Das Wunder von Wuppertal

Da ist ein Jugendlicher, fromm erzogen. Natürlich kennt er sich aus in der Bibel. Die Bekehrung bei einer Evangelisation mit 13 Jahren war echt, doch er kann das "neue Leben", was man ihm verspricht, nicht umsetzen, sieht er doch in seinem Umfeld und in seiner Gemeinde so wenig davon, was ihm den Glauben attraktiv macht....

Wunder sind etwas Wunderbares, sonst wären sie wohl keine. Plötzlich und unerwartet, mal lange und heiß ersehnt, dann wieder nicht für möglich gehalten, passieren sie. Sehnsucht nach Wundern begleitet die Menschen von der frühsten Jugend an bis zum letzten Atemzug. Wunder sollen verändern, klären, sollen neue Lebenssituationen aufschließen, sollen die Suche beenden, ebenso das Zweifeln und Klagen. Es gibt große und spektakuläre Wunder, von denen alle Welt spricht, bis sie wieder vergessen sind. Und es gibt kleine Wunder, die nie in Zeitungen stehen, aber die die Betroffenen nicht missen möchten.

Da ist ein Jugendlicher, fromm erzogen. Natürlich kennt er sich aus in der Bibel. Die Bekehrung bei einer Evangelisation mit 13 Jahren war echt, doch er kann das "neue Leben", was man ihm verspricht, nicht umsetzen, sieht er doch in seinem Umfeld und in seiner Gemeinde so wenig davon, was ihm den Glauben attraktiv macht. Mit 17 kann er schon nicht mehr die Gottesdienste zählen, in der er zuerst hineingeschoben, hineingetragen, dann mehr oder weniger freiwillig gegangen ist, manchmal auch geschubst wurde. Er kennt es nicht anders in seiner Freikirche, es ist eben so.

Er macht alles freiwillig mit, kann aber so wenig umsetzen. Alles geht über seinen Kopf, sind doch die Predigten, die von den alten Brüdern gehalten werden, stets so weltfremd. Er kann mit dem "Rentnerevangelium" nicht viel anfangen, steht er doch erst am Beginn seines Lebens, hat sich ein Moped gekauft und saugt zum Schrecken der Eltern Musik von den Beatles und Rolling Stones in sich hinein.

Heimlich steht er dann vor dem Spiegel, kämmt sich seine kurzgeschnittenen Haare nach vorn, um wenigstens einen Pilzkopf anzudeuten. Noch können ihm die Eltern die Frisur vorschreiben, aber zwangsläufig müssen sie dem kleinen Rebellen immer mehr Freiheiten einräumen, was nicht ohne Kämpfe abläuft. Natürlich geht er immer noch mit "unter Gottes Wort", aber der Glaube an den Gott seiner Eltern erstarrt an vielen Stellen zur frommen Fassade.

Es regt sich Kritik, die Rebellion gegen diese Erziehung setzt sich aber nicht offen durch, sondern in einem inneren passiven Widerstand, in einer gewissen unsichtbaren Gleichgültigkeit. Irgendwie prallt alles innerlich ab, hat er doch schon das Evangelium mit der Muttermilch aufgesogen. Auch wenn er bei unzähligen Zeltevangelisationen dabei ist, Plakate klebt und als Ordner dafür sorgen muss, dass immer genug Sägespäne gleichmäßig auf dem Boden verteilt sind, fand der Teenager keinen eigenen Zugang zu dem Evangelium, so sehr er sich auch darum bemühte.

Gern hat er sich ein knackiges Wunder gewünscht, so eine persönliche Weisung von oben. Doch es kommt nichts. Doch dann eines Tages, wieder einmal bei einer Evangelisation, geschieht es, plötzlich und unerwartet, das Wunder für den Mitläufer, der immer nur an den Gott seiner Eltern glaubt. Dabei ist es nur der Psalm 139, den der Jugendliche schon seit seiner Kindheit auswendig kennt, der sich aber plötzlich von toten Buchstaben zu einem Wunderquell entwickelt, der Leben schlechthin vermittelt. "Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl".

Darüber wird im Rahmen einer Jugendevangelisation nachgedacht. Zusätzlich dazu gibt es noch das gedruckte Gedicht von Matthias Claudius mit der Überschrift:

"Täglich zu singen".

Ich danke Gott, und freue mich
Wie's Kind zur Weihnachtsgabe,
Dass ich bin, bin! Und dass ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe;
Dass ich die Sonne, Berg und Meer,
Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen,
Und dass mir denn zumute ist,
Als wenn wir Kinder kamen,
Und sahen, was der heil'ge Christ
Bescheret hatte, Amen!

Das ist es. Genau das braucht der junge Mann. Gierig saugt er die Worte auf, denn wann hat er das letzte mal gehört: "Gott hat dich wunderbar gemacht?" Sind nicht bis dahin unzähligen Hinweise auf seine Schuld, sein Versagen, seine ständige Lebensbegleiter?

Und dann geschieht das Wunder, das Wunder von Wuppertal. Der fromme Mitläufer entdeckt über Nacht, dass er ein von Gott geliebtes Kind ist, welches der Schöpfer gut hinbekommen hat. Auch kapiert der junge Mann, welch ein Leben Jesus für diesen Jugendlichen noch in Petto hat. Am Morgen danach zeigt Davids Lobeshymne in Verbindung mit dem Gedicht von Matthias Claudius eine durchschlagende Wirkung. Der Jugendliche sieht sich bei der Morgentoilette plötzlich mit anderen Augen im Spiegel, er sagt zum ersten Mal trotz Akne und Haltungsschäden an der Wirbelsäule im Blick auf sein unausgeschlafenes Spiegelbild zu Gott: "Ich danke Dir, dass Du so wunderbar gemacht bist." Der Unausgeschlafene, der die halbe Nacht über den vergangenen Abend nachgedacht hatte, kann plötzlich "Ich bin" sagen.

Dieses "Ich bin" unterschied sich gewaltig von meinen anderen Vorstellungen, die ich bis dahin von mir gegeben habe. Nach dem Motto: "Wenn man in einer Garage geboren wird, dann ist man noch lange kein Auto", fühlte ich mich plötzlich als Christ nicht wegen, sondern gerade trotz meiner frommen Erziehung. Das war wirklich ein Wunder, ich glaubte an meinen persönlichen Erlöser, ich entdeckte, dass ich nicht egoistisch dachte, wenn ich von meinem Heiland sprach.

In der Zwischenzeit sind 40 Jahre vergangen, doch das "Wunder von Wuppertal" ist aktuell wie nie zuvor. Es ist viel geschehen in meinem Leben, auch nach dem "Wuppertaler Wunder" lief nicht immer alles glatt. Doch mit dem Wissen, dass man vor Gott nicht weglaufen kann, weil er immer schon längst da ist, wo ich hin will, lebe ich mein Leben weiter, um später einmal meinem Schöpfer von Angesicht zu Angesicht zu sagen: "Du hattest mit Deinem "Wuppertaler Wunder" wirklich recht, weil Du mich trotz meiner Schuld und Sünde, die mir Dein Sohn immer wieder vergeben hat, wirklich großartig hinbekommen hast".

Wunder wiederholen sich bekanntlich nicht, dann würden sie ja keine Wunder mehr sein. Doch mein "Wuppertaler Wunder" wiederholt sich immer wieder da, wo Menschen sagen: "Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl". Erst da beginnt wahres Leben, was auch durch den Tod nicht beendet werden kann.


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