Gib mir!

Glück,In Schillers Lied von der Glocke heißt es, dass ein Mann ins feindliche Leben müsse, um dort sein Glück zu erjagen. Dabei setzen viele Menschen Egoismus ein und entwickeln eine ausgeprägte Nehmermentalität. Das ist nichts neues, denn solche Menschen gab es eigentlich schon immer.

Manchmal muss ich an meine Schulentlassungsfeier denken. Wir mussten damals Schillers "Glocke" vortragen. Ich musste folgende Passage sagen:

Der Mann muss hinaus... 
muss wetten und wagen, 
das Glück zu erjagen!

"Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben,
muss wirken und streben
und pflanzen und schaffen,
erlisten, erraffen,
muss wetten und wagen,
das Glück zu erjagen.


So oder ähnlich hat vielleicht auch der jüngste Sohn eines Großgrundbesitzers gedacht.

Er will nicht schon in jungen Jahren von den Tantiemen seines Vaters leben. Er nimmt sein Leben selbst in die Hand. Und gehört zum Erwachsenwerden nicht ein gesunder Prozess der Loslösung vom Elternhaus? Doch das war für damalige Verhältnisse undenkbar. Das Leben in Großfamilien sicherte das Überleben aller. Ein Auszug würde zwangsläufig im Chaos enden. Und doch fordert der jüngste Sohn: "Gib mir mein Erbteil!"

Die Lebensgier des Sohnes will sofort Bargeld sehen. Sein unbändiger Lebenshunger wird angetrieben von der Angst, zu kurz zu kommen. Da kann er keine Rücksicht auf kleinkariertes familiäres Denken nehmen. "Jetzt komm ich dran, mache, was mir nützt und Spaß macht! Geiz ist geil! Ich will erst einmal leben.“ Der Vater kommt dem Wunsch "Gib mir!" tatsächlich wortlos nach. Keine Diskussion, kein ins Gewissen reden.

Den Jungen zieht es weit weg, in einen anderen Kulturkreis. Dort steht er im Mittelpunkt, ist anerkannt und kann sich jeden Wunsch erfüllen. Und immer mehr käufliche Freunde kommen, und kennen nur eine Forderung: "Gib mir!" – dann bist Du unserer Freundschaft gewiss.

Doch die Selbständigkeit, die mit der Forderung "Gib mir!" beginnt, ist zum Scheitern verurteilt. Wer nicht haushalten kann, merkt oft zu spät, dass das Vermögen abnimmt, wenn man nichts dagegen tut. So versiegt schließlich seine Geldquelle und bei dem Neureichen ist nichts mehr zu holen. Er wird fallengelassen, kein soziales Netz fängt ihn auf.

Endstation Schweinestall. Tiefer geht es für einen Juden nicht. Er bettelt und ihm knurrt der Magen. Das schlichteste Brot würde ihm genügen. Doch seine Bitte: „Gib mir etwas von eurem Fraß!“ verhallt unerhört. Von seinem Arbeitgeber bekommt er nichts. Er klaut sich den Schweinefraß, denn niemand gibt es ihm, steht in der Bibel.

Doch die Erinnerung an das Elternhaus kommt zurück und lässt ihn in bitterer Not neue Hoffnung schöpfen. "Den Arbeitern bei meinem Vater geht es besser", schoss es ihm durch den Kopf. Er war inzwischen gereift, weil er die Folgen seines "Gib mir!" erkannt hatte.

Tiefer geht es für einen Juden nicht. "Den Arbeitern bei meinem Vater geht es besser!"

Ihm wird klar, dass er mit der Auszahlung seines Erbes jegliche Rechte im Vaterhaus verloren hatte, doch als Tagelöhner könnte er vielleicht seinem Leben wieder halbwegs menschliche Züge geben. Er weiß, er hat nichts zu erwarten. So macht sich der Heruntergekommene stinkend und dreckig auf den Weg. Und er hat sich genau überlegt, was der dem Vater, dessen Liebe er so mit Füßen getreten hat, sagen will.

Als die Reise zu Ende ist, sieht er sieht sein Elternhaus und den Vater. Der steht wieder einmal am Fenster, vielleicht stehen ihm immer noch Tränen in den Augen. Und jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Der alte Mann läuft seinem Sohn, dem Taugenichts entgegen. Das Oberhaupt einer Familie hatte sich damals „würdig“ zu bewegen. Schnelleres Laufen war Unsitte.

Die Grenze der Lächerlichkeit war schon da überschritten, aber erst recht, weil der Vater gerade der Person entgegenläuft, der er die Verringerung von Hab und Gut verdankt. Aber gerade jetzt bricht die Vaterliebe, stärker als Sitten und Gebräuche, durch. Strahlend steht sie über dem Geschehen, als der Vater die zerlumpte, abgemagerte und müffelnde Gestalt betrachtet, die einmal sein Sohn war.

Der Junge wundert sich über diesen alles andere als kühlen Empfang. Der Vater bedient sich einer eindrucksvollen Liebeserklärung: Er küsst in der Öffentlichkeit seinen verdreckten Sohn, schließt ihn die Arme und zeigt dem seine Liebe. Der Sohn reagiert und sagt, in Erwartung einer Strafe: „Ich bin es nicht wert, Dein Sohn zu sein!“ Diese Erkenntnis ist neu. Er sagt nicht: "Gib mir!", sondern er stammelt ein "Vergib mir, denn ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor Dir!"

Ein einfacher Satz, eine gewaltige Erkenntnis. Alles, was ich meinem Mitmenschen antue, tue ich Gott an. Es zerstört die multilaterale Beziehung zwischen Gott und den Mitmenschen. Das nennt die Bibel Sünde, und es ist das biblische Fachwort für „Zerstörung“. Der Sohn hat alles zerstört mit seinem „Gib mir!“ und großen Schaden angerichtet: Vor allem auf der Beziehungsebene.

Aber der Vater hält keine Gardinenpredigt, sondern er steckt dem Sohn einen Siegelring an. Wer den trägt, hat die Macht der Familie, kann Verträge schließen und Recht sprechen. Ist das nicht verrückt? Eben noch ein Landstreicher und nun ein machtvoller Mann, mit allen Rechten als Sohn. Keine Diskussionen, keine Schuldzuweisungen.

»Deine Schuld und Sünde gegen seine Vergebung und seinen Frieden.« Das ist wie ein Knoten, der lange festgezurrt war und nach langer Zeit endlich aufgeht.

"Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben,
muss wirken und streben
und pflanzen und schaffen,
erlisten, erraffen,
muss wetten und wagen,
das Glück zu erjagen.

– soweit die menschliche Sicht Schillers in seinem „Lied von der Glocke“

Ja, das Leben kann wirklich heimtückisch und gemein sein. Doch ist es kein Mittel dagegen mit dem Obersten Prinzip „Gib mir!“ vorzugehen. Wer so lebt, wird nie zufrieden, auch wenn er schließlich auf einer Chefetage landen sollte.

Ich habe in meinem Leben entdeckt, dass es nur eine Stelle gibt, bei der man immer sorglos "Gib mir" sagen darf, nämlich beim gütigen und gebenden himmlischen Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Er sagt nur einmal: "Gib mir!" und lädt Dich damit zu einem Tauschgeschäft ein. »Deine Schuld und Sünde gegen seine Vergebung und seinen Frieden.« Dabei kommt Gott Dir, wie der wartende Vater in der Geschichte, Dir entgegen. Gott wurde Mensch, um Dir entgegen zu kommen. Und er hat sich am Kreuz der Lächerlichkeit und dem Tod preisgegeben.

Gott selbst nimmt in Jesus, „dem Sohn“ die Strafe auf sich, die für mein und Dein Leben gelten würde. Er wird hingerichtet, er stirbt gottverlassen. Unvorstellbar. Doch er wird wieder lebendig und besiegt den Tod. Das ermöglicht uns ein anderes „Gib mir!“: „Vergib mir“. Gib mir Vergebung. Diese Bitte stillt allen Lebenshunger, denn das Leben selbst, wird dann in unser Leben einziehen, so dass wir das Recht haben, (wie der Sohn in der Geschichte) beim Vater – also bei Gott im Himmel – zu wohnen! Und wo wäre ein schönerer und sicherer Platz als im Haus eines liebenden Vaters?

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