Fjodor M. Dostojewskij

Ein Kind des Unglaubens und der Zweifelsucht

Dem russischen Schriftsteller F.M. Dostojewskij fällt es nicht leicht zu glauben. Trotzdem wird Christus zur zentralen Figur seines Lebens. Ein Portrait.

Fjodor M. Dostojewskij ist ein Kind seiner Zeit - ein russisches, kritisches, manchmal verzweifelndes Kind. Kein Wunder, lebt er doch in einem Jahrhundert und in einem Land, in dem zwei Welten aufeinanderprallen: Das aufgeklärte Westeuropa, das mitten in der industriellen Revolution steht und die Leibeigenschaft abgeschafft hat und das feudalistisch-fromm geprägte Russland, in dem immer noch der Zar die Macht in seinen Händen hält. Revolutionäre Gedanken verbreiten sich unter russischen Intellektuellen, die das gängige Gesellschaftssystem und den christlichen Glaube ablehnen. Dostojewskij nimmt Teil an dieser Auseinandersetzung, geht jedoch einen anderen Weg. In den Umbrüchen des 19. Jahrhunderts wird er so zum mahnenden Propheten, der bis in unsere Zeit hineinspricht. 

Sein wacher, scharfer Verstand kommt nicht von ungefähr. Fjodor lernt schon als Vierjähriger Lesen und Schreiben, sein „Schulbuch“ ist die Bibel. Die Eltern lesen außerdem jeden Abend aus russischen, englischen und deutschen Werken vor. Die Brüder Fjodor und Michail finden das nicht langweilig, im Gegenteil: Schiller und Puschkin gehören bald zu ihren Lieblingsautoren. Den Dostojewskijs ist aber nicht nur die Bildung ihrer Kinder wichtig, sondern auch ihre religiöse Erziehung. Fjodor ist ein sensibles Kind und so prägt die Begegnung mit der orthodoxen Tradition ihn nachhaltig. Auch die Frömmigkeit der Mutter hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Vom Bestsellerautor zum Strafgefangenen

Der Glaube tritt jedoch in den Hintergrund, als Fjodor als Siebzehnjähriger mit seinem Ingenieursstudium in Moskau beginnt. Die Liebe zur Literatur bestimmt sein Leben und bald beginnt er selbst zu schreiben. 1845 veröffentlicht  Dostojewskij sein erstes Werk „Arme Leute“. Es handelt von dem Beamten Dewuschkin und der jungen Dobrosjowola. Aufgrund ihrer Armut sind die beiden einem gewissenlosen Kaufmann ausgeliefert, der ihr Leben und ihre Liebe zerstört. Der durchschlagende Erfolg des Buches bringt den 25-jährigen mit dem Sozialisten Belinski und revolutionären Kreisen um Petraschewski zusammen. Das hat zur Folge, dass Dostojewskij 1849 zuerst ins Gefängnis kommt und dann in ein sibirisches Straflager gesteckt wird. 

Der junge Schriftsteller sucht angesichts der unmenschlichen und demütigenden Zustände der Haft nach einem Halt für sein Leben. Die Frage nach Gott bricht auf und kristallisiert sich schließlich für den rund Dreißigjährigen an der Person Jesu Christi. Ein Brief aus der Zeit der Gefangenschaft macht diese innere Entwicklung deutlich: „Ich will Ihnen von mir sagen, dass ich ein Kind dieser Zeit, ein Kind des Unglaubens und der Zweifelsucht bin und es wahrscheinlich (ich weiß es bestimmt) bis an mein Lebensende bleiben werde. Wie entsetzlich quälte mich (und quält mich auch jetzt) diese Sehnsucht nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr Gegenbeweise ich habe. Und doch schenkt Gott zuweilen Augenblicke vollkommener Ruhe; in solchen Augenblicken liebe ich und glaube auch geliebt zu werden; in diesen Augenblicken habe ich mir mein Glaubensbekenntnis ausgestellt, in dem mir alles klar und heilig ist. Dieses Glaubensbekenntnis ist höchst einfach, hier ist es: Ich glaube, dass es nichts Schöneres, Tieferes, Sympathischeres, Vernünftigeres, Männlicheres und Vollkommeneres gibt als den Heiland; ich sage mir mit eifersüchtiger Liebe, dass es dergleichen nicht nur nicht gibt, sondern auch nicht geben kann.“1

Der jüdische Messias wird von da an zur zentralen Figur in Dostojewskijs Leben. In seinem schriftstellerischen Arbeiten spielt der Glaube an ihn immer wieder eine zentrale Rolle. Die Personen seiner Romane erleben Zerbruch, Versagen und Zweifel. In diesen dunklen Schicksalen taucht aber immer wieder ein Motiv der Hoffnung auf: Der Glaube an Christus und das verantwortliche Handeln, das sich aus diesem Glauben ableitet. So dringt in „Schuld und Sühne“ die glaubende Sonja trotz ihres eigenen schweren Lebens als Prostituierte zu dem Mörder Raskolnikow durch und lehrt ihn zu lieben. Fürst Myschkin verkörpert in „Der Idiot“ die Christusähnlichkeit, indem er die Menschen seiner Umgebung herausfordert, mit ihnen mit leidet und hinter ihre Fassaden blickt. In einem Brief über die Konzeption dieses Romanes schreibt Dostojewski 1868: „Die Grundidee ist die Darstellung eines wahrhaft vollkommenen und schönen Menschen. Und dies ist schwieriger als irgendetwas in der Welt, besonders aber heutzutage. […] Es gibt in der Welt nur eine einzig positiv-schöne Gestalt: Christus, diese unendlich schöne Gestalt ist selbstverständlich ein unendliches Wunder…“2

Geläuterter Glaube in einer zerrissenen Welt

Dostojewskij lehnt im Gegensatz zu vieler seiner kritischen Zeitgenossen den Glauben nicht ab. Er versucht stattdessen, ihn mit einer Welt voller Fragen, Armut und sozialer Ungerechtigkeit zu verbinden. Er sieht gerade im Glauben an Christus die Lösung für diese Probleme und ist überzeugt davon, dass nur mit dem Bild Christi im Herzen eine neue, bessere Gesellschaftsordnung geschaffen werden könne. Seine Kritiker unterstellen ihm bisweilen einen naiven Glauben, worauf er noch in seinem letzten Lebensjahr antwortet: „Ich glaube an Christus und bekenne mich zu diesem Glauben, nicht wie ein Kind, sondern mein Hosianna ist durch das große Fegefeuer der Zweifel hindurchgegangen….“3

Dostojewskijs Werke haben anhaltenden Erfolg – vielleicht gerade weil er selbst durch dieses Fegefeuer gegangen ist und seine Charaktere die tiefe Zerrissenheit der Welt widerspiegeln. Bedeutende Persönlichleiten und Denker des 20. Jahrhunderts setzen sich mit seinen Gedanken auseinander. Zu ihnen gehören Jean-Paul Sartre, Karl Barth, Alfred Adler, Hermann Hesse und Thomas Mann.  

So wird Dostojewskij nicht nur zum Propheten seiner Zeit, sondern auch zu dem des 20. Jahrhunderts. Der französische Schriftsteller und Philosoph Camus schreibt 1959: „Für mich ist in erster Linie Dostojewski der Schriftsteller, der lange vor Nietzsche den zeitgenössischen Nihilismus erkannte, definierte und seine ungeheuerlichen oder wahnwitzigen Folgen voraussah, und der versuchte, die Botschaft des Heils zu bestimmen. Der Mann, der geschrieben hatte: 'Die Fragen nach Gott und nach der Unsterblichkeit sind dieselben wie die Fragen des Sozialismus, nur aus einem anderen Blickwinkel gesehen', der wusste, dass von diesem Augenblick an unsere Zivilisation dieses Heil für alle oder für niemanden fordern würde. Aber er wusste auch, dass dieses Heil nicht allen zuteil werden konnte, wenn man darüber die Leiden auch nur eines einzigen vergaß.“4

1 Brief an N.D. Fonwisina, Februar 1854; F.Hitzer (Hrsg.), Dostojewski, Gesammelte Briefe 1831-1880;  zitiert bei Elsäßer-Feist

2 Brief an S.A. Iwanowa, Januar 1868; aus: Dostojewski, Gesammelte Briefe; zitiert bei Elsäßer Feist

3 F.M. Dostojewski, Tagebuch eines Schriftstellers; zitiert bei Elsäßer-Feist

4 A.Camus, Dramen, Hamburg 1959; zitiert von Dr. Jürgen Spieß in „Dostojewski und das Neue Testament“


Mehr zu Dostojewskij finden Sie im Notizblog.

Mehr zum Thema Glaube, Kultur und Literatur finden Sie auf der Seite Die Jesus Spur.


Quellen:

Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Vom Saulus zum Paulus

Wikipedia: Schuld und Sühne

Dostojewski und das Neue Testament

(Stand Internetquellen: 07.10.2010, 14.45 Uhr)

Ulrike Elsäßer-Feist, Zwischen Glauben und Skepsis. Der russische Schriftsteller Fjodor M.Dostojewskij, R.Brockhaus Wuppertal, 1991


Kommentare

Von M. Jatman am .

Endlich mal ein kompakter Texbeitrag, der sich mit Dostojewskis Haltung zum Glauben beschäftigt. Und zwar in einer Form, die verständlich und nachvollziebar ist. Danke. Ich hoffe, Sie werden nichts einzuwenden haben, wenn ich Teile Ihres hervoragenden Beitrages auf der derzeit umfangreichsten deutschen Dostojewski-Page zittiere (natürlich mit Benennung Autor, Quelle und Verlinkung).

Von Franz v.M. am .

Sehr schöne Darsstellung dieses großen Dichters. Ich vermisste darin einen Hinweis auf den Text "der Großinquisitor" (ich bglaube aus dem Buch: die Brüder Karamasow) in dem er sich mit dem Machthunger der Kirchen auseinandersetzt


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