Interview mit Dr. Michael Diener

"Es gibt kein Allheilmittel"

Dr. Michael Diener über den ersten Lausanner Kongress, drei Bereiche, in die Kirchen investieren sollten und seine persönlichen Erwartungen an Kapstadt.

Am Sonntag beginnt der dritte Internationale Kongress für Weltevangelisation in Kapstadt. 4000 Mitarbeiter und Vertreter von Kirchen und christlichen Werken aus über 200 Ländern treffen sich dort, um über Weltmission zu reden. Einer von ihnen ist Dr. Michael Diener, Leiter des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes.

ERF Online: Herr Diener, bevor wir auf den diesjährigen Kongress zu sprechen kommen, lassen Sie uns kurz Rückblick halten. Welche Auswirkungen hatten der erste Kongress 1974 in Lausanne und der zweite 1989 in Manila auf Gemeinden und Kirchen in Deutschland aber auch weltweit?

Michael Diener: 1974 war ich erst zwölf Jahre alt, deswegen kann ich nicht wirklich behaupten, die damaligen Geschehnisse mitbekommen zu haben. Aber ich erinnere mich, dass die Menschen, die damals dabei waren, immer so verklärte Augen bekamen, wenn sie Lausanne in den Mund nahmen. Zu der Zeit ist es wirklich gelungen, das Thema Evangelisation als Auftrag für Christen und Christinnen in die Mitte zu rücken. Man muss verstehen, dass der Kongress 1974 eine Gegenbewegung zu dem ökumenischen Rat der Kirchen war. Dort bewegte sich der Schwerpunkt von der Evangelisation weg, hin zu anderen wesentlichen Themen wie Frieden, Gerechtigkeit oder die Bewahrung der Schöpfung Gottes.

So gesehen war Lausanne in einer gewissen Gegenposition und hat es geschafft, im weitesten Sinne die evangelikalen Christen zu einen und das Thema Evangelisation immer wieder auf die Tagesordnung zu rücken. Evangelisation wurde zur Priorität, so wie es Jesus Christus geboten hat. Diese Wirkung des ersten Lausanner Kongresses kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

ERF Online: Die Themen für dieses Jahr gehen stark in die Richtung soziale Gerechtigkeit, Erneuerung der Schöpfung oder Solidarität mit den Armen. Sehen Sie darin eine Chance oder eher eine Rückwärtsbewegung?

Michael Diener: Die starke Konzentration auf das Thema Evangelisation war damals meines Erachtens nach eine Reaktion auf eine bestimmte Entwicklung in der Evangelischen Kirche, die sich zum Teil auch im Ökumenischen Rat der Kirchen widergespiegelt hat. Seitdem hat sich aber viel getan. Wir erleben in der Evangelischen Kirche in Deutschland und auch darüber hinaus eine Rückbesinnung auf das Thema Mission. Gleichzeitig erleben wir aber auch bei den Gruppen, die damals mit dem Thema Mission und Evangelisation angetreten sind, ein wachsendes Interesse an sozialen, kulturellen und politischen Themen. Von daher gibt es eine Bewegung aufeinander zu.

Ich sehe diese Entwicklung ohne große Besorgnis, da auch der Nachfolgekongress 1989 in Manila in Zeugnis und Wort festgeklopft hat, dass das Thema Evangelisation eine bleibende Priorität hat. Der Kongress hat aber ebenso gezeigt, dass sich Evangelisation auch mit der Tat verbinden muss, so wie wir das auch im Handeln und Reden Jesu finden. Ich freue mich darüber, dass die Dinge näher zueinander rücken.

Auf der Homepage der Lausanner Bewegung finden Sie alle wichtigen Informationen, von der Lausanner Verpflichtung bis hin zu den Referaten von Kapstadt. Außerdem können Sie bei den Lausanner Globalen Gesprächen selbst mitdiskutieren oder sich über die Twitterwall „Capetown 2010“ direkte Eindrücke verschaffen. Möchten Sie den Kongress an einem der elf Übertragungsorte in Deutschland verfolgen, können Sie hier die genauen Adressen erfahren.

ERF Online: Das Thema Mission steht immer wieder unter Generalverdacht. Man befürchtet, evangelikale Christen wollten anderen Völkern ihre Kultur überstülpen. Wie schätzen Sie das in Blick auf Kapstadt ein?

Michael Diener: Erstmal finde ich es toll, dass bei diesem Kongress Teilnehmer aus 200 Ländern kommen werden, dass die sogenannten 'anderen Kulturen' in Kapstadt vertreten sind. Allerdings gibt es im Vergleich zu Lausanne eine Verschiebung. Damals kam der überwiegende Teil der Teilnehmer aus Europa oder Amerika, diesmal werden die meisten Menschen aus der sogenannten Zweidrittelwelt kommen. Damals waren die charismatischen Christen und Christinnen in der Minderheit, heute werden sie mit Sicherheit eine viel stärkere Gruppe sein. Dieser Kongress spiegelt also eine veränderte Sicht auch auf die evangelikale Christenheit wider.

Deshalb werden auch bestimmte Themen von Menschen aus anderen Teilen der Welt eingeklagt und als Teil eines Zeugnisses für unseren christlichen Glauben eingefordert. Gerade weil Betroffene mitsprechen, bin ich sicher, dass es uns gelingt, die Spannung zu halten. Die Spannung zwischen einem klaren evangelistischen Zeugnis, das Jesus Christus als Herrn dieser Welt bekennt, und der Sensibilität, Menschen das nicht überzustülpen. Vielmehr sollen wir, wie der Apostel Paulus schreibt, Botschafter an Christi statt sein und bitten: Lasst euch versöhnen mit Gott. Ich glaube, dass das gerade aufgrund der Zusammensetzung dieses Kongresses sehr gut gelingen kann.

ERF Online: In Kapstadt soll es u.a. um die Frage gehen, in welche Bereiche die Gemeinde Christi ihre Kraft investieren sollte, um möglichst viele Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Sie selbst waren viele Jahre als Pfarrer tätig. Worin sollten Kirchen Ihrer Erfahrung nach investieren?

Michael Diener: Gerade in Blick auf unsere Kirchen in Deutschland gibt es kein Allheilmittel. Aus meiner eigenen Erfahrung als Pfarrer würde ich sagen, wir sollten bei einem klaren Dreiklang bleiben. Zum einen sollten wir Gott weiterhin auf verschiedene Weisen feiern, mit Gottesdiensten, die ansprechend und einladend sind. Als zweites sollten wir diakonisch und glaubwürdig leben. Das heißt, nah an den Fragen der Menschen und der Zeit sein. Und letztlich sollten wir Beziehungen ermöglichen und fördern.

Wir leben in einer Zeit, in der die Vereinsamung des Einzelnen zunehmend fortschreitet. Gerade hier können Kirchen helfen, indem sie für Beziehungen zur Verfügung stehen, Menschen sprachfähig machen und zueinander führen. Und dabei sollen wir die uns geschenkte, gelingende Beziehung widerspiegeln, die Gott uns durch Jesus Christus eröffnet hat. Das halte ich für die Kirche in Deutschland, aber auch für den Gnadauer Gemeinschaftsverband für ganz wichtig.
 


Kommentare

Von Beate Schanz am .

Sollten wir nicht eher eine Kerze sein, die den Einzelnen im Blick hat, und Jesus Christus als Licht der Welt in diese Welt hineinbringen, indem wir ein Sonnenstrahl für Jesus werden, beginnend an dem Platz wo uns Jesus hingestellt hat? So nach und nach dürfen Menschen von diesem Licht erfasst werden. Ich darf klein anfangen und Gott zieht daraus seine Kreise.
Nimm Gottes Liebe an. Du brauchst dich nicht allein zu mühn, denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise ziehn. Und füllt sie erst dein mehr


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