Nachgehakt

Was ist eine Ehe?

...oder werden Ehen eher im Himmel, auf dem Standesamt oder gar am Frühstückstisch geschlossen?

  Wer heiraten will, geht zum Standesamt. Ohne große Schwierigkeiten wird hier mit ein wenig Geschnörkel eine Ehe geschlossen. Manche gehen dann auch noch zur Trauung in die Kirche. Da ist ein wenig mehr Geschnörkel und für diejenigen, die es tun, ist es die eigentliche Hochzeit. Manche wünschten es sich sogar ohne Standesamt. Aber das geht nicht und wäre auch nicht sinnvoll. Und das hat seinen Grund - und zwar in der Bibel (in der Du beim weiteren Lesen ruhig mal blättern solltest).

Ehe ist ein Vertrag

Schon von Anfang an war klar, dass der Mensch von Gott als soziales Wesen gedacht und geschaffen war (1. Mose 1,28; 2,18). Und er ist Ebenbild Gottes 
(1. Mose 1, 26 f.; 9,6) und damit verantwortlicher Geschäftsträger und Verwalter über die Schöpfung (1. Mose 1,28; 2,20; Psalm 8,7). Aber genauso war von Anfang an klar, dass der Mensch das nicht in selbstherrlicher Willkür tun kann. Herrschaftsrecht und Herrschaftspflicht sind nicht autonom, sondern wie die Schöpfung abbildhaft in der gestalteten Beziehung zu Gott.

Genauso abbildhaft ist das Handeln in der Trauung, das "Zusammensprechen in den heiligen Ehestand". Es bildet den Bund von Jesus und der Gemeinde ab. Wer heiratet und vor den Altar tritt, respektiert Gott als den Schöpfer der Welt und sieht die Ehe als eine Verwiesenheit in die Verantwortung für diese Welt und die Gemeinde. Und das von Anfang an und durch alle Varianten der Eheschließungen hindurch.

Ehe ist Überlebensgemeinschaft

Alttestamentlich gesehen ist die Ehe vor allem Wirtschaftsgemeinschaft. Sie diente dem Fortbestand der Familie und war damit oberstes zu erreichendes Lebensziel eines jungen Mannes und galt als soziale Anerkennung. Außerdem wurde er durch die Heirat juristisch volljährig mit allen Rechten (z.B. Landbesitz) und Pflichten (z.B. Kriegsdienst, mit der interessanten Einschränkung:
5. Mose 24,5; 5. Mose 20, 5 bis 8).

Am Anfang stand der Vertrag, die Abmachung, der Brautpreishandel 
(1. Mose 34,12; 2. Mose 22,15; 1. Samuel 18,25). Da die Frau in die Familie des Mannes wechselte, ging der Familie eine Wirtschaftskraft verloren, die mit einer „Entschädigung“ abgegolten werden musste. Die Verhandlungen führten die Eltern und mit dem Einigwerden im Handel, wurde die öffentliche Verbindung vollzogen (ähnlich dem bürgerlichen Verständnis der Verlobung - fest, aber noch nicht sicher). Diese Verbindung hatte juristische, wirtschaftliche und soziale Folgen, so wie heute die standesamtliche Eheschließung.

Allerdings galt der Vertrag nur, wenn der Bräutigam eine Jungfrau heimführte (Problem bei Maria und Joseph, die quasi verheiratet waren, die Ehe aber noch nicht vollzogen hatten). Als Beweis galt das durch die Defloration mit Blutspuren versehene Bettlaken („Tuch“ in 5. Mose 22,17).

War die Ehe rechtsgültig, wurde sie von der Gesellschaft geschützt. Wer die Ehe verletzte, nahm schwere Schuld auf sich (2. Mose 20,14) und ihm drohte die Todesstrafe (3. Mose 20,10; 5. Mose 22,22). Das zeigt, dass der Ehe große gesellschaftliche und moralisch-ethische Bedeutung beigemessen wurde. Ohne derartige gesellschaftliche Stützen (wirtschaftliche, juristische, moralische, soziale) ist Ehe schwer zu gestalten.

Ehe ist Liebesgemeinschaft

Bei aller Sachlichkeit und nüchterner Beurteilung der Ehe als rechtlich geordneter Wirtschaftsverband, ist in der Bibel die Ehe auch innige Lebensgemeinschaft in Liebe, gegenseitiger Ehrfurcht und Ergänzung
(1. Mose 2, 24 f.). Oft ist von Liebe und Anhänglichkeit der Ehepartner untereinander die Rede (Richter 19,3;
1. Samuel 1,5 und 8; Hoheslied 8,6 usw.).

Ehe ist Konfliktherd

Vor allem aus der Väterzeit ist neben den Ehefrauen auch von Nebenfrauen bzw. Dienerinnen und Sklavinnen die Rede, die zugleich mit einem Mann in ehelichem Verhältnis leben; so Abraham
(1. Mose 25,6), Jakob (1. Mose 30,4 und 9), Gideon (Richter 8,30f), David
(2. Samuel 5,13), Salomo (1. Könige 11,3). Bei allen hat das zu erheblichen Schwierigkeiten geführt. Die Praxis an sich muss aber unter den Gesichtspunkten der altisraelischen Soziologie der Ehe gesehen werden. Es war bei dem engen Zusammenleben besser, dass jede ehefähige Frau mit einem Mann in Ehe lebte, als dass sie schutzlos und ohne Beistand den Anfechtungen ausgeliefert war.

Eine große Gefahr für die Ehe war die weltliche Anfechtung. In der Umwelt des Volkes Israel hatte das geschlechtliche Leben eine umfassende Mythologisierung erfahren. Das Liebesleben wurde in das Kultische hineingezogen (Hosea 4,13ff.). Es war sehr schwierig, den abartigen und regellosen Geschlechtsumgang zu unterbinden. Wenn man sich nun den engen intensiven Umgang in der Großfamilie vor Augen hält, ist es verständlich, dass zu Vermeidung von regellosem Verkehr innerhalb der Sippe Bestimmungen wie das „Verbot geschlechtlicher Verirrungen“ (3. Mose 18,6 bis 20) nötig waren. Wer sich seinen Teil für die heutige Zeit denkt, tut recht.

Auch die Frage nach dem Scheitern der Ehe ist alttestamentlich im Blick. Hier gelten Regelungen der Ehescheidung nur für den Mann. Er ist berechtigt seine Frau zu entlassen (5. Mose 24,1f.), wenn er an ihr etwas auszusetzen hat. Er gibt ihr einen Scheidebrief (vgl. Jesaja 50,1) und schickt sie wieder nach Hause. Sie darf dann zwar wieder heiraten, aber niemals den geschiedenen Mann.

Ehe ist im Wandel

Beim Blick ins Neue Testament baut vieles auf diese Entwicklungsgeschichte des Volkes Gottes auf. Wir finden keine systematische Ehelehre. Es fehlen auch gesetzliche Bestimmungen zur Eheschließung. Im Neuen Testament wird eher von den jeweils vorhandenen und gelebten Formen ausgegangen und diese mit einem neuen christlichen Geist erfüllt.

Die Äußerungen Jesu zur Ehe liegen genau auf dieser Linie. Er verkündet kein neues Ehegesetz, sondern nimmt das Gegebene als verbindlich und betont die Gültigkeit des Willen Gottes im Zusammenleben der Menschen auch für die Ehe. In Streitfragen wird das Alte Testament zitiert (Mt, 27ff.) und die Praxis und Rechtsprechung ist ähnlich (Markus 10,2ff.). Was aber in bedeutender Weise sich in dieser Zeit verändert, ist die Sicht und Stellung der Frau 
(besonders bei Lukas: Lukas 7,37ff.; 8,2;).

Jesus nimmt immer wieder in damals eher unüblicher Weise Kontakt mit Frauen auf (Johannes 4,7ff.) und setzt sich für Frauen ein (Johannes 8,3ff.). Er selbst ist nicht verheiratet, aber auf Fragen zum Thema Ehe stellt er sich klar in die Tradition des Volkes Israel. Aber er weist auch auf die Abbildhafte des Verhältnisses zwischen ihm und der Gemeinde hin (Matthäus 22,2ff.). Er relativiert das Verständnis von Ehe und Familie (Matthäus 12,46,ff.) durch Aussagen zum geschwisterlichen Umgang in der Gemeinde und Ausblicke in die Ewigkeit.

Zusammenfassend kann man über das Zeugnis in der Bibel sagen:
Gott installiert die Ehe, Jesus relativiert die Ehe und in der Ewigkeit wird sie nivelliert.

Ehe ist Sache der jeweils autorisierten Herrschaft

Die Stellung und Bewertung der Ehe hat sich in der Folgezeit der Ausbreitung des Evangeliums und der verstärkten Einflussnahme des christlichen Glaubens fortgeführt (Epheser 5,22ff.; Kolosser 3,18ff.). Die Sippe, der Stammesverband war Rechtsträger und Ehestifter bis zum Verfall der Stammesverbände im Mittelalter und der Herausbildung des Adels und der späteren Entwicklung von Städten und Handel. In dieser Zeit wurde die Rolle der Amtskirche im Bezug auf die Eheschließungsformen gestärkt, aber mit der Einführung der Standesämter (1899) wieder relativiert. Somit ist die heutige Form der Eheschließung im Standesamt die derzeit gültige, juristisch verbindliche und von der Öffentlichmachung her auch die mit den nachhaltigsten Konsequenzen.

Ehe ist eine klare Sache

Ehe ist die ohne Bedingungen geschlossene, rechtlich verbindliche und gesellschaftlich anerkannte und geschützte Form des Zusammenlebens von Mann und Frau. Dass Christen das alles in der Verantwortung vor Gott leben und gestalten, ist folgerichtig. Ein Verzicht auf die Verbindlichkeit ohne Bedingungen, auf rechtliche Verantwortungsübernahme und auf Öffentlichmachung hat nichts mit Ehe im biblischen Sinn zu tun. Aber für alle die die Ehe vollziehen und als Ehepaar leben, egal ob mit oder ohne Standesamt, bleibt die Herausforderung einer gestalteten Beziehung und dazu gehört mehr als ein gemeinsamer Kühlschrank.

Ehe ist Gottes Sache

Der Weg Gottes mit dem Volk Israel und der christlichen Gemeinde zeichnet eine wunderbare Vielfalt. Die unterschiedliche Schichtung der Einzeldokumente wehrt jeder vereinheitlichenden Lehre von der Ehe. Das Zusammenleben von Mann und Frau funktionierte im religiösen wie im sozialen und politischen Bereich durch jeweils auf die Herausforderungen gestellte Frage der Hinwendung zu Gott und seine Führung im Lebensvollzug. Dabei übernahmen bildlich gesprochen der Mann als Werkzeug Gottes,

Gottfried Muntschick (*1958),

verheiratet, 6 Kinder, 1 Enkel,
lebt in Halle / Saale
Sozialpädagoge und Referent für Familienarbeit
im CVJM Sachsen-Anhalt e.V.
ehrenamtlicher Vorsitzender einer
Ev. Kirchengemeinde und Prädikant
(Laienprediger)

handelnd, sichtbar, bestimmend und die Frau eher als Werkstatt Gottes, erhaltend, fürsorgend, sozial, ihre jeweils zugewiesene Rolle. Immer wurde die Verwiesenheit von Mann und Frau im Zusammenspiel von Wirtschaftsgemeinschaft, Liebe und Intimität und dem religiösen Leben vom Segen Gottes begleitet. Seine Verheißungen stehen über dem Bund zwischen Mann und Frau, aber nicht als Ehepflicht, sondern als Geschenk aus seiner verborgenen Hand, entsprechend seines Schöpfungswillens.

Ehe ist ein Geheimnis

„Drei Dinge sind mir ein Geheimnis und auch das vierte kann ich nicht erklären; der Flug des Adlers am Himmel, das Gleiten der Schlange über die Felsplatte, die Fahrt des Schiffes auf weglosem Meer und die Liebe zwischen Mann und Frau.“ Sprüche 30,18 und 19)


Kommentare

Von Stefan K. am .

Sehr guter Artikel!
Nur gibt es eine kleine Verbesserung. Sie haben geschrieben, dass eine Ehe nur rechtsgültig war im AT, wenn die Frau eine Jungfrau war und sie zitieren als Begründung 5. Mose 22.
Dies stimmt jedoch nicht, da 1. dieses Gebot in 5.Mose sich auf den Fall bezieht, wenn einem Mann eine Jungfrau bei der Verlobung (Brautpreis) versprochen wurde und dies nach der Hochzeit nicht vorfand.
Jedoch gab es auch die Möglichkeit, eine Nicht-Jungfrau zu heiraten: Witwen, Entlassene oder mehr


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