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Plädoyer für eine streitbare Toleranz

Joachim Gauck wirbt für Gespräche mit Menschen am rechten und linken Rand.

 

 

Für viel Wirbel hat Alt-Bundespräsident Joachim Gauck  gesorgt mit seinem neusten Buch mit dem Titel „Toleranz, einfach schwer“. Der Name ist Programm. Gauck wirbt für mehr Toleranz – auch gegenüber Vertretern der AfD. Wie Joachim Gauck das meint, wie weit Toleranz seiner Ansicht nach zu gehen hat und wo sie aufhört, hat er jetzt in Berlin erklärt. Und dabei outet er  sich als gebürtiger Mecklenburger, der ganz offen über seine eigenen Probleme mit Toleranz im wiedervereinigten Berlin nach dem Ende der DDR erzählt: „Der alte Bismarck hat gesagt, wenn die Welt untergeht, geht er nach Meckelnburg. Dort passiert alles fünfzig Jahre später. Da komme ich her! Ich liebe Pellkartoffeln mit Quark und mag gerne Bratkartoffeln mit Hering. Dann kommst du nach Berlin und alles ist voller Döner-Buden. Was ist das, Döner?“

Joachim Gauck macht mit einem großen Augenzwinkern klar, worum es ihm geht: Alles Fremde macht erst einmal Angst, so der ehemalige Pfarrer aus Rostock. Davor ist niemand gefeit. Und das hat Gauck selbst erfahren, als er 1990 dauerhaft nach Berlin gekommen ist, um die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit zu leiten. Er erinnert sich, wie anfangs auch Multikulti und sexueller Liberalismus Herausforderungen für ihn waren: „Die verschiedenfarbigen Menschen findet man ganz interessant. Aber man muss sich erst einmal dran gewöhnen. Und dass die ‚lieben Schwulen‘ tun und lassen konnten, was sie wollen, daran musste ich mich auch daran gewöhnen.“
 

Toleranz gegenüber dem, was wir ablehnen

Inzwischen hat sich das Herz von Joachim Gauck geweitet. Er ist überzeugt: Eine freiheitliche Gesellschaft braucht ein großes Maß an Toleranz. Er kritisiert dabei eine weit verbreitete Haltung unter links-liberalen Intellektuellen, die vereinfacht laute: Was tolerieren nur, was wir auch mögen. „Das ist aber nicht schwer. Das nennt man auch nicht Toleranz. Toleranz ist eine Haltung, die wir aufbringen müssen, wenn wir mit etwas Probleme haben, es ablehnen oder es uns total fremd ist“, kritisiert Gauck und rät deshalb, unbedingt den Dialog mit Menschen am linken und rechten politischen Rand zu suchen. Das Aufgreifen von Ängsten vor dem Unbekannten  – egal ob vor dem Islam, vor Flüchtlingen  oder der Globalisierungswelle – dürfe nicht Populisten überlassen werden. „Ich möchte das die Ängste in der liberalen Mitte vond en Demoraten besprochen werden.“ Diejenigen, die demokratische Parteien wählen, sollten heikle Themen nicht verschweigen. „Die werden sonst am Rand besprochen.“

Diese heiklen Themen müssten in die Mitte des demokratischen Diskurses. Und da müssten Linke und Rechte ebenso mit einbezogen werden. Nur so könne manche These als reiner Populismus entlarvt werden. Einen Gegner argumentativ zu bekämpfen ist nach Ansicht des Alt-Bundespräsidenten enorm wichtig. „Da müssen wir arbeiten. Da müssen wir lernen. Und da müssen wir Mut haben, wenn wir in der Minderheit sind. Dies nenne ich kämpferische Toleranz.“ Wenn Populisten sich in die Opferrolle zurückziehen und behaupteten, sie würden beschimpft und als Gegner behandelt, sei Gaucks Reaktion: „Ja, aber ich will dich nicht kaputt machen. Ich möchte dich des Irrtums überführen. Ich kämpfe mit dir wie im Sport. Aber ich erkläre dich nicht zum Feind.“
 

„Wir sind nicht Weimar“

Grenzen gebe es erst, wo der Rahmen der Verfassung überschritten werde. Hetze und Gewalt gehörten nach Ansicht Gaucks aber vor deutsche Gerichte. Die demokratische Diskussionskultur dürfe daran keinen Schaden nehmen. Überhaupt sieht Joachim Gauck die Bundesrepublik nicht in der Gefahr, in eine neue Diktatur zu rutschen. „Dieses Land ist nicht so instabil, dass wenn wir unsere Toleranzgrenzen erweitern, nicht gleich fürchten müssen: ‚Jetzt wählen sie sich einen Führer‘. Wir sind nicht Weimar. Wir haben genügend Demokraten, genügend demokratische Institutionen, Parteien und Bürgerbewegungen. Also diese Sorge habe ich nicht.“


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