Gemeindeberatung Lesezeit: ~ 5 min

"Bei Konflikten ist der Druck am höchsten"

Stillstand, Konflikte aber auch zu schnelles Wachstum stellen Gemeinden vor vielfältige Herausforderungen. Ein Interview mit Gemeindeberater Reinhard Spincke.

ERF Online: In welchen Situationen befinden sich in der Regel Gemeinden, die Sie um eine Beratung bitten?

Reinhard Spincke: Es gibt eigentlich ganz unterschiedliche Situationen. Manche Gemeinden fragen an, wenn sie eine positive Entwicklung haben. Sie wachsen und stellen dann fest, dass es Veränderungen geben muss, um gut weiterarbeiten zu können. Manche Gemeinden fragen an, weil es Konflikte gibt. Wieder andere Gemeinden stellen fest, dass es vielleicht keinen Konflikt gibt, sie aber einen Entwicklungsrückgang oder Stagnation ihrer Mitgliedschaft feststellen. Das sind die drei häufigsten Gründe, weshalb Gemeinden nach Beratung fragen.

ERF Online: Welcher dieser Gründe kommt am häufigsten vor?

Reinhard Spincke: Bei Konflikten ist der Druck am höchsten, sich um eine Beratung zu bemühen. Ich erlebe das auch gerade jetzt, dass Gemeindeleitungen ihre eigene Situation gut beobachtet haben und festgestellt haben, dass es nicht so erfreulich weitergegangen ist und dass sie da etwas tun müssen. Das ist dann natürlich besonders positiv, wenn man ohne einen konkreten Konflikt in die Beratung geht, denn das erleichtert die Veränderung natürlich. Man kann positive Lösungsansätze leichter finden, weil man nicht erst noch Beziehungen klären muss.

ERF Online: Wie läuft ein Beratungsprozess in der Regel ab?

Reinhard Spincke: Das beginnt in der Regel damit, dass sich der Berater über die Gemeinde informiert und schaut, was an Unterlagen, an statistischen Daten usw. vorliegt. Dann fährt er zu einem ersten Kennlerngespräch in die Gemeinde versucht mit ihr zu analysieren, wie die Situation der Gemeinde ist und was die Punkte sind, an denen man arbeiten will? Es beginnt also mit einer gemeinsamen Analyse der Situation.

ERF Online: Wie lang kann so ein Prozess dauern?

Reinhard Spincke: Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem was die Ursache ist. Wenn es z.B. um einen Konflikt oder eine größere Krise geht, dann kann das länger dauern. Es ist natürlich klar, dass z.B. Krisen, die sich über eine längere Zeit angebahnt haben, auch länger brauchen. Es gab Beratungssituationen, wo man nach ein, zwei Mal schon wesentliche Knoten lösen konnte und die Gemeinde dann fröhlich selbst weitermachen konnte. Teilweise ist es aber auch so, dass Gemeinden über meine eigene Beratung hinaus noch weiter begleitet werden von Leuten, die wir sozusagen in die Gemeinde bringen oder die wir bitten, die Gemeinde weiter zu begleiten. Das heißt, dass im Grunde vom Bund aus eine "Erstberatung" geschieht und andere Menschen das dann weiterführen. Auch das gibt es.

ERF Online: Was kann eine Gemeinde denn realistischerweise von einem solchen Prozess erwarten?

Reinhard Spincke: Sie kann erwarten, dass es eine gute Analyse der Situation gibt, dass sie sich selber besser versteht. Das ist das erste. Zweitens kann sie erwarten, dass gemeinsam Ansatzpunkte zur Lösung erarbeitet werden. Je nachdem, wie der ganze Prozess auch aufgestellt ist, kann man auch erwarten und erhoffen, dass ein kleiner Ruck durch die Gemeinde geht. Denn die Gemeinde erkennt hoffentlich gemeinsam, dass sie in einer Situation ist, in der neue Lösungen und Veränderungen anstehen, die man gemeinsam bewältigen muss. Das kann eine neue Motivation geben. Allerdings kann man das eben nicht garantieren. Das sind Dinge, die man erhoffen kann, auf die man hinarbeiten kann, aber eben ohne Garantie.

ERF Online: Welche Vorarbeit muss eine Gemeinde leisten, um effektiv so einen Beratungsprozess durchführen zu können?

Reinhard Spincke:  Es muss eigentlich keine große Vorarbeit geleistet werden. Man muss sich, in unserem Fall, an den Bund wenden oder an einen Berater. Man muss sich einig sein, dass man das will und dafür auch Zeit investieren. Das ist eigentlich die größte Vorarbeit, die gemacht werden muss. Am wichtigsten ist die innere Haltung. Die Bereitschaft, den Tatsachen wirklich ins Auge zu schauen, weil manches, was in so einer Beratung ins Licht kommt, auch ein bisschen weh tut. Da sind Dinge falsch gelaufen, obwohl man sich große Mühe gegeben hat. Da haben sich Leute eingesetzt und die Gemeinde hat sich trotzdem nicht gut entwickelt und das hat auch gewisse Ursachen. Das festzustellen und dem ins Auge zu schauen, das tut wirklich manchmal weh. Gerade auch bei solchen, die sich eingesetzt haben oder bei verantwortlichen Mitarbeitern. Und dann muss auch diese Bereitschaft da sein: Ja, wir wollen uns ehrlich einen Spiegel vorhalten lassen. Und es gehört auch die Bereitschaft dazu, Dinge zu ändern.
Das muss man sich vorher überlegen. Wenn man das nicht wirklich möchte, dann macht eine Beratung auch keinen Sinn. Nur mal zu spüren, welche Möglichkeiten es gibt, aber nichts am eigenen Verhalten, den eigenen Methoden oder Strukturen und vor allem der geistlichen Grundeinstellung ändern zu wollen, ist vergebene Mühe.

ERF Online: Eine Gemeindeberatung macht also nur dann Sinn, wenn man wirklich bereit ist, Dinge zu ändern, wenn man also auch den Blick für die Zukunft hat?

Reinhard Spincke: Das ist richtig. Die Frage nach der Zukunft muss und soll bei der Beratung auch im Vordergrund stehen. Auch wenn ich zuerst frage, wie die Situation ist, bei der Analyse und der Suche nach den Ursachen geht es nicht um Geschichtsschreibung, sondern in erster Linie darum, aus der Geschichte zu lernen, um Gemeinde für die Zukunft zu bauen.

ERF Online: Was war denn für Sie das schönste Erlebnis bei einer Gemeindeberatung?

Reinhard Spincke: Es gibt zwei Dinge, die immer wieder schön sind: Zum einen, wenn es Aha-Effekte gibt. Wenn Gemeinden den Eindruck durch die Beratung haben, jetzt verstehen zu können, was dort vorgeht. Wie sich die Dinge entwickeln und warum. Und zweitens: Wenn das dann auch dazu führt, dass Leute sagen: „Jetzt habe ich auch Ansatzpunkte, das motiviert mich neu und wir jetzt sind wir auch gemeinsam unterwegs“.

ERF Online: Wie geht das praktisch, wenn man sich als Gemeinde dafür interessiert? Wo muss man sich hinwenden?

Reinhard Spincke: Unsere Gemeinden wenden sich an den Bund Freier evangelischen Gemeinden. Wir haben fünf Bundessekretäre, die deutschlandweit arbeiten und da kennen die Gemeinden auch ihren Ansprechpartner.

ERF Online: Was kostet das für eine Gemeinde?

Reinhard Spincke: Bei uns in unserem Bund gibt es keine zusätzlichen Kosten. Wir bitten die Gemeinden um Erstattung des Kilometergeldes, vielleicht ein bisschen Aufwandsentschädigung. Aber es gibt da keine festen Sätze der Vorbedingungen.

ERF Online: Bieten Sie Ihre Dienstleistungen auch für externe Gemeinden an?

Reinhard Spincke: Das kommt, ehrlich gesagt, selten vor. Da haben jedenfalls die klassischen Gemeindebünde jeweils ihre eigenen Ansprechpartner und ganz unabhängige Gemeinden sind in der Regel auch vernetzt. Es wäre möglich, aber es passiert in der Praxis eher selten.


Reinhard Spincke ist Bundessekretär im Bund Freier Evangelischer Gemeinden (FeG) und dort für Gemeindeberatung und Gemeindeentwicklung zuständig.
 


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