Themenwoche Gemeindewechsel

Drum prüfe, wer sich nicht mehr bindet

Für einen Gemeindewechsel gibt es gute Gründe. Die wollen allerdings wohlüberlegt sein – und betreffen letztlich eine ganz zentrale Frage.

Wer überlegt, die Gemeinde zu wechseln, sollte vor allem eines tun: Nicht vorschnell handeln. Die Entscheidung ist zu weitreichend, um aus dem Bauch heraus gefällt zu werden. Es gibt viel mehr zu bedenken als den eigenen Frust. Zum Beispiel die Auswirkungen für Familie und Freunde, Aussagen der Bibel und persönliche Berufung.

Deshalb gilt für jeden potentiellen Wechsler: Erst einmal zurücklehnen, durchatmen, nachdenken, eine Auszeit nehmen und möglichen Ärger verrauchen lassen. Dann sich zusammen mit Gott Gedanken machen und über die handfesten Gründe für den Wechsel klar werden.

Unvermeidliche Trennung
Gute Gründe, eine Gemeinde zu verlassen, gibt es viele. Einige sind sogar biblisch. Z.B. wenn die Gemeinde etwas lehrt, das am Evangelium vorbeigeht. Ändert sie auch nach eindringlicher Ermahnung nichts daran, ist ein Wechsel dran (Gal. 1, 7-9). Natürlich bleibt die Frage, was am Evangelium vorbeigeht und was nicht. Die ist leichter zu beantworten, wenn es um grundlegende Dinge geht wie die Rettung durch Jesus. Schwerer wird’s bei weniger zentralen Themen wie den Geistesgaben oder der Kopfbedeckung der Frau. Richtig spannend wird’s bei der Frage, was in der Gemeinde nicht gepredigt wird, welche Themen mehr oder weniger bewusst nicht angesprochen werden. Wie auch immer: Hier kommt das eigene Gewissen ins Spiel. Letztlich muss ich selbst vor Gott und meinem Gewissen eine Antwort finden.

Einige andere Gründe legen einen Wechsel zumindest nahe, z. B. wenn die Gemeindeleitung machthungrig oder stark kontrollierend ist. Auch wenn die leitenden Personen biblisch unqualifiziert sind oder offen und andauernd ein Verhalten an den Tag legen, das nicht im Sinne Gottes ist (Römer 16, 17). Oder wenn es langjährige Konflikte gibt, sich Grüppchen schon seit Ewigkeiten spinnefeind sind. Auch dann muss es erst zu einer Aussprache kommen. Wenn aber alles nichts hilft, ist auch hier eine Trennung oft unvermeidlich.

Steter Tropfen
Es gibt auch Gründe, die erst einmal nicht sonderlich ins Gewicht fallen – aber über Jahre hinweg an Bedeutung gewinnen. Steter Tropfen höhlt auch in Gemeinden manchen Stein. Der eine besucht schon seit Jahren eine Gemeinde. Richtig angekommen und angenommen ist er aber nicht. Er hat alles versucht, aber keiner scheint ihn wahrzunehmen. Es passt einfach nicht. Der nächste sieht einige Schwachstellen der Gemeinde – doch seine konstruktive Kritik, jegliche Initiative wird kategorisch und andauernd unter den Teppich des Schweigens gekehrt.

Ein anderer hat das Gefühl, durch die Gemeinde schon seit Jahren geistlich nicht weitergekommen zu sein. Jegliche Impulse, die ihn weitergebracht haben, stammen von anderswo. Der Nächste hat sich durch jahrelanges Engagement über die Maßen verausgabt. Seine Bitten um Hilfe hat niemand gehört. Dazu hat die Familie durch das große Engagement Schaden genommen – es ist nicht mehr tragbar. Wieder ein anderer merkt einfach, dass die Zeit für etwas Neues gekommen ist. Man hat sich weiterentwickelt und merkt: Gott will mich an anderer Stelle gebrauchen.

Die eigentliche Frage
Doch langsam, langsam. Bei vielen Gründen stellt sich die Frage nach Henne oder Ei. Ist es wirklich so schwer, in die Gemeinde reinzukommen oder habe ich einfach zu wenig in Beziehungen investiert? Ist die Ansicht der Gemeinde, die mich nervt, wirklich unbiblisch oder verstehe ich nun mal mein Bibelverständnis als der Weisheit letzter Schluss? Ist die Gemeinde wirklich taub für konstruktive Kritik oder habe ich sie noch gar nicht deutlich geäußert?

Die Gründe für den angepeilten Gemeindewechsel können noch so gut sein – sie brauchen eine gesunde Selbstkritik und biblische Korrektur. Gerade Christen sollten auf diese Weise das suchen, was verbindet, nicht das, was trennt. Vertrauliche Gespräche mit Mentoren oder Vertrauenspersonen werden zudem zu einer wirklich tragfähigen Entscheidung verhelfen – ob es nun zum Wechsel kommt oder nicht. Darüber hinaus ist der Grundsatz zu bedenken, auf die Verantwortlichen der Gemeinde zu hören und ihren Weisungen zu folgen (Heb 13, 17). Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde ist eine ernstzunehmende Sache.

Letztlich muss ich für mich klar kriegen, was Gott von mir möchte. Der fragliche Gemeindewechsel trifft also im Kern die Frage nach meiner Berufung. Denn Menschen können zu Höchstleistungen in den widrigsten Umständen auflaufen, wenn sie wissen, dass sie hier genau am richtigen Platz sind. Äußere Bedingungen sind letztlich zweitrangig. Bin ich mir sicher, dass Gott mich in dieser Gemeinde haben möchte, ist der Streit Nebensache. Vielmehr versuche ich ihn mit Gottes Hilfe zu schlichten. Gerade wenn mich Schwachpunkte in der Gemeinde nerven, bin ich vielleicht genau am richtigen Platz! Denn vielleicht nehme nur ich sie so deutlich wahr und vielleicht ist es meine Verantwortung, auf sie hinzuweisen und sie anzugehen.

Diese Gewissheit, trotz aller Widrigkeiten am richtigen Ort zu sein, kann nur Gott schenken. Und gibt es keine Gewissheit, dass Gott nun einen anderen Platz für mich anvisiert, steht hinter jedem Gemeindwechsel ein Fragezeichen.

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Kommentare

Von Madeleine Schwaab am .

Es ist schon richtig, dass man nicht vorschnell die Gemeinde wechselt und ich denke, die Meisten überlegen sich das wirklich gut, vor allem wenn noch die Kinder mitbetroffen sind. Dennoch denke ich, dass wir viel zu sehr in den Gemeinden festsitzen. Jeder redet über seine Gemeinde, und in welcher Gemeinde er mitarbeitet, in meiner Gemeinde machen wir das so,.... Aber sind wir denn nicht alle eine Gemeinde, die Gemeinde Jesu. Meiner meinung nach trennen wir uns oftmals viel zu sehr. Gemeindewechsel muss gut überlegt sein, aber am Ende zählt, dass wir Mitglieder in der Gemeinde Jesu sin.

Von Thomas A. am .

Lieber Thomas, deine Argumente erinnern mich sehr an meine ehemalige Gemeinschaft. Sie schreiben "Hier benötige ich Vergebung". Das ist ein sehr zentraler Punkt bei dem Thema, der aber nach meinem erleben oft falsch benützt und interpretiert wird. Vergebung heißt für mich, ich gebe meine (berechtigten) Ansprüche auf Rache an Gott ab. Und ich sollte (muß?) das machen/praktizieren, weil in meinen Augen nur dann entstandene Wunden heilen können. Und es, wenn möglich, zu einer Versöhnung mehr

Von HeHe am .

Diese Themenwoche war/ist sehr interessant gewesen für mich.
Ich bin gerade in einer sehr anstrengenden Situation. Ich bin Presbyterin. In unserer Gemeinde gibt es Menschen, die abbrechen. Ich kann sie verstehen, denn es gibt große Probleme mit der Pfarrerin. Als ich nun gerade in der letzten Woche einen Gemeindeabbruch ansprach und darum bat, sich doch einmal mit den Menschen in Verbindung zu setzen, zu hören, was die Zusammenarbeit mit uns so schwierig macht, da wurde ich heruntergebügelt. mehr

Von judith am .

Zum Trost für alle Gemeinde-geschädigten eine Bibelstelle:
(Matth. 24,3ff)
Und die Jünger fragten Jesus:
"Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?"
Und Jesus sprach:
"SEHT ZU, DASS EUCH NICHT JEMAND VERFÜHRE...
(z. Bsp.:"Deine Bekehrung ist noch nicht genug, Du brauchst noch das Super-Jesus-Live-Spezial-Event!")
DENN ES WERDEN VIELE KOMMEN UNTER MEINEM NAMEN.....
(z. Bsp:"Ich hab die Klarheit vom Herrn, dass du ....... tun sollst...")
DAS ALLES ABER IST DER mehr

Von Klavierbub am .

Ein heikles Thema. Ich will berichten, wie es mir bisher ging, ohne jemanden hier an den Pranger zu stellen. Als Kleinkind wurde ich katholisch getauft und musste später zur Kirche. Ich hatte keine persönliche Beziehung zu Gott als Geist, sondern für mich gab es gute und schlechte Momente. Wenn ich sah, wie Leute in der Kirche fromm beteten, von denen ich am nächsten Tag Schläge bekam, vergrösserte sich mein Abstand zu diesem "Herrn", der seinen "Dienstbefohlenen" so etwas erlaubte. Als ich mehr

Von margit am .

Also die Thematik dieser Woche ist so richtig spannend, weil Glaube an den dreieinigen Gott sowieso spannend ist. Ich möchte mich für die guten Beiträge bei den AutorInnen bedanken und für die Leserbriefe bei den LeserInnen.
Zu einem Fazit bin ich für mich gekommen im Laufe der 15 Jahre, in denen ich mit meinem Mann einer Gemeinde angehöre.
Die Gemeinde ist für uns so eine Art "Großfamilie" .
Spannungen, Ärger, unterschiedliche Meinungen, dass alles gehört doch dahin, wo Menschen mehr

Von Thomas am .

Hallo. Ich denke es gibt Gründe, dass ich meine Gemeinde verlassen. Dazu gehört für mich nicht Gründe wie zu laute oder leise Musik, alte oder neue Lieder u.ä. Aber ich darf in einer Gemeinde nicht kaputt gehen und es muss mir zum zu Hause werden, sonst ist ein Wechsel in meinen Augen o.k.
Nur leider hab ich öfters erlebt, dass die Leute dann nicht in Gemeinde B gehen sondern leider in gar keine Gemeinde mehr. Dass ich mein geistl. Leben für mich selbst lebe oder mir meine "Nahrung" aus dem mehr

Von Chuck am .

Wenn ich den Artikel und die Kommentare lese wird mir mal wieder deutlich, wie fatal der Irrtum ist, dass Christen annehmen ihre organisatorischen Versammlungen (Gottesdienst etc. genannt) wäre die Gemeinde Jesu oder hätte tatsächlich viel damit zu tun. Die Gemeinde, die Jesus baut, ist keine Organisation, keine Versammlung, schon recht garkeine Häuser aus Stein. Die Gemeinde Jesu sind die Christen - die Jünger Jesu.
Statt bei Denen, die mittlerweile in enrom großen Zahlen die "Gemeinden" mehr

Von TIB am .

Hallo, ich glaube es ist heute sehr leicht schnell zu gehen, wenn es eng wird. Leider ertragen wir einander immer schlechter und halten Differenzen nicht gut aus. Gemeindevielfalt und spezielle Vorlieben können schnelle Wechsel produzieren. Ich nehme mich allerdings überall mithin. Ich wünsche mir gesunde ,mit angemessener Streitkultur ausgestattete Gemeinde, die streiten, lieben u. vergeben kann. Bin selber in Gemeindeleitung und oft sehr traurig wie lieblos und selbstüberschätzend wir mehr

Von Thomas A. am .

Lieber HeHe, was Sie schreiben über das unter den Tisch kehren, ist bei unserer ehemaligen Gemeinde auch so. Nach dem Rufmord an meiner Frau mußte ich feststellen das dieses Verhalten aber nur die Spitze vom Eisberg war. Und dort seid Jahren vom 1. Vorsitzenden geistlichen Machtmissbrauch betrieben wird. Um seine eigene Gemeinde zu prüfen kann man die zwei Leitfragen von Dienstag nehmen, und je nach Antwort sollte man gegenüber der Leitung die notwendige Vorsicht walten lassen. Wichtg ist, das mehr

Von Hildegard Wäfler am .

Stimme dem guten wertvolen Beitrag zu,danke.

Von Thomas A. am .

Ich kann die Aussagen des Autors nur bestätigen, es sollte mit großer Sorgfalt an das Thema herangegangen werden. Und die Bibel gibt einem dazu mit viele Stellen eine große Hilfe. Nur an einer Stelle des Artikels möchte ich den Finger heben. Den Verantwortlichen zu folgen (Heb 13,17). Diese Stelle darf nicht als absolutes Muß gesehen werden, wie es in unserer ehemaligen Gemeinde verkündigt wird. Auch die Verantwortlichen sind Menschen und können fallen. Wo das anderst gesehen wird sollte Vorsicht geboten sein, da dies dem geistlichen Machtmissbrauch Tür und Tor öffnet.

Von HeHe am .

Danke für diesen Artikel. Ich verfolge die ganze Woche die Artikel des ERF zum Thema Gemeindewechsel. Ich finde, dies ist ein wichtiges Thema. Auch mir geht es so, dass es in meiner Gemeinde nicht leicht ist. Ich sehe, immer mehr Menschen werfen ihre Aktivitäten hin, drehen sich weg. Das macht mich traurig und beunruhigt mich. Wenn ich das in unserem Leitungsgremium anspreche, werden die Anmerkungen von der Leitung unter den Tisch gefegt. Und doch werden es mehr, die gehen. Ich habe auch lange mehr

Von Jochen am .

Find ich gut geschrieben, Danke tut mir auch gut.Ich frag mich, wie diejenigen,die aus welchen Gründen auch immer (beabsichtigen) die Gemeinde zu verlassen, das "Doppelgebot" der Liebe Luk.10,27 oä. leben.


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