Seelsorge Lesezeit: ~ 5 min

Einzelgänger sucht Gemeinde

Schüchternen und introvertierten Menschen fällt es manchmal schwer, Anschluss in einer Gemeinde zu finden. Unmöglich ist es jedoch nicht.

Das Neue Testament geht davon aus, dass Christsein von der Gemeinschaft mit anderen Christen lebt. Das fällt nicht jedem leicht. Um herauszufinden, ob christliche Gemeinschaft trotz mancher Hindernisse funktionieren kann, ist es zuerst einmal wichtig zu verstehen, wie das biblische Verständnis von Gemeinde ist.

Ein heiliger Ort auf dieser Welt

Jesus ist die in diese Welt hineingeborene unendliche Liebe. Diese Liebe blieb nicht theoretisch oder philosophisch, sondern äußerte sich darin, wie Jesus mit Menschen umging. Er lebte mit ihnen, teilte seinen Alltag, schöne und traurige Erlebnisse mit ihnen. Er half, tröstete, sprach Mut zu. Er forderte die Menschen aber auch heraus und korrigierte sie, wo es nötig war. In all dem lebte Jesus Gemeinschaft. Nach seiner Himmelfahrt verband sich Jesus untrennbar mit der christlichen Gemeinde. Durch sie möchte er jetzt seine dienende Liebe weitergeben (Matthäus 28,18-20).

Die Gemeinde ist der heilige Ort auf dieser Welt und Jesus ist in ihr gegenwärtig:

„Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich selbst in ihrer Mitte.“ (Matthäus 18,20)

Gemeinde ist da, wo sich Menschen treffen, weil sie an Jesus glauben, weil sie beten, im Glauben wachsen und ein Stück Alltag gemeinsam leben möchten. Der Heilige Geist befähigt diese Menschen zur Einheit und zur gegenseitigen vergebenden Liebe. Auch diese Liebe bleibt nicht bloß eine abstrakte Idee. Der Apostel Paulus vergleicht die Gemeinde mit einer Braut. Der Bräutigam ist Jesus (Epheser 5,25-27). Es gibt kaum ein ausdruckstärkeres Bild, um zu zeigen, wie sehr Jesus die Gemeinde liebt und wie eng die Verbindung zwischen ihr und ihm ist. Eine Gemeinde ist also nicht in erster Linie eine Organisation oder eine bestimmte Struktur, sondern Ausdruck der Liebe Gottes zu seinen Kindern und zu den Menschen, die ihn suchen. Wer das begriffen hat, versteht auch eher, warum die Schreiber des Neuen Testamentes großen Wert darauf legen, dass ein Christ nicht ohne diese Gemeinschaft lebt (Hebräer 10,25).

Soweit die Theorie. In der Praxis fällt es Christen aus unterschiedlichen Gründen jedoch immer wieder schwer, Anschluss an eine Gemeinde zu finden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im Folgenden einige dieser Gründe aufgegriffen und Tipps gegeben, wie der Sprung ins Gemeindeleben vielleicht doch noch klappt:

„Das sind mir einfach zu viele Menschen auf einem Haufen“

Es gibt Menschen, die sofort mit scheinbar jedem Mitchristen auf einer Ebene sind und von Herz zu Herz sprechen können. Diesen Menschen fällt es nicht schwer, seelische Nähe zuzulassen, sich auf andere einzulassen. Herzlichkeit und unbekümmerte Offenheit sind Gaben, die das Beziehungsleben erleichtern. Introvertierten, vorsichtigeren Einzelgänger-Typen fällt das schwer. In der Begegnung mit extrovertierten Menschen kann für sie der Eindruck entstehen, dass sie auch so sein müssen, um dazu zu gehören. Dieser Druck – egal, ob er von außen kommt oder selbst gemacht ist -, bewirkt meist das Gegenteil, von dem, was es eigentlich bezwecken soll: Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen und das Zurückziehen in einen „Schutzraum“. Wird der Schutzraum zur dauernden Zufluchtsstätte, ist irgendwann Einsamkeit die Folge. Man kapselt sich immer mehr von anderen Christen und seinen Mitmenschen generell ab.

Für solche Menschen ist es sinnvoller, eine Beziehung zu einem Menschen seines Vertrauens zu führen, statt viele Beziehungen zu haben, die sie als eher oberflächlich empfinden. Es gibt viele Christen, die eine solche Zweierschaft pflegen und darin immer wieder die Stillung ihres Beziehungshungers finden. Es braucht Demut und kostet Überwindung, eine solche Beziehung aufzubauen, Hemmungen zu überwinden und seinen „Schutzraum“ zu verlassen.

„Hilfe, ich bin schüchtern“

Wer schüchtern ist, wäre gerne mehr mit anderen zusammen, aber er fühlt sich gehemmt, um von sich aus Kontakte zu knüpfen. Y. Dreblow kennt das aus eigener Erfahrung. Weil sie sich von ihrer Schüchternheit aber nicht unterkriegen lassen wollte, beschloss sie, zusammen mit einer anderen schüchternen Frau aus ihrer Gemeinde ganz bewusst auf Menschen zuzugehen: „Wir haben uns die berühmten 'W-Fragen' (z.B. warum..., wie..., weshalb...) zurechtgelegt, mit denen wir versucht haben, Gespräche anzufangen. Auf jeden Fall mussten die Leute so mehr sagen als nur Ja oder Nein. Das ist ganz schön schwer, aber wir versuchen es immer wieder – und es wird ganz langsam besser. Manchmal freuen sich die anderen sogar, wenn sie in dieser Weise angesprochen werden.“  

Ein solcher Schritt kostet Überwindung, ist auf alle Fälle aber ein Gewinn – nicht nur für Kontakte in der Gemeinde. Vielleicht ist es am Anfang hilfreich, sich für dieses „Experiment“ Personen auszusuchen, die man bereits ein wenig kennt oder die einem auf Anhieb sympathisch erscheinen. Im Idealfall ist der andere schon länger in der Gemeinde integriert und kann dabei helfen, weitere Gemeindemitglieder auf einem Geburtstag, beim Grillen oder in einem Hauskreis näher kennenzulernen. Selbst aktiv werden und auf andere zugehen, kann der erste Schritt zu tieferen Beziehungen innerhalb einer Gemeinde sein. Die anderen können schließlich nicht in einen hineinschauen und den Wunsch nach mehr Kontakt erahnen. Wer darauf hofft, dass andere ihn endlich ansprechen, muss unter Umständen lange warten und wird am Ende möglicherweise frustriert aufgeben.

„Ich lebe gemeindetechnisch am Ende der Welt.“

In manchen Regionen und Städten Deutschlands wimmelt es nur so von Landes- und Freikirchen. In anderen Gegenden sind sie spärlich gesät. Oder es gibt eine Gemeinde vor Ort, diese passt jedoch nicht zum eigenen Frömmigkeitsstil. In beiden Fällen lohnt es sich, den Radius weiter zu stecken und auch im Umkreis zu suchen. Dazu noch einmal Y. Dreblow:

„Ich bin ein Berliner – also ein Großstädter. Das heißt aber nicht, dass meine Gemeinde 'gleich um die Ecke' liegt. Von 1989 bis 1999 war ich in einer Gemeinde, zu der ich pro Strecke zwischen 60 und 90 Minuten unterwegs war. Das hieß z.B., dass ich als aktives Mitglied des Gebetskreises mindestens 3 Stunden unterwegs war, um dort vor Ort 1 Stunde zu beten. Ohne Führerschein und Auto kann das auf Dauer ganz schön hart werden, vor allem nachts. Trotzdem war es mir den Aufwand wert, zu meiner Gemeinde zu kommen, denn Gott hat mich durch diese Gemeinde beschenkt – es hat sich gelohnt.“

Weg von der selbst verordneten Armut

Nicht jeder bringt eine Motivation wie Frau Dreblow mit, wenn es darum geht, eine Gemeinde zu finden oder auf andere Menschen zuzugehen. Vielleicht regen ihre Erfahrungen aber doch dazu an, gezielt nach einer Gemeinde zu suchen. Sie schreibt:

„Gemeinde ist gemeinsames Leben mit anderen Christen! Das kann ich aus biblischer und eigener Erfahrung immer wieder nur bestätigen. Es reicht eben nicht, von Büchern und CDs zu lernen; das Gelernte will auch umgesetzt werden in Gaben und Berufungen. Ein Austausch darüber sollte mit anderen Christen stattfinden. Allein Christ zu sein, geht am Gedanken Gottes vorbei und führt in unserem Leben zu einer Armut, die nicht sein müsste. Gerade in Situationen, in denen es mir nicht so gut ging, konnte ich von der Hilfe meiner Gemeinde-Geschwister profitieren: finanziell, seelisch, geistlich. Andersherum konnte ich auch für meine Geschwister da sein und ihnen helfen.“


Kommentare

Von Olaf P. am .

Ich bin ein Prophet, von Gott auserwählt. Deshalb hoeren sie nicht auf mich. Wenige haben mir in der Not geholfen. Ich zog mich daraufhin zurueck. Dazu eine Anmerkung :
Kommt nun und lasst uns genießen, was wir jetzt haben, und die Schöpfung auskosten, solange wir jung sind.
7 Wir wollen mit bestem Wein uns füllen und uns salben, und keine Frühlingsblume soll uns entgehen.
8 Lasst uns Kränze tragen von Rosenknospen, ehe sie welk werden.
9 Keine Wiese bleibe von unserem Übermut verschont; mehr

Von Betti am .

Ich bin leider auch introvertiert und eher schüchtern; hab die Suche nach einer christlichen Gemeinde aufgegeben, da auch ich keinen Anschluss an die Gemeinden in meiner Umgebung gefunden habe. Ich gehe jetzt ab und zu in die evangelische Kirche, wo die Leute ähnlich wie ich "ticken" und nicht voreingenommen sind. Das "Brot" bekomme ich aber über Predigten bei Bibel.tv,. Die Gemeinde, die ich eigentlich toll fand, und die sehr offen ist, hat wiederum wenig Leute in meinem Alter (ab 50), sondern es ist eine tolle Gemeinde mit sehr jungen Leuten... Ich hab mich damit abgefunden.

Von Betti am .

Ich bin leider auch introvertiert und eher schüchtern; hab die Suche nach einer christlichen Gemeinde aufgegeben, da auch ich keinen Anschluss an die Gemeinden in meiner Umgebung gefunden habe. Ich gehe jetzt ab und zu in die evangelische Kirche, wo die Leute ähnlich wie ich "ticken" und nicht voreingenommen sind. Das "Brot" bekomme ich aber über Predigten bei Bibel.tv,. Die Gemeinde, die ich eigentlich toll fand, und die sehr offen ist, hat wiederum wenig Leute in meinem Alter (ab 50), sondern es ist eine tolle Gemeinde mit sehr jungen Leuten... Ich hab mich damit abgefunden.

Von Christa R. am .

Liest sich toll - und ist fernab jeder Realität....
Ich hause hier in HB nun schon 6 Jahre - und KEINE Gemeinde will mich! Sobald ich drum bitte, die ersten Male mich abzuholen (weil ichs psychisch nicht schaffe, allein zu gehen), bekomme ich eine ablehnende mail.
Und das wars dann. Und das ist heute die NORM!
Ich hab genug - Gott ist da, auch ohne dass sog Christen mir immer eine vor den Bug geben.

Von ritchie am .

Ich suche derzeit gar nicht mehr nach einer Gemeinde, weil ich mehrere enttaeuschende Erfahrungen gemacht habe.Ich bin auch ein Einzelgaenger und fuehle mich unter Menschen eher unwohl,besonders wenn es viele sind.Ich lese in der Bibel, bete regelmaessig und hoere oft die Predigten beim ERF

Von Maria am .

Finde dieses Thema Hochaktuell.
Könnte man nicht mehr über dieses Thema bringen? Es gibt zahlreiche Christen ohne typische Gemeinde.

Von Konrad Bollmann am .

Ich gehe sonntäglich eigentlich nicht hauptsächlich wegen der Predigt in die Kirche, sondern darum, weil dort die Verwandtschaft u. der Freundeskreis auch Zuhause sind.
Natürlich ist auch die Predigt wichtig. Seit geraumer Zeit mache ich mir immer Stichpunkte, um mich besser konzentrieren zu können.
Und gut ist, dass es nicht nur einen sonntgl. Gottesdienst gibt, sondern auch Bibelkreise, einen Gebetskreis, am So-nachmittag eine Musik-Andacht u. Vieles mehr.
Die Zahl der Gemeindeglieder ist mehr

Von Igraine am .

In dem Artikel und vielen Leserbriefen habe ich mich wieder erkannt. Es ist ein gutes Gefühl mit diesem "Problem" nicht alleine da zu stehen. Ich suche auch seit längerem Anschluss zu Christen. Vor allem zu gleichalten Christen.
Ich bin Ende 20, ledig und ohne Kinder. Bin in der örtlichen Kirchengemeinde im Kirchenchor aktiv. Leider ist der Durchschnitt der Sänger ca 50. Einen Kreis für junge Erwachsene ohne Kinder gibt es bei uns in der Gegend leider nicht. In Jugendkreise und mehr

Von Julian am .

Es ist für mich persönlich nicht leicht mich in einer "Gemeinde" wohlzufühlen. Ich bin seit 3 Jahren, Christ und glaube an Jesus Christus, und habe ihn in meinem Herzen. Doch, bisher konnte ich mich nie in einer Gemeinde (und ich war schon in vielen) wohlfühlen. Viele Dinge haben mich gestört, z.b. dass in fast jeder Gemeinde, dieser weltliche Reichtum eine Rolle spielt, Menschen mit Bonzenautos vor der Kirchengemeinde und in Afrika sterben die Kinder weck, dass z.b. kann ich nicht verstehen. mehr

Von J.H. am .

Das mit den Gemeinden finde ich sehr interessant. Ich bin sehr organisatorisch eingestellt und nerve mich oft, was in unserer sehr kleinen Gemeinde alles nicht funktioniert. Aber wenn alle so wären wie ich, wären wir auch , wie Thomas schreibt, wahrscheinlich wie eine Firma.
ABER ich fühle mich wohl bei uns. Wir sind klein, einfach und bei uns besteht der Leitungskreis aus den verschiedenstens Charakteren und Berufen (ohne dass diese ausschlaggebend sind, außer wie z.b. Büroarbeit) Aber dafür mehr

Von Thomas am .

Meine Erfahrung ist, dass viele Gemeinden immer mehr aufgebaut werden, wie eine Firma. Alles muss perfekt passen, mehr und mehr auch äusserlich. Man will und muss was darstellen. Wer sind die Leiter und haben das Sagen, die einfachen Menschen, nein die, die auch beruflich oben stehen.
Von daher ist es schwer, in eine Gemeinde reinzufinden. Vor allem auch für Menschen mit Behinderungen.
In Firmen geht es auch nicht immer ehrlich zu, keep smiling, auch wenn einem gar nicht danach zumute ist. mehr

Von Marie am .

Ich bin immer noch auf der Suche nach der für mich einfach passenden Gemeinde. Ich gehe zwar seit einigen Jahren in eine Freie Gemeinde, merke aber, das sie doch nicht so "Frei" ist, wie ich mir das unter einer solchen vorstelle. Ich merke z. Bsp,.das viele in dieser Gemeinde einen gewissen Druck ausüben, aber dies lasse ich mir gegenüber nicht zu.
Im Moment sage ich mir, dort hat mich Gott hingestellt, ER ist dabei. Aber ich bete auch im stillen eine wirklich Freie Gemeinde zu finden.

Von Geka am .

Ich kann verstehen, dass es schwer sein kann, sich in eine Gemeinde einzufinden. Meine eigene Erfahrung sagt, dass ich nur dann wirklich ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln kann, wenn ich an irgendeiner Gruppe der Gemeinde aktiv beteiligt bin, sei es das Musikteam, eine Sportgruppe, ein Hauskreis oder sonst etwas, das mich anspricht. Dann entwickelt sich automatisch eine engere Beziehung zu den anderen Menschen dieser Gruppe, und man lernt die große Gemeinde langsam immer besser kennen. Nur in mehr

Von Anonym am .

Hallo,ich kann dem Beitrag von Marijke nur voll und ganz zustimmen.Ich bin eher ein solch introvertierter Mensch und mussste leider am eigenen Leib die Erfahrung machen das auch sogenannte Christen nicht mit mir umgehen können oder besser gesagt nichts mit mir anzufangen wissen.Ich habe inzwischen zwei Gemeinden besucht und beide wieder verlassen.Die erste war eine große Gemeinde wo ich das Gefühl hatte nur eine unter vielen zu sein und stand immer im Abseits.Die andere war eine kleine mehr

Von Bea am .

In der Gemeinde in Freiburg, wo ich zuhause bin, gibt es immer einen kurzen break, um sich umzusehen und die, die neben, vor oder hinter einem sitzen, zu begrüssen und so mit den Mitmenschen in Kontakt zu kommen. Außerdem gibt es ein Team, das Neue in der Gemeinde nach dem Gottesdienst mit einem (aloholfreien) Drink und einem kleinen Geschenk begrüsst und auch einlädt, Essen zu gehen oder auf Hauskreise usw. aufmerksam zu machen. Dies kann die Scheu vor einer grossen Gemeinde, wie wir es sind, mehr

Von marijke am .

dieser bericht hat viele pluspunkte und ist auch ermutigend. allerdings habe ich selbst erlebt, dass viele christen sich extrem schwer tun, auf neuankömmlinge zuzugehen. das erlebe ich selbst auch bei mir. es ist einfach bequemer, im gehabten mitzulaufen. und wenn neuankömmlinge dann vielleicht noch etwas seltsam wirken, umso mehr. manchmal erlebe ich uns christen als kritischer und ablehnender als menschen, die nicht glauben. es gibt wenige, die sich da positiv herausheben. klar, in der mehr


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