Kapstadt 2010

Zwischen Völkermord und Versöhnung

Seine Bekehrung erklärt das enorme Wachstum der anglikanischen Kirche in Ruanda. Antoine Rutayisire über Versöhnungsarbeit in einem geteilten Land.

Auf dem Lausanner Kongress in Kapstadt hat Antoine Rutayisire, Mitglied der Kommission für Versöhnung, vor 4000 Delegierten über seine ganz persönliche Geschichte gesprochen. Er hielt einen Vortrag über seine Erlebnisse vor, während und nach dem Völkermord in Ruanda. Im Gespräch mit ERF.de erzählt er über ein fehlerhaftes Missionsverständnis und wahre Versöhnung.

Über Antoine Rutayisire:
Er leistete 15 Jahre Pionierarbeit für christliche Studienwerke der IFES (International Fellowship of Evangelical Students). Später war er landesweit als Evangelist mit African Enterprise unterwegs. Zurzeit ist der Ruander Pastor in einer anglikanischen Kirche in Kigali (Ruanda) und Mitglied der Kommission für Versöhnung.

 

ERF.de: Herr Rutayisire, Sie sind Mitglied der Kommission für Versöhnung in Ruanda. Was kann man sich darunter vorstellen?

Antoine Rutayisire: Es handelt sich um eine Regierungs-Kommission, die 1999 gegründet wurde. Ihr Ziel ist, der Gesellschaft zu helfen, Strategien für Versöhnung zu entwickeln. Außerdem überprüfen wir in verschiedenen Institutionen, ob Versöhnung stattfindet oder ob sie Spaltung säen. Wir überprüfen auch die verabschiedeten Gesetze und schauen, wie die verschiedenen Systeme in der Regierung wahrgenommen werden. Wir brauchten Zeit, um die richtigen Methoden zu erarbeiten aber es ist uns gelungen, eine nationale Richtlinie für Versöhnung zu entwickeln.

Jeder Akteur hat in diesem Prozess eine klare Aufgabe: Die Regierung, das Parlament, die Justiz, die Armee aber auch die Schulen, die Gesellschaft und die Kirchen. Die Herausforderung ist, dass es sehr ermüdend sein kann, ein Land zu heilen. Oft geben die Helfer zu früh auf. Es folgen Rückfälle oder alte Ideologien tauchen wieder auf. Während dieses Prozesses gibt es viel Spannung im Untergrund.

 

ERF.de: Warum wurde die Versöhnung so ein wichtiges Thema für Sie?

Antoine Rutayisire: Ich wuchs mit sehr viel Zorn und Bitterkeit auf. Ich war fünf, als mein Vater während der ersten Massaker an den Tutsi starb. Mit 15 flog ich von der Schule, einige meiner Freunde starben, andere flohen und kamen nie wieder. Die Situation war nicht gut. Später wurde ich Dozent an der Universität, verlor aber mit 25 meine Stelle, weil die Regierung eine neue Regelung bezüglich ethnischer Beziehungen beschlossen hatte. Mir wurde immer wieder von neuem bewusst, dass ich in einem Land lebte, das mich hasste. So verstärkten sich mein Zorn und meine Bitterkeit. Irgendwann muss man sich aber entscheiden, verbittert und destruktiv oder konstruktiv zu werden.

Nachdem ich mit 26 Christ wurde, dachte ich eines Tages über die Kreuzigung Jesu nach. Alle verspotteten und beleidigten ihn aber er betete: „Vater, vergib ihnen!“ Ich dachte: Wie kannst Du nur für diejenigen um Vergebung bitten, die dich gerade kreuzigen? Das traf mich und ich nahm mir vor, den Weg Jesu zu gehen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich diese Entscheidung für mich traf. Ich konnte meinen Zorn, meinen Hass, meine Bitterkeit loslassen. So wurde ich ein Prediger der Versöhnung.

 

ERF.de: Seit dem Völkermord nahm der Bevölkerungsanteil der Christen stark zu. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Antoine Rutayisire: Das ist ein sehr interessantes Phänomen. Wenn Sie Bücher aus der Zeit des Völkermordes lesen, finden Sie Aussagen wie: „Die Dämonen sind nicht länger in der Hölle, sie sind in Ruanda“ oder „Die Muslime verhielten sich besser“. Man behauptete, dass das Land in Zukunft wahrscheinlich muslimisch werden wird, doch das Gegenteil trat ein.

Viele fragen, wo Gott damals war. Wir Zeitgenossen wissen: Gott war bei uns. Ich sah Gottes Hand als ich mich versteckte, als ich wegrannte und genauso als ich hungrig war. Gott offenbarte sich vielen Menschen während des Völkermordes. Sie hörten von der Gnade und Gegenwart Gottes mitten in der Hölle des Völkermordes und das öffnete ihre Herzen. Andererseits öffnete die Ungewissheit, wie es nach dieser Schreckenszeit weitergeht, viele Menschen für das Evangelium. Damals erfuhr unsere Kirche einen enormen Zuwachs von 4 % in acht Jahren.

ERF.de: Welche Bedeutung hat die Spiritualität in Ruanda?

Antoine Rutayisire: Schon vor der Christianisierung war Spiritualität in Ruanda allumfassend. Unsere Sprache beweist, dass keine Trennung zwischen den Lebenden und Toten besteht: Lebender heißt „awasima“ und Toter „awasimo“. Beide haben dieselbe Wurzel. Man könnte sagen, dass die Lebenden und die Toten quasi zur selben Gesellschaft gehören. Tatsächlich beziehen sich die Ruander auf ihre Vorfahren. Sie opfern ihnen und wenn es Probleme gibt, befragen sie die Geister der Vorfahren. Das Sichtbare und das Unsichtbare sind Teil der gleichen Wirklichkeit. Die Ruander praktizieren also eine Art Erfahrungsspiritualität.

 

ERF.de: Welche Fehler traten Ihrer Meinung nach bei der Missionierung Ruandas auf?

Antoine Rutayisire: Was in Ruanda geschah, könnte überall passieren. Wir achten bei der Evangelisierung oft bloß auf die Zahlen. Wenn sich jemand taufen lässt, gehen wir oft nicht tiefer. Wir schauen weder auf seine alten Überzeugungen noch auf seine Kultur. Ich glaube auch, dass an unserem Evangelium manche Stellen verkürzt wurden. Viele Lebensbereiche blieben unbeachtet.

Für Ruanda war das z.B. ethnische Trennung und ethnische Diskriminierung. Sowohl während der Monarchie als auch nach der Unabhängigkeit dachte niemand daran, dass das Evangelium eine Antwort auf diese Probleme bietet. Wir betrachten die Botschaft oft nicht im richtigen Kontext. Bevor wir Schwächen und Sünden an einem Land, einer Gesellschaft oder Kultur aufzählen, müssen wir sie analysieren. Dann erst wirkt die Botschaft des Evangeliums heilend darauf.

 

ERF.de: Was versäumten die Kirchen damals aber auch heute?

Antoine Rutayisire: Sie versäumten, das Evangelium auf die Realität unserer Gesellschaft anzuwenden. Auch wenn wir, was den Völkermord und die ethnische Diskriminierung angeht, die Botschaft entdecken, lehren und predigen, scheitern wir dennoch daran. In Ruanda predigen wir Versöhnung, aber wir spielen Arzt und sind doch selbst krank. Wir müssen unsere Denkmuster anpassen und das ist ein langer Prozess. Wir sind auf dem Weg der Besserung, aber noch nicht am Ziel.

 

ERF.de: Welche Probleme brachte diesbezüglich das Christentum mit sich?

Antoine Rutayisire: Als das Christentum kam, ging die Bedeutung dieser Spiritualität verloren. Der Intellekt wurde gefordert. Man lernte Bibelverse, Glaubenssätze und den Katechismus. Daraus entstand ein halbherziges Christentum. Die Menschen gingen zur Kirche, aber griffen bei Problemen auf ihre bewährten Traditionen zurück. Dieses Problem finden wir sogar im Westen.

Wenn die Ruander an den Punkt kamen, eine bestimmte Idee oder Propaganda für wahr zu halten, passten sie ihren Glauben und ihre Verhalten einfach daran an. Das passiert auch heute noch. Dafür braucht es keinen Extremfall, wie den Völkermord: Ein Mann lässt sich samstags von seiner Frau scheiden und besucht am Sonntag die Kirche. Wir legen oft die gleiche Widersprüchlichkeit an den Tag und merken es nicht.

Über den Völkermord:
Innerhalb von 100 Tagen starben ab dem 6. April 1994 zwischen 800.000 und 1 Million Menschen. Der Genozid kostete Dreiviertel der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit und vielen anderen Volkszugehörigen das Leben. Die Täter kamen u.a. aus der ruandischen Armee, der Präsidentengarde, der Polizei und der Verwaltung. Vorausgegangen waren Konflikte zwischen der Regierung und der Rebellenbewegung RPF (Ruandische Patriotische Front).

 

ERF.de: Wie sollte die Kirche Ihrer Meinung nach auf ethnische Konflikte reagieren?

Antoine Rutayisire: Wenn wir die Bibel lesen, finden wir schnell eine Antwort. Die Bibel sagt uns, dass wir in Christus eine neue Kreatur sind. Da gibt es weder Hutu noch Tutsi, weder Schwarze noch Weiße. Wir bilden eine neue Gemeinschaft vor Gott. Das müssen wir erkennen und predigen bis die Menschen es selbst verstehen und leben. In den Kopf gelangt diese Botschaft schnell, doch dann nimmt sie das Herz noch nicht an. Es bleibt vorerst eine Theorie.

 

ERF.de: Was bedeutet für Sie Versöhnung in einem Land, in dem Menschen solch einen unbeschreiblichen Horror erlebt haben?

Antoine Rutayisire: Ich stelle mir vor, wie Täter und Überlebende des Völkermordes zusammenkommen, der Überlebende seinen Hass bewältigt, Heilung erfährt und lernt zu vergeben. Ich sehe die Täter, wie sie begreifen, dass sie Sünde begingen, Buße tun und ihre Schuld bekennen – das ist wahre Versöhnung. Ich bin sicher, dass wir das Ziel erreichen können. Momentan kann man von einem friedlichen Zusammenleben sprechen. Das ist ein Anfang.

 

ERF.de: Wie können sich Europäer an Versöhnung beteiligen, speziell in Ruanda, aber auch im Allgemeinen?

Antoine Rutayisire: Obwohl Europäer eine Rolle in Ruanda spielten - hauptsächlich Belgien, die unsere politische Linie missbrauchten und so unser Land zerstörten -, gebe ich ihnen nicht die Schuld am Völkermord. Sie haben falsch gehandelt, aber das war lange vor dem Völkermord, der nach der Unabhängigkeit stattfand. Wenn man in 40 Jahren der Unabhängigkeit nicht wächst und seine Vergangenheit bereinigt, dann ist das eigene System fehlerhaft.

Der Völkermord war unsere eigene Dummheit. Ich werfe der Welt allerdings vor, dass sie nicht half, als wir Unterstützung benötigten. Die Europäer könnten helfen, die entstandenen Folgen zu beseitigen, denn Ruanda ist ein armes Land und braucht viele Ressourcen, die es nicht hat. Wir haben immer noch Witwen, Waisen und Obdachlose. In Schulbildung und Rehabilitation kann man sich einbringen.

 

ERF.de: Danke für das Gespräch.


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