Das schwarze Schaf

Er kam in eine Gemeinde, in der es so perfekt aussah, dass er sich wie eines dieser Tiere, wie im Titel angesprochen, fühlte: Er gehörte nicht dort hin - bis die Fassaden plötzlich begannen zu bröckeln und er spürte, dass es überall nur Menschen gibt...

Ich stamme aus einer Kleinstadt im Süden. Als junger Mann ging ich dort in eine Gemeinde. Ich versuchte, mein Christsein zu leben – aber irgendwie gelang es mir nicht so richtig. Ja, ich glaubte an Gott, an Jesus Christus, aber die Umsetzung der theoretischen Kenntnisse, das, was ich in Predigten und Bibelstunden gehört und gelernt hatte, klappte nicht so recht.

Immer wieder ertappte ich mich in Situationen, in denen ich nicht nach biblischen Maßstäben lebte und versagte. Oft auch wiederholt in brenzligen Situationen. Um ehrlich zu sein, ich gab mir nicht so rechte Mühe. Und vielleicht war ich gerade deshalb innerlich nicht so recht glücklich.

Die perfekte Gemeinde

Dann lernte ich eine hübsche junge Frau kennen. Wir verliebten uns, schrieben uns hunderte Briefe und heirateten. Ich zog mit ihr in den Norden und ging mit in ihre Gemeinde – in der großen Stadt.

Die Leute dort faszinierten mich. Sie wirkten so fromm, sahen nett und ordentlich aus. Die Kinder waren gut erzogen und saßen in zwei Stunden Gottesdienst brav neben ihren Eltern auf den Stühlen. Waren wir als junges Paar bei Leuten zu Gast, war dort natürlich alles in bester Ordnung. Die Frauen kümmerten sich um den Haushalt, die Kinder und den Gatten, wenn er abends müde von der Arbeit kam. Es wirkte alles so vollkommen.

Irgendwie passte ich nicht in diese Gesellschaft. Ich fühlte mich als Außenseiter, als Versager. Ich hatte mein Leben nicht im Griff – auch nicht das christliche, während die anderen scheinbar alles souverän umsetzen und ihrem Jesus mit Leichtigkeit nachfolgten.

Die Predigten der Gemeindemitglieder waren gespickt mit gutem Bibelwissen und Appellen an moralische Grundsätze. Ich spürte immer noch die klaffende Lücke zwischen angestrebtem Leben und dem, was ich umsetzen konnte. Ja, ich merkte täglich, dass ein wirklich frommes Leben gar nicht zu leben war. Jedenfalls nicht bei mir. Ich fühlte mich echt als schwarzes Schaf in dieser „vollkommenen Umgebung“ und ich war immer wieder enttäuscht über mich selbst. Ich war ein Versager. Und das war kein gutes Gefühl.

Der Putz bröckelt ab

Mit der Zeit lernte ich jedoch die Mitchristen in dieser Gemeinde gut kennen. Bei Besuchen, gemeinsamen Arbeitseinsätzen, Umzügen oder Gemeindeveranstaltungen bekam das bis dahin perfekte Bild Risse:

Bei einem Spontanbesuch erlebte ich, wie eine Mutter ausrastete, weil ihr Sohn sich in ein „ungläubiges“ Mädchen verliebt hatte. Nichts mehr mit Nächstenliebe und Vernunft. Ein Autoliebhaber nutzte den Sonntag für längere Reisen, um sich einen neuen Wagen zu kaufen. Sonst hieß es, der „Tag des Herrn“ sei heilig und nicht für Geschäfte da. Ein älteres Ehepaar schaute gern bei Nachbarn eine Fernsehsendung, während sie sonst meinten, ein Christ solle keinen Fernseher haben. Übrigens eine Meinung, die ich nicht (mehr) teile. Ich lernte immer mehr menschliche Seiten kennen, ich lernte, dass auch Christen Neid, Stolz, Alkoholprobleme und Konflikte kennen.

Nach zwei Jahren fühlte ich mich endlich nicht mehr als schwarzes Schaf, weil ich erlebt hatte, wie irdisch die anderen lebten.

Jesaja 40,31

„Aber alle, die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“
Enttäuscht?

Aus heutiger Sicht bin ich überhaupt nicht enttäuscht über das Abbröckeln frommer Fassaden. Im Gegenteil! Es machte meine Mitchristen natürlicher, ehrlicher, transparenter, sympathischer, authentischer. Ich habe daraus gelernt, Verständnis zu haben, wenn bei Anderen das Leben nicht perfekt verläuft. Ich kenne Versagen aus eigenem Erleben und aus dem Umgang mit anderen Menschen.

Aber ich kenne nicht nur das Versagen, sondern auch die Hilfe „von oben“, nämlich von Gott. Er ist immer bei mir, in jeder Minute meines Lebens. Er versteht mich, wenn ich ängstlich bin, mutlos, feige, wenn ich etwas tue, was ich eigentlich nicht mehr will. Und Gott hilft mir weiter. Gott gibt neue Kraft. Gott gibt immer wieder neue Chancen.

Das ist das Tolle am Glauben: Ich darf Fehler machen, aber Gott reicht mir die Hand, um mir aufzuhelfen, wenn ich hingefallen bin.

Hinfallen ist menschlich.
Liegenbleiben ist teuflisch.
Wieder aufstehen ist göttlich.

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