Interview Lesezeit: ~ 5 min

Halle: Wir sind Bürger und nicht Mitbürger

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorotzki, zwei Monate nach dem Anschlag.


Der Anschlag von Halle am 9. Oktober erschütterte unser Land: am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, versuchte ein mutmaßlicher Rechtsextremist mit Waffengewalt in die Synagoge in der Hallenser Innenstadt einzudringen. Eine Sicherheitstür verhinderte den Massenmord. Wahllos tötete der junge Mann im Anschluss eine Passantin und einen Kunden in einem Dönerimbiss. „Nie wieder“ sollten in Deutschland Juden um ihr Leben fürchten, so der gesamtgesellschaftliche Konsens in der Bundesrepublik. Jetzt geht der 9. Oktober 2019 ein in die Geschichtsschreibung als ein „Tag der Scham und der Schande“, so Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Tag nach dem Anschlag.      

Doch wie geht es - zwei Monate später - den Menschen, die knapp einem Massenmord entkommen sind? Fragen an Max Privorozki, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle.


ERF Medien: Herr Privorozki, eine mobile Polizeiwache schützt jetzt die Synagoge im Paulusviertel. Hilft die Polizeipräsenz, mit der schrecklichen Erinnerung besser umzugehen?

Max Privorozki: Ich kann diese Frage schwer beantworten. Die Polizeipräsenz vor Synagogen in Deutschland ist eigentlich (leider) eine gewöhnliche Tatsache. Wir danken den Beamten, die uns schützen. 


ERF Medien: Wie präsent ist der Anschlag zwei Monate später- bestimmt er die Gespräche in der Gemeinde, die Gefühlslage, die Stimmung?

Max Privorozki: Man kann das so nicht sagen: das Thema ist präsent. Das Interesse an den aktuellen Gemeindeaktivitäten ist wesentlich größer. Die Pläne für das Haushaltsjahr 2020 haben auf jeden Fall Priorität. 
 

Die Gemeinde muss weiterarbeiten

ERF Medien: Das klingt nach einer gesunden Widerstandsfähigkeit und dass sich die Gemeindeglieder  von diesem Anschlag nicht ihr Gemeindeleben bestimmen lassen wollen….

Max Privorozki: Was anderes habe ich auch nicht erwartet: das Leben muss weitergehen und die Gemeinde muss weiterarbeiten.


ERF Medien: Trotzdem: gibt es fachliche Hilfe und Unterstützung, etwa psychotherapeutische Angebote, für diejenigen, die an diesem 9. Oktober in der Synagoge gewesen sind?

Max Privorozki: Auf jeden Fall. Bei uns gab es bereits Vertreter der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland mit konkreten Angeboten sowohl zur psychotherapeutischen als auch zur allgemeinen Unterstützung. Es gibt auch zahlreiche Angebote von Firmen und einzelnen Personen, die uns ihre Leistungen anbieten.


ERF Medien: Politisch hat sich in den vergangenen Wochen einiges bewegt: die Innenminister haben einen 10-Punkte-Plan beschlossen im Kampf gegen Rechtsextremismus, der u. a. den besseren Schutz von jüdischen Einrichtungen vorsieht. Außerdem wird sich im Landtag von Sachsen-Anhalt ein Untersuchungsausschuss mit dem Anschlag beschäftigen. Reichen Ihrer Meinung nach diese Maßnahmen aus?

Max Privorozki: Die Vorbereitungsarbeit und Erstellung eines allgemeinen Sicherheitskonzeptes sind im vollen Gange. Über die Ergebnisse kann man nur dann sprechen, wenn dieses Konzept fertig ist. Zum Untersuchungsausschuss des Landtages: ich kann nachvollziehen, dass die vollständige Aufarbeitung der Ereignisse am 9.10.2019 sehr wichtig ist. Dennoch sehe ich bei den Motiven sowohl für die Einsetzung als auch gegen die Einsetzung dieses Ausschusses viel mehr das politische Kalkül der jeweiligen Parteien. 
 

Solidaritätswelle war großartig

ERF Medien: Wie meinen Sie das konkret? Denken Sie, dass z. B. die AfD, die diesen Untersuchungsausschuss  initiiert hat, sich damit in der Öffentlichkeit profilieren will?

Max Privorozki: Die Opposition hat immer Interesse daran, Regierungsvertreter anzugreifen. Zum Sachverhalt wäre förderlicher, wenn jede Partei (und nicht nur die AfD) sich über eigene Versäumnisse Gedanken machen würde…


ERF Medien: In den Wochen nach dem Anschlag haben Sie als Jüdische Gemeinde nach eigenen Worten viel Solidarität erfahren. Haben solche Solidaritätsbekundungen rückblickend Gewicht?

Max Privorozki: Die Solidaritätswelle war enorm und großartig. Mich persönlich hat sie sehr beeindruckt und meine allgemein sehr pessimistische Einstellung zur aktuellen Lage in unserem Land teilweise geändert.


ERF Medien: Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, mahnte, Deutschland stehe in der Gefahr, sich an einen schleichenden Antisemitismus zu gewöhnen. Wo schleicht sich konkret Antisemitismus an und ein, wo erleben Sie Judenfeindlichkeit im Alltag?

Max Privorozki: Man kann die israelfeindliche Tendenzen als antisemitisch/antiisraelisch bezeichnen. Darüber gibt es auch andere Meinungen unter dem Motto „Man kann doch Israel kritisieren!“. Hier ist ein Link: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article200983442/Israelfeindlichkeit-Die-fatale-Daemonisierung-des-Staates-Israel.html Er erklärt, was ich damit meine.


ERF Medien: Abgesehen von dieser politischen Dimension – erleben Sie konkret in Ihrem Alltag schleichenden Antisemitismus? Tragen Sie z. B. die Kippa (jüdische Kopfbedeckung) in Halle öffentlich oder müssten Sie dann Anfeindungen befürchten?

Max Privorozki: Ich trage eine Kippa in den Synagogen oder auf den jüdischen Friedhöfen und dann noch dort, wo es angesichts meines Amtes angebracht wird. Mit Ausnahme eines Falls, als ich vor dem Eingang zu unserer Synagoge als „Kindermörder“ aus einem vorbei fahrenden Auto beschimpft wurde, gab es keine andere Situationen.

Vor dem Eingang zu unserer Synagoge wurde ich als „Kindermörder“ aus einem vorbei fahrenden Auto beschimpft. – Max Privorozki, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle

 

Außerordentlich gute Beziehungen zu den Kirchen

ERF Medien: Nach dem Anschlag Anfang Oktober erklärten auch die beiden großen christlichen Kirchen ihre Solidarität. Selbstkritisch wies noch vor kurzem z. B. der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, daraufhin, dass es in den 2000 Jahren Kirchengeschichte nicht zuletzt die Kirchen gewesen sind, „die der moralischen Pest des Antisemitismus Grundlage gaben“. Wünschten Sie sich mehr Engagement von Christen für ein angstfreies jüdisches Leben in Deutschland?

Max Privorozki: In unserem Bundesland ist die Einstellung der kirchlichen Gemeinden zu antisemitischen Problemen beispielhaft. Wir haben außerordentlich gute Beziehungen sowohl zu beiden Kirchen als auch zu einigen freikirchlichen Gemeinden, insbesondere zur TOS-Gemeinde.


ERF Medien: Was konkret empfinden Sie bereichernd an der Zusammenarbeit?

Max Privorozki: Was die TOS-Kirchengemeinde betrifft: es sind wahre Freunde,  die gerade das verstanden haben, was ich stets betone: man sollte jüdische Gemeinde als Teil der Gesellschaft empfinden. Wir sind keine jüdischen Mitbürger, wir sind jüdische Bürger.


ERF Medien: Im Vorfeld dieses Gesprächs haben Sie deutlich gemacht, dass Sie nicht für ein Hörfunkinterview zur Verfügung stehen, sondern die Fragen ausschließlich schriftlich beantworten möchten. Vor der Freigabe wird dieses Interview von Ihnen zusätzlich autorisiert. Haben Sie negative Erfahrungen in den vergangenen Wochen mit Medien gemacht?

Max Privorozki: Man kann es als negative oder als fehlende Erfahrung nennen. Aber: wenn man die Wörter nur teilweise wiedergibt und somit den Sinn und den Inhalt verändert, macht es keinen Spaß …


ERF Medien: Am 23. Dezember beginnt das achttägige Lichterfest, Chanukka. Eigentlich zählt es zu den ausgesprochen fröhlichen Festen im jüdischen Jahreszyklus. Doch mit welchen Gefühlen sehen die Gemeindeglieder in Halle in diesem Jahr Chanukka entgegen?   

Max Privorozki: Wir werden sehen: wir feiern Chanukka wie jedes Jahr mit einem großen Chanukka-Ball und einigen kleineren Gemeindeveranstaltungen. Der Ticketverkauf für die Party läuft wie gewöhnlich.


ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch!


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