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Unis sind Orte für den Ideenwettstreit

Warum der Ausschluss religiöser Gruppen keine Neutralität garantiert.


Bischof em. Dr. Hans-Jürgen Abromeit ist davon überzeugt, dass der Glaube auch an die Universität gehört. Warum begründet er in folgendem Beitrag:
 

Unsere pluralistische Gesellschaft lebt vom Diskurs der unterschiedlichen Meinungen, Wissenschaftsrichtungen und Weltanschauungen. Religion im Allgemeinen und der christliche Glaube im Besonderen haben im Lauf der Geschichte des menschlichen Denkens eine Vielzahl von Werten, Einstellungen und Ausprägungen gesellschaftlichen Lebens hervorgebracht, die für die Wissenschaft relevant sind.

Deswegen kann und darf die Universität sich aus dem konstruktiven Dialog mit persönlich verantwortetem Glauben nicht heraushalten. Gehört der Glaube an die Universität? Ja, unbedingt ja! Der christliche Glaube regt zu wissenschaftlicher Arbeit an. Seine Kenntnis ist für das Verständnis von Kultur und Bildung unverzichtbar. Er gibt Werte mit, die für die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse Orientierung geben.

Religion ist, in ihrer vielfältigen Ausprägung, tragender Bestandteil des menschlichen Lebens. Sie prägt die Identität eines Menschen. Auf ihr basieren die persönlichen Werte, nach denen ein Mensch sein Leben ausrichtet. – Dr. Hans-Jürgen Abromeit

 

Das Fehlen von religiöser Bindung hinterlässt aber nicht einfach nur eine Leerstelle, sondern an seine Stelle tritt eine Weltanschauung, die – zumeist – ohne Bindung an Transzendenz auskommt. Jeder Mensch hat etwas, „an das er glaubt“, das ihm zur Weltdeutung dient. Ich spreche einmal aus der Perspektive, die die letzten 18 Jahre mein Leben geprägt hat: Als Bischof zuerst der Pommerschen Evangelischen Kirche und dann im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche weiß ich, wovon ich spreche. Das ist eine Region, in der der christliche Glaube in den letzten Jahrzehnten sehr stark im Rückgang begriffen war.

Der Nordosten Deutschlands wird – zusammen mit der tschechischen Republik – als die am stärksten säkularisierte Region der Welt bezeichnet. Die jeweilige Weltdeutung – und das merkt man in solchen Gegenden besonders – prägt als Sinndeutung das Denken und Handeln eines Menschen. Mit einer religiösen Weltdeutung erkenne ich an, dass ich als Mensch nicht das letzte Wort habe im Blick auf Anfang und Ende des Lebens, und dass dem Menschen eine Würde von außen zugesprochen wird.

Die Universität, aber auch die Gesellschaft als Ganzes, lebt davon, dass die Ideen miteinander ins Gespräch kommen. Es ist geradezu der Grundimpuls der „universitas“, dass ein Wettstreit der Ideen einen Ort für die Weiterentwicklung der Gesellschaft hat. – Dr. Hans-Jürgen Abromeit

 

Das gilt sowohl für die Naturwissenschaften als auch für die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Seit ihrer Gründung 1949 ist der SMD daran gelegen, die Frage nach Gott zu stellen und darüber in der Welt der Bildung ins Gespräch zu kommen. Ich selbst habe in den 70er Jahren als Teil der Hochschulgruppe in Heidelberg Vorträge und Aktionen mitorganisiert. Wenn ich heute zurückdenke, dann muss ich sagen: Es war eine vergleichsweise wilde Zeit. Aber Hörsaalvorträge im Raum der Universität bildeten etwas Einzigartiges.

Wenn zum Beispiel Mitglieder des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (maoistisch orientiert) in diesen Vorträgen waren und ihre Fragen stellten und wir heiß miteinander diskutierten über das, was einem Leben Sinn und Halt gibt, dann war das etwas Besonderes. Wo gibt es das in unserer Gesellschaft, dass Menschen mit unterschiedlichen Grundauffassungen miteinander in den Dialog treten. In SMD-Gruppen habe ich es immer wieder erfahren.
 

Christlicher Glaube im Dialog im Wettsreit um die Zukunft

Auch wenn sich die Formen aus den Gründungsjahren schon zu meiner Studienzeit und zu heute erheblich verändert haben und immer wieder ändern müssen, so sind doch die Inhalte heute noch dieselben wie damals. Jede Generation hat das Recht darauf, die christliche Botschaft kennenzulernen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Das ist nach heutigem Verständnis Mission: Miteinander über den christlichen Glauben in Dialog zu treten. Zu einem Dialog über die Grundlagen unseres Lebens einzuladen. Die Stärke der SMD ist aus meiner Sicht, dass hier Studierende mit Studierenden diesen Dialog führen.

In diesem notwendigen Wettstreit um die Zukunft unserer Gesellschaft die Religion außen vor zu lassen, ist dabei nicht bloß ein Abschneiden von tragfähigen und relevanten Sinnkonzepten für die Gesellschaft, sondern zugleich eine fahrlässige einseitige weltanschauliche Festlegung. Denn es ist ja gerade nicht so, dass mit dem Ausschluss religiöser Gruppen an Hochschulen Neutralität garantiert wäre. Im Gegenteil. Durch den Ausschluss der einen bestätige ich die anderen Weltdeutungen.

In diesem Sinne und in diesem Rahmen gehört Religion als selbstverständliche Lebensäußerung von Menschen in die Mitte des Campuslebens neben allen anderen weltanschaulichen Perspektiven. Hierfür einen angemessenen Rahmen zu schaffen, gehört zu den Aufgaben der Universität. – Dr. Hans-Jürgen Abromeit

 


Zur Person: Bischof em. Dr. Hans-Jürgen Abromeit war bis 2019 Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche. Seit Januar 2020 ist er Mitglied des Rates der SMD.

Bei diesem Text  handelt es sich um Auszüge aus einem Grußwort von Bischof em. Dr. Hans-Jürgen Abromeit, anlässlich des Festempfangs zum 70-jährigen Bestehen der SMD im September 2019. Wir danken der SMD für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung!



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