Du musst (k)ein Schwein sein

Wer heute behauptet, mit Vorsicht und Rücksicht, ohne Ellbogen und auf dem „untersten Weg“ im Leben weiter zu kommen, wird als weltfremd oder als Duckmäuser abgestempelt. »Du musst ein Schwein sein, in dieser Welt« sangen einst „Die Prinzen“, die anprangerten, dass Idealisten keine Chance haben, wenn sie unserer Leistungsgesellschaft Sanftheit, oder womöglich so etwas veraltetes wie Edelmut entgegensetzen. So jemanden nimmt man nicht ernst. So jemand hat das Leben nicht verstanden, der weiß nicht, wie es im Leben ist!

Wer heute behauptet, mit Vorsicht und Rücksicht, ohne Ellbogen und auf dem „untersten Weg“ im Leben weiter zu kommen, wird als weltfremd oder als Duckmäuser abgestempelt. »Du musst ein Schwein sein, in dieser Welt« sangen einst „Die Prinzen“, die anprangerten, dass Idealisten keine Chance haben, wenn sie unserer Leistungsgesellschaft Sanftheit, oder womöglich so etwas veraltetes wie Edelmut entgegensetzen. So jemanden nimmt man nicht ernst. So jemand hat das Leben nicht verstanden, der weiß nicht, wie es im Leben ist!

Vielleicht wischen deswegen Viele die Aussage von Jesus „Selig (oder Glücklich) sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen!“ als ungültig weg, klingt es doch weltfremd, weil es der „Schwein“-Zeile der Prinzen so grundlegend widerspricht. Doch das ist genau der Knackpunkt: Unser Verhalten widerspricht grundlegend den Ansichten Gottes.

Denn tatsächlich gilt bei uns für den, der ein geglücktes, erfolgreiches Leben leben will:
  • Selig sind die Rücksichtslosen, denn sie werden sich durchsetzen.
  • Selig sind, die andere nerven, denn sie werden beachtet.
  • Selig sind die Perfekten, denn sie haben Erfolg.
  • Selig sind, die gut ankommen, denn sie werden geliebt.
  • Selig sind, die Macht haben, denn sie gestalten die Welt.


    Die Seligpreisungen


    Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. 

    Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. 

    Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. 

    Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. 

    Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. 

    Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. 

    Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. 

    Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. 

    Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. 

    Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

    Matthäus 5,1-12
    Gerade gegen diese Erfahrung setzt Jesus die provozierenden Seligpreisungen in der „Bergpredigt“, seine erste von fünf großen Redenabschnitten, die im Matthäus-Evangelium überliefert sind. Es lohnt sich, diese mal in einem Rutsch zu lesen: Kapitel 5, 6, 7, 10, 13, 18, 23, 24 und 25

    Jesus erklärt in diesen Reden die Herrschaft Gottes und wie Gottes Maßstäbe konkret aussehen. Jesus wird dabei sehr unbequem und setzt Maßstäbe, die anstößig wirken und unsere Vorstellungen von „beneidenswert“ und „glücklich“ völlig auf den Kopf stellen. (Kasten rechts)

    Selig – Das Wort beschreibt eine nicht zu übertreffende Zufriedenheit, einen Zustand vollkommener Erfüllung. 
    (Die modernere Übersetzung »Freuen können sich, die... « greift hier leider etwas zu kurz.) 
    Die Katholische Kirche glaubt deswegen verdienstvolle Menschen selig sprechen zu können, damit diese in den Himmel kommen. Bei Jesus jedoch sind Hungernde, Bedürftige, Machtlose, Friedfertige, Leidtragende, Verfolgte und eben auch Sanftmütige selig. Und er fügt hinzu, dass diese „das Erdreich besitzen“ werden, nicht etwa die, die sich mit aller Kraft durchsetzen.

    Sanftmut kommt in unserer Umgangssprache kaum noch vor; allenfalls noch Sanftheit mit der aber eher eher Verträglichkeit oder Kompromissbereitschaft gemeint ist. Sanftmut wird mit Weichheit oder gar mit einem schwächlichen, nicht durchsetzungsfähigem „Weichei“ gleichgesetzt. Sanftmütige passen sich an und bewegen nichts.

    Davon kann bei Jesus allerdings keine Rede sein. Er selber bezeichnet sich als sanftmütig. So sanftmütig, dass er einen Sturm stillte, Leute heilte, sie zu einer Lebensveränderung bewegte aber auch so provozierte, dass er ans Kreuz genagelt wurde.

    Dabei verzichtete Jesus auf Gewalt und darauf, rücksichtslos seine Sichtweisen durchzudrücken. Er trat für Gottes Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und für andere, unterdrückte Menschen ein. Er prägte seine Umgebung positiv, achtete sein Gegenüber immer und brachte ihm Wertschätzung entgegen. Darum haben sanftmütige Menschen es nicht nötig, ihre Anliegen und Bedürfnisse gewaltsam durchzudrücken. Sie verändern damit trotzdem ihre Umwelt, genauso wie es Jesus vorlebte.

    Zu schön, um wahr zu sein?

    Lese ich das, bin ich gnadenlos überfordert. Diesen Maßstab – den Maßstab Gottes – kann ich nicht einhalten. Das macht mich traurig, denn ich kenne mich: Ich werde laut und aggressiv, ungerecht und egoistisch.

    Aber »Gott sei Dank« ist Jesus kein Idealist, sondern Realist. Jesus kennt mich, kennt meinen Charakter und meine Probleme mit anderen und mir selbst. Jesus kennt meine Schuld und weiß, wie schnell ich an meine Grenzen komme. Und er liebt mich trotzdem! Er kennt meine guten und schlechten Seiten, meine Sehnsüchte, Nöte, meinen Hunger nach Leben. Und wie soll ich dann selig werden können?

    Selig zu sein ist kein subjektives Gefühl, bedeutet nicht glücklich, fröhlich oder »gut drauf« zu sein. Selig bedeutet »gesegnet« sein. Und das hat folgenden Grund:
    Gott ist gnädig. Das hat er gezeigt, als er unsere Schuld auf sich genommen hat, durch Jesus Christus, der am Kreuz starb. Menschen, die sich Jesus anvertrauen sind »gesegnet« / »selig«. Sie sollen Barmherzigkeit erlangen, satt und getröstet werden und das Erdreich besitzen und können darauf vertrauen, dass Gott ihnen das schenken wird, was sie nötig haben. Das finde ich sehr tröstlich.

    Dennoch bleiben die Seligpreisungen (Gottes Maßstäbe) provozierend und eine lebenslange Herausforderung zugleich. Sie sind immer ein Aufruf zur Umkehr. Jesus hinterfragt, woran wir unser Glück binden, was unsere Identität ausmacht und bei wem wir Anerkennung suchen. Jesus möchte, dass wir uns von ihm korrigieren lassen und neue Prioritäten in unserem Leben festmachen. Das kann ein schmerzhafter und längerer Prozess sein.

    Ich habe aber erlebt, dass Gott mich tatsächlich versorgt. Das kann ganz unterschiedlich sein:
    Im Gebet, im Bibellesen, im Gespräch mit Leuten, die mir gut tun. Dieses Aufgehoben- und Angenommensein bei Gott und seine bedingungslose Liebe ermutigen mich immer wieder dazu, sanfte Veränderungen zu wagen und zuzulassen. Nicht immer auf mein Recht zu pochen, für andere mich liebevoll einzusetzen und im Alltag Gott wirken zu lassen. Das gelingt nicht immer. Aber ich darf mich auf Gottes Fürsorge verlassen, auch dann, wenn ich daran zweifle und so gar nicht mutig bin.

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