Persönlich erlebt

Zu zweit ist das Chaos nicht so schlimm

Neulich kam Adelheid - diesmal mit roten Bäckchen. „Ich bin so stolz auf mich!“ fing sie an.

Neulich kam Adelheid - diesmal mit roten Bäckchen. „Ich bin so stolz auf mich!“ fing sie an. „Stell Dir vor ich bin allein nach Hamm gefahren! Zweimal 500 km! Und ich bin heile wieder da!“ Ich ließ sie am Küchentisch landen und goß uns erstmal einen Cappucchino ein. „Erzähl!“ sagte ich und übergab ihr damit den verbalen Blancoscheck.

„Wir hatten die Gelegenheit, kurzfristig Kommissionsware zu kriegen. Aber wir mussten sie selber abholen – und mein Süßer hatte natürlich wieder Dienst. Und ich bin über 30 Jahre nicht mehr so weit alleine gefahren. Ich glaube das letzte Mal 1979 von Waldeck ins Allgäu - der Liebe wegen. Damals wollte ich katholisch heiraten ...“ Sie bekam ihren berühmten Weitwinkelblick.

Nach einer Weile war sie wieder im Jahr 2009. „Ich bin also um kurz nach sieben morgens los. Unterwegs ist es hell geworden und ich war froh, dass ich erst um neun Uhr das erste Mal anhalten musste. Das Klo war total verdreckt, da bin ich in den Wald gestiefelt. Ein Mann auf dem Parkplatz guckte erst die Werbung auf unserm Auto an – und dann hinter mir her. In dem Moment wurde mir klar, dass ich mein Handy im Auto vergessen hatte. Da war mir schon reichlich mulmig – wer hätte mich gefunden? Keiner wusste doch wann meine Blase voll war und wo ich halten würde.“

„Zwischendurch hat der Navi schlapp gemacht und „Batterie leer“ gemeldet. Vermutlich wieder der Wackelkontakt. Ich musste den Stecker mit einer Hand in Position halten und mit der andern lenken.
Um kurz vor 12 war ich in Hamm, hab erstmal die Scheibenwischanlage mit Frostschutz wieder aufgefüllt und mich in die Reihe gestellt. Ich hatte den versprochenen Kuchen in der Hand - und die Tüten für die Ware im Auto. Da hab ich den Kuchen jemandem zum halten gegeben und Tüten und Jacke geholt, es waren nämlich tatsächlich die angekündigten „gefühlten 20 Grad minus“. Die zu zweit gekommen waren, waren klar im Vorteil, beim Aussuchen der Ware und beim Ausgang sowieso.

Gegen halb vier bin ich wieder heim, vorsorglich aufgefüllt mit einer Waffel und dem Rest handwarmem Cappucchino. Diesmal habe ich bis halb sechs durchgehalten. Aber da war es schon fast wieder dunkel - blöde Winterzeit! Und wieder einer, der seine Zigarette auf dem Seitenweg rauchen musste, wo jede Menge Papiertücher lagen. Ich hab ihn nur schief angegrinst, die Bemerkung die mir auf der Zunge lag, habe ich mir besser verkniffen.

Dazu noch hochgespritzter Schneeregen und die ganze Soße über's Auto verteilt, als es dunkel war hab ich nix mehr gesehen, nicht durch das Seitenfenster und nicht durch die Außenspiegel. Also wieder an einer Raststätte angehalten, Scheiben gewaschen und schnell weiter.

Nach 10 km war die Brühe trocken und ein grauer Schmierfilm geworden. Und nach weiteren 50 km der Tank leer. Ich hab also das Notwendige mit dem Nützlichen verbunden und mit den Dieseltüchern an der Tankstelle meine Sicht für die letzten 2 Stunden klargeputzt. Und daheim konnte ich noch nicht mal damit angeben was mein Schutzengel und ich heute geleistet hatten...“

In Erinnerung an diese Fahrt streckte sie sich noch einmal und seufzte. „Das mach ich niiiie wieder! Weißt du, wie praktisch das ist, wenn man zu zweit ist? Einer fährt, der andere – also ich – reiche meinem Schofför den Kaffee, schmiere das Brötchen, interpretiere den Navi, halte den Stecker fest - und bin beim sanitären Stopp nicht alleine."

Gott hatte wirklich eine gute Idee als er Mann und Frau geschaffen hat. Und wenn mein bester Ehemann der Welt und Umgebung das nächste Mal den Korken nebst Öffner 40 cm neben dem Gelben Sack deponiert, den Socken neben den Wäschekübel wirft, die volle Spülmaschine nicht anstellt oder die leeren Klopapierrollen nicht ins Altpapier wirft, dann denke ich an diese Fahrt... 

(Foto: biewoef,sxc.hu)
 


Kommentare

Von tuffi am .

Hört sich ja so an, als wenn diejenigen, die alleine sind (ohne dass sie es wollen) im Chaos versinken müssten. Ich kann auch eine 1200 km Tour so gestalten, dass ich mich nicht alleine fühle. Und ich freue mich auch darüber, wenn mein Klo sauber ist und das Altpapier regelmäßig runter gebracht wird.

Von andreasm am .

hallo elke,
"verbaler blancoscheck" und "den berühmten weitwinkelblick" sind meine fovoriten der kreativen wortpaare. hat auch was von ehe an sich...
aber recht hast du: solche erlebnisse, in denen man sich ziemlich einsam und verlassen vorkommt sollten in jede festplatte eingebrannt und automatisch bei nörgelsucht und meckeranfällen über den oder die ehemaligen verlobte(n) aktiviert werden. das relativiert die stresssituation und macht erneut dankbar.
dir und dem besten ehemann aller zeiten liebe grüsse aus dem kalten süden,
andreasm

Von Elke am .

Toller Artikel gegen das "Vergessen", danke liebe Elke, und schön wieder was von Dir zu hören, echt spritzig und toll geschrieben, danke

Von Helga am .

Liebe Elke, Du hast den Nagel auf dem Kopf getroffen! So ist es! Hat Spass gemacht Dein Artikel zu lesen. Konnte mir vorstellen, bei Euch am Küchentisch mitzusitzen und Euch zu zu hören :)


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