Moderne Archäologie und biblische Geschichte

Keine Posaunen vor Jericho?

Immer wieder wird heiß diskutiert, ob das Alte Testament historisch zuverlässig ist. Hat die Archäologie die Antwort auf diese Frage?

Der Text nach der Lutherübersetzung von 1912, ein dazu passendes mittelalterliches Gemälde, das Ganze unterlegt mit düsteren Mönchsgesängen. So wird sie gerne präsentiert in den Wissenschaftsdokus: die Bibel, Relikt einer längst vergangenen Epoche, eine Ansammlung von Mythen und Legenden. Diesem schon fast volkstümlichen Klischee leisten viele Christen energisch Widerstand. Denn ganz im Gegenteil sind sie davon überzeugt, dass das Alte Testament historisch zutreffend berichtet, und zwar bis in die Details hinein. Die Frage ist brisant. Schließlich geht es nicht nur um das Schicksal irgendeiner kleinen Nation aus dem Alten Vorderen Orient, sondern um das Volk, an dem und durch das sich der lebendige Gott offenbart hat.

Glaubwürdigkeit der Bibel?

In der wissenschaftlichen Diskussion werden aus den beiden gegenteiligen Ansichten zur Geschichte Israels mindestens vier. Etwas salopp ausgedrückt, reicht die Spannbreite von „in allen Punkten glaubwürdig“ über „im Großen und Ganzen glaubwürdig“ und „ab der Zeit der Könige zunehmend zuverlässig“ bis hin zu „nur in den spätesten Teilen zutreffend“. Die letzte Position wird von den sogenannten „Minimalisten“ vertreten, die in letzter Zeit vermehrt von sich reden machen. Und die Archäologie? Sie kommt in diesem Streit der Meinungen gerade recht. Hofft man doch, durch sie gewissermaßen den steinernen Beweis für die eine oder andere Sichtweise zu finden. Doch genau hier liegt auch ein Problem. Denn schnell wird dabei der Wunsch zum Vater des Gedankens und die Archäologie Mittel zum Zweck. Wer mit der Archäologie argumentiert, sollte deshalb die folgenden Aspekte im Auge behalten.

Nichts Neues

Den Streit um die Glaubwürdigkeit der Bibel gab es schon, bevor die großen archäologischen Entdeckungen im Raum des Alten Vorderen Orients gemacht wurden. Das bedeutet: Auch wenn archäologische Argumente angeführt werden, muss man sich bewusst sein, dass es noch andere, möglicherweise tieferliegende Gründe für die eine oder andere Sichtweise gibt. Dabei geht es auch um Fragen wie die Inspiration der Bibel und die persönliche Einstellung zu den biblischen Wundergeschichten.

Indizien oder Beweise?

Die biblische Archäologie kann die Bibel weder im mathematischen Sinne „beweisen“, noch kann sie sie „widerlegen“. Sie kann Indizien sammeln – die allerdings oft für unterschiedliche Interpretationen offen sind. Ob beispielsweise die ausgegrabenen Grundmauern von einem Wohnhaus oder einem Tempel stammen, ist nicht einfach zu entscheiden. Ob eine aufgefundene Ascheschicht durch eine Eroberung zustande kam oder nur durch einen einfachen Hausbrand, lässt sich ohne zusätzliche Informationen kaum beurteilen. Und umgekehrt: Es gibt bestätigte Berichte über die Eroberung von Städten, ohne dass an den Mauerresten überhaupt irgendetwas nachweisbar ist. Anders ausgedrückt: Die Archäologie liefert uns wertvolle Hinweise, sie ist aber nicht etwa der „fixe Punkt in der Luft“, von dem aus man die biblische Geschichte Israels „aus ihren Angeln heben“ könnte.

Kulturell authentisch

Positiv formuliert: In erster Linie eröffnet uns die biblische Archäologie einen Zugang zur Welt der Bibel. Sie rekonstruiert für uns die kulturelle und zeitgeschichtliche Bühne, auf der biblische Geschichte spielt. Viele Aussagen der Bibel werden dadurch besser verständlich. Interessanterweise zeigt sich dabei auch, dass die biblischen Texte „kulturell authentisch“ sind: Sie spiegeln die Umstände ihrer Zeit, soweit wir diese nachvollziehen können, zutreffend wider. Historische Einzelheiten der Bibel sind dagegen nur gelegentlich archäologisch greifbar; etwa Kriegszüge, wenn diese in schriftlichen Dokumenten der politischen Gegner festgehalten sind.

Aber nun konkret: Was würde der archäologische „Indizienprozess“ zur Geschichte Israels ergeben?

Eckdaten bestätigt

Die erste außerbiblische Erwähnung des Volkes Israel findet sich auf einer Stele, die der Pharao Merneptah anlässlich eines erfolgreichen Palästina-Feldzuges herstellen ließ. Er listet dort die besiegten Städte und Völker auf und nennt dabei auch Israel. Die Stele stammt aus der Zeit um 1230 v.Chr. In dieser Zeit lebte Israel noch in Form eines losen Stämmeverbandes im Land (siehe Richterbuch).

Weitere eindeutige archäologische Bezüge stammen dann aus der Zeit der beiden Königreiche Israel und Juda, also aus der Zeit vom 10. bis zum 6. Jahrhundert vor Christus.

Drei Beispiele:

  1. Eine Inschrift im Amuntempel von Karnak und 1.Könige 14,15-28 berichten übereinstimmend von einem Palästinafeldzug des Pharaos Scheschonk (biblisch Schischak), der um das Jahr 924 v.Chr. stattgefunden hat, d.h. wenige Jahre nach dem Tode Salomos.
     
  2. Assyrische Quellen aus dem 9. Jahrhundert vor Christus nennen die biblischen Könige Ahab (853 v.Chr) und Jehu (841 v.Chr.). Von Jehu existiert sogar eine Abbildung – so verdanken wir den Assyrern das einzige Bild eines israelitischen Königs.
     
  3. Um 830 v.Chr. lässt sich der moabitische König Mescha auf einer steinernen Stele dafür rühmen, die israelitische Oberherrschaft abgeschüttelt zu haben. Dieser Konflikt wird auch in 2.Könige 1,1 und 3,4-7 wiedergegeben. Die Mescha-Stele nennt – zum ersten Mal außerhalb der Bibel – den Namen des Gottes Israels: JHWH („der Herr“, Aussprache wahrscheinlich Jahwe).

Je weiter wir in der Geschichte vorangehen, umso dichter werden die Querverbindungen zwischen den israelitischen und den assyrischen, später auch den babylonischen und persischen Quellen. Für diese Zeit vom 9. Jahrhundert vor Christus bis zum Ende der alttestamentlichen Geschichtsschreibung um 350 v.Chr. können die in der Bibel genannten politischen Eckdaten daher als bestätigt gelten.

Typisch für die Zeit

Weniger eindeutig sind dagegen die Anfänge: Die Geschichte Israels beginnt als Familiengeschichte, und eine solche hinterlässt naturgemäß keine archäologische Spuren. Welche Wanderungen Abraham und Sarah, Jakob und Josef unternahmen, können wir also außerbiblisch nicht nachvollziehen. Was sich jedoch zeigen lässt: Die berichteten Ereignisse sind durchaus typisch für ihre Zeit. So erwähnen ägyptische Quellen mehrfach, dass semitische Nomaden in Dürreperioden das Nildelta aufsuchten – wie Jakob und seine Familie. Auch dass solche Gruppen für Frondienste herangezogen wurden, etwa zum Städtebau, ist belegt. Ebenso berichten ägyptische Quellen von Ausländern, die in hohe Positionen aufstiegen – wie etwa Josef und später Mose. Am meisten umstritten ist sicherlich die Einnahme des Landes Kanaan. Schwierigkeiten in archäologischer Hinsicht bereitet vor allem die Stadt Jericho, weil sie zur Zeit Josuas anscheinend gar nicht besiedelt war.

Die Fakten:

Jericho – antike Stadt

Die antike Stadt Jericho wurde in den Jahren 1930 bis 1936 von dem Archäologen John Garstang ausgegraben, der ihre Zerstörung dem biblischen Bericht entsprechend auf ca. 1400 v.Chr. datierte. Spätere Ausgrabungen durch die Archäologin Kathleen Kenyon scheinen dagegen nahezulegen, dass die „Stadt IV“ genannte Schicht schon etwa 150 Jahre früher zerstört wurde und anschließend nicht besiedelt war. Die Datierung wird vor allem über Keramikfunde vorgenommen. Kenyons Auffassung ist heute weit verbreitet. Dennoch gibt es auch andere Stimmen, die jeweils eigene Lösungen für das Problem anbieten. So hat Bryant Wood eigene archäologische Forschungen in Jericho betrieben und tritt weiterhin für die Datierung um 1400 v.Chr. ein. Ebenso John Bimson, der vor allem bei der Datierung der Keramik ansetzt. Und Kenneth Kitchen vermutet, dass Josua nicht die „Stadt IV“, sondern eine auf deren Ruinen errichtete spätere Stadt eingenommen hat, die inzwischen verwittert ist. Dass Städte auf den Ruinen älterer Städte errichtet wurden, ist in Palästina häufig der Fall gewesen. Leider hat die archäologische Fundstätte inzwischen sehr gelitten: Zuerst unter unwissenschaftlichen Ausgrabungsmethoden, später unter dem Einfluss des Wetters. Neue Erkenntnisse werden wir also voraussichtlich nicht mehr bekommen.

Die Tür öffnen

Fazit: Mit den offenen Fragen und Problemen sollten wir redlicherweise auch offen umgehen. Insgesamt lässt sich aber sagen: Die Geschichte Israels ist archäologisch so gut belegt, wie es für die jeweilige Epoche erwartet werden kann – für die frühe Zeit vor allem in kultureller Hinsicht, für die spätere Zeit auch hinsichtlich der politischen Rahmendaten. Davon, dass die Archäologie die Bibel insgesamt widerlege, kann also keine Rede sein. Viele geschichtliche Einzelheiten der Bibel lassen sich außerbiblisch nicht überprüfen. Doch dürfen wir davon ausgehen, dass auch die Bibel selbst ein archäologisches Dokument ersten Ranges ist.

Was die Archäologie am Ende sicherlich nicht kann, ist den Beweis für das Wirken Gottes zu erbringen. Zwar hält die Bibel einer Untersuchung mit Methoden der Wissenschaft durchaus stand, davon bin ich überzeugt. Um Gott zu erfahren, braucht es aber mehr als das: Er selbst muss uns die Tür öffnen, an die wir klopfen.


Quelle: Christsein heute - Die Zeitschrift für freie evangelische Gemeinden (Ausgabe 6/2010). Mehr Infos unter christsein-heute.de.
 


Kommentare

Von Rami A. am .

Wenn Jericho nicht historisch war, wieso dann die Kreuzigung und Auferstehung? Ich möchte noch einmal auf Wort und Wissen verweisen und auf die Theorie David Rohls, die traditionelle Chronologie und damit die Einordnung der Schichten Jerichos zu hinterfragen. Mich persönlich hat die sog. Wissenschaft schon aus der Bahn geworfen. Umso faszinierter war ich zu sehen, dass die Bibel am Ende doch zuverlässig und der Mensch mit seinen "Wissenschaften" viel zu begrenzt ist. Vielleicht lag es am Link, dass mein erster Beitrag nicht veröffentlicht wurde. Also, hier ohne Link, recherchiert selbst...

Von thomas am .

@ Auwi:
- welche ominösen "tieferen Schichten" meinst du genau? Und warum sollten die weniger hilflos sein?
- Und welche Relevanz haben diese "Schichten", wenn der reale, geschichtliche Bezug fehlt?

Von Auwi Nullmeier am .

Mit Interesse und Erstaunen habe ich diesen Text gelesen. Der Autor erliegt einer Versuchung: Er will mit den Erkenntnissen der Archäologie die Aussagen des AT stützen. Das war die Absicht der frühen Archäologen. Dieser Weg ist wenig ergiebig und führt in die Irre. Wer bei der Historizität der Geschichten des AT stehen bleibt und sie beweisen will, vertritt m.E. eine hilflose Theologie. Er untergräbt die Chance, die tieferen Schichten der Erzählungen freizulegen und zu verstehen.

Von Harlekin am .

Mit Glauben und Wissenschaft, ist es ähnlich, wie mit Sex vor der Ehe. Man kann nicht sagen: "Nur wenn Du gut im Bett bist, dann heirate ich Dich, deshalb will ich das vorher ausprobieren" und danach erwarten, daß diese Verbindung von besonderem Vertrauen geprägt sein wird.
In Bezug auf die Bibel ist es ähnlich. Wenn jemand nur dann bereit ist zu glauben, wenn er exakte wissenschaftliche Beweise vorgelegt bekommt, dann wird daraus leicht ein Thomasglauben, dem in vielen Bereichen das warme mehr

Von Gottfried Pendl am .

Man versucht durch vieles die Biblischen Berichte zu widerlegen,aber am Ende müßen alle doch dannn zugeben;"Und die Bibel hat doch Recht!!!!" Daniel 2:47!!!!

Von Ronald am .

Vielen Dank für den Artikel.
Leider fällt er mir ein wenig zu einseitig aus, denn Redlichkeit ist genau in dieser Sache das Entscheidende. Wissenschaften sollten und können sich meiner Meinung nach gegenseitig befruchten, was man auch an Hand der bestätigten Eckdaten der Bibel, wie Dr. Steinberg sie sehr gut darstellt sehen kann.
Bei den Ausgrabungen in Jericho geht es aber auch darum, ob die vielbeschriebenen Mauern, die nach siebenmaligem Umlaufen eingestürzt sind wirklich dort standen! mehr

Von Rolf Graf am .

Ja, soll uns Jesus in sein Wort uns "Unwahrheiten " mitgegeben haben? Wir dürfen und sollen Glauben dürfen wie Kinder!!! Daher dürfen wir jede info- ob 6.Tage Schöpfung oder in Josua10 der einmalige Sonnenstillstand für 24 h oder Jericho mit dem Posaunen glauben (vertrauen) weil es aus dem Munde Gottes kommt! Brüder last euch nicht von Wölfe in Schafsgewand verrückt machen! Ist ja auch mal schön sich wenigstens auf Gottes Wort-der Bibel 100% zu verlassen zu können!

Von Heiko Weigelt am .

Meines erachtens macht der Archäologe seine Arbeit im Dienste seines Herrn. Also werden diese Quellen immer einen menschlichen Aspekt beinhalten und teilweise sogar falsch sein. Aber ein Beispiel für mich als Christ und Künstler; zur Alttestamentlichen Zeit; ist das Wandgemälde im Grab des Beni-Hasan (ägypt.) Ich meine dort ja in dem semitischen Stamm die Hebräer zu entdecken. Andere beschreiben das Gemälde mit asiatischen Normaden (wo die doch viel weiter weg lebten). Man könnte uns Menschen mehr

Von marijke am .

ich finde diesen beitrag überaus nützlich. mir ist es schon ab und an passiert, dass ich mit der bemerkung: die ausgrabungen in jericho haben gezeigt, dass die stadt zur zeit josuas gar nicht mehr existierte regelrecht überfahren wurde. jetzt kann ich eine differenzierte antwort geben. vielen dank!

Von Katharina am .

Ich bin weder Historiker noch Archäologe und mag mich bezüglich der "archäologischen Wahrheit" der Bibel nicht festlegen. Dennoch bin ich der Meinung, dass sich jeder Christ im klaren sein sollte, was die Bibel für ihn ist. Nämlich Gottes unumstößliches Wort! Deswegen besteht in mir kein Zweifel an der Wahrheit der Bibel.
Ich denke nciht, dass historischen Daten eine größere Rolle in meinem Leben spielen als eher die Existenz und das Wirken Gottes an sich. Dies sollte jedem Christen doch weitaus wichtiger sein, als Zahlen.
Danke dem Autor für das wesentliche Schlusswort! :)


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.