Wie ein tiefer liebender Blick in die Augen des Feindes

Da ist Arlon, die Hauptstadt der belgischen Provinz Luxemburg, wo die so genannten "Gaumais" wohnen die - nach eigenen Angaben - noch "krasser" sind als die Wallonen. Mein Mann wurde wegen seines Glaubens 1985 für drei Jahre dorthin "straf"-versetzt. Ich beschloss, den Kampf aufzunehmen, besuchte einen Französischkurs und war wild entschlossen allen zu beweisen, dass es möglich ist, als Ausländer unter Wallonen zu überleben. Alles Quatsch mit der Verfeindung - ich würde die Völker wieder versöhnen helfen.

Wie ein Blick übers Meer in einer sternenklaren Nacht
Wie geöffnete Fensterläden am Morgen
Wie eine Knospe im Frühling
Wie ein eben geschlüpfter Schmetterling
Wie ein frisches Hemd auf einem sauberen duftenden Körper
Wie ein jubelndes Lied
Wie ein befreiendes Lachen
Wie ein Sonnenstrahl durch dichten Nebel
Wie ein tiefer liebender Blick in die Augen des Feindes
(Gedanken vom Sommer 1978, als ich 4 Monate
isoliert mit Hepatitis B im Krankenhaus lag)

Da ist Arlon, die Hauptstadt der belgischen Provinz Luxemburg, wo die so genannten "Gaumais" wohnen die - nach eigenen Angaben - noch "krasser" sind als die Wallonen. Mein Mann wurde wegen seines Glaubens 1985 für drei Jahre dorthin "straf"-versetzt. Ich beschloss, den Kampf aufzunehmen, besuchte einen Französischkurs und war wild entschlossen allen zu beweisen, dass es möglich ist, als Ausländer unter Wallonen zu überleben. Alles Quatsch mit der Verfeindung - ich würde die Völker wieder versöhnen helfen.

Das stellte sich zunächst als Irrtum heraus.

Auf den Behörden genossen sie sichtlich meine verzweifelten Bemühungen französisch zu sprechen. Als ich beinahe weinte, sprachen sie plötzlich deutsch mit mir und weideten sich an meinem Gesichtsausdruck. Ich musste die flämische Zeitung unten im Einkaufskorb verstecken um nicht auf offener Straße beschimpft zu werden.

Nach sechs Wochen verschwanden die Sprachbücher. Ich begann größere Mengen Alkohol zu trinken um müde zu werden, denn wenn ich schlief brauchte ich nicht zu "leben".

Nach einem Jahr hatte ich eine traumatische Begegnung mit einem jungen Mann auf einem einsamen Feldweg. Ich zeigte ihn an. Die Polizisten machten noch anzügliche Bemerkungen über den Vorfall. Zum Glück konnte ich nicht alles verstehen - vermutlich hätte ich einem hiesigen Zahnarzt das Geschäft seines Lebens beschert.
Ich ließ die Rollläden zur Straße unten und öffnete auch nicht mehr wenn jemand an der Haustür klingelte. Die Kleidung die ich an jenem Tag getragen hatte, warf ich weg.

Nach zwei Jahren verkeilte ich die Türklingel mit Zellstoff.

Im dritten Jahr begann ich den Hausrat einzupacken um das Gefühl zu haben: Du bist bald wieder hier weg.

Am Tag des Umzugs heulte ich - Freudentränen!

Nach fünf Jahren beschloss mein Verstand, den Wallonen zu vergeben.

Nach sechs Jahren ließ ich das Radio an, wenn ein Lied auf französisch gespielt wurde.

Nach sieben Jahren kaufte ich französische Sprachkassetten für die Kinder.

Nach elf Jahren war ich überzeugt, dass es auch sympathische Wallonen geben kann.

Nach zwölf Jahren fuhren wir noch mal durch Arlon, es war als sei ich meinem Mörder begegnet.

Es ist unsagbar schwer an den Punkt zu kommen, überhaupt erst mal vergeben zu wollen. Das kann Jahre dauern. Aber mehr verlangt Jesus auch nicht.
Und genau das ist der erste Sieg, der erste Schritt in Richtung Heilung.

Was danach passierte, kann ich nicht rationell begründen sondern nur berichten:

Nachdem ich mit dem Kopf bereit war, Allen alles zu vergeben, was sie mir angetan hatten, war der Hass verschwunden. Ich konnte sie noch nicht gern haben, das kam erst viel, viel später. Aber in meiner Bibel stand auch nicht, dass ich jetzt sofort alle Gaumais lieben musste. Vielleicht - nein: Bestimmt - dauert das noch viele weitere Jahre.

Wenn ich heute von Arlon erzähle kommen mir immer noch die Tränen.
Und das erlaube ich mir.

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