Reportage Lesezeit: ~ 3 min

„Wenn nicht wir Christen Verantwortung übernehmen, wer dann?“

Aus dem Alltag eines Bamf-Entscheiders.


„Das hier ist mein goldener Stuhl“, erklärt der Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und zeigt dabei auf seinen Schreibtischstuhl. „Ich stelle mir vor, dass er aus Gold ist, um nicht zu vergessen, wie wichtig meine Arbeit hier ist – auch, wenn es sich nicht immer so anfühlt.“ Eigentlich hält es den Bamf-Angestellten, der seinen Namen an dieser Stelle nicht veröffentlicht haben möchte, nicht lange an einem Platz. Am liebsten ist er unterwegs, lernt unterschiedliche Menschen und deren Meinungen kennen. An seinem Arbeitsplatz im Bundesamt jedoch sitzt er fast täglich auf demselben Stuhl und beschäftigt sich tagelang nur mit einer Person. Trotzdem gibt es etwas, was ihn an seinem Berufsalltag begeistert. „Ich wollte schon immer Verantwortung für andere Menschen übernehmen. Das kann ich hier tun“, beschreibt der Politologe seine Motivation.

Ich wollte schon immer Verantwortung für andere Menschen übernehmen. Das kann ich hier tun.

 

Das Recht steht über dem Mitgefühl

Die tägliche Aufgabe des Bamf-Mitarbeiters ist es, eine Entscheidung zu treffen, ob ein Mensch, der einen Asylantrag gestellt hat, Schutz in Deutschland erhält oder nicht. Diese Entscheidung hat große Auswirkungen auf die Zukunft der Person und seine Familie. Deshalb kann sie nie bloß mit einem Ja- oder Nein-Stempel getroffen werden. „Ich verlasse mich nicht einfach auf ein Gefühl, sondern prüfe die genaue Rechtslage und Situation im jeweiligen Herkunftsland. Sorgfalt steht an erster Stelle“, erklärt der Angestellte, der sich oft tagelang nur mit einem Asylantrag beschäftigt. Zu seinem Berufsalltag gehört es, dass er den Menschen selbst zu Wort kommen lässt, Länderanalysen studiert, Ausweisdokumente überprüft und falsche Identitäten aufdeckt. „Manchmal fühlt es sich wie Detektivarbeit an“, schildert der Entscheider.
 

Verantwortung für den Einzelnen und für die Gesellschaft

Der Bamf-Angestellte trägt eine große Verantwortung. Formuliert er eine Ablehnung, könnte der Antragsteller bereits zwei Tage später im Flugzeug sitzen, Richtung Heimatland. „Ich kenne die möglichen Konsequenzen meiner Entscheidungen und habe diese immer im Blick. Es kommt oft vor, dass ich hinter dem Computer sitze und denke: Was, wenn ich auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen würde? Was, wenn ich meine Familie irgendwo zurücklassen muss? Ich habe Empathie und kann vieles nachvollziehen. Es sind Menschen wie Du und ich“, schildert er nachdenklich und ergänzt nach einer kurzen Pause seine Gedanken: „Gleichzeitig übernehme ich aber auch Verantwortung für die Gesellschaft. Zum Beispiel wenn ich in Bezug auf einen Straftäter eine falsche Entscheidung treffe und ihm damit die Tür zur nächsten Straftat öffne.“ Der Asylentscheider ist deshalb sehr dankbar, dass sich in den meisten Fällen sein moralisches Empfinden mit dem Recht in Deutschland deckt.
 

Verantwortung auch außerhalb der Kirche

Auf die Frage, was ihm dabei hilft, mit dieser großen Verantwortung umzugehen, muss der Bamf-Mitarbeiter nicht lang überlegen und beginnt von seinem Glauben an Jesus Christus zu erzählen.

Ich treffe meine Entscheidungen immer in Verantwortung vor Gott. Ich bitte Gott darum, dass er mir hilft so zu entscheiden, wie er es auch tun würde. Das schenkt mir Freiheit, weil ich weiß, dass ich nicht alleine bin.

 

Dem Politologen ist es wichtig geworden, auch andere Christen dazu zu motivieren, außerhalb der Kirche Verantwortung zu übernehmen. „Gerade wir Christen sollten die Gesellschaft mitgestalten. Wenn diejenigen, die den Wert des einzelnen Menschen kennen, nicht an verantwortlichen Positionen sitzen – wer dann? Wenn wir es nicht tun, dürfen wir uns nicht darüber ärgern, wenn es die Falschen tun“, erklärt der Asylentscheider selbstbewusst und wünscht sich in Zukunft mehr Christen an Positionen, die das Zusammenleben mitgestalten.


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