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„Manchmal fliegen Bänke und Stühle“

Wie die Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsverbänden Gewalt in Flüchtlingsheimen verhindern will.

 

 

Für den äußersten Notfall liegt auf dem Rücksitz ihres Dienstwagens eine stichsichere Weste, denn: „Eigenschutz hat oberste Priorität“, sagt Uta Sandhop von der Diakonie Sachsen. Sie ist eine von sieben „Multiplikatoren für Gewaltschutz“ in Deutschland. Die Sozialarbeiterin berät Heimleitungen in Mitteldeutschland, wie Gewalt in Flüchtlingsunterkünften verhindert werden kann. „Wir haben oft Gewaltprobleme innerhalb der Familien, z.B. zwischen Mann und Frau oder zwischen Eltern und Kindern. Es gibt auch Gewalt zwischen den Kulturen, Rassismus ist ein großes Thema. Probleme gibt es auch, wenn jemand eine andere sexuelle Orientierung hat und bei religiösen Konflikten.“
 

„Duschen müssen abschließbar sein und geschlechtergetrennt.“

Uta Sandhop (Foto: privat)
Uta Sandhop (Foto: privat)

Auch Christen sind immer wieder betroffen von Gewalt, doch die Lage habe sich für sie verbessert, schildert Uta Sandhop. In ihrem Zuständigkeitsbereich in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es etwa 260 Flüchtlingsunterkünfte. Manche Heimleitungen haben selbst Konzepte gegen Gewalt entwickelt, doch Prüfen und Nachbessern ist wichtig, betont die Sozialarbeiterin. Bei Besichtigungen vor Ort gibt sie ganz praktische Tipps, wie z.B. Frauen vor sexuellen Übergriffen geschützt werden können. „Die Duschen müssen abschließbar sein und geschlechtergetrennt. Es darf keine dunklen Ecken geben in der Unterkunft, alle Gänge sollten gut beleuchtet sein. Und ich frage nach, ob es in der Einrichtung eine Vertrauensperson gibt, der sich die Frauen anvertrauen können.“

Dezentrale Beratungs- und Unterstützungsstruktur für Gewaltschutz in Flüchtlingsunterkünften‘, kurz: DeBUG - so der offizielle Titel des Projektes. Gefördert wird es vom Bundesfamilienministerium, angestellt sind die Multiplikatoren bei verschiedenen Wohlfahrtsverbänden wie Caritas, AWO oder Rotes Kreuz. Uta Sandhop hat ihren Arbeitsplatz bei der Diakonie in Sachsen. Bei Vorort-Terminen nimmt sie auch besonders die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in den Blick. „Prävention bedeutet auch, dass die Kinder einen Raum haben, wo sie spielen und sich entwickeln können. Denn die Kinder sollen ja später in den Kindergarten gehen und beschult werden. Und wenn wir Spielräume haben, wo ein Pädagoge auf das Kind schaut, dann merken wir, ob das Kind vernachlässigt oder geschlagen wird, ob es sich gut entwickelt und eine liebevolle Beziehung zu den Eltern hat. So haben wir einen Chance, näher hin zu gucken.“
 

„Bei 500 deutschen Männern auf engem Raum gäbe es ähnliche Probleme.“

In sogenannten Gemeinschaftsunterkünften leben 40 – 500 Personen. Noch enger wird es in Erstaufnahmeeinrichtungen, bis zu 700 Geflüchtete sind dort untergebracht, oft junge Männer. Da kracht es manchmal auf Gängen und Fluren:

„Massenschlägereien sind ein Thema, gerade wenn sehr viele Männer zusammen wohnen. Auch Vandalismus kommt vor, dass z.B. Stühle und Bänke genommen und in die Gruppe geworfen werden, das führt natürlich zu Verletzungen. Bei Razzien werden auch immer wieder Drogen und Waffen gefunden.“
 

Unsichere Bleibeperspektive, traumatisiert durch Flucht

Nüchtern konstatiert Uta Sandhop: würde man 500 deutsche junge Männer auf engem Raum unterbringen, gäbe es sicher ähnliche Auseinandersetzungen. Stichsichere Westen für Mitarbeiter sollten zur Grundausstattung gehören, rät die Sozialarbeiterin. Auch Deeskalations-Schulungen seien vonnöten, bei denen Mitarbeiter sensibilisiert werden für Risikosituationen. Die Gründe für die Aggressivität, vielfältig: „Die Männer haben vielleicht eine unsichere Bleibeperspektive, das macht Stress. Oder sie können sich wegen sprachlicher Probleme nicht richtig ausdrücken. Sie haben Angst vor der Zukunft, sie wissen nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Viele sind auch traumatisiert von der Flucht. Und so steigt der Frust und damit die Gewaltbereitschaft.“
 

„Die Lage hat sich verbessert“

Gewaltprävention gelinge auch durch gemeinsame Aktionen wie z.B. Putz- oder Gartenarbeiten, auch Patenschaften mit Vereinen oder Privatpersonen sorgen für mehr sozialen Frieden, sagt Uta Sandhop. Grundsätzlich, so die Sozialarbeiterin, habe sich die Lage verbessert seit 2015. Damals ging es um eine Notversorgung, um ein Bett und um ein Dach über dem Kopf. Da sei man heute entschieden weiter. Noch einmal Diakonie-Mitarbeiterin Uta Sandhop, Multiplikatorin für Gewaltschutz in Flüchtlingsunterkünften in Mitteldeutschland: „Wir kommen voran. Aber viel hängt von den Trägern ab. Der eine macht das so, der andere so, und wieder ein anderer Träger unterstützt das vielleicht mehr, weil er ein christliches Leitbild hat. Das Schutzkonzept muss auch immer wieder angepasst und vor allen Dingen: es muss gelebt werden.“


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