Familienhygiene - oder »Wohin mit Omma an Weihnachten?«

Im ersten Moment denke ich an eine Verwechslung. Wir haben Frau Braun doch erst vorige Woche entlassen. Erstaunlich stabil und medikamentös gut eingestellt. Ich habe mich mit ihr gefreut und extra noch mal schöne Advent gewünscht. "Nanu Frau Braun, haben Sie etwas vergessen?"

Im ersten Moment denke ich an eine Verwechslung. Wir haben Frau Braun doch erst vorige Woche entlassen. Erstaunlich stabil und medikamentös gut eingestellt. Ich habe mich mit ihr gefreut und extra noch mal schöne Advent gewünscht. "Nanu Frau Braun, haben Sie etwas vergessen?"

Jetzt bemerke ich die elegante Dame an ihrer Seite und den Herrn im Anzug hinter den beiden, der eine Tasche trägt, die mir sehr bekannt vorkommt. Die Dame ergreift das Wort: "Meiner Schwiegermutter war gestern Abend wieder so schwindelig. Ich glaube das neue Medikament ist doch nicht so gut. Es wäre sicher besser, sie bleibt noch eine Woche zur Beobachtung hier, verstehen Sie? Falls sie stürzen sollte, dann ist gleich jemand da."

Abgeschoben

Ich sehe von einem zum andern. Der Sohn kann meinem Blick nicht standhalten. Ich erinnere mich, dass Frau Braun von einer Reise berichtet hat, mit Geschäftsfreunden, ungeheuer wichtig für ihren Sohn. Da sie ja im Krankenhaus sei, könne auch ihre Schwiegertochter mitfahren. Wann sollte diese Reise doch gleich stattfinden?

Ich beginne die Puzzleteile zusammenzufügen und verstehe. Der medizinische Erfolg mit dem neuen Medikament hat die Pläne der Beiden zunichte gemacht und die Dame sieht nicht so aus, als ließe sie sich die Gelegenheit einer Kreuzfahrt über Weihnachten von der frühzeitigen Entlassung ihrer Schwiegermutter verderben.

Leider kein Einzelfall. Immer wieder habe ich solche Situationen rund um den 20. Dezember erlebt. Und nicht immer werden die Kinder noch rot, wenn ich ihnen in die Augen sehe. Weihnachten im Krankenhaus kann schön sein, wenn es sein muss - nicht wenn die Kinder etwas besseres vorhaben.

Familienidyll

Aber vielleicht fliehen die Menschen ja vor dem "verordneten" Familienidyll, das sich bei vielen so gar nicht einstellen will. Weihnachten ist das Fest der Familie, der strahlenden Kinderaugen, der duftenden Tannenzweige, Kerzen und Lebkuchen. Und davor flüchten - vielleicht sogar wegen der Oma? Die Sehnsucht nach einer heilen Familie ist für viele unerträglich geworden, besonders in dieser besinnlichen Zeit. Und wenn zwischen einzelnen Familienmitgliedern - wie zum Beispiel Oma und Schwiegertochter - eben keine "Stille Nacht" sondern Funkstille herrscht, braucht man eben weißen Strand, starke Drinks und heiße Partys.

Nix mit "Stille Nacht"

Dabei war die erste "heilige Nacht" gar keine "stille Nacht", sondern im Gegenteil voller Lärm. Hotelzimmer zu horrenden Preisen, Enge und Geschäftigkeit, Eselsgeschrei - und jeder Menge stinkender Dung. Und irgendwo dazwischen der menschgewordene Gott und Schöpfer dieser Welt in Gestalt eines neugeborenen Jungen, dem das Stroh der Futterkrippe in den Rücken piekte.

Dieses Weihnachten (nicht das, was wir draus gemacht haben) ist der echte Beweis dafür, dass Familienidyll nichts mit Umständen zu tun hat, sondern einzig mit der Tatsache, dass für alle ebenda der Retter geboren ist.

Darum: Lauf nicht davon, komm mit in den Stall.
...und bring Omma mit!


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