Gedenktag

Ein Wegbereiter der Reformation

Er legte sich mit den Autoritäten seiner Zeit an, wurde so ein Wegbereiter der Reformation: Vor 595 Jahren wurde Johann Hus als Ketzer verbrannt.

Das späte 14. Jahrhundert ist eine wirre Zeit voller Streit und Zerwürfnisse in Europa. Zwei konkurrierende Päpste buhlen um Anhänger bei Adel und Volk. Sie exkommunizieren sich wechselseitig und ihre jeweilige Gefolgschaft gleich mit. In diese Zeit hinein wird um das Jahr 1369 Jan Hus geboren. Sein Nachname leitet sich von seiner Geburtsstadt Hussinetz im Süden Böhmens ab.

Mit etwa 20 Jahren geht Hus zum Theologiestudium nach Prag. Nach erfolgreichem Studium wird Hus Magister und Dozent an der Karlsuniversität. Außerdem empfängt er die Priesterweihe. An der Bethlehems-Kapelle inmitten der Prager Altstadt beginnt Hus zu predigen – von vornherein nicht in der Kirchensprache Latein, sondern in seiner Muttersprache Tschechisch.

Drastische Worte an den Klerus
Er macht sich das Gedankengut des zwanzig Jahre zuvor verstorbenen englischen Theologieprofessors John Wyclif zu eigen. In seinen Schriften hatte Wyclif heftig die Struktur der Kirche kritisiert. Auch hatte er gelehrt, Haupt der Kirche sei allein Christus und nicht der Papst.
Jan Hus übernimmt manche Lehrmeinungen Wyclifs wortgetreu, andere denkt er weiter. Von der Kanzel der Bethlehemskirche wendet er sich gegen die Sünden des Klerus und versucht, das tschechische Volk für eine Reform der Kirche zu gewinnen. Für die Angehörigen des Klerus, seines eigenen Berufsstandes also, findet er drastische Worte: „Ihr Rang ist hoch, ihr Sinn niedrig, die Zunge geschäftig, die Hand lässig, viel Gerede, wenig Frucht. Sie sind blinde Wächter, stumme Herolde, lahme Läufer, Ärzte, die die Krankheit nicht kennen.“

Mächtige Gegner
Die Predigten finden in den Gemeinden ein enormes Echo, und das bestärkt Jan Hus in seinem Urteil. Leidenschaftlich kämpft er gegen den Ablasshandel und zieht sich damit den Zorn der päpstlichen Kurie zu. Obendrein ist er ins Visier der Universitätskommission geraten, weil er die Lehren John Wyclifs unterstützt. Die Kommission hat Wyclifs Lehren mittlerweile als Ketzerei verurteilt und Wyclifs Schriften öffentlich verbrennen lassen.

Konsequenterweise wird nun auch über Wyclifs Anhänger Jan Hus der Kirchenbann verhängt. Hus ist inzwischen freilich so populär, dass der Bann in Prag zunächst ohne Folgen bleibt. Erst 1412 muss er die Stadt verlassen und weicht nach Südböhmen aus. Dort predigt er auf den Burgen der Kleinadligen und verbreitet so seine Vorstellungen von einer nach biblischen Maßstäben erneuerten Kirche. Daneben verfasst er noch einige theologische Abhandlungen – und er übersetzt die Bibel ins Tschechische, das Alte Testament erstmals, für das Neue Testament überarbeitet er bereits vorliegende ältere Ausgaben in tschechischer Sprache.

Ein schändlicher Tag für die abendländische Kirche
 

 

Für November 1414 haben Kaiser und Kirche ein Konzil nach Konstanz einberufen. Hauptpunkt der Beratungen ist das abendländische Schisma und die Frage, wie man es überwinden kann. Das Gerangel mehrerer Päpste um die höchste geistliche Autorität kann ja kein Dauerzustand bleiben. Der böhmische Streit um das Wesen der Kirche ist ein weiterer Verhandlungspunkt.

Jan Hus reist nach Konstanz, um seine Rechtgläubigkeit zu beweisen und für die böhmische Reformbewegung zu sprechen. König Sigismund hat ihm freies Geleit zugesichert. Dennoch wird er in Konstanz nach drei Wochen unter Hausarrest gestellt und ein paar Tage später eingekerkert. Man verhört ihn wiederholt und fordert ihn auf, seine Lehren zu widerrufen.


Vergeblich. Der 6. Juli des Jahres 1415 ist ein Samstag. Vor den Mauern der freien Reichsstadt Konstanz lodert ein Scheiterhaufen, Jan Hus haucht dort mit dem Ketzerhut gekrönt sein Leben aus. Ein schändlicher Tag für die abendländische Kirche. Ihr rigoroses Vorgehen gegen den Kritiker aus den eigenen Reihen kann überfällige Reformen nicht verhindern, nur hinauszögern – um knapp weitere hundert Jahre. Jan Hus hingegen geht als Wegbereiter der Reformation in die Geschichte ein.


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