Mission ohne Eroberung

„Er war einer von uns“

12 Jahre begleitete Frank Paul die Toba/Qom-Indianer in Nordargentinien. Er kam nicht, um die Menschen zu zivilisieren, sondern sie als Gast zu begleiten.

Fünf Jahre hat Frank Paul in den nördlichen Slum-Gebieten von Buenos Aires verbracht und lernte dabei die spanische Sprache. Nach einem Jahr Erholung in Deutschland zog es ihn in den nordargentinischen Chaco, wo er mit den Toba/Qom-Indianern zusammenarbeitete. Nach zwölf Jahren missionarischer Arbeit schrieb er ein Buch über seine Erfahrungen. Im Gespräch mit ERF Online erzählt Frank Paul, was es bedeutet, als Gast unter Indianern zu arbeiten.

ERF Online: Herr Paul, Sie lebten zwölf Jahre bei den Indianern. Wie sind Sie mit ihrer Arbeit vorgegangen?

Frank Paul: Ich bin nicht alleine in den Chaco gegangen. Wir gehörten zu einem Team. Als Familie lebten wir wenige Kilometer abseits eines indianischen Wohngebietes. Wir wollten als "Weiße" nicht zum Zentrum und zur Anlaufstelle für die Indianer werden. Anfangs investierten wir wesentliche Energie ins Lernen der indianischen Sprache - ganz ohne Bücher. Es gehörte auch zur Überzeugung unseres Teams, nichts zu machen, was Geld kostet.

Wir versuchten, uns ihrem Lebensstil anzupassen und uns zu integrieren. Dazu gehörte auch die Gastfreundschaft, wie wir sie erlebten, wenn wir die Indianer oder sie uns besuchten. Es wurde einfach geteilt, was man hatte, auch auf großen Festen. Große Präsente waren unwichtig. Höchstens Lebensmittel, aber nichts von großem materiellen Wert, was Probleme bereiten könnte.

ERF Online: Haben Sie während Ihres Aufenthaltes in Nordargentinien erlebt, dass Ihre Arbeit nicht als Hilfe, sondern als „Zwangszivilisierung“ missverstanden wurde?

Frank Paul: In unserem Team nicht. Wir sind sozusagen in die Fußstapfen von zwei Jahrzehnten "vorgetrampeltem Weg" getreten. Die Ältesten unserer Kollegen, die in den ersten Jahrzehnten noch die sogenannte „zivilisatorische Mission“ mitgemacht haben, nahmen uns an die Hand. Aus dieser ursprünglichen Methode heraus wurde ein Stil der Begleitung entworfen. Sie ließen uns an ihren Erfahrungen teilhaben und zeigten uns, was nicht dem Stil entsprach. Wir konnten uns also ins gemachte Nest setzen und davon profitieren.

ERF Online: "Begleiten statt erobern" heißt ihr Buch, das im September 2010 erschien. Wollen Sie mit diesem provokanten Titel Kritik an der Praxis heutiger Missionare äußern?

Frank Paul: Ursprünglich erschien das Buch zuerst in Buenos Aires auf Spanisch. Der Originaltitel lautet "Mission ohne Eroberung". Das spricht ganz bewusst in den lateinamerikanischen und spanischsprachigen Kontext hinein. Die Missionsmethoden entsprechen dort eben oft noch einer gewissen Eroberungsmentalität - mehr als dem Beispiel Jesu im NT. In ökonomischer Armut, wie sie für die meisten Indianer normal ist, kann man mit relativ kleinen Geldbeträgen und Geschenken die Einheimischen schnell begeistern, ganz gleich welche Inhalte vermittelt werden. Das geschieht oft auch unbewusst.

Viele dieser Menschen leben von der Hand in den Mund. Sie haben selten Kühlschränke und noch nie Bankkonten besessen. Wenn es irgendwo etwas gibt, dann wird alles versucht, damit man es auch bekommt. So sind ehrliche und vertrauensvolle Beziehungen eigentlich unmöglich . Ganz unabhängig davon, was für Inhalte vermittelt werden.

ERF Online: Sollten Missionswerke heutzutage ihr Verständnis von Mission nochmal überdenken?

Frank Paul: Dieser Prozess ist sowieso im Gang. Aus vielen Ecken höre ich dieselben Töne: Es gibt Schwierigkeiten, was die Selbstständigkeit der Gemeinden anbetrifft, die mit Unterstützung aus dem Ausland gegründet worden sind. Die Folge ist, dass die Gemeinden kaum noch weiter existieren können, sobald die Missionare abziehen. Denn auf einmal fehlen Personal, Geld und Führung.

So lief das über Jahrhunderte. Auch Lieder, kirchliche Formen und Liturgien wurden vorgegeben. Damit hatten die Jesuiten in Lateinamerika über knapp 200 Jahre Erfolg. Aber als sie weg waren, ging alles den Bach runter. Im kollektiven Gedächtnis der heutigen Indianer hat es die Jesuiten scheinbar nie gegeben.

ERF Online: Sie betonen in Ihrem Buch, dass ein Missionar als Gast und "Begleiter" in ein fremdes Land kommt. Wie sieht das praktisch aus?

Frank Paul: Wir wurden sehr oft gebeten, an ihren Gottesdiensten teilzunehmen. Ich hab immer gedacht, dass ein Gemeindebesuch wie ein Empfang für den Kaiser von China wäre. Umso mehr war es eine besondere Erfahrung, sich ihrer Leitung zu unterstellen und einfach dabei zu sein. Viele beteiligten sich an der Gestaltung, weil es kein festes Programm gab. Man konnte jederzeit aufgerufen werden, um etwas zum Gottesdienst beitragen. Da kamen Männer und Frauen gleichermaßen zum Zuge. Trotz unserer Beiträge verstand man uns nie als Leiter, sondern als einer unter vielen.

Es wurde viel gesungen und viel geredet. Sie sagten immer: "In den Gottesdiensten sind wir frei. Es sagt uns keiner, was wir tun und lassen sollen, wie in der Schule oder im Krankenhaus." Gast zu sein bedeutet, sich freiwillig zurückzunehmen und zu warten bis man gefragt wird. Sei es nun im persönlichen Gespräch oder in der großen Gruppe. Es geht darum sich einzureihen statt sich einzubilden, man sei gebildet und wisse Bescheid.

ERF Online: Dieses Gastsein drückt sich auch in der Gemeinschaft aus. Sie saßen oft zusammen und tranken gemütlich „Mate-Tee“. Wieso war dieses Verhalten so wichtig für Ihre Arbeit?

Frank Paul: Wenn ein Toba-Indianer spürt, dass man eigentlich woanders ist und in Gedanken seine Punkte abarbeiten will, sprechen sie nicht über ihre Fragen oder gar Probleme. Man muss sich Zeit nehmen und das auch vermitteln können. Wenn man sich zwingt, ruhig zu sein, merkt das dein Gegenüber.

Die alten Christen unter den Tobas sprachen von den ersten "geschwisterlichen Mitarbeitern", wie sie genannt wurden, nicht von den tollen Predigten oder tausenden interessanten Dingen. Sie betonten immer drei Dinge: "Er hat mit uns gegessen. Er hat mit uns den Mate getrunken - was die Missionare anfangs aus Angst vor Krankheiten vermieden hatten. Und er hat bei uns geschlafen." Das war wichtig, denn es zeigte, dass man sich nicht zu schade war. Sie wussten, dass man sich ein Hotel hätte suchen können. Aber dazubleiben, das beeindruckte sie und hinterließ Spuren.

ERF Online: Welchen Vorteil bietet dieser Umgang für die neuentstandenen Indianergemeinden?

Frank Paul: Dieser Umgang macht es erst möglich, dass sie sich wohl fühlen und selbstständig werden. Ideen haben einen größeren Wert, wenn sie von eigenen Mitgliedern entwickelt werden. Wenn die Ausländer die besseren Ideen vorschlagen können, weil sie die nötigen Mittel zur Verfügung haben, dann wird das Eigene verworfen. Gleichzeitig sollten Missionare die Ideen der Einheimischen fördern und Anstöße geben. Dann entstehen Vorschläge nicht, weil es der Missionar gesagt hat oder so in der Bibel steht sondern, weil es ihre eigene Idee war.

ERF Online: Was blieb Ihnen in 17 Jahren Missionsarbeit am stärksten im Gedächtnis?

Frank Paul: Eines Tages waren meine Frau und ich in einem Gottesdienst. Ein Mann mit zerrissenen Kleidern ging nach vorn. Wir dachten: Was wird er wohl jetzt sagen? Als er dann da stand in seiner Aufmachung, fing er an zu predigen. Er spannte mit einer biblischen Theologie einen Bogen vom Alten zum Neuen Testament. Wir beide sahen uns nur noch beschämt an. Weil wir uns so auf das Äußere konzentriert hatten.

Hinterher erzählte uns derselbe Mann in einem Gespräch, dass er in einer nicht-indianischen Gemeinde zum Glauben gekommen ist. Dort hatte man ihm gesagt, er solle sich doch bitte ein weißes Hemd kaufen. Später noch eine schöne Hose, Schuhe und Schlips. Bis der Mann merkte, dass das nicht mehr er war. Er schaute sich nach einer anderen Gemeinde um und ging zu den Indianern zurück. Hier spielt die äußere Aufmachung keine Rolle und das ist gut so, weil man sich dann auf das Innere konzentrieren kann.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Paul.


 

Begleiten statt erobern

Frank Paul

Neufeld-Verlag

ISBN: 3937896953

206 Seiten

16,90 € im ERF-Shop
Bild: Neufeld-Verlag


Kommentare

Von Ballan am .

Sehr interessanter Beitrag.


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