Gemeindeberatung: Miteinander an einem Strang ziehen

Über den richtigen Umgang mit Gemeindekonflikten

Wenn Konflikte das Vertrauen erschweren, kann man sie unter den Teppich kehren – oder sich Hilfe von außen holen: zum Beispiel durch einen Gemeindeberater

Es ist eine Gemeinde, wie man sie wohl oft in Ostdeutschland findet: die FeG Gera. Rein zahlenmäßig scheinen die besten Jahre dieser Freien Evangelische Gemeinde hinter ihr zu liegen. Vor DDR-Zeiten besaß sie etwa 300 Mitglieder, aktuell sind es ca. 60, aber Tendenz steigend - zumindest leicht. Das sah vor einigen Jahren noch anders aus. 2007 kam es zu einer größeren Krise in der Gemeinde. Ausgangspunkt waren Spannungen zwischen der Gemeindeleitung und verschiedenen ehrenamtlichen Mitarbeitern. Dass es heute wieder aufwärts geht, man wieder miteinander redet und gemeinsam Probleme anpackt, liegt an der Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten und an dem erfolgreichen Prozess einer Gemeindeberatung.

Es kriselt

Dass es zur Krise kam, hatte mehrere Gründe. Es sind Probleme, wie man sie wahrscheinlich in vielen christlichen Gemeinden findet: Schwierigkeiten, die man auf persönlicher Ebene miteinander hatte, einzelne, vielleicht schwierige Menschen, die unzufrieden sind und ihre Unzufriedenheit dann auch zum Ausdruck bringen. All dies waren Gründe, die in Gera eine Rolle spielten, entladen hat sich der Konflikt aber an der Frage, wie transparent Entscheidungsprozesse und Entscheidungsstrukturen sind bzw. sein müssen. „Es gab Unzufriedenheit darüber, wie Entscheidungen getroffen und kommuniziert worden sind“, erklärt Dirk Sloboda, damals als Mitarbeiter in der Gemeinde mitverantwortlich für die Jungschararbeit. Er erinnert sich, dass für einige Mitarbeiter, Entscheidungen der Gemeindeleitung nicht nachvollziehbar gewesen seien. „Bei einzelnen ging das so weit, dass sie das Gefühl hatten, Entscheidungen seien gegen sie persönlich gerichtet worden“. Der IT-Unternehmer gehörte zu dem wachsenden Kreis von Mitarbeitern in der Gemeinde, die unter anderem darüber unzufrieden waren, wie gemeindeinterne Entscheidungsprozesse abliefen.

Diese Umstände führten dazu, dass es immer schwieriger wurde, miteinander zu reden, Kritik wurde persönlich aufgefasst. Man ging sich aus dem Weg, es gab Missverständnisse, einige Mitarbeiter überlegten, die Gemeinde zu verlassen. "Das Vertrauen war letztlich kaputt", erklärte Pastor Christoph Maas. "Irgendwann war für mich der Punkt gekommen, dass ich auch nicht mehr am Abendmahl teilnehmen konnte", beschreibt Dirk Sloboda die damalige Situation. „Bei einigen trat Resignation ein“. Auch für Christoph Maas wurde die Situation immer schwieriger. Er stellte sich und seine Rolle als Pastor in Frage, da sich der Konflikt so zuspitzen konnte. Doch er spürte auch, dass es allen Beteiligten letztlich um die Zukunft der Gemeinde gibt. Das macht ihm Mut, weiter zu machen. Um gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, braucht es aber Hilfe von außen. Man entschließt sich, einen externen Berater dazu zu holen.

"Wie soll unser Miteinander nach der Krise aussehen?"

Ende des Jahres 2007 wird Bernd Kanwischer, Bundessekretär im Bund der FeGs und für Gemeindepflege zuständig, von der Gemeindeleitung in Gera angefragt. Er soll die Gemeinde bei der Bewältigung des Konflikts unterstützen. Insgesamt ist er dreimal vor Ort, um den Beratungs- und Klärungsprozess anzustoßen und zu moderieren. Der Bundessekretär machte der Gemeinde Mut. Normalerweise gäbe es nicht so viel Bereitschaft, gemeinsam miteinander Probleme zu lösen. Nach anderthalb Jahren kann er die Moderation des Gesprächsprozesses bereits abgeben. Pastor Raimund Puy von der FeG Erfurt übernimmt die letzten beiden Gespräche. Der gute Ausgang war nicht selbstverständlich. Zu Beginn des Prozesses war alles offen, wie Christoph Maas erklärt: „Am Anfang kommt alles auf den Tisch. Es hätte auch sein können, dass man mit dem Ergebnis aus so einem Beratungsprozess rausgeht, dass man mit einem anderen Pastor weitermachen will“.

Der Grund für diese relativ schnelle Übergabe lag in der grundsätzlichen Bereitschaft aller Beteiligten, gemeinsam nach vorne zu schauen und an einer Lösung zu arbeiten. Auch Christoph Maas hat den Prozess als sehr wohltuend und konstruktiv erlebt. „Dass es so schnell und so gut nach vorne ging, dazu hat Bernd Kanwischer durch seine ruhige und analytische Art ein großes Stück beigetragen“. Besonders in Erinnerung geblieben ist dem 56-Jährigen die vorwärts gerichtete Ausrichtung des Beratungs-Prozesses. „Die Leitfrage, mit der wir in den Prozess eingestiegen sind, war: ‚Wie soll unser Miteinander nach der Krise aussehen? Was soll nach dem Beratungsprozess anders sein? ‘ Das war extrem hilfreich, um nicht erst mal lange und ausgiebig nur über alles Negative zu reden“.

An der Kommunikation arbeiten

Nach der Analyse ging es dann in einem zweiten Schritt um Lösungswege: Wo liegen die Hauptknackpunkte? Was muss verbessert werden, damit das Miteinander wieder klappt? Es liegt auf der Hand, dass an der Kommunikation gearbeitet werden muss. Veranstaltungen und Sondertermine wurden bisher zu spät bekannt gegeben und nicht immer mit allen abgesprochen. Das hat in ihren Augen zu viel Unverständnis und Frustration geführt und Beziehungen, die auf der persönlichen Ebene vielleicht ohnehin schon nicht einfach waren, verschärft.

Dass in einem Beratungsprozess diese Beziehungen dann auch wieder gekittet werden konnten, hängt viel mit der Atmosphäre zusammen, die bei den Gesprächen herrschte. Es wurde gemeinsam gegessen, man konnte miteinander lachen. Besonders hilfreich war in dieser Phase der Grundton, der durch die behutsame und vorwärtsgewandte Analyse geschaffen wurde. Deshalb hieß es jetzt nicht: "Ihr habt uns nicht rechtzeitig informiert!", sondern: "Wir wollen rechtzeitig miteinander reden und Entscheidungen gemeinsam besprechen, deshalb sind diese und jene Voraussetzungen notwendig".
„Viel wurde in dieser Zeit auch gebetet“, erklärt Christoph Maas. Neben allem Beraten sei es auch ein Wunder Gottes, dass der Beratungsprozess Früchte getragen hat.

Konkrete Schritte beschließen

Damit nicht nur den Ursachen auf den Grund gegangen wird, Lösungswege aufgezeigt werden, sondern auch ganz praktische Schritte möglich sind, werden ganz konkrete Maßnahmen verabschiedet. Eine besteht zum Beispiel darin, dass sich die Gemeindeleitung und die leitenden Mitarbeiter einmal pro Quartal treffen, um sich auszutauschen und Entscheidungen gemeinsam durchzusprechen. "Das hat enorm viel gebracht", sagt Dirk Sloboda. "Dadurch wird regelmäßig und vor allem rechtzeitig informiert". Die Gemeindeleitung achtet in Zukunft darauf, dass Entscheidungen zuerst und rechtzeitig den leitenden Mitarbeitern mitgeteilt werden.

Die Mitarbeiter wiederum entschließen sich, bei Unstimmigkeiten im Hinblick auf die Informationspolitik und die Entscheidungspolitik, diese zuerst der Gemeindeleitung und nicht anderen Mitarbeitern und Gemeindemitgliedern zu spiegeln. Dadurch soll eine erneute Negativspirale vermieden werden, die durch negatives Reden entstehen kann. Und diese Schritte werden gegangen und die Beschlüsse in die Tat umgesetzt, was zur Folge hat, dass neues Vertrauen entsteht.

Diese positiven Ergebnisse bestätigt auch Dirk Sloboda: „Man hat gelernt, gut miteinander zu reden.“ Persönliche Differenzen seien durch den Beratungsprozess gut gelöst worden. Und auch die strukturellen Probleme, was die Entscheidungsprozesse anbelangt, seien gelöst worden. "Bei Entscheidungen, wo man früher vielleicht erst einmal gesagt hat 'Was soll das?', habe ich jetzt erst einmal prinzipiell das Vertrauen, dass die Entscheidungen gut gemeint sind." Außerdem wird man nun stärker in Entscheidungen mit einbezogen und früher informiert. „Der Entscheidungsprozess wurde auf breiter Ebene optimiert“, so Sloboda.

Friede, Freude, Eierkuchen?

Herrsche jetzt Friede, Freude, Eierkuchen? Nein, sachbezogene Probleme seien zwar gut gelöst worden, manches bedürfe aber immer noch des Feinschliffs, erklärt Sloboda. Aber man habe viel mehr Verständnis füreinander. Manche Gehversuche aufeinander zu bleiben vielleicht etwas zögerlich, aber sie finden statt. Und es ist ein Klima entstanden, in dem konstruktive Kritik möglich ist, auch wenn sich nicht gleich alles zu aller Zufriedenheit klärt. Die geklärten Beziehungen und die gelösten Sachprobleme haben sich positiv auf das Miteinander ausgewirkt. Besonders schön für Pastor Christoph Maas ist die Reaktion von Menschen, die neu zur Gemeinde hinzustoßen: „Da wird immer wieder eine Sache besonders betont, die Besuchern und neuen Freunden der Gemeinde auffällt: Die tolle Atmosphäre!“


Zum Thema:

FeG Gera: www.gera.feg.de  
Gemeindeberatung im Bund der FeGs: www.feg.de/index.php?PHPSESSID=pgsuijir6frpo07b29apftosnv&id=288


Kommentare

Von Norbert Z. am .

Der Umgang mit Konflikten und Verletzungen im zwischenmenschlichen Bereich scheint mir ein großes Problem in vielen Gemeinden zu sein. Habe es selbst erlebt, daß viele Prediger und Gemeindeleiter mit diesem Thema hoffnungslos überfordert sind. Vielleicht könnte man sich beim ERF diesem Thema verstärkt stellen ?!!

Von Herbert Müller am .

Ein sehr guter Bericht! Ich wünsche, dass er bekannt wird und in Gemeinden, die Probleme im Miteinander haben, zu Segen wird. Die Offenheit und Ehrlichkeit des Berichtes ist sicher hilfreich.

Von Thomas A. am .

Das tut mal richtig gut von einer Gemeinde zu hören, bei der die Konflikte/Probleme mal in Angriff genommen wurden. Und das es sich dabei um eine FEG handelt wundert mich nicht. Ich selber war in einer Landeskirchlichen Gemeinschaft (LKG), welche (fast) völlig unabhängig lebt. Die Pastoren holte man sich bis vor 3 Jahren beim LGV und beim SV. Dann wurde ein eigener Pastor (vom 1. Vorsitzenden herausgesucht) eingestellt. Durch die Einstellung des Pastors wurde leider die Machtposition des mehr


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