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Der Obdachlose, die Nemesis und Jesus

Geht es mich eigentlich was an, wenn es anderen schlecht geht? Den Obdachlosen, an denen ich täglich beim Einkaufen vorüber laufe? Den Drogenabhängigen, die mit hungrigen Augen auf dem Vorplatz vom Hauptbahnhof herumhängen, während ich mit schnellem Schritt in mein warmes Wohnzimmer eile? Jesus sagt, „was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Was tue ich eigentlich für diese „geringsten meiner Brüder und Schwestern“? Meist nicht genug.

»Ne·me·sis«, die;
-, keine Mehrzahl
ausgleichende, strafende Gerechtigkeit

Jessi und ich haben zwei Stunden lang den samstäglichen Flohmarkt durchpflügt. Aber das, was wir suchten, eine neue Glasplatte für einen Gartentisch, haben wir nicht gefunden. Anschließend durchkämmten wir die Innenstadt nach einem warmen Plätzchen im Café. Keine Chance - die Cafés quollen über vor Leuten. Und niemand sah so aus, als wolle er freiwillig wieder hinaus in dieses Hundewetter.

Februar. Feuchtkalt. Eisiges Nieseln. Unsere Füße schrieen: Aua. Vorüberfahrende Autos schleuderten Wasser nach uns. Doch dann: Durch die großen Scheiben des Café Mozart lachte uns ein freier Tisch an – direkt am Fenster. Hier konnten wir gemütlich sitzen, einen heißen, leckeren Kaffee schlürfen und ein Croissant genießen. 

Der Obdachlose

Meine Hand lag schon fast auf der Klinke zum Café, da stand er vor uns und starrte uns mit weit aufgerissenen Augen an. Sein rotes Haar war strähnig, schulterlang und völlig schmutzig. Er sah verhungert und abgerissen aus, verwirrt – seine Hände fuchtelten fahrig herum. „Habt ihr was für mich?“ Ich sah ihn an. Er war sicher Ende Dreißig, sah aber so aus, als sei er schon lange, lange tot. Was er anhatte, hätte in einen frischen Frühlingstag gepasst. Irgendeine dunkelblaue Trainingsjacke und einen Pullover drunter.
Aus seinem Mundwinkel tropfte das Blut. „Mensch, Sie bluten ja.“ Ich wühlte nach einem Taschentuch. Jessi reichte mir eins. Ich tupfte ihm das Blut aus den Mundwinkeln. Er starrte uns eine Weile lang fassungslos an. Dann drehte er sich weg. Er schämte sich. „Mensch,“ sagte er und schien jetzt ein bisschen klarer, „ich war doch früher auch so anders. Ich war in Pakistan. Und Afghanistan. Ich bin viel gereist.“ - Ja, dachte ich, und irgendwo unterwegs hast du den Weg verloren.

Der Anblick dieses Mannes in seinem totalen Elend, seinem hilflosen Ausgeliefertsein, machte mich total fertig. Was sollte ich tun? Ihn in irgendein Obdachlosen-Domizil bringen? Ich kannte keine Adresse. Auf einen Kaffee einladen? Oh nee, da wären wir wohl gleich wieder rausgeflogen aus dem Café Mozart.

Ich warf einen sehnsüchtigen Blick durch die Scheibe. Der freie Tisch – wie lange der wohl noch frei sein würde? Und Jessi trat auch schon von einem Fuß auf den anderen. Was folgte, war eher reflexartig. Ich drückte dem Mann fünf Euro in die Hand und sagte: „Alles Gute!“ Dann packte ich die Klinke und betrat entschlossen das Kaffee.

Ich war leicht schamrötlich, aber Entschuldigungen hatte ich innerlich jede Menge parat. Was macht man auch mit einem Obdachlosen, der bei null Grad verwirrt in der Stadt rumrennt und dabei nicht genug anhat? Ich konnte ihn ja nicht in mein Wohnzimmer setzen oder ihm meinen Mantel geben wie Sankt Martin.

Schließlich kam mein Kaffee und mein Croissant, aber der Genuss, das Behagen, das wollte sich nicht mehr einstellen. In meinem Hinterkopf saß ein hartnäckiges, nagendes Gefühl das sagte: 

Als ich hungerte, da hast du mich nicht gespeist, und als ich dürstete, da hast du mir nichts zu trinken gegeben. Und da sagten sie: Herr, wann war das denn, dass du mich um etwas zu trinken gebeten hast? ... Ich aber sage euch, was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
 
Matthäus 25, 37 bis 40

Unsere Städte sind voll von Menschen, denen es schlecht geht. Die kein Dach über dem Kopf haben, einsam, krank oder beides sind. Die Drogensüchtig sind oder alkoholabhängig. Die niemanden haben, der sie mag oder der sich um sie kümmert.

Wenn ich als Christ mich nicht um diese Menschen kümmere, vor allem dann, wenn sie mich an einem eiskalten Januartag um Hilfe ansprechen, wer dann?

Jaja, aber auch wir Christen haben immer was Besseres vor. Wenn es nicht die stressige Arbeit oder die dringend notwendige Erholung ist, sind es die Samstagseinkäufe oder die Familie.

Wir müssen uns ja um uns sorgen, gelle?

Schließlich zogen Jessi und ich los, weil wir beide noch unsere Wintergarderobe komplettieren wollten. Und was soll ich euch sagen? Ich fühlte mich doof, versuchte aber, es zu ignorieren.

Da tat Jesus etwas sehr Freundliches. Er erteilte mir eine anschauliche Lektion, die besser als alles andere half, mein Mitgefühl zu wecken.

Als ich gegen fünf Uhr nachmittags endlich zu meinem Auto zurückkehrte – ja, da war es weg. Es war abgeschleppt worden. Und, wie sich anschließend herausstellte, war kein Mensch, den ich kannte, und der mir hätte helfen können, zuhause. Samstagabend. Alle weg. Oder im Urlaub. Überall meldete sich der Anrufbeantworter oder der Babysitter. Stunden später, es war schon dunkel geworden, langte ich endlich bei dem völlig einsam gelegenen Autohof im Frankfurter Osthafen an, wo mein Auto laut Auskunft der Polizei stehen sollte. Die Rücklichter meines Taxis verschwanden gerade im Nebel der Nacht und wenn ich es recht überlege, sah die Nacht gerade nach einer sehr unheimlichen Nacht aus.

Ich stand vor einem ellenlangen, höchst solide aussehenden Zaun, gekrönt von Stacheldraht. Eine kleine Wellblech-Baracke, erleuchtet von einem Außenlicht, funkelte mich kalt an. Mein Auto stand da, zusammen mit einem anderen, auf der anderen Seite des Zaunes. Nah und doch so fern. Ich drückte auf den dicken Klingelknopf neben dem Firmenschild der Abschleppfirma. Es schrillte laut, aber nix rührte sich. Ich klingelte noch mal. Und noch mal und noch mal. Keine Reaktion. In meinem Rücken türmten sich die Bürogebäude an der Hanauer Landstraße, die alle schon mal bessere Zeiten gesehen hatten.

Durch den Asphalt kroch eine Distel. In langen Abständen fuhren verdächtige Autos mit verdächtigen Insassen darin vorbei. Das konnte ja heiter werden. Schließlich zückte ich mein Handy und rief die Nummer an, die auf dem Riesenschild an dem soliden Zaun stand. Jemand, der wie der Boss klang (ein Boss in einem weichen Sofa, mit Plasma-Fernsehen im Hintergrund; ich malte mir das Klirren von Eiswürfeln im Scotch und das Rascheln der Chipstüte aus), meldete sich mit sonorer Stimme und hörte sich mein Problem an.

Dann antwortete er mir Folgendes:
Ja, gut, da müsse Se jetzt wardde. Der Mann iss grad ä halb stund wesch.
Ja aber ich hab doch grade mit ihm telefoniert, und er sagte, er sei die ganze Nacht da.
Ja awwer mit mir hawwe se net telefoniert!
Wo bleibt denn da die Logik? Das ist doch nicht Ihr Ernst!
Doch, des is mei Ernst. Sie müsse wardde!

Das war wohl die „Nemesis“, die ausgleichende, strafende Gerechtigkeit.

Ich schaltete mein Telefon aus. In diesem Moment, als sei ein unsichtbares, mir unbekanntes Stichwort gefallen, begann es zu regnen. Sehr sanft, aber sehr nass. Aus dem feinen Nieseln wurde dann recht schnell ein ordentliches Triefen und Plätschern. Im Licht der trüben Neonlampen sah ich die Silberfäden des Regens aufglitzern, bevor sie auf mein armes Haupt hernieder fielen.

Plastischer hätte der Anschauungsunterricht wirklich nicht sein können. Kein Dach, keine Wärme, kein Schutz. Und totale Hilflosigkeit. Kein Ärgern hilft, kein Bitten, kein Flehen.
Weil Jesus mich aber liebt und nicht wollte, dass ich pudelnass und krank werde, hatte er mich am Morgen dazu bewegt, meinen kleinen Knirps in meine Handtasche zu stecken. Etwas, das ich sonst nicht tue, weil in meinem Auto ein ausgewachsener Schirm liegt. Danke Jesus.

Doch auch trotz Schirm war es eine der längsten halben Stunden meines Lebens. Ich suchte nicht gleich am nächsten Tag die Adresse von einer Obdachlosen-Unterkunft heraus, aber inzwischen weiß ich eine.

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