Interview

Himmel, Hölle, Heilsgewissheit: Wie lässt sich Gottes Liebe und die Hölle vereinbaren?

Reden wir zu wenig von der Hölle? Was meint das Neue Testament, wenn es von der Hölle spricht? Ist die Allversöhnung frommes Wunschdenken oder gibt es dafür Hinweise in der Bibel? Fragen an Dr. Rolf Hille, Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen und Vorsitzender des „Arbeitskreises für evangelikale Theologie“ der Evangelischen Allianz.

Reden wir zu wenig von der Hölle? Was meint das Neue Testament, wenn es von der Hölle spricht? Ist die Allversöhnung frommes Wunschdenken oder gibt es dafür Hinweise in der Bibel? Fragen an Dr. Rolf Hille, Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen und Vorsitzender des „Arbeitskreises für evangelikale Theologie“ der Evangelischen Allianz.

Hr. Dr. Hille, reden wir zu wenig von der Hölle?

Nach einem sehr dominanten und auch missbräuchlichen Reden über die Hölle, das gerade im Mittelalter sehr instrumentalisiert worden ist, hat die Neuzeit das Thema immer mehr fallen lassen und unter der Rubrik „mittelalterlich“ abgehakt. Im Zuge der Aufklärung und Pädagogisierung hat man gesagt, Hölle als ewige Verdammnis kann es nicht geben, das sei schon aus humanitären Gründen nicht akzeptabel. Diese Einstellung schlägt sich mit der Lehre von der Allversöhnung auch in der Theologie nieder. Hier wird - zumindest in der radikalen Form einer ewigen Verdammnis - die Hölle nicht akzeptiert. Das erklärt, warum heute nicht mehr in dieser Deutlichkeit von der Hölle geredet wird. Einer solchen Vorstellung bläst der Wind sehr stark ins Gesicht. Jemand, der von der Hölle redet, gilt oft als religiöser Spinner.

Ich meine aber, wir sollten biblisch-realistisch die Tatsache betonen, dass es eine Abwendung von Gott gibt, für die der Mensch auch Verantwortung übernehmen muss. Die Abwendung von Gott als Trennung von Gott bedeutet im Ergebnis, dass ich ohne Gott im Zustand der Verdammnis bzw. der Hölle bin. Der Grund dafür ist, dass Gott der Ursprung allen Glücks und allen Lebens ist. Er ist der Schöpfer, der als der gute Vater mein Leben trägt. Ein Leben ohne ihn ist ein Leben ohne diese positive Wirklichkeit, also ein Leben ohne Glück, Freude, Liebe etc. Was dann als Mensch für mich übrig bleibt, ist die Hölle. Ein Leben ohne Gott (als der Ursprung allen Lebens) ist Hölle.

Sollte man bei Evangelisationen mehr von der Hölle reden?

 

Ich weiß, dass Ulrich Parzany bei seiner Evangelisation ProChrist den Hintergrund „Hölle“ angesprochen hat. Ich würde unter dem Vorzeichen „Wer will so töricht sein und sich in diese Lage hineinbringen“ auch davon reden. Im Wesentlichen ist das auch eine Frage der Kommunikation, wie ich das heute einem kritischen, distanzierten Zeitgenossen vermitteln kann. Wenn ich einfach sage: „Wenn du heute jetzt Jesus nicht annimmst, dann kommst du in die Hölle!“ dann ist das sehr platt und kann eigentlich nur Kopfschütteln oder Ablehnung hervorrufen. Wenn ich aber konstruktiv vom Evangelium her sage, was es bedeutet mit Gott zu leben und dieses Geschenk anzunehmen, dann kann ich auch die Negativ-Konsequenz betrachten und sagen: „Wer wird schon so dumm sein und das Leben, das Gott im schenken möchte, nicht für sich auswählen?“

Was meint das Neue Testament, wenn es von der Hölle spricht? Das sind ja zum Teil ganz unterschiedliche Bilder, die da gebraucht werden.

Man muss zuerst einmal sagen, dass die Aussagen sowohl über den Himmel als auch über die Hölle Aussagen über eine transzendente Wirklichkeit sind, die deshalb letztlich nur metaphorische, d.h. bildhafte und uneigentliche Aussagen sein können. Das heißt, wir können nicht einfach unsere Vorstellungswelt von Raum und Zeit auf diese andere Wirklichkeit übertragen. Das sind nur Transparente, die in eine bestimmte Richtung weisen, die sozusagen von meiner innerweltlichen Erfahrung her eine Indikation angeben: „So wie du dir hier auf Erden ein schweres Unglück vorstellst, in diese Richtung musst du dir eine Vorstellung davon machen, wie eine Wirklichkeit ohne Gott ist.“ Die biblischen Bilder sozusagen eins zu eins zu übertragen ist nicht sachgemäß, weil das einfach Bilder und Strukturen einer Sprache sind, die an Zeit und Raum gebunden sind.

Wer kommt eigentlich in die Hölle?

In die Hölle kommt nach Aussagen des Neuen Testaments jemand, der willentlich und bewusst das ihm angebotene Heil in Christus ablehnt. Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied. Wir können uns aus eigener Kraft nicht für den Glauben entschließen. Das bewirkt allein der Heilige Geist als Gabe Gottes in uns. Das ist also keine Freiheit, die wir aus uns heraus haben, sondern eine Freiheit, die Gott selber schenkt, während ich die Freiheit zum Nein Gott gegenüber aus eigener Verantwortung habe. Und für diese meine Entscheidung bin ich dann auch verantwortlich. Man könnte es auch so sagen: Gott zwingt sich niemand auf. Er prügelt niemand in die Gemeinschaft mit ihm hinein, sondern wer diese dezidiert für sich ablehnt, der hat eben seine Wahl getroffen. Wobei wir eines mitbedenken müssen: Wir können aus unserer menschlichen Sicht kein Urteil über einen anderen Menschen fällen. Wir dürfen das auch nicht tun, weil wir nicht wissen, wie das Gottesverhältnis bis zum letzten Atemzug bei einem anderen Menschen wirklich ausgesehen hat und welche Indikatoren für Gottes Beurteilung eine Rolle spielen. Hat z.B. dieser Mensch im Letzten wirklich begriffen, um was es beim Evangelium geht? Es handelt sich dabei um den so genannten „eschatologischen Vorbehalt“: Ich kann aus meiner irdischen Perspektive weder im Hinblick auf den Himmel noch im Hinblick auf die Hölle eine letzte Entscheidung über die Situation eines Menschen treffen und darf dies auch nicht tun. Ich darf in dem Sinn auch nicht einfach jemanden selig sprechen, weil mir das auch im Letzten verborgen ist. Ich kann eigentlich nur sagen: Wenn dieses Zeugnis bzw. jene Haltung, die ein Mensch an den Tag legt, wirklich seine tiefste Überzeugung und sein letztes Wort ist und wenn Gott das auch so sieht, dann… Aber ich kann Gottes Urteil nicht vorwegnehmen.

Aber ich selbst kann mir doch sicher sein und sagen: „Ich weiß, wo ich stehe und wohin ich gehe!“ Oder gibt es da auch einen eschatologischen Vorbehalt? Mit anderen Worten: Gibt es Heilsgewissheit?

Die gibt es. Aber die Heilsgewissheit beruht darauf, dass ich mich auf Christus berufe. Auch gegen meine Zweifel, meine Gefühle - auch meine Schuldgefühle. Ich darf mich auf das berufen, was Christus getan hat; und schaue dabei nicht auf meinen Glauben, meine subjektive Befindlichkeit, sondern auf die objektive Tatsache, die Gott mir in seinem geschriebenen und verkündigten Wort zugesagt hat. In der Taufe wird das deutlich, denn sie ist eine objektive Vergewisserung, dass Gott an mir handelt. Ich kann mich auf das berufen, was Gott mir im Abendmahl immer wieder neu schenkt. Das verkündigte und mir zugesagt Wort wie auch diese sakramentalen Vergewisserungen bilden eine Einheit und beschreiben die gleiche Dimension, nämlich, dass ich aufgrund dessen, was Gott tut und sagt, meine Heilsgewissheit habe und nicht aufgrund meiner eigenen Stärke und meiner subjektiven Gläubigkeit.

Dann sollte man vielleicht lieber von einer „Christusgewissheit“ reden? Ich weiß, dass ich zu ihm gehöre.

Genau, und darauf berufe ich mich dann. Der Glaube, dass ich Christus im Glauben ergreife und bei ihm bleibe ist seine Gabe. Alle Gewissheit kommt von Christus her und gründet in ihm

Ist die Allversöhnung frommes Wunschdenken oder gibt es dafür Hinweise in der Bibel?

Zunächst einmal gibt es sehr klare Aussagen in der Bibel zum doppelten Ausgang, also ewiges Leben oder ewige Verlorenheit. Dieser doppelte Ausgang ist mit dem Adjektiv ewig verbunden. Hier bleibt zu bedenken, dass ewig etwas ist, was wir uns nicht vorstellen können, weil es immer mit Zeit konnotiert ist. Die Bibel redet hier aber von einer Wirklichkeit, in der es keine Zeit mehr gibt. Aber weil es eindeutige, direkte Aussagen über den doppelten Ausgang gibt, ist es biblisch wichtig, dass wir darüber in einer angemessenen Form reden.
Eine andere Frage sind die indirekten Aussagen der Schrift. Indirekt deshalb, weil nirgendwo in der Bibel negativ bekundet wird: „Es gibt keine Hölle (positive Aussagen, die die Existenz einer Hölle bekunden, gibt es hingegen). Die indirekten Aussagen sind Aussagen, bei denen Leute in einer Art logischem Schlussverfahren gesagt haben: „Hinsichtlich der Existenz der Hölle muss man Einschränkungen machen“. Zum Beispiel 1. Korinther 15,28 „Gott wird sein alles in allem“. Stellt man sich die umfassende Wirklichkeit Gottes so vor, dass plötzlich alles, auch Teufel und Hölle, in diese umfassende Wirklichkeit mit eingeführt wird, dann kann man eigentlich nicht mehr von einer Hölle reden. Das ist ein indirektes Schlussverfahren.
Oder „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim 2,4). Wird Gott am Ende diesen Willen durchsetzen oder wird er das eben nicht in universaler Weise tun, weil er sich selber begrenzt in seinem Willen und sagt: „Ich will das, aber ich lasse dem Menschen die negative Freiheit, auch nein zu mir zu sagen.“ Damit begrenzt Gott aus Freiheit seine eigene Freiheit.
So gibt es eine ganze Reihe von einzelnen Bibelaussagen, die von den Vertretern der Allversöhnung in solchen Rückschluss-Verfahren dann zu der Lehre der Allversöhnung zusammengefasst werden.

Also kann ich anhand des biblischen Befundes über Allversöhnung nachdenken, predigen kann ich sie aber nicht?

Genau, weil es keine biblische Eindeutigkeit über die Allversöhnung gibt, während es hinsichtlich des doppelten Ausgangs diese Eindeutigkeit gibt. Das heißt dann praktisch-theologisch, dass auch das Wort vom doppelten Ausgang einen Platz in meiner Verkündigung haben muss. Über die anderen Stellen nachzudenken hat mehr mit seelsorgerlichem Trost zu tun, wenn Menschen über die Hölle in Verzweiflung geraten. Dann kann ich von einem seelsorgerlichen Standpunkt aus von der Liebe Gottes her darüber nachdenken. Aber darauf kann ich keine Gewissheit und keine Verkündigung aufbauen.

Stichwort „Seelsorge“. Ist es richtig, sich aus Angst vor der Hölle für Gott zu entscheiden? Wird Christsein dann nicht von Anfang an von einem dunklen Gottesbild überschattet?

Die Gefahr ist natürlich gegeben. Wer in der Verkündigung oder in der Seelsorge von Hölle redet, muss es angemessen tun. Das heißt nicht, damit zu drohen und die Hölle als Drohgebärde in den Vordergrund zu stellen. Es geht hier um eine große seelsorgerische Verantwortung. Aber es muss deutlich werden: bei Himmel und Hölle geht es nicht um eine Freizeitoption nach dem Motto: Der eine geht halt in die Kirche und der andere zum Fußballspiel. Die Frage nach Gott darf nicht auf dieser Ebene erörtert werden. Auf der anderen Seite muss ein Reden über die Hölle aus einer leidenschaftlichen Liebe für den Menschen kommen und darf nicht von oben herab geschehen. Ich habe das mal bei einem Besuch in Amerika erlebt, wo ein Prediger kaltherzig und von oben herab mit einem verdammenden Reden die Leute unter Druck gesetzt hat. Das halte ich für völlig unverantwortlich. Die Liebe muss spürbar sein. Die zur Rettung rufende und einladende Liebe muss der Grundton sein, auch wenn ich über die Hölle rede.

Die Hölle wird von vielen ja auch als Ort der Vernichtung des Bösen gedacht. Hier wird Tod und Teufel vernichtet. Vergisst man manchmal diesen Gerechtigkeits schaffenden Aspekt der Hölle? Gerechtigkeit im Sinne von „etwas zu Recht bringen“?

Das würde ich auf jeden Fall sagen. Die Vernichtung oder Ausrottung des schlechthin Bösen aus dem Bereich der Wirklichkeit des Menschen hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun. In der neuen Schöpfung gibt es keinen Tod und Teufel mehr. Um die Frage nach der Gerechtigkeit einmal ganz konkret zu machen: Wenn ein Diktator wie Hitler ungeschoren davon käme, würde das Gottes Gerechtigkeit zutiefst in Frage stellen.

Wie lässt sich Gottes Liebe und die Hölle vereinbaren?

 

Dr. Rolf Hille, Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen und Vorsitzender des „Arbeitskreises für evangelikale Theologie“ der Evangelischen Allianz

Dr. Rolf Hille, Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen und Vorsitzender des „Arbeitskreises für evangelikale Theologie“ der Evangelischen Allianz

Bild: privat

Zunächst einmal muss man festhalten, dass Gott in seiner Liebe alles gibt, nämlich sich selbst, seinen Sohn. Und mit dieser Liebe will er dem Menschen, den er aus Liebe erschaffen und aus Liebe erlöst hat, vergeben. Das Wesen Gottes ist Liebe; sein Zorn widersteht der Sünde als Rebellion des Menschen gegen Gott. Ziel Gottes ist nicht die Verdammnis, sondern die Rettung des Menschen. Hölle ist nur eine Seite, eine Folge der Abwesenheit der Liebe Gottes; und zwar weil sich der Mensch der Liebe Gottes verweigert. Zorn ist die Kehrseite der Liebe Gottes, weil zu seiner Liebe auch die Freiheit und der Respekt vor dem Anderen gehört. Gott überschreitet in seinem Handeln diese Grenze menschlicher Selbstbestimmung nicht. Und nur deshalb gibt es die „Option“ der Hölle überhaupt. Die Hölle ist nur denkbar, wenn man sich bewusst ist, dass Gott die Ablehnung seiner Liebe nur unter Schmerzen erträgt.
Dort, wo der Mensch die Gottesgemeinschaft verweigert und seinen Weg in die Gottlosigkeit geht, gilt der alte Liedvers:„Dem allemal das Herze bricht, wir kommen oder kommen nicht“. Die suchende Liebe Gottes hebt kein menschlicher Widerstand auf.

Herr Dr. Hille, vielen Dank für das Gespräch.