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„In der Verantwortung vor Gott....“

70 Jahre Grundgesetz: Geburtstagsparty in Leipzig

 

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar, jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“: wie Paukenschläge klingen die Artikel des Grundgesetzes. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, steigt in Leipzig eine große Geburtstagsparty – offenbar die einzige in ganz Deutschland, die von der Bürgerschaft organisiert wird.
 

Seit Tagen verteilt Britta Taddiken in der Fußgängerzone Flyer. Sie ist Pfarrerin an Leipzigs berühmter Thomaskirche: „Viele Passanten wundern sich, dass ich sie einlade zur großen Grundgesetz-Geburtstagsparty. `Ist das wirklich ein Grund zum Feiern?`, fragen sie oft zurück.“ Britta Taddiken ist überzeugt: „Ja!“, auch weil das Grundgesetz wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden sollte: „Ich hab den Eindruck, dass viele Menschen sehr selbstverständlich die Freiheiten des Grundgesetzes in Anspruch nehmen, aber sich nicht bewusst machen, dass man sich dafür auch einsetzen muss.“

Gemeinsam mit der Initiative „Aufruf 2019“ bereitet Pfarrerin Taddiken die Party vor. Künstler und Unternehmer unterstützen das Bürgerfest, auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung. „Das Grundgesetz ist ein großartiger Text“, schwärmt der Politiker, es lohne sich, die Artikel auf sich wirken zu lassen: „Da haben Männer und Frauen nach dem Debakel des Zweiten Weltkrieges inne gehalten und sich überlegt, was den Menschen zum Menschen macht. Zum Beispiel Artikel 1: `Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu schützen und zu achten ist die vornehmliche Pflicht der staatlichen Gewalt` - daran haben wir uns zu messen und darauf ruht unsere gesamte Gesellschaft. Und wir tun gut daran, das immer wieder in den Blick zu nehmen, gerade auch in Ostdeutschland.“
 

70 Jahre Grundgesetz –ein Grund zum Feiern, auch in Ostdeutschland?

Denn: 70 Jahre Grundgesetz - für nicht wenige Ostdeutsche ist das kein wirklicher Grund zum Feiern, schließlich gelte, so die Meinung, das Grundgesetz in den neuen Bundesländern erst seit 29 Jahren. Doch hinter der Zahlenspielerei schwingen enttäuschte Hoffnungen mit, weiß Oberbürgermeister Jung aus unzähligen Gesprächen: „Da gibt es eine Reihe von Menschen, die sagen, ´ach das ist nur Papier, hat nichts mit der Realtiät zu tun, fangt erstmal bei euch da oben an.´ Aber ich sage: ´Leute, ihr könnt das einklagen´, und wir alle müssen darauf bestehen, dass dieses Grundgesetz etwas formuliert, dem wir uns Tag für Tag annähern wollen. Und es ist das Einzige, was uns bindet.“
 

Kann das Grundgesetz den sozialen Frieden wahren?

Das Grundgesetz als einziges verbindendes Element unserer Gesellschaft – denn gemeinsame religiöse Überzeugungen sind auf dem Rückzug. Doch reicht der Verfassungstext auf Dauer aus, um sozialen Frieden im Land zu wahren? Christian Wolff, früherer Thomaskirchenpfarrer und Mitinitiator des „Aufrufs 2019“, er traut dem Gesetzestext viel zu: „Niemand soll sagen, das ist trockenes Paragraphenwerk – nein! Es geht um das, was unaufgebbar ist für unsere Gesellschaft. Deshalb sollten wir viel offensiver und selbstbewusster mit unserem Grundgesetz umgehen und froh und dankbar dafür sein, dass wir diese Rückbezüge haben.“ Um dem Grundgesetz mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, würde sich Pfarrer Wolff zum Geburtstag des Gesetzestextes z.B. eine bundesweite Beflaggung wünschen.
 

Pfarrer Wolff: Bundesweite Beflaggung zum Grundgesetz-Geburtstag

In Leipzig zumindest soll das besondere Geburtstagsfest nicht untergehen, und so lädt die Initiative „Aufruf 2019“ ein, am Donnerstag auf den Marktplatz zu kommen. Eine Geburtstagstorte ist bestellt, die Thomaner werden singen, es gibt Kabarett und noch mehr Musik. Und: Tischgespräche. Pfarrerin Taddiken: „Wir haben für die verschiedenen Artikel des Grundgesetzes Tische vorbereitet, an denen werden verschiedene kompetente Gesprächspartner sitzen, mit denen man sich  austauschen kann.“
 

„In Verantwortung vor Gott...“ – „das tut einer Gesellschaft gut“

Vielleicht wird es dabei auch Diskussionen geben über die Präambel; die Verfassungsväter und -mütter berufen sich im Einleitungstext des Grundgesetzes auf ihre Verantwortung vor Gott. Wörtlich ist zu lesen: „In der Verantwortung vor Gott … hat sich das Deutsche Volk …. dieses Grundgesetz gegeben.“ Kann so ein Satz noch gelten in einer Gesellschaft, sie weitestgehend säkularisiert ist? Pfarrerin Britta Taddiken: „Es muss uns bewusst sein, dass wir einer Instanz verantwortlich sind, die über uns ist, die höher ist und die größer ist als wir. Und das tut letztendlich einer Gesellschaft gut, egal, ob der einzelne daran glaubt oder nicht.“

INFO:
Die Grundgesetz-Party beginnt um 16h auf dem Marktplatz in Leipzig.
20.15 Uhr Abschluss mit einem Flashmob zum Singen der National- und Europahymne mit Universitätsmusikdirektor David Timm. Dazu sind alle Chöre Leipzigs eingeladen.

70 Jahre Grundgesetz - und wenn die letzten Krümel der Geburtstagstorte verspeist sind, wird es am Donnerstagabend vielleicht sogar noch emotional: ein Flashmob ist geplant auf Leipzigs Marktplatz, gesungen wird dann unter dem Sternenzelt die National- und die Europahymne.

 


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