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Niemand sollte isoliert sterben

Auch in Corona-Zeiten betreut Seelsorger Nikolaus Krause Sterbende und ihre Angehörigen.

 

 

Die Großeltern im Pflegeheim oder den kranken Nachbarn in der Klinik besuchen – das ist heute nicht mehr möglich. Zum Schutz gegen das Coronavirus herrscht in Krankenhäusern und Altenheimen Besuchsverbot. Allerdings haben Seelsorger auch in Zeiten einer Pandemie Zugang, das garantiert das Bundesinfektionsschutzgesetz. Doch dieses Recht auf Seelsorge wird nur noch eingeschränkt in Anspruch genommen, sagt Pfarrer Nikolaus Krause. Seit vielen Jahren begleitet der Seelsorger Menschen, die im Sterben liegen und deren Angehörige. Er engagiert sich ehrenamtlich im palliativ-ambulanten „Brückenteam“ an der Uniklinik in Dresden.
 

Der Gesprächsbedarf ist riesig

Jetzt in der Corona-Krise zögern viele Angehörige von sterbenskranken Menschen, den Kontakt zu einem Seelsorger zu suchen, aus Angst vor Ansteckung mit dem Virus. „Die Angehörigen achten darauf, möglichst wenig Besuch zu empfangen und sind vorsichtig. Aber wenn ich dann anrufe, wird sehr deutlich, dass sie einen riesengroßen Gesprächsbedarf haben“, berichtet Pfarrer Krause. Mit Corona-Patienten hat sein Team bisher zwar keinen Kontakt gehabt, doch sie sind darauf vorbereitet: „In den Autos liegt immer ein Schutzanzug bereit, in den jeder rein schlüpfen kann, um den Familien von Sterbenden auch in dieser Zeit zur Seite stehen zu können.“
 

Auch Corona-Kranke brauchen seelsorgerlichen Beistand

Mit 75 Jahren gehört der pensionierte Pfarrer zur Risikogruppe – dennoch würde er sich zu Corona-Kranken rufen lassen: „In freundlicher Absprache mit dem Team würde ich hingehen. Denn es ist ganz schlimm, wenn jemand in Isolation sterben müsste.“ Schlussendlich stellt jede Anfrage Nikolaus Krause in der Corona-Krise vor eine Entscheidung: Reicht ein Telefonat oder wäre ein persönlicher Besuch besser? Das Team und seine Familie raten ihm ab, sich selbst in Gefahr zu bringen. Doch manche Anfragen lassen den Pfarrer nicht los:

Dann gehe ich nochmal in mich und merke, welchen Druck der liebe Gott auf mich ausübt. Manchmal gibt sich das wieder. Aber wenn ich merke, dass ich die Nacht nicht schlafen kann, dann versuche ich am nächsten Tag eine Lösung zu finden, um doch noch Kontakt zum Sterbenden aufnehmen zu können. – Pfarrer Nikolaus Krause, Palliativ-Seelsorger

 

Eine neue Perspektive im Sterben finden

Schließlich weiß der Krankenhausseelsorger aus langjähriger Erfahrung, wie wichtig die Begleitung auf der letzten Etappe des Lebens ist: „Die spezielle Arbeit der Seelsorge ist es, mit den Ängsten der Sterbenden umzugehen und feinfühlig auf ihre Sorgen einzugehen, aber auch schweigen zu können.“

Doch nicht nur Sorgen und Ängste kommen zur Sprache. Manchmal eröffnet sich für den Sterbenden auch ein neuer Horizont, wie Nikolaus Krause beschreibt: „Das Sterben und das Leben, das man gelebt hat – mag es noch so kratzig gewesen sein – nun aus der Hand geben zu können und zu wissen: Ich bin bei Gott gut aufgehoben.“
 

Über das  Pflegepersonal letzte Grüße ausrichten

Angehörigen, die sich nicht vom Sterbenden verabschieden können wegen der zur Zeit geltenden Corona-Richtlinien in Krankenhäusern, rät der erfahrene Seelsorger, über das Pflegepersonal letzte Grüße auszurichten: „Man kann den Pflegenden einen Brief geben oder sie bitten, ein Foto, das man gerade aufgenommen hat, dem Kranken zu zeigen. Wichtig ist nicht nur die Präsenz im buchstäblichen Sinn, sondern dass wir wissen, dass wir aneinander denken.“
 

Beerdigung zeitnah organisieren

Stirbt der Vater, die Tante, die Großmutter, dann rät Nikolaus Krause zu einer zeitnahen Beerdigung, auch wenn die Zahl der Gäste wegen der Pandemie begrenzt ist. „Denn der Wert des Toten richtet sich nicht nach der Zahl der Trauergäste“, so der Palliativseelsorger. Für die Trauerarbeit der Angehörigen sei es besser, das Begräbnis bald zu organisieren: „Die Bestattung ist kein Punkt, sie bleibt ein Doppelpunkt – aber sie ist eine Zäsur. So kann man sagen, ‚ich habe Abschied genommen, ich habe die Trauerfeier gehabt, ich kann jetzt zum Grab gehen‘. Das ist eine Hilfe. Ich würde immer dazu raten, die Bestattung nicht auf die lange Bank zu schieben.“
 

Schwerkranke und Sterbende nicht allein lassen – darin sieht Nikolaus Krause gerade jetzt eine ganz besondere Aufgabe seiner Kirche. Denn der Mensch sei mehr als ein Körper:

Der Mensch hat eine Seele. Er ist beseelt und nicht nur von Krankheit geschlagen. Das ist im Grunde genommen unser Auftrag als Kirche: Barmherzigkeit leben und die Kranken und Sterbenden zu besuchen und zu begleiten. – Pfarrer Nikolaus Krause, Palliativ-Seelsorger

 



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