du musst von neuem geboren werden, du musst dein Leben neu beginnen in Armut, als wenn du nichts wüsstest«, da verstand Nikodemus, dass er durch sein langes Suchen ans Ziel gekommen war und das Kind von Bethlehem gefunden hatte.
 


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