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Das Wunder von Lengede

So heißt der Film über die ungewöhnlichste Rettungsaktion in der Geschichte des deutschen Bergbaus. Im Jahr 2003, 40 Jahre nach der Katastrophe mit glücklichem Ausgang produzierte der Privatsender Sat1 einen Fernsehfilm: Nach 14 Tagen in völliger Dunkelheit wurden damals im niedersächsischen Lengede elf Bergleute aus 60 Metern Tiefe geborgen. Ihre Rettung geht als „Wunder von Lengede“ in die Geschichtsbücher ein. Die Bild-Zeitung titelte damals: „Gott hat mitgeholfen!“

So heißt der Film über die ungewöhnlichste Rettungsaktion in der Geschichte des deutschen Bergbaus. Im Jahr 2003, 40 Jahre nach der Katastrophe mit glücklichem Ausgang produzierte der Privatsender Sat1 einen Fernsehfilm: Nach 14 Tagen in völliger Dunkelheit wurden damals im niedersächsischen Lengede elf Bergleute aus 60 Metern Tiefe geborgen. Ihre Rettung geht als „Wunder von Lengede“ in die Geschichtsbücher ein. Die Bild-Zeitung titelte damals: „Gott hat mitgeholfen!“

Am 24. Oktober 1963 bekommt Dieter Riechey (26) einen Anruf. Es muss gegen 20 Uhr gewesen sein, kurz vor Ende der Schicht, und Riechey fährt mit seiner Lok gerade unter Tage Erz. „Alles raus, Wassereinbruch!“ ruft sein Steiger durchs Telefon. In diesem Moment bricht in Lengede der Klärteich 12. Eine halbe Million Kubikmeter Wasser und Schlamm ergießen sich in die Grube. Innerhalb kurzer Zeit sind alle Strecken überflutet.

129 Bergleute befinden sich zu diesem Zeitpunkt unter Tage. 79 von ihnen flüchten sich in die Belüftungsschächte und werden dort von der Feuerwehr mit Strickleitern befreit. Sieben können einen Tag später mit einem Floß geborgen werden; drei weitere Kumpel überleben in 79 Metern Tiefe in einer Luftblase und werden nach acht Tagen befreit. Für Riechey scheint es dagegen keine Rettung zu geben. Aus allen Gängen strömt ihm das Wasser entgegen. Riechey trifft auf weitere Kumpel. Gemeinsam hasten sie durch die Gänge. Das Wasser steigt ständig und wird zu einem reißenden Strom.

Um nicht zu ertrinken, bleibt den Bergleuten nichts anderes übrig, als in den „alten Mann“ zu klettern, einen stillgelegten, ungesicherten Stollen, der jederzeit einstürzen kann. Die letzten der 21 Kameraden erreichen den Einstiegsspalt nur schwimmend. Die Höhle, in die sie sich kauern, ist nicht größer als ein Zimmer. Weil sie etwas höher liegt, kann das Wasser hier nicht eindringen. Aber den Bergleuten bleibt auch kein Fluchtweg – der „alte Mann“ ist eine Sackgasse.

Die Helmlampen verlöschen eine nach der anderen. In der Höhle ist es so finster, dass die Männer ihre eigene Hand nicht mehr erkennen können. Alles, was ihnen bleibt, sind Luft zum Atmen und Wasser. Die 21 Männer sind lebendig begraben. In der Nacht bebt der Berg, er zittert und stöhnt, und dann gehen Gesteinsbrocken nieder. „Ich dachte: Wie gut haben es die, die jetzt schon tot sind“, sagt Riechey. Seine Sachen sind nass, und die Temperatur in dem engen Raum beträgt höchstens 14 Grad. Riechey versucht zu schlafen. Im Sitzen, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Als er Stunden später aufwacht, leben sechs seiner Kameraden nicht mehr. In den kommenden Tagen sterben vier weitere Männer. Einige werden von Gesteinsbrocken erschlagen, die von der Decke niedergehen, andere sterben an Erschöpfung.

Riechey war nie ein fleißiger Kirchgänger, aber er glaubt an Gott. „Ich betete im stillen, ich hatte Bedenken, dass die anderen lachen“, sagt Riechey. Er will seine Frau und die zwei Kinder wiedersehen, die Tochter vier, der Junge noch nicht mal ein Jahr alt.

Überleben ausgeschlossen

Die Werksleitung hält zu diesem Zeitpunkt die Belegschaft für tot. Wegen des hohen Wasserspiegels scheint eine Überlebenschance ausgeschlossen. Dennoch werden mehrere Suchbohrungen vorgenommen. Vikar Karl-Hans Schnell (32) steht damals an der Grube und wartet mit den Frauen auf Klopfzeichen aus der Erde. „Ich konnte den Frauen zuhören, und ich konnte schweigen. Aber die Frage nach dem Warum konnte ich ihnen nicht beantworten“, sagt Schnell.

Die Bohrungen bleiben ergebnislos. Am 1. November werden die Bohrgeräte abmontiert, die Suchtrupps fahren nach Hause. Unter Tage schweigen die Männer und träumen von Mettbroten. Sie schreien um Hilfe, und manchmal streiten sie sich. „Es waren raue Kerle dabei“, erinnert sich einer der Überlebenden. „Es kam schon mal vor, dass man eine geklebt bekam.“ Es ist eine Notgemeinschaft, die in der Tiefe der Grube zusammengekommen ist; manche der Männer treffen sich zum ersten Mal.

Einer von ihnen ist der 28jährige Hauer Helmut Webranitz. „Ich hab das Vaterunser gebetet, warum sollte ich lügen“, sagt Webranitz. „Aber wenn einer laut angefangen hätt‘ zu beten, hätt‘ ich gedacht: Na, der schaltet ab. Den hätt‘ ich kräftig geschüttelt, damit er zu sich kommt.“

Am neunten Tag nach dem Unglück erklärt ein ortskundiger Hauer, er könne sich vorstellen, dass einige Bergleute in den „alten Mann“ geflüchtet sind. Daraufhin ordnet der Betriebsdirektor der Grube eine letzte, völlig aussichtslos erscheinende Bohrung an. Die Bohrmannschaften kehren noch einmal nach Lengede zurück.

Klopfzeichen aus der Tiefe

Während der endlos erscheinenden Stunden im Dunkeln bekommen die Männer Halluzinationen. Riechey will seinen Zaun streichen, Webranitz wähnt sich auf einer Wiese mit Bäumen und Blumen, einer beginnt sich auszuziehen und will baden gehen, ein anderer erleidet einen Nervenzusammenbruch. Und einer der Männer sagt: „Wenn wir hier rauskommen, gehen wir jeden Sonntag zur Kirche.“

Nach den Aussagen des Hauers wird der Bohransatzpunkt berechnet. Weil dieser auf einer Gleisanlage liegt, wird er kurzerhand um zwei Meter verlegt. Wegen der ohnehin geringen Erfolgswahrscheinlichkeit misst keiner der Abweichung große Bedeutung zu.

Es ist Sonntag, der 3. November, gegen drei Uhr, als die neunte Suchbohrung beginnt. Längst tragen die Frauen der Vermissten Schwarz, die Nachbarn haben Beileidskarten geschrieben, und in die evangelische Kirche kommen an diesem Morgen etwa 60 Menschen zum Gedenkgottesdienst.

Während Karl-Hans Schnell predigt, wird plötzlich eine Nachricht von der Grubenleitung übermittelt. Es gibt Klopfzeichen aus der Grube! Elf Namen werden genannt, elf Namen von Bergleuten, die noch am Leben sind! Die Menschen in der Kirche weinen vor Glück. Dann stimmt jemand spontan das Vaterunser an.

In 58 Meter Tiefe haben die Vermessungsingenieure den Bruchhohlraum gefunden, in dem die Bergleute eingeschlossen sind. Durch das Bohrgestänge erhalten die Eingeschlossenen in kleinen Plastikflaschen schwarzen Tee mit Traubenzucker, Hafer- und Karottensuppe. Pullover und Hosen werden zu dünnen Würsten gedreht und heruntergelassen. Und ein Rundfunksender installiert eine Wechselsprechanlage, durch die die Bergleute mit ihren Frauen sprechen können.

Tags darauf beginnt die Rettungsbohrung. Sie ist riskant, denn jederzeit kann sie den Hohlraum zum Einsturz bringen. Es gibt nur einen Versuch. Auch eine Versorgungsbohrung wird geplant, doch diese verfehlt die Höhle um fast fünf Meter.

Warten neben Leichen

Die nächsten Tage erscheinen den Eingeschlossenen endlos. Mit den Taschenlampen, die sie bekommen haben, können sie nun die Gesteinsmassen sehen, die bedrohlich über ihren Köpfen hängen. Sie sehen die Toten neben sich am Boden liegen, und sie blicken in die müden, eingefallenen Gesichter ihrer Kameraden. Dazu kommt ein weiteres Problem: Seit sie wieder Nahrung zu sich nehmen, ist die Höhle nicht nur vom Leichengeruch erfüllt, sondern auch vom Gestank der Fäkalien.

Am 7. November erreicht der Bohrmeißel die Höhle. Der Raum füllt sich mit Bohrstaub, der aber bald wieder abzieht. Die Höhle hat der Belastung standgehalten. Es ist ein sonniger Novembertag, der Tag, an dem ganz Deutschland vor den Fernsehgeräten sitzt, um die Direktübertragung aus Lengede zu sehen. Einer nach dem anderen wird mit der Dahlbuschbombe, einer 60 cm schmalen Rettungskapsel, nach oben gezogen. Die Bergleute bekommen Sonnenbrillen, die sie vor der plötzlichen Helligkeit schützen sollen. Um 14.09 Uhr verlässt der letzte Bergmann die Grube. Für die Geretteten ist es das Ende ihrer längsten Schicht. Am Schacht Mathilde heult die Sirene, im Ort läuten die Kirchenglocken und im Fernsehen spielt der NDR „Nun danket alle Gott“.

Das zweite Leben

„Gott hat es gut gemeint mit mir“, sagt Helmut Webranitz heute über die Tage der Ungewissheit. „Aber tot ist tot. An ewiges Leben glaube ich nicht. Ich habe gelernt, die Dinge nicht mehr so eng zu sehen. Ich gehe gern mal ein Bier oder einen Schnaps trinken.“
„Ich habe vorher an Gott geglaubt und nachher auch. Eigentlich hat sich nichts geändert“, sagt Dieter Riechey. „Unsere Frauen sind anfangs häufiger in die Kirche gegangen“, sagt Riechey. „Aber von den Elfen eigentlich keiner. Höchstens noch der Herbst, der ist ein Frommer.“

Adolf Herbst ist mit seinen 20 Jahren der jüngste unter den Eingeschlossenen. Es ist seine erste Woche unter Tage, und er ist als Monteur der einzige Nicht-Bergmann unter den Männern. „Ich hatte Todesangst“, sagt Herbst. „Gott hat mir ein zweites Leben geschenkt. Für manche mag das kitschig klingen, aber ich bin davon überzeugt, dass es eine Gebetserhörung war.“ In die Kirche geht er dennoch nur selten. „Ich lese lieber in der Bibel oder schaue mir die Natur an. Die Kirche gibt mir so wenig.“

Der Bild-Reporter Reginald Beerbohm ist damals der erste Journalist, der nach dem Grubenunglück in Lengede eintrifft. Nach der Rettung der elf Bergleute textet er die Schlagzeile „Gott hat mitgeholfen“. Dass die Erretteten schon wenig später nicht mehr viel von Gott wissen wollten, wundert ihn nicht: „Not ist schnell vergänglich, wenn man ein Stück Brot kriegt.“ Müsste nach einem solch unwahrscheinlichen Wunder nicht eine Erweckung in Lengede ausbrechen?

„Was erwarten Sie?“, fragt Karl-Hans Schnell. „Solch ein äußeres Ereignis führt nicht zwangsläufig dazu, dass sich die Menschen bekehren. Die Dankbarkeit weicht, wenn der Alltag kommt.“ Heute gehen in Lengede etwa 30 der 2.900 Gemeindemitglieder zum evangelischen Gottesdienst. „Es ist kein zweites Wunder geschehen“, sagt Schnell. „Die Lengeder wurden nicht frömmer als vorher.“


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