Kommentar

Dialogmanagement

Kirchentag versteht sich als Gesprächsforum für unterschiedliche Weltanschauungen.

Brauchen Außerirdische wie E.T. Erlösung? Nur eine von 2.500 Veranstaltungen auf dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchtag in Berlin. Der Titel exotisch und skurril. Die Frage ist jedoch näher an dem, was den Reformator Martin Luther antrieb, als manches andere auf dem protestantischen Großtreffen. Denn Luther suchte damals vor 500 Jahren tatsächlich nach Erlösung und fragte „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott“. Der Kirchentag heute fragt: „Wie bekomme ich alle unter einen Hut“.

Kirchentag will nicht missionarisch sein

Offen und neugierig wollen Luthers Erben sein auf die Vielfalt der Meinungen und so versteht sich der Kirchentag ausdrücklich nicht als missionarische Veranstaltung sondern als  „Gesprächsforum für unterschiedliche Weltanschauungen“.

Wer allein auf die grausame Historie der christlichen Konfessionskriege schaut, die in Folge der Reformation entstanden sind, merkt schnell - Dialog ist tatsächlich besser als Draufhauen. Und der Terror macht auch während des Kirchentages keine Pause – siehe Manchester oder Ägypten.

Dialog unter Muslimen angestoßen

Und so verweisen die Veranstalter darauf, dass sie auf dem Kirchentag Vertreter verschiedener muslimischer Richtungen an einen Tisch bekommen haben, und dass sich auf dem Kirchentag „innermuslimische Debatten“ entzündet hätten. Ob die Ergebnisse dieser Debatten allerdings Einfluss auf fehlgesteuerte IS-Kämpfer haben, bleibt fraglich.

Einflusschancen auf das Debattenklima in Deutschland haben vielleicht eher die halbwegs sachlich geführten Diskussionen auf dem Kirchentag zum Thema AfD oder Gendermainstreaming. Nachdem im Internet lange Zeit Hasskommentare jeden Gedankenaustausch unmöglich machten, scheint wenigstens auf den Podien des Kirchentages der Wunsch vorzuherrschen, im gegenseitigen Respekt miteinander zu reden. Ein großer Schritt nach vorne, wenn dies auf uns alle abfärbte.

Wenn Prominente in die Rolle von Pfarrern schlüpfen

Und wie steht es grundsätzlich mit der Neugier auf verschiedene Standpunkte? Noch mehr als sonst geben sich auf diesem Kirchentag Bundespolitiker aus Regierung und Opposition die Klinke in die Hand, halten Bibelarbeiten debattieren über tagesaktuelle Fragen und politische Werte so wie Obama und Merkel. Wer dies für Wahlkampfhilfe hält, erlebt einen gereizten Ratsvorsitzenden der EKD.

Ob dies allerdings schon dem Priestertum aller Gläubigen entspricht – auch das muss gefragt werden. Der Promifaktor scheint auch bei den Kirchentagsteilnehmern mehr zu zählen, als der ursprüngliche Ansatz des Reformators Martin Luther. Aber wahrscheinlich ist dies nur allzu menschlich – wer würde wirklich eine Krankenschwester hören wollen, wenn TV-Doktor Hirschhausen mit einer kabarettistischen Bibelarbeit lockt. Und so gibt es diese Krankenschwester auch gar nicht im Programm, den TV-Doktor allerdings schon in einer berstenden Halle.

Die kleinen Begegnungen überzeugen

Mich persönlich beeindrucken an diesem Kirchentag eher die leisen Gesten und die kleinen Begegnungen. Wenn Podiumsteilnehmer persönlich gesegnet werden. Wenn bei einer Bibelarbeit ganz ausdrücklich zu einer Christusbegegnung eingeladen wird. Wenn Menschen aus den unterschiedlichsten Gemeinden auf einer Straßenmeile ihre Arbeit vorstellen und miteinander fröhlich sind und es dabei schaffen, auch kirchentagsfremde Passanten miteinzubeziehen, weil sie ihren christlichen Glauben einfach leben und ausstrahlen.

Ohne Fundament stürzt das Haus ein

Und wie ist das nun mit dem Missionarischsein? Es ist ehrenwert, wenn der Kirchentag Motor sein will für den Dialog, es ist ehrenwert, wenn er ein offenes Ohr für andere haben will. Es ist aber mehr als schade, wenn er aus falsch verstandener Scham die eigenen Wurzeln verleugnet und sie anderen nicht weiter geben will.

Schon Jesus wies darauf hin, dass ein Haus nur auf einem festen Fundament ruhen kann, damit es nicht einstürzt. Zu Luthers Zeiten stand der Kompass des Protestantismus auf vertikal und wies auf die Beziehung Gott zu Mensch. Bei diesem Kirchentag scheint er vor allem ausgerichtet auf die Ebene Mensch zu Mensch. Kirche und Christen tun gut daran, wenn sie dafür arbeiten, dass beides zur Geltung kommt, weil die menschliche Ebene nur gelingen kann durch eine versöhnte Beziehung zu Gott, so wie sie in Christus möglich wurde und wie sich Luther einst danach gesehnt hat.


Alle weiteren Informationen zum Kirchentag finden Sie auf unserer Sonderseite Kirchentag bei ERF Medien.


Kommentare

Von Gast am .

Das ist sehr Schade!
Ich bin der Meinung das die Menschen in diesem Lande von der Politik wieder weggezogen, zum wahren Evangelium hingezogen werden müssten. Bevor die Agenda eingeführt wurde, hatten sich viele zu Christus bekehrt,plötzlich kam der große Abfall, oder kommt mir das nur so vor?

Von Thomas am .

Wenn ich den oben erwähnten Satz „Wie bekomme ich alle unter einen Hut“ als (natürlich inoffizielles) Motto des Kirchentages lese, dann fällt mir der (sicher etwas respektlos klingende) Spruch ein: "Wer für alles offen sein will, ist nicht ganz dicht."
Und tatsächlich: Während Luther diese ganz persönliche Gottesbeziehung gesucht hat, fragt sich "unsere" Kirche, an welchen Punkten sie noch ihren eigenen Auftrag verlassen und verleugnen kann, um so vielen wie möglich gerecht zu werden.
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