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Zurück ins Leben

Julia P. hat abgetrieben und eine steile Drogenkarriere hinter sich. Sie sucht den Tod. Doch die Geschichte Gottes mit ihr ist noch lange nicht zu Ende.

Mein Name ist Julia Pautova. Ich wurde 1978 in St. Petersburg geboren und bin dort aufgewachsen. Heute habe ich ein gutes Leben, bin eine glückliche Tochter, Schwester, Ehefrau und Gemeindemitarbeiterin. Dabei ist es noch nicht lange her, dass ich dachte, ich habe mein Leben verwirkt und würde jeden Moment sterben.

Aber eins nach dem anderen. Ich wuchs in einem einigermaßen normalen Elternhaus mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester auf. Gott spielte keine große Rolle. Nur meine Großmutter wiederholte oft den Satz: „Sie muss getauft werden!“ Damit meinte sie mich und ich gewann schon als kleines Mädchen den Eindruck, dass ich mich unbedingt taufen lassen sollte. Sonst passiert etwas Böses mit mir. Doch einmal fehlte es an Paten, das andere Mal passte der Termin nicht. Dann starb meine Oma und ich blieb ungetauft.

Ich wollte lachen, wollte leben
Meine Mutter wollte, dass ich Theaterwissenschaft studiere. Doch ich interessierte mich mehr für Mathematik und fing an, Betriebswirtschaft zu studieren. Mein Traum für mein Leben bestand daraus, viele Freunde zu haben und viele Wanderungen mit Rucksack und Touren mit dem Boot zu machen. Ich wollte viel lachen, wollte leben. Völlig blauäugig verliebte ich mich in einen jungen Mann, wir zogen ohne zu heiraten zusammen.

Die Beziehung war schwierig, doch ich tröstete mich immer damit, dass es schon besser werden würde. Ich träumte den Traum von meinem Glück weiter, auch wenn es ihn nicht gab. Nach zwei Jahren wurde ich schwanger. Mein Partner wollte das Kind nicht und stellte mich vor die Wahl: er oder das Kind. Ich wählte ihn und meine Karriere. Am 4. Dezember 1999 ließ ich eine Abtreibung über mich ergehen. Ich konnte nicht ahnen, wie sehr dieser Tag mein Leben verändern würde.

Mein Körper roch nach Verwesung
Die Abtreibung im Krankenhaus misslang gründlich. Trotzdem wurde ich recht bald nach Hause geschickt. Die Wunden entzündeten sich, eiterten und schließlich hatte ich mit einer Blutvergiftung zu kämpfen. Falls es die Hölle auf Erden gibt, dann war ich drin. Ich hatte fürchterliche Schmerzen. Mein junger Freund ließ sich tagelang nicht zu Hause blicken. Wenn er doch vorbeischaute, schienen ihm meine Schmerzen egal zu sein. Fast zwei Monate quälte ich mich durch, fast ganz auf mich allein gestellt. Irgendwann im Januar konnte ich ihn überreden, meine Mutter anzurufen und mich ins Krankenhaus zu bringen.

Am 29. Januar 2000 wurde ich in einem furchtbaren Zustand in die Notaufnahme eingeliefert. Ich roch nach Verwesung, der zuständige Arzt begann bei der Erstuntersuchung über mich und meinem Zustand zu weinen. Dann wurde ich bewusstlos. Die Ärzte erkannten schnell, wie hoffnungslos mein Gesundheitszustand war. Meiner Mutter sagte man, ich hätte noch zwei Stunden zu leben. Man schlug ihr vor, bei mir zu sitzen und sich von mir zu verabschieden.

Drei Mal klinisch tot
Das tat sie nicht. Vielmehr fing sie an zu beten, warum auch immer. Irgendwann wurde ich auf die Intensivstation verlegt. Nach einem Monat kam ich wieder zu mir. Es folgte ein Behandlungsmarathon: Drei große Operationen, mehrere kleinere Eingriffe. Drei Mal war ich klinisch tot.

In der Kantine dieses Krankenhauses arbeitete eine Frau, die jeden Tag zu mir kam, sich an meinen Bettrand setzte und für mich betete. Durch diese Gebete bin ich wieder zurück ins Leben gekommen. Das sagte zumindest das Pflegepersonal der Intensivstation im Nachhinein. Viele hatten mich schon aufgegeben. Auch mein Freund. Er besuchte mich nicht. Als ihn meine Mutter zur Rede stellte, antwortete er nur: „Sie stirbt ja sowieso, warum sollte ich noch zu ihr gehen?“

Mit der Zeit wog ich unter 30 Kilo, die nächste Operation am Herzen stand aber an. Ich konnte nicht gehen, war im Rollstuhl. Ich fuhr vor der Operation in die Krankenhauskapelle, die im selben Gebäude war, sprach mit dem Priester und wagte den Schritt: Ich ließ mich taufen. Mein Onkel und die Frau aus der Küche wurden meine Paten. Der Priester sagte mir, dass ich jetzt frei sei von allen meinen Sünden, dass ich mein Leben neu anfangen könne. Irgendwie war ich froh, dem Wunsch meiner Oma nachgekommen zu sein. Die ganze restliche Zeit im Krankenhaus glaubte ich wirklich an einen neuen Anfang. Schließlich war ich hier in einer geschützten, behüteten Umgebung.

Ich begann, den Tod zu suchen
Die volle Wahrheit kam über mich, als ich wieder zu Hause war. Die Realität setzte meinen Träumen ein jähes Ende: Mein Freund, der mich zur Abtreibung genötigt hatte, war weg. Meine Arbeit war auch weg und meine Karriere somit beendet. Meine Freunde wollten nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich war für immer als Invalidin gekennzeichnet. Als ich zudem begriff, dass ich keine Kinder mehr bekommen könnte – niemals, keine – kam eine große Hoffnungslosigkeit über mich. Ich wollte schreien, zurücklaufen zum Ausgangspunkt, die Zeit zurückschrauben, noch einmal die Wahl haben und schreien: „Nein! Nein! Ich treibe nicht ab! Ich behalte das Kind!“

Doch es war sinnlos. Alles war sinnlos! Meine Mutter hielt zwar zu mir, doch ich hielt es nicht mehr aus. Wozu brauchte ich mein Leben noch? Ich schrie meine Mutter an: „Warum hast du mich aus dem Tod rausgebetet?“ Eine unbeschreibliche Wut kam in mir hoch. Ich begann, den Tod zu suchen.

Ein eigenartiges Ringen mit Gott um mein Leben
Ich ließ alle Hemmungen fallen. Wenn es nichts mehr gibt, wozu es sich zu leben lohnt, ist alles erlaubt. Ich betäubte mich mit Alkohol, nahm Drogen, endete schließlich auf der Straße. Es folgten acht Jahre Dunkelheit. Auch meine Schwester folgte mir in die Drogenwelt. Kein Bitten und Flehen unserer Mutter konnte uns davon abbringen.

Aber egal wie voll wir mit Alkohol und Drogen auch waren: Meine Mutter besuchte uns, bat uns, trotz allem zur Kirche zu gehen. Wenn ich nüchtern war, wiederholte ich immer und immer wieder das Vater Unser. Irgendwie war das alles ein eigenartiges Ringen mit Gott um mein Leben. „Ich werde sowieso sterben“, dachte ich einerseits. Schließlich ist ein Drogenabhängiger dem Tod näher als dem Leben. Und doch, so paradox es auch ist, ich gewöhnte mich nicht an den Gedanken, zu sterben. Tief in meinem Innern fürchtete ich den Tod.

Bild: privat. Julia bei ihrer Hochzeit im August 2009

Meine einzige und letzte Chance
Eines Tages hingen wir wieder mit einer Gruppe von zehn Leuten auf der Straße herum. Unfähig, klar zu denken und voll mit Drogen und Alkohol. Da blieben zwei Christen neben uns stehen. Sie hörten sich unser Gelaber an und erzählten uns von dem Rehabilitationszentrum ihrer Gemeinde. Ich war die einzige, die noch halbwegs zuhören könnte. Einer der Beiden gab mir einen Zettel mit einer Wegbeschreibung zu der Gemeinde. Den Zettel verlor ich bald darauf, doch die Wegbeschreibung blieb in meinem Gedächtnis hängen.

Diese Begebenheit fand nach ungefähr eineinhalb Jahren ihre Fortsetzung. Damals versuchte ich, in einer Drogenklinik einen Entzug zu machen. Ich hielt jedoch nicht durch. Schon nach einer Woche draußen fiel ich in meine alten Muster und war wieder in meinem Teufelskreis gefangen. Das war so schrecklich, dass ich schließlich meine Mutter anrief und sie bat, mir noch einmal zu helfen. Irgendwie musste ich aus dieser Hölle rauskommen. Aber ich wusste, dass ich es nicht alleine schaffen würde. Gleichzeitig musste ich an die Wegbeschreibung zu der Gemeinde denken. Ich wusste: Das war meine einzige und letzte Chance. Meine Mutter willigte ein, mich dorthin zu begleiten.

Ein Wunder nach dem nächsten
Heute danke ich Gott, dass ich sehr schnell einen Platz in dem Rehabilitationszentrum der Gemeinde bekommen habe. Natürlich war der Entzug heftig. Mein Körper rebellierte, ich hatte tagelang über 40 Grad Fieber. Ich hatte furchtbare Schmerzen in der Leber und dachte, ich würde sterben. Wie viele Male hatte ich im Drogenrausch gedacht, mein Leben würde enden. Jetzt schien es, dass ich das Ende in nüchternem Zustand erleben sollte.

Doch zwei Tage vor meinem Geburtstag geschah das Wunder: Die Dunkelheit, die mich bestimmt hatte, brach auf. Ich fand zu einer lebendigen Beziehung zu Gott durch Jesus Christus. Es folgte ein Wunder nach dem anderen. Mein körperlicher Zustand besserte sich rasch. Meiner Seele ging es besser, ich wachte morgens mit einem Glücksgefühl auf. Es folgte ein Prozess, mich selbst wieder zu finden – so wie Gott mich geschaffen und gewollt hatte.

Kein Weg zurück
Ich musste an meinem Charakter arbeiten und meine Gewohnheiten ändern. Beides war sehr schmerzhaft. Doch es gab keinen Weg zurück. Gott war bei mir. Auch wollte ich die Unterstützung meiner Mutter nicht verlieren. Sie hatte ja eingewilligt, mir noch dieses Mal zu helfen. Zudem war meine Schwester mit mir zusammen im Entzugsprogramm. Sie sah in mir ein gewisses Vorbild und ich fühlte mich verantwortlich für sie. Denn erst kürzlich hatte ich in der Bibel den Satz gelesen: „Du und alle, die in deinem Haus leben, werden gerettet.“ (Apg 16,31)

Noch im Reha Zentrum habe ich angefangen zu beten, dass Gott mir die Kraft gibt, ihm so zu dienen, wie ich einmal der Sünde gedient hatte. Er erhörte meine Gebete. Heute freue ich mich an jedem Augenblick meines Lebens. Ich freue mich, dass ich Jesus nachfolgen darf, er ist der Herr meines Lebens. Ich bin froh, dass ich einen Mann gefunden habe. Wir haben im August 2009 geheiratet und er ist ein großer Segen für mich. Zusammen arbeiten wir jetzt in der Gemeinde, in der ich meinen Entzug machte. Wir leiten eine Gruppe für suchtabhängige Menschen. Außerdem produzieren wir im Büro von Trans World Radio eine Sendung für diese Menschen. Sie heißt „Un-Abhängigkeit“.

Sendungen verändern Menschen
Diese Sendungen erreichen Menschen! Neulich erfuhr ich von einem jungen Mann, der eine Sendung von TWR hörte, als er sich einen Schuss setzen wollte. Nach dem Rausch erinnerte er sich an die Sendung. Heute lebt er mit Gott. Das malte mir vor Augen, wie wichtig diese Sendungen sind. Ich bin glücklich, so vielen drogensüchtigen Menschen über die Hoffnung von Gott erzählen zu dürfen, aber auch ihren leidgeprüften Müttern tröstende Worte zu sagen. Ich möchte in jeder Sendung sagen: „Leute, es gibt einen Ausweg! Ihr braucht nicht ohne Hoffnung zu sein! Ich war selber so eine wie ihr, und Gott hat mich befreit!“

Manchmal bin ich traurig über die verlorenen Jahre meines Lebens. Doch die Dankbarkeit an Gott überwiegt. Er hat mich gefunden und gerettet. Mein Leben ist wie ein Lehrstück dafür, wie tief man sich in Sünde verstricken kann – aber auch, wie barmherzig Gott ist. Und heute weiß ich: Ich will leben!

 

Links:

- Internatinale Arbeit des ERF: www.erf.de/international

- Website von Trans World Radio: www.twr.org

- Website von Trans World Radio Russland: www.twrradio.ru


Kommentare

Von Sandra am .

Hallo Julia,
ich habe eine ähnliche Geschichte, Abtreibung, Freund weg, Traum von Hochzeit und Familie geplatzt. Ich stecke gerade noch in der Trennung und meinem Freund ist es egal wies mir geht. Das tut so weh, ich kann es nicht beschreiben.
Bitte betet für mich und das ich wieder neue Hoffnung schöpfen kann. Eine schreckliche Zeit kommt auf mich zu. Ich habe solche Angst, dass ich es nicht schaffe. Danke... Sandra

Von Jonathan Hauer am .

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie Gott Menschen verändern kann. Gott machte aus einem Saulus einem Paulus.
Gott kann uns verändern, wenn wir bereit sind, uns verändern zu lassen.

Von Marianne am .

Liebe Julia,
ich freue mich fuer Dich.

Von Tobias am .

Ich schliesse mich den Worten von Hans voll und ganz an! Oft ist es eben auch so, dass Gott nicht mit dem Finger schnalzt und Du eine 180° - Wendung machst, aber im Nachhinein weisst Du, dass er eben immer da war, ist und sein wird und nur sein Plan für Dich zählt!
Danke Julia für diesen Beitrag!

Von Hans Auer am .

Hallo Julia! Ich habe selten so ein schreckliches Erlebnis, das das Leben schreiben kann, gelesen. Da ist sicher ein Wunder geschehen, wie ich es auch von mir berichten könnte.
Liebe Grüße von Hans.


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