Themenwoche Gemeindewechsel Lesezeit: ~ 7 min

„Leute bleiben wegen guter Beziehungen“

Das Thema Gemeindewechsel betrifft nicht zuletzt den Pastor. Was er davon hält und was ein Wechsel ihm macht - Fragen an Michael Murzin.

Michael Murzin ist Pastor der FEG Lübeck. Vor einigen Monaten hat er diese neue Stelle angetreten. ERF.de hat mit ihm über den Gemeindewechsel, kritikfähige Gemeinden und solche, die mit wechselnden Gemeindegliedern wenig zu kämpfen haben, gesprochen.
 

ERF.de: Michael, du bist Pastor und hast in dieser Funktion selbst neulich die Gemeinde gewechselt. Wie geht es dir mit diesem Wechsel?

Michael Murzin: Insgesamt geht es mir gut damit. Ich habe mich gefreut, in eine neue Aufgabe einzusteigen, wo ich genau wusste: Gott hat uns da hingestellt. Das hat uns viel Rückenwind gegeben und die Anfangszeit sehr geprägt. Wir wurden in der neuen Gemeinde auch sehr freundlich aufgenommen. Da war sehr viel Vorschuss-Wertschätzung im Spiel und das war wirklich gut.

ERF.de: Also hat so ein Wechsel als Pastor durchaus positive Seiten?

Michael Murzin: Ich stehe schon auf dem Standpunkt, dass es für Pastoren nicht sinnvoll ist, ständig zu wechseln, wenn es gut läuft. Ich war ja zwölf Jahre in Wetzlar und das war gut so. Durch das Eintauchen in eine neue Gemeindekultur und durch die Veränderung der Umstände haben sich jetzt aber enorme Wachstumsmöglichkeiten ergeben. Ich wollte mich auch komplett auf die neue Situation einlassen und in einigen Bereichen andere Schwerpunkte setzen. Das gelingt auch im Großen und Ganzen. Insofern würde ich sagen, dass dieser Gemeindewechsel für mich als Pastor eine enorme Entwicklungsmöglichkeit war – und es auch weiterhin ist.

ERF.de: Dieser Wechsel von Pastoren ist den meisten Gemeinden vorgesehen und selbstverständlich – der von Gemeindegliedern ohne gewichtigen Grund nicht unbedingt. Gibt es für diese unterschiedliche Sichtweise gute Gründe?

Michael Murzin: Ob es für diese unterschiedliche Sichtweise eine biblische Begründung gibt, darüber hab ich noch nie nachgedacht. Ich persönlich habe das nie negativ gesehen. Und ich würde einfach unterscheiden: Wenn Leute die Gemeinde wechseln, gibt es meist zwei Gruppen. Die eine Gruppe sind die Leute, die einfach unzufrieden sind. Sie wollen den neuen Kick woanders bekommen. Das finde ich nicht gut, weil sie sich selber einer großen Chance berauben, zu wachsen. Das kann ich auch biblisch nicht begründen.

Aber dann gibt es die andere Gruppe, wo es einfach besondere Umstände gibt. Also z. B. weil es großen Stress in der bisherigen Gemeinde gibt oder die Gemeinde sehr eng ist oder sich so entwickelt hat, dass die Leute nicht mehr aufgrund ihrer Überzeugung in dieser Gemeinde bleiben konnten. Oder weil sie sehr verletzt waren oder weil generell ein Neuanfang nötig war. Wenn diese Leute in eine andere Gemeinde gehen, starten sie neu, vieles verändert sich positiv, sie hängen sich ganz rein - das finde ich sehr gut.

ERF.de: Aber für diese unterschiedliche Sichtweise siehst du keinen besonderen Grund?

Michael Murzin: Es gibt für beide Sichtweisen gute Gründe. Dafür, dass Pastoren lange bleiben und auch dafür, dass sie kurz bleiben. Teilweise kann man auch biblische Gründe heranführen. Paulus ist nie wirklich lange in einer Gemeinde geblieben, während andere Apostel in Jerusalem geblieben sind und da länger waren. Ich glaube, das hat ganz viel auch mit Persönlichkeit zu tun, mit Charakter, mit der Art und Weise, wie ich meinen Dienst versehe. Ob ich also jemand bin, der Dinge schnell anreißt und nach vorne bringt oder ob ich eher ein langfristiger Entwickler bin. Das ist zum Teil eine ganz normal menschliche Geschichte.

ERF.de: Wenn nun Leute gehen, was macht das mit dir? Denkt man da als Pastor eher: Gottes Reich ist groß, die Leute finden anderswo auch ihren Platz? Oder gibt es da Selbstzweifel und Zweifel an der eigenen Berufung?

Michael Murzin: Das kommt sehr darauf an, ob diese Leute mir sehr nah waren oder nicht. Wenn sie mir nicht so nah standen, konnte ich mir schnell sagen: Es ist vielleicht gut, dass sie gehen. So haben sie eine neue Möglichkeit, in einer anderen Gemeinde zu wachsen. Denn vielleicht habe ja auch ich sie als Pastor eingeschränkt oder begrenzt. Ich würde nicht sagen, dass ich da schuldlos bin, überhaupt nicht.

Wenn die Leute mir aber näher waren, tut das teils sehr weh. Das war in der Gemeindegröße, in der ich bisher tätig war, eher der Fall. Da habe ich nicht unbedingt an meiner Berufung gezweifelt, aber das hat mich richtig runtergerissen. Da habe ich sehr intensive Begleitung gebraucht, um aus dem Loch wieder rauszukommen.

Das hatte also nichts damit zu tun, dass ich Pastor bin und die anderen nicht. Das hatte mit diesen intensiven Beziehungen zu tun. Da sind Freundschaften kaputt gegangen – und ich habe dazu beigetragen. Die gesamte Situation hat dann etwas Verletzendes.

ERF.de: Wie verletzend so eine Situation ist, hängt sicher auch zum Teil davon ab, wie die Leute gehen. Was erwartest du als Pastor von Menschen, die überlegen zu gehen?

Michael Murzin: Mir hilft es, wenn man offen miteinander redet und sagt: „So ist es und das sind die Gründe.“ Ich habe aber auch erlebt, dass Leute gegangen sind und geistliche Gründe angeführt haben: „Der Herr hat uns gezeigt..." Oft hatte ich aber eher den starken Eindruck, dass die Leute persönliche Probleme hatten oder dass sie Probleme mit mir oder irgendjemand in der Gemeinde hatten. Ich habe mir dann immer gedacht: Diese Leute gehen jetzt. Aber sie berauben sich der Chance, wirklich an die Probleme ranzugehen, weil sie das auf eine geistliche Ebene ziehen.

Ich wünsche mir daher generell, um meinetwillen, um ihrer selbst willen und um der Gemeinde willen, dass ein Wechsel sauber kommuniziert und geklärt wird, sodass da kein blöder Nachgeschmack bleibt.

ERF.de: Womit du die Verantwortung stark auf die Leute legst, die gehen. Könnte man aber nicht auch die Gemeinde in die Verantwortung ziehen und fragen: Was muss eine Gemeinde mitbringen, um kritikfähig zu sein und diese Leute anzuhören?

Michael Murzin: Ich bin bisher in Gemeinden gewesen, die meiner Meinung nach sehr kritikfähig waren und wo man auf das, was Leute sagen, wirklich hört und das ernst nimmt. Bis in die Gemeindeleitung hinein hat man diese Dinge besprochen.

Der Punkt ist aber: Wenn ich eine Gemeindephilosophie habe und vertrete und jemand sagt: „Wenn du das nicht änderst, dann gehe ich!", dann komme ich in eine Entscheidungssituation. Ich kann es nicht jedem recht machen. Manchmal höre ich dann die Kritik, kann es aber nicht einfach anders machen, weil es der Gemeindephilosophie nicht entspricht oder schlicht nicht möglich ist. Und dann gehen sie und sagen: „Die sind nicht kritikfähig." Den Schuh will ich mir nicht anziehen. Ich kann es nicht allen recht machen.

Aber ich habe immer den Anspruch als Pastor, und das erwarte ich von Diakonen und anderen Bereichsleitern auch: Ich möchte, dass eine Offenheit da ist für kritische Rückfragen. Denn in aller Regel beschreiben Kritiker einen Punkt, an dem es zumindest ein Defizit gibt. Und da möchte ich lernen. Wenn Gemeinden und Pastoren also sehr selbstsicher sind und sagen, „Wir machen alles richtig.“, aber gar nicht offen sind für Kritik, dann finde ich das ganz schwierig für Gemeinde.

ERF.de: Nun ist es ja ein Stück weit normal, wenn Menschen die Gemeinde verlassen. Neue Stelle, Heirat etc. Welche Fluktuation hältst du für normal? Oder ab wann sollte man sich als Gemeinde Gedanken machen?

Michael Murzin: Das ist eine Frage, die ich nicht in Prozentzahlen beantworten kann. Hier kann man nicht sagen, das ist gesund und ab da ist es ungesund. Das hat sehr damit zu tun, ob eine Gemeinde in einer Stadt ist, wo viele Studenten sind, oder eben nicht. Oder wo der Hauptarbeitgeber nur Kurzzeitverträge anbietet oder ob man Gemeinde auf dem Dorf ist.

Ich würde diese Frage so beantworten: Wenn in einer Gemeinde durch was für eine Entwicklung auch immer über einen kurzen Zeitraum wesentliche Leiter, also Mulitplikatoren, Schlüsselpersonen in der Gemeinde, weggehen, dann ist das ein Alarmzeichen. Das heißt nicht, dass Leute, die keine Leiter sind, weniger wichtig wären. Aber ich bin als Pastor immer auf Leute angewiesen, die mir zur Seite stehen, die mich ergänzen, mich unterstützen und mit mir Gemeinde bauen. Und da sind Leiter meine ersten Ansprechpartner. Gehen sie, finde ich das hochgradig alarmierend.

ERF.de: Auf der anderen Seite scheinen einige Gemeinden gut darin zu sein, Leute anzuziehen und zu halten. Was zeichnet deiner Meinung nach eine Gemeinde mit hoher Bindungsfähigkeit aus?

Michael Murzin: Darüber sind ja Bücher geschrieben worden, ganze Bibliotheken gefüllt und Forschungsarbeiten erstellt worden. Also ganz kurz meine persönliche Sicht: Ich denke, dass es wichtig ist, dass eine Gemeinde offen für Neue ist. Dass Leute, die in eine Gemeinde, einen Hauskreis oder Gottesdienst kommen, den Eindruck haben: Hier bin ich als Gast willkommen. Das fängt mit ganz kleinen Zeichen an. Ob es z. B. einen Begrüßungsdienst gibt, ob Leute einem freundlich begegnen oder dass schlicht klar ist, wo die Toiletten sind. Die ersten Eindrücke machen eine Menge aus.

Außerdem finde ich, dass in den zentralen Veranstaltungen ein positive, vom Evangelium geprägte Atmosphäre da sein muss. Wenn es also drückend ist, wenn es negativ ist, ist das nicht anziehend. Leute gehen da gerne hin, wo Leute gerne hingehen. Wenn in einer Gemeinde eine positive Atmosphäre ist, wird das weitere Leute anziehen – und da hat der Gottesdienst noch gar nicht angefangen. Das ist eine Frage der ersten Eindrücke.

Die langfristige Bindung hängt auch von guten Beziehungen ab. Es geht also um die Frage, ob die Leute ein Zuhause finden und in der Gemeinde heile Beziehungen erleben können. Gibt es überschaubare Gruppen wie Hauskreise, wo sie angenommen und geliebt werden und geistlich wachsen können? Menschen kommen oft wegen eines attraktiven Gottesdienstes - aber sie bleiben vor allem wegen guter Beziehungen.

 

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Kommentare

Von Esther am .

Ja, der Artikel trifft es sehr gut-der Mensch ist ein Beziehungsmensch und will als Mensch mit seinen Hochs und Tiefs wahrgenommen werden- und nicht nur als potentielle Hilfskraft für die Gemeindearbeit.
Erst bin ich der Mensch der Gottes Wort und menschliche Nähe sucht- und dann kann ich mich auch in die Arbeit einbringen.
Andersrum ist es falsch- erst bringe ich Leistung und dann werde ich anerkannt.
Vor lauter Missionsauftrag wird oft der Nächste an deiner Seite nämlich gerne übersehen.
ich mehr

Von Gisela Z. am .

Vor Kurzem wechselte ich als Gemeindemitglied nach sieben Jahren die Gemeinde. Und wie es Pastor Michael Murzin betont hat: Es ist sooo wichtig, mit dem Leiter oder dem ganzen Leitungsteam über Mängel und mögliche Lösungen zu reden. Nur Mut- auch wenn die Beziehung zueinander schon getrübt ist. Gott ist sehr weise und räumt mit Mißverständnissen auf, wo wir uns ,öffnen'. Dann kann selbst ein Wechsel für den Leiter transparent werden. Und als Mitglied zeige ich die Achtung vor der Mühe meines Leiters und seiner Person und gewinne für mich Frieden über dem ,Schritt'. So habe ich es erlebt.

Von andreasm am .

Der letzte Satz des Interviews bringt es auf den Punkt:
"Menschen kommen oft wegen eines attraktiven Gottesdienstes - aber sie bleiben vor allem wegen guten Beziehungen."
Vielen Dank für diesen Artikel...


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