Interview

„Schuldgefühle rauben viel Energie.“

Echte Schuld und falsche Schuldgefühle: H. Sommerfeld weist Wege aus dem Dschungel der Selbstzerknirschung. Er weiß selbst: Es lohnt sich!

ERF.de: Herr Sommerfeld, in Ihrem Buch plädieren Sie dafür, sich von Schuldgefühlen zu befreien. Laut Römer 3, 23 ist aber jeder vor Gott schuldig. Und wer sich nicht schuldig fühlt, kann keine rechte Reue empfinden. Braucht ein Christ also nicht Schuldgefühle, um mit Gott ins Reine zu kommen?

Harald Sommerfeld: Die Aussage, dass alle Menschen vor Gott schuldig sind, ist ja sozusagen die Folie, vor der man das Evangelium überhaupt verstehen kann. Wer das nicht bejaht, wird nie wirklich begreifen, was Jesus getan hat. Aber Jesus hat dieses Radikale vollbracht, indem er das Problem der Schuld gelöst hat, nachdem alle anderen Versuche nicht funktioniert haben. Und im Vordergrund der christlichen Botschaft steht die Aussage: Jesus hat die Schuld wirklich weggenommen.

Das scheint christliches Allgemeingut zu sein. In der Praxis stelle ich aber fest: Es ist bei vielen Christen noch nicht wirklich im Herzen angekommen, dass Jesus da klar Schiff gemacht hat. Und deswegen laufen viele Christen auch mit sehr unfruchtbaren Schuldgefühlen herum. Dabei können wir als Christen, nachdem wir eine Begegnung mit Christus gehabt haben, auch unsere Unzulänglichkeit unter diesem Vorzeichen der grundsätzlichen Bejahung von Gott sehen.

ERF.de: Gehören Schuldgefühle also abgeschafft?

Harald Sommerfeld: Es ist die Frage, was man unter Schuldgefühlen versteht. Die Einsicht, dass Dinge, die ich gemacht habe, nicht richtig waren, ist nicht abgeschafft. Aber diese Einsicht muss nicht zwangsläufig ein bedrückendes oder gar nicht identifiziertes Schuldgefühl nach sich ziehen. Diese Einsicht kann sogar eine sehr heilsame und befreiende Dimension haben.

Es geht mir um die Schuldgefühle, bei denen einer immer das Gefühl hat, er macht nicht genug, er kann nicht gut genug sein. Wo einer nicht sicher ist, ob er so wie er ist mit Gott im Reinen ist. Wo auch sein praktisches Leben immer von dem Gefühl getrieben ist, er müsste eigentlich mehr machen. Es geht mir um diese latenten, unterschwelligen Schuldgefühle, die das Leben vieler Menschen vergiften.

ERF.de: Es gibt also so etwas wie falsche Schuldgefühle und echte Schuld?

Harald Sommerfeld: Ja. Und ich habe in meinem kleinen Buch im letzten Kapitel etwas über den Umgang mit Situationen geschrieben, wo man merkt, man hat es wirklich vermasselt. Wo es nicht um diese latenten, manchmal durch falsche christliche Prägungen entstandenen Schuldgefühle geht, sondern wo es um Situationen geht, in denen richtig was schief gelaufen ist. Wo man sich stellen muss, wo man rangehen muss.

Aber auch das sollte man nicht mit den falschen Gefühlen tun, jetzt völlig in Verdammnis zu versinken und in Verzweiflung zu geraten. Die Schuldgefühle, die ich im Sinn habe, die haben ja immer etwas mit Druck zu tun, mit Aussichtslosigkeit, mit Belastung des Lebens. Das hilft auch in Situationen mit sehr realer Schuld nicht weiter.

ERF.de: Was sind Beispiele für falsche Schuldgefühle bei Christen?

Harald Sommerfeld: Nehmen wir ganz praktische Sachen: Christen, die sich schuldig fühlen, wenn sie anderen Wünsche abschlagen und Nein sagen. Oder Schuldgefühle, die durch Manipulation entstehen. Manipulation besteht in ihrem Kern ja oft darin, dass man einen anderen so zu beeinflussen sucht, dass er sich schuldig fühlen soll, wenn er nicht das macht, was ich will. So etwas gibt es auch in christlichem Gewande nicht selten. Ich kenne auch noch einen pädagogischen Missbrauch des Namens Gottes. Dass Jesus also traurig sei, wenn man bestimmte Dinge tut. Es gibt Schuldgefühle, die durch eigenen Perfektionismus entstehen, wo sich einer etwas nicht verzeihen kann, dass er Dinge nicht immer 100%ig hinkriegt usw.

ERF.de: Gibt es Glaubensrichtungen, die solch ein Denken fördern?

Harald Sommerfeld: Ich würde sagen, dass es vor allen Dingen zusammenhängt mit der Art, wie ich Veränderung im Leben eines Christen erwarte. Da wird in der Tradition der Heiligungsbewegung - aus der ich selbst stamme - und in vielen anderen eher mit den Defiziten gestartet, um Christen zur Veränderung zu motivieren. Es wird ihnen deutlich gemacht, wie schlimm das ist, dass sie bestimmte Dinge noch nicht hinkriegen. Da ist Heiligung und Veränderung immer Reaktion auf etwas Negatives. Und weil man in der Heiligung nie vollkommen wird, bleibt immer das Negative. Wenn man das nicht sehr sauber und seelsorgerlich gut handhabt, stellt sich leicht so ein Gefühl des ständigen Minus ein.

ERF.de: Was aber nicht dem Evangelium entspricht…

Harald Sommerfeld: Vom Neuen Testament her ist der Ansatz zur Veränderung eher der, zur Kenntnis zu nehmen, was Gott schon an Neuem in uns hineingelegt hat. Und diesem Neuen Raum zu geben und gute Rahmenbedingungen zu schaffen, dass es wachsen kann. Eigentlich tragen wir also das schon in uns, was nach außen sichtbar werden soll. Gott hat seinen Willen in unser Herz geschrieben. Und ein Mensch, der in Berührung kommt mit dem erneuerten Teil seines Herzens, entdeckt auf einmal, dass er viele Dinge, die Gott von ihm will, selbst auch möchte, dass er eine positive Motivation hat.

ERF.de: Wenn ich in meinem Leben falsche Schuldgefühle ausgemacht habe: Welche Strategien gibt es, diese wieder loszuwerden?

Harald Sommerfeld: Es hängt natürlich davon ab, wie tief sie sitzen und in welchem Bereich sie angesiedelt sind. Manches braucht vielleicht nur ein Aha-Erlebnis. Dass einem aufgeht, an dieser Stelle muss ich mich gar nicht schuldig fühlen. In anderen Fällen sind es tiefer sitzende Gewohnheiten. Wer z. B. ständig Schuldgefühle hat, weil er nicht Nein sagen kann, der muss neue Gewohnheiten einüben. Der braucht vermutlich jemanden, mit dem er darüber spricht, mit dem er trainiert, das Richtige zu sagen.

Manche Schuldgefühle entspringen solchen Gewohnheiten. Man hat sich angewöhnt, auf bestimmte Situationen in gewisser Weise zu reagieren. Manchmal braucht man da eine mittelfristige Begleitung, weil solche inneren, automatisierten, kognitiven Vorgänge nicht über Nacht verschwinden.

Aber trotzdem ist es auch da gut, erst einmal zur Kenntnis zu nehmen: Du brauchst das nicht, das ist nicht Gott, der dich da schuldig spricht, sondern es sind andere Mechanismen. Wenn diese Einsicht ausreicht, sich dagegen zu wenden, ist das gut. Und wenn nicht, dann such dir jemanden, der dir beisteht.

 

No more blues - Glauben ohne Schuldgefühle
Harald Sommerfeld
Down To Earth 2009
ISBN-10: 3935992564
40 Seiten, broschiert

Bild: Down to Earth

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ERF.de: Das hört sich nach Arbeit an. Warum loht es sich trotzdem, falsche Schuldgefühle loszuwerden?

 

Harald Sommerfeld: Ich komme sehr von der praktischen Seite. Ich arbeite im Netzwerk „Gemeinsam für Berlin“ mit, mache interkulturelle Arbeit, motiviere Christen als Gemeindeberater und helfe ihnen, sie im kommunalen Leben mitzumischen. Ich lebe also sehr nach außen orientiert. Ein Stück weit kann ich das in der Form, in der ich das heute mache, nur, weil ich mich selbst mit dem Thema Schuldgefühle über einen längeren Zeitraum beschäftigt habe. Und ich habe ein paar Antworten gefunden, die mir geholfen haben, mich nicht ständig um meine geistliche innerliche Befindlichkeit zu kreisen.

Schuldgefühle rauben viel Energie, weil man ganz viel damit zu tun hat, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und gerade als Praktiker sage ich: Die Leute sollten freigesetzt werden und einfach vertrauen, dass das, was Jesus gemacht hat, für sie genug ist. Das reicht aus, sie sind jetzt frei, Dinge zu tun, die sie gerne tun möchten und die Gott in ihr Herz gelegt hat. In dieser Freiheit sind wir als Christen ein Segen für unsere Umgebung, wenn wir nicht zu viel mit unseren eigenen Binnenprozessen zu tun haben. 

ERF.de: Herzlichen Dank für das Gespräch!


Kommentare

Von Christina am .

danke für den Anstoß.Das hat mir sehr geholfen über meine Schuldgefühle und die sogenanten Schuldgefühle nachzudenken und sie genauer unter die Lupe zu nehmen um endlich Befreiung zu erfahren. Gott segne Sie in iherm Dienst.

Von Gerdi am .

Mit Schuldgefühlen gegenüber Gott plage ich mich nun schon seit ca. 35 Jahren. Mit etwa 15 Jahren fühlte ich mich auf Grund eines enormen Wachstumsschubs sehr krank und versprach Gott, wenn er mich wieder gesund werden lässt werde ich Diakonisse. Ich wurde wieder gesund aber ich heiratete. Nun ist nach knapp 30 Jahren unsere Ehe gescheitert und ich weiß nicht ob das ein Zeichen Gottes ist, dass er mir nicht vergeben hat, dass ich mein Versprechen nicht gehalten habe. Ich fühle auch jetzt, wo mehr

Von Birgit am .

Vielen Dank für diesen Beitrag heute. Wie so oft "kein Zufall", dass ich ihn gerade heute mit gerade diesem Thema "zufällig" über nikodemus.net gefunden habe. Wie so oft nehme ich das als Fingerzeig Gottes, als Antwort auf mein Gebet die letzten Wochen, da auch ich sehr mit dem Gefühl "der Vergebung nicht zu genügen" zu kämpfen habe, dass ich "zu schlecht" dafür wäre. Ich glaube, ich muss einiges an meinen Glaubensvorstellungen und -einstellungen überarbeiten. Dabei helfen mir eure Beiträge mehr

Von wason am .

Ganz hervorragend, dieser Beitag macht Mut. Danke


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