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Schirrmacher: Ethisches Verhalten und Mission gehören zusammen

Sollte es einen Verhaltenskodex für die weltweite missionarische Aktivität des Christentums geben? Thomas Schirrmacher hat sich in einer Rede vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen dafür ausgesprochen.

Es war Neuland für die Vertreter der Weltweiten Evangelikalen Allianz (WEA), an einem gemeinsamen Studienprozess des Vatikans und Ökumenischem Rat der Kirchen (ÖRK) teilzunehmen. Dass die evangelikale Theologie in diesem Prozess durchaus etwas beizutragen hat, wurde in der Rede von Thomas Schirrmacher (Bonn) deutlich, die er am 12. 8. am Institut der Wissenschaft und Theologie der Religionen in Toulouse (Frankreich) hielt. Diese Rede liegt nun in ihrer offiziellen Fassung der Redaktion vor, was zum Anlass genommen wurde, die Inhalte des beachtlichen Vortrages noch einmal näher zu beleuchten.

Schirrmacher ging in seiner Rede insbesondere auf das Spannungsfeld ein, den eigenen Glauben in aller Freiheit zu bezeugen, gleichzeitig jedoch die Menschenwürde anderer nicht zu verletzen. Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt solle anders denkende Menschen ausnahmslos als Ebenbild Gottes sehen.

Ziel der gesamten Überlegungen soll ein Verhaltenskodex für Bekehrungen sein. Dieser Kodex soll ein allgemein akzeptables, tragbares Verhalten bei der Verbreitung der christlichen Botschaft festlegen. Des Weiteren sollen illegitime Mittel verurteilt werden, wie z. B. Bestechung oder politischer Druck.

Schirrmacher betonte dabei, dass die christlichen Konfessionen in dieser Sache an einem Strang ziehen müssten. Als Beispiel führte er Malaysia und Indien an, wo sich die Katholische Kirche, nationale Kirchenräte und die Evangelische Allianz bereits gemeinsam mit einer starken, christlichen Stimme an staatliche Stellen wenden. Insgesamt solle die christliche Gemeinschaft in dieser Sache eine Vorreiterrolle spielen. Nur so könne man von anderen Religionen in der Folge verlangen, ähnliche Verhaltenskodices zu erstellen.

Die Dringlichkeit solch eines Vorhabens liegt für Schirrmacher auf der Hand. Denn es gäbe weltweit eine gegenläufige Entwicklung. Während in christlichen Kreisen die Akzeptanz für Gewalt bei der Verbreitung des Glaubens immer weniger Akzeptanz fände, würden z. B. vermehrt islamistische Gedanken der gewaltsamen Eroberung der Welt in das Bewusstsein der muslimischen Weltgemeinschaft dringen. Und das auch dort, wo jahrhundertelang friedlich zusammengelebt wurde.

Schirrmacher wies des Weiteren darauf hin, dass in fast allen christlichen oder zuvor christlichen Ländern die freie Religionsausübung garantiert sei, wohingegen die Anzahl der Länder, die dieselben Rechte christlichen Kirchen nicht zugestehen, immer noch sehr hoch sei. Um dieses Ungleichgewicht zu bekämpfen, solle um so mehr versucht werden, illegitime Mittel der Missionierung zu verurteilen. In Anspielung auf die amerikanische Bewegung „What would Jesus do?“ beendete Schirrmacher seinen Vortrag mit dem deutlichen Hinweis, dass die Umsetzung des großen Missionsauftrages nur durch die Nachahmung des Verhaltens Jesu geschehen könne.

Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Theologe, Ethiker, Religionswissenschaftler und Menschenrechtsaktivist. Als Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz und Geschäftsführer des Arbeitskreises für Religionsfreiheit der deutschen und österreichischen Allianz ist er einer der führenden Experten für das Thema Christenverfolgung. In Toulouse war er Repräsentant der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), die 420 Millionen Mitglieder umfasst.