Unrecht und Versöhnung Lesezeit: ~ 3 min

Hubertus Heil verneigt sich vor Opfern aus Psychiatrie und Heimen

Betroffene bezeugen: Durch Jesus Christus können wir vergeben.

 

 

Am 13. Mai 2019 erlebten die Zuhörer im Berliner Museum für Kommunikation eine bewegende Veranstaltung. Menschen berichteten über Leid und Unrecht, das sie als Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe bzw. Psychiatrie erfahren hatten. Politiker und Kirchenvertreter hörten ihnen zu. Es gab Tränen und Zeichen der Versöhnung.

Alfred Koltermann ist heute 66 Jahre alt. Er lebt von Grundsicherung, obwohl er sein ganzes Leben lang gearbeitet hat. Besser gesagt: Koltermann musste kostenlose Zwangsarbeit leisten in der ehemals berüchtigten Psychiatrie auf dem Hesterberg in Schleswig. Dazu kamen Prügel. Koltermann und seine Mitbewohner mussten im Kot schlafen und arbeiten. Sie wurden gezwungen, Erbrochenes wieder herunterzuwürgen. „Das kann ich nicht vergessen“, sagt Koltermann. „Aber ich bin ein Christ geworden. Ich glaube an Gott. Ich habe mein Leben Jesus Christus gegeben. Ich habe mir vorgenommen zu vergeben.“
 

Opfer der Psychiatrie benachteiligt

Alfred Koltermann kann und will verzeihen. Aber er fühlt sich dennoch ungerecht behandelt. Kinder und Jugendliche, die vor 1975 ähnliches Leid im Heim erfahren haben, bekommen über 25.000 Euro Entschädigung. Weil sein Martyrium in der Psychiatrie stattfand, sind es nur 14.000. Am liebsten wäre Koltermann eine eigene kleine Rente, von der er sein Leben bestreiten kann.

Wie er steht Thomas Frauendienst vor den Politikern und Kirchenleuten in Berlin. Er kam 1964 als neu geborenes Baby für über vier Jahre in die evangelische Einrichtung Vollmarstein in Castrop-Rauxel. Ihm wurde dort sexuelle Gewalt angetan. Frauendienst trägt ein Kreuz umgehängt. Auch er spricht von der Kraft der Versöhnung, die ihm Jesus Christus und seine Lebenspartnerin geben. „Ich bete im Geist für die, die schon nicht mehr leben und für die, die nicht die Kraft haben, für ihr Recht selbst einzustehen.“

Frauendienst und Koltermann bewegen mit ihren Lebensgeschichten die Zuhörer in Berlin. Ein sichtlich bewegter Sozialminister Hubertus Heil tritt vor das Publikum. Er spricht die Worte aus, die eigentlich schon vor Jahrzehnten hätten gesprochen werden müssen: „Ich will für unser Land sagen, dass ich mich schäme für das, was Ihnen angetan wurde.“ Eine Entschuldigung des Staates habe bisher schmerzlich gefehlt. „Ich möchte Sie im Namen unseres Staates und unserer Gesellschaft um Verzeihung bitten für das, was Sie erlitten haben.“

Mit Tränen in den Augen verneigt sich Hubertus Heil vor den Opfern.
 

Kirche ist vor Gott schuldig geworden

Schließlich tritt Bischof Markus Dröge als Aufsichtsratsvorsitzender der evangelischen Diakonie ans Rednerpult: „Ich fand es äußerst eindrücklich, wie Sie beide von Ihrem christlichen Glauben gesprochen haben und wie sie ein viel besseres Zeugnis abgegeben haben für das Evangelium, als viele christliche Einrichtungen es in der Vergangenheit getan haben.“ Dröge bekennt: „Diakonie und Kirche sind schuldig geworden vor denen, die ihnen anvertraut worden sind. Aber wir sind auch vor Gott damit schuldig geworden.“

Es wird deutlich: Nicht jeder kann so vergeben wie die Alfred Koltermann und Thomas Frauendienst. Dabei ist das Leid groß: Bis jetzt haben sich 14.000 Menschen an die Stiftung Anerkennung und Hilfe gewandt. Sie besteht seit 2017, wird von den Bundesländern und Kirchen getragen und hat bisher 64 Millionen Euro ausgeschüttet.

Die Betroffenen betonen: Geld macht das Erlebte nicht vergessen, ist aber eine Hilfe für die Bewältigung des Alltags. Konkret steht die Forderung im Raum: Die Stiftung Anerkennung und Hilfe muss über ihr geplantes Ende am 31.12.2020 weiter bestehen, damit Menschen nicht weiteres Unrecht widerfährt.


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